Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2411 (8.11.1925)
- Date
- 1925-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gtffrl Wett, Tanttlag hofften krs AkadonliepalalsteS hat die Judenischaift des Landes in hche^ Maße beigeisteuert, imd ein.großer Teil der Preise -er Akademie wurde von jüdischen Mäzenen gewidmet. Sie intertzarlamentarische Union gegen de» Rnmerv» rlansns. Aus Budapest wird uns berichtet: Die beiden ungarischen Delegierten bei der Tagung der interparlamentarischen Union in Washington und Ottawa, Dilbor KallaY und der ehemalige Unterrichksminister Georg Lukacs, fmd wieder in Budapest singetroffen und haben über den Verlauf der Tagung und ganz besonders über ihre Wahrnehmungen hinsichllich der Haltung der Kongreßmitglieder gegenüber den ungarischen Delegierten Bericht' erstattet. Unterrichtsminister a. D. Lulacs erzählte in einer Unterredung mit dem Redakteur des ,Mti Kurir", daß die ungarischen Delegierten in Amerika eine sehr schlechte Presse gehabt hatten, da sie als die Vertreter der finstersten Reaktion hingestellt worden seien. Ganz besonders sei ihnen die Aufrechterhaltung de's Numerus clausus zum Borwurf gemacht worden» wenngleich zugegeben wurde, daß er, Lukacs, von jeher gegen dieses rückschrittliche Gesetz «Stellung genommen habe. Auf die Frage, ob es gelungen sei, in der Frage der nationalen Minderheiten irgend einen nennenswerten Erfolg zu erzielen, antwortete Lukacs: ,Oer Generalsekretär der interparlaMntarvschen Konferenz ist der Norweger Lange, ein Freund der Entente, der seine Gegnerschaft gegen Ungarn ganz offen zur Schau trug. Ursprünglich wollte man die Frage der nationalen Minderheiten überhaupt nicht aus die Tagesordnung der Kocherenz setzen, doch wurde sie trotzdem in Washington zur Sprache gebracht. Ich kann es auch jetzt, gerade auf Grund meiner Erfahrungen in Amerika, nicht unterlassen, nachldrücktichst zu betone^, daß ich die Aufrechter Haltung des Numerus clausus in Ungarn vom Standpunkte der Beschwerden der ungarischen Minoritäten im Aus lau de für außerordentlich schädlich halte. Es ist uns jetzt wieder klar geworden, daß wir die Interessen -er nationalen Minderheiten nicht mit voller Berechtigung im Auslande vertreten können, wem das Gesetz vom Numerus clausus -in Ungarn in Kraft bleibt. Es muß abermaV darauf hingewiesen werden, daß die Friedensverträge nicht Mr über nationale, sondern auch über konfessionelle Minderheiten Bestimmungen enthalten. Der franMsche Text des Friedenvertroges spricht nämlich ausdrücklich vom Minoritee du raee et religion", d. h. daß sowohl die nationalen als auch die konfessionellen Minderheiten den Schutz de's Friedensvertrages genießen und ihre Sprach-, Rvligions- und Lernfteiheit durch den Vertrag in gleicher Mise gesichert erscheint. Auch öuff dieser Konferenz der interparlamentarischen Union war der Numerus clausus in Ungarn Gegenstand der Debatte und die Angelegenheit wurde nunmehr einer Spezialkom- Mission zum genauen Äudium und zur Berichterstattung Angewiesen." Lukacs hat diese seine Beobachtungen auch dem Ministerpräsidenten Grafen Bethlen. der demnächst nach Genf reist, bekanntgegeben. Wenn Sie in unseren Kaufhäusern die Waren besichtigen, die wir auf Seite 15 annoncieren, werden Sie sich davon überzeugen, daß Sie trotz der; billigen Preise nur Qualitätsware echalten. A. Gerngroß-Mtieugesellfchaft. __ Wiener MorgerizeitttNfi_ Minderheilrschutzvertröse und Heimairecht. Ein Beschluß des Wiener Stadtsenats. Im Jahre 1820 wurden, wie Erinnerlich, zwischen der Elttente einerseits und den Staaten Polen, Rumänien und Jugoslawien andererseits Staatsverträge zum Schutze der nationalen Minderheiten abgeschloffen, wonach alle Personen deutscher, österreichischer, ungarischer oder russischer Staatsbürgerschaft, die auf dem Gebiete dieser Staaten geboren wuwen, zu polnischen, rumänischen, bezw. jugoslawischen Staatsbürgern geworden sind. Dabei wurde keine Rücksicht genommen, welche Staatsbürgerschaft sie zur Zelt ihrer Geburt besessen oder seither erworben haben. Durch diese Verträge sind alle österreichischen Staatsbürger, die in diesen Staaten geboren wurden, wieder zu Ausländern geworden, da auch der Verwaltungsgerichtshof dieser Anschauung beitrat. Diese Verträge brachten die ungeheuerliche Härte mit sich, daß selbst Personen, die von österreichischen Eltern in Polen und Rumänien geboren wurden, ihr ganzes Hetzen aber in Oesterreich zubrachten, zu P o l e n oder R umänen wurden, ohne daß ihnen diese Tatsache zur Kenntnis gelangte, da diese Minderheiten-Schutzverträge in Oesterreich niemals publiziert wurden. In weiterer Konsequenz hätten diese Personen, so weit sie in öffentlichen Diensten stehen, als Ausländer sofort entlassen werden müssen, soweit es sich um bereits pensionierte Staatsangestellte handelte, .mußte ihnen sofort die Pension eingestellt werden und eine Korrektur wäre nicht mehr möglich gewesen, da die Optionsfrage längst abgelausen war, als die Gültigkeit dieser Verträge auch für Oesterreich offen* bar entdeckt wurde. Dieser schwere Mangel wurde für die österreichischen Staatsbürger durch das Gesetz über den Erwerb und Verlust der Bundesbürgerschaft zum Teil gutgemacht. Der Paragraph 24 dieses Gesetzes bestimmt, daß Personen, die die österreichische Staatsbürgerschaft und ein Heimatsrecht in einer Gemeinde Oesterreichs erworben, infolge bon Bestimmungen zwischenstaatlicher Verträge aber wieder verloren haben, mit 16. Juli 1920 österreichische Bundesbürger sind. Der 16. . Juli 1920 wurde deshalb gewählt,? weil an desem Tage , die Minderheiten- Schutzverträge in Kraft traten, die obenerwähnten österreichischen Staatsbürger alle mit diesem Tage aufhörten. Staatsbürger zu sein. Das verlorene Heimatsrecht erlangen diese Personen durch das Gesetz nicht wieder. Um nun diesen Personen, soweit sie in Wien heimatsberechtigt waren, auch das alte Heimatsrecht wieder zu geben, hat der Wiener Stadtsenat als Landesregierung beschlossen, Personen, die nach Paragraph 24 des Gesetzes vom 80. Juli 1985 die österreichische Bundesbürgerschaft wiÄer erlangen, wenn sie in Wien als heimatsberechtigt verzeichnet sind, hinsichtlich des Wiener Hekmatsrechtes und der Wiener Landesbürgerschast so zu behandeln, wie wenn sie die Bu nde sbürgersch a f t infolge von Bestimmungen zwischenstaatlicher Vertrage n i ch t v e r l o r e n :hatten, das heißt also f ü r in Wien heimatsberechtigte Bundesbürger bleibt das Heimatsrecht von dem TagrderErlangung ausrecht, selbst dann, wenn sie dieses Heimatsrecht durch einen der Minderheiten-Schutzverträge verloren haben. Will jemand, der durch einen Minor iiäienschußvertrag Pole, Rumäne oder Jugoslawe geworden ist, die polnische, rumänische oder jugoslawische Staatsbürgerschaft behalten, so steht 8. November IM . ' . . M. »W Frühes Altern und Siechtum sind in brr heutig«« Zeit kein» leltenea Srsch«inungen. Durch rechtzelligr Behandlung mit Radiosklerin den seit langen I»hren ärztlich ervrovt'N raviumhallige« Brunneutabktterr wird die Bluizlrkulalion in den Schlag- und Vullrdnn ««fördert und d-e Ikalkoblagerun^ vrrdindert. Dl« Reinigung nnd Verdünnung de- Blnledie Erlangung der nditgen tlaülriiäi dir verkalkten Adern «nd dt« Erhaltung der S'betttkialr find die Saupi«irkrr»gen Sen.-Devot! Apotheke Bayer, Wir», L, Vollzril» tl ihm auf Grund des Absatzes 2 desselben Paragraphen daS Recht zu, auf die österreichische Staatsbürgerschaft mit Wirksamkeit vom 16. Juli 1920 an zu verzichten. Die Verzichtserklärung ist bei der zuständigen Landesregierung, in Wien beim Magifttat, abzugeben. Die Porgiinge an der Hochschnle ffit Welthandel. Um zu verhindern, daß völkische Studenten und Mchtsludenwn im Gelbäude der Hochschule für Welthandel Kon- Me provozieren, hat das Rvktovctt Men strengen Legitimationsgwang ungeordnet. Jeder in daS Gebilde Eintretende muß sich durch seine Studenlenlegttimtation oder einen Passierischein ausweisen. Rektor Holfvat Doktor Grüntzel begründet die von ihm vechügte Sperre de- Instituts zur Pflege deutschen Wissens damit, daß dieser Verein ohne Bewilligung des Rektorats Vorträge anMindigt und die Abhaltung eines dicher Vorträge am 3. d. abends trotz de.m Protest der Beamten des Hanses.erzwnngen halbe. „Nicht ans politischer Stellungnahme, sondern lediglich im Interesse der Ordnung habe ich die Sperre des Instituts verfügt. Der nationale Gedanke darf nicht als Deckmantel für HörerlboilschewiLmuS ntißbraucht werden, der überdies stark ParteipMtijsch gefärbt ist, denn die Vorträge dürfen darüber nicht lauschen. Jeder Hörer kann Politisch denken wie er will, die Hochschule ist aber keine Werbestätte für eine Partei.' Ich glaube durch die Abwehr jeder von außsü hereingetragenen politischen Agitation in UebereknPmnrung zu handeln mit der öffentlichen Meinung und besonders mit den Ätern, die ihre Söhne an unserer Hochschule studieren kaffen, denn unsere Zeit braucht tüchtige Berufsmenschen und nicht verbummelte Studenten. Ich kann übrigens mit Freude Wtellen, daß sich die Studentenscha.ft unserer Hochschule bisher ruhig und achvitSfreudig verhält." .' ' Die Polizei gegen die »rotdreirerhöhnag. Die Wirtschaftspolizei hat Auftrag erhalten, gegen jede Brotpreiserhöhung einzuschreiten und in kurzem Wege nach Festlegung des Tatbestandes, die Anzeige an die Staatsanwaltschastzu erstatten. Es sind auch von den Echebungsorganen eine Anzahl von Bäckermeistern beanständet und sofort zur Wirtschcrftspolizei beschieden worden. Die Leitungen der großen Brotfabriken wurden für gestern nachmittags zur Wirtschaftspolizei berufen mit der Aufforderung, die Kalkulationen mitzubringen. Ziemlich nahe dieser Gruppe stehen die nichtjüdischen französischen Schriftsteller, die Probleme des jüdischen Lebens berühren: die Brüder Tharand, Jacques de Laer e t e l l e mit ,-Nlbermann" und Pierre B e n o i t, der in seinem ,Brunnen Jakobs" mit viel mehr Scharfsinn als die Brüder Tharaud in ihren journalistischen Schriften das Problem des Zionismus hervorgchoben hat, da er gleichzeirig die fast materielle Unmöglichkeit einer Kolonisation in Palästina und die Wunder, die der G l a u b e an die Idee doch erwirkt, in gleichem Maße geschildert hat. Aber nicht nur das moderne Leben der Juden liefert Stoff für Romane. In der Geschichte Israels vor und nach der Zerstörung von Jerusalem treten hundert Gestalten von Umstürzlern und falschen Messias ans, welche die Phantasie der jüdischen Schriftsteller erregten. Zangwill hat ihnen ein ganzes Buch. „Die Träumer des Ghettos", gewidmet. Es ist auch neuerdings in französischer Uebersetzung „Der Messias ohne Volk" von Po lato w erschienen. Diese Romandarstellungen werden durch eine Reihe von Werken, die einen mehr wissenschaftlichen und geschichtlichen Charakter tragen, ergänzt: „Die jüdische Anthologie" von Fleg, die ,Indische Kabale" von Paul Vaillaud, „Das Buch vom Sohar" von Jean de Pauly, aus dem Chaldäischen übersetzt, und die bibliographischen Noten der „Revue Juide". In dieser Ausstellung habe ich diejenigen jüdischen Schriftsteller, die nicht jüdische Themen berühren, zu erwähnen unterlassen, weil sie sich, meiner Ansicht nach, von anderen französischen Schriftstellern nicht wesentlich unterscheiden. Seit 15 Jahren wird in Paris von einem jüdischen Einfluß auf das französische Theater gesprochen. Es steht fest, daß man in den Werken von Porto-Riche, Edmond See und Tristan Vernarb eine Eigenart hervorheben tonnte, die Züge des jüdischen Geistes aufweist. Aber es wäre ein Leichtes, sie auf das individuelle Temperament jedes einzelnen dieser Verfasser znrnckzuführen (wobei der Atavismus ohne Zweifel eine Nolle spielt), altstatt darin die Charatterzüae einer Rasse zu erblicken. Jedenfalls sind Verallgeineiuerungen hier nicht angebracht. Die ,Jetion Francaise" lobte in den ersten Werken von Andre Maurois die echt französische, raffinierte Ironie, die für besser Informierte sich als echt jüdisch-elsässischer Humor erwies . .. Wenn man es nicht wüßte, daß Henri Duvernois und I. I. Bernard Inden sind, wie sollte man es erraten? Und als im vorigen Jahr Pierre B r i s s o n in der „Comedia" das jüdische Theater charakterisieren wollte, da nannte er — Paul Ra y nal, der einer alten katholischen Familie angehört und von den Jesuiten erzogen wurde. Andererseits wäre es uns ein Leichtes, die Eigenart des jüdischen Geistes bei Heinrich Bataille, Bernavd Shaw und um so eher bei Pirandello zu finden. Es ist mir sogar oft die Frage gestellt worden, ob Pirandello kein Jude sei. Zangwill gehört dem Stamme englischer und Jus chk t ewitsch dem russischer Schriftsteller an. Es ist ganz natürlich, daß die jüdischen französischen Schriftsteller sich zu der Tradition der französischen Literatur bekennen. Wenn sie auch ihre Werte mit Empfindungen würzen, die ihrer Rasse eigen sind, so ist und bleibt doch das Gericht echt französisch. Wie eigenartig das jüdische Volk auch sei, so unterliegt es doch Einflüssen auf dem Gebiete der modernen Kunst und Literatur. Das sehen wir in der in Rußland und Polen entstandenen jüdischen Literatur, die vom slawischen Geist durchdrungen ist. Hie und da frage ich mich, ob der moderne Geist des Judentums nicht überwiegend slawisch sei. Den alten russischen Traum von der Gesamtheit katholischer Völker finde ich ganz im Panslawismus von Dostojewski wieder. Der slawische, ähnlich wie der jüdische Imperialismus, wenn er nicht von schlechten Fürsprechern verunstaltet wird, ist kein Traum des Machtgefühls, sondern derTraumvon einer Berbrüderung der Völker. Flog schreibt in seinem Vorwort zum „Buche Sohar": „Am meisten verwundert uns im Sohar die I UnbeuafaniM* jüdischen Selbstgefühles, das sich in Aussprüchen kundgibt. Zion ist das Herz der Welt. Israel allein ist allen anderen Völkern gleichwertig. Aber vermeiden wir eine Täuschung: das ersehnte Privilegium ist nicht die Macht, sondern die Pflicht. Die Kaballisten, sich auf eine Sage aus dem Talmud stützend, behaupten, die Nachkommen Abrahams hätten als die einzigen das Gesetz Gottes anerkannt, die anderen Völker, Ausschweifungen und dem Morde ergeben, hätten eZ von sich gestoßen, daher trage Israel die Verantwortung sich und mbexen Völkern gegenüber; aber seiner Sendung untreu geworden, würde es dem „Weltall" und „der Gottheit" schädigen, sie erfüllend jedoch, stärkt nnd verbindet es beide. Dieser mystische Universalismus überschreitet die Grenzen des Judentums, umfaßt die Nichtjuden und soll die ganze Menschheit befreien. Das „erwählte" Volk besitzt das Recht, zwischen Gott und den Mnschen zu vermitteln und eine Einigung herbeizuführen. Und deshalb erscheint es Israel so natürlich, an allen internationalen Bewegungen teilzunchmen, deshalb auch wird er von seinen Gegnern als Urheber dieser angesehen. Deshalb auch hat man es fertiggebracht, seit dem Ende des neun? zehnten Jahrhunderts das Judentum mit der internationalen „haute finance", mit dem deutschen Imperialismus und mit der dritten Jnternattonale im Läuse der Jahre zu identifizieren. Nun scheint es mir, als ob der Strom der jüdischen Literatur uns dem Mttelpunkte des jüdischen Problems näher gebracht hätte. Zum ersten Male sind die Juden in ihrem Milieu, und nicht, wie es oft bisher geschehen, in ihren Beziehungen zu Christen dargestellt. Einerseits sehen wir eine regionale Literatur, doch unterliegt der jüdische Partikularismus, vom Ghettoleben herbeigesührt, dem starken Einfluß des Klimas und der Landessitten. Das jüdische Leben, wie die jüdische Literatur es nns darstellt, ist nur eine Variante des Lebens eines kleinen russischen Volkes. Dasselbe gili für die spaniolischen Juden aus Saloniki. Die.Einheit des Mischen