Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2409 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Cflfe* M,->,. Wien, Freitag Wiener Morgenzettunn 6. MdembSV im Ke. §M 2. Es ist festzustellen, in 'welchem Lande im Auslände die Prozeßführung am günstigsten erscheint. 3. Falls die Auslieferung unvermeidlick wäre, sollen die nötigen Geldmittel für die Ausreise Ol-schanSkis nach Kanada-oder nach den Vereinig tenStaaten von j ü d i >s ch e r S e i t e aufgebracht werden. Oberst Konowaletz und Dr. Le Wiek i, bei dem Olschanski in Berlin gewohnt hat, bestätigten Doktor Waldmann -wiederholt, daß Ol-schanAi der eigentliche Attentäter sei und wiesen Dr. Waldmann auch eine von Olschanski eigenhändig versagte Denkschrift vor, die eine genaue Darstellung der Durchführung des Attentats Mter Beischluß einer Platzskizze des Bombenwurfes enthielt." Wie aus dem einleitenden Satze dieser Meldung ersichtlich ist, bezeichnet die I. T. A. die von ihr ausgegebene Nachricht als aus authentischer Quelle stammend und übernimmt damit die dolle Verantwortung für die Richtigkeit. (In diesem Falle erscheint also die von uns an diese Nachricht geknüpfte Bemerkung, soweit sie die I. T. A. betrifft, vollkommen unangebracht.) Aus 6m Zfrael. Rund 4000 Einwanderer iw Oktober. Jerusalem, 4. November. (I. T. A.) Laut Mitteilung des Einwanderung-Samtes sinim Oktober d. I. rund 4000 Einwanderer nach PckSstina gekommen. (Im September betrug die Zahl der Einwanderer 3609, im August 3696.) ' 18.250 Mische Arbeiter. Jerusalem, 4. November. (J.T.A.) In den palästinenfifchen Städten leiben gegenwärtig 18.860 jüdische Arbeiter, von denen 11Ü70 in der Allgsmoinen Arbeiterkonföderation (Hiftadruth Haowdim) ovganiisiert «sind. Bon den etwa 10.000 Arbeitern in Tel-Äwiw sind 5000 im Baufach, 2000 in verschiedenen Handwerken, 1600 im Schneider- und Schchmachtthandwerk und 1600 im Unterrichts und HauZhaltdiensl -beschastigt. In Haifa leben etwa 2500 jüdische Arbeiter, von denen 2160 organisiert sind. Bon den Jerusalemer 3000 jüdischen Arbeitern gehören 1500 der Hiskchruth an. Liberias zählt etwa 400 meist sephardrschjüdische Arbeiter. ZU Afule h, der neuen Stadt im EmÄ Jesreel, leben 460 jüdische Arbeiter, die im Hauser- und Wegebau beschäftigt und sämtlich orgcmii'iert sind. Die neuen Einwanderungszertifikate. Aus Jerusalem wird berichtet: Das Jmmigrationsdepartement der Zionistischen Exekutive in Palästina hat, wie bereits berichtet, in einem Rundschreiben die verschiedenen Zentralstellen in Europa verständigt, daß ihr die palästinensische Regierung für d i e Z e i t von sechs Monaten (Oktober 1925 bis März 1926) 7500 Zertifikate bewilligt hat. Dieses Programm, das sich bedeutend unter den Vorschlägen der Exekutive hält, wird im Jänner einer Revision unterzogen werden. Sollte der Arbeitsmaxkt weiter befriedigend bleiben, so kann man mit einet Vermehrung der Zertifikate rechnen, ebenso wie im vergangenen Juli 8000 weitere Zertifikate für die mit dem September d. I. endende, halbjährige Periode bewilligt wurden. Von den 7500 neuen. Zertisikaten entfallen 3500 auf ungelernte Arbeiter, IM auf gelernte, und 2600 auf traurig. Traurig wurde Bonze und langsamer -eivegten sich die Klötzchen in seinen Händen. Mit einem Male taucht vor ihm das nasse KellerstübcheU auf, wo er wohnt, und die alte Mutter mit dem bösen, verrunzelten Gesicht, mit der schlechten Weiße ihrer Haare, die ihm den teilen Groschen abnimmt und ihn schilt. Und die Bucklige, fein liebes Schwesterchen, das immer nur sitzt und ißt. Und ein trüber Groll sing in ihm zu kochen an. Was? Er,. Bonze, ein solcher Krüppel, muß für sie in Kälte und Hitze, „arbeiten"? Der Schlag soll sie treffen, die Bucklige! Es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß alle Mannsbilder, sie auf Straßen gehen und eilen, Frauen haben, brave Frauen, gute Frauen, die... hm ... die auf sie aufpassen und im Geschäft helfen. Ja, und er, Bonze, Gott weiß, wann er es haben wird. Und was wird das Ende sein? Ein Jude ist man doch. Unwillkürlich belastete Bonze in der Tasche daS Geld, daß er der „Stummen" wiggenommen hatte. Und ein Gefühl de- Erbarmens erwachte in ihm für fcaö narbige Frauenzimmer, das er Var kurzem so blamiert hmie Ach, stumme Buppe, stumme Puppe, redete' Bonze zu sich mit Wehmur, .da ha: man's. eine stumme Puppe! Und dabei drehte er auf einmal sein Wägelchen um und begann ungestüm mit aller Kraft zurüzurudern an „seine Ecke". Die Narbige saß noch immer an der Ecke in ihrer früheren 3>. cp'chlagn'.-i: Füße unter sich, den Kopf heran:- sanken. Als sie nur Bonzes Wägelchen erblickte, erschrack sie und wollte entlaufen. Aber Bonze beruhigte sie sofort von der Ferne. Aus seiner Stimme war Gebet und Befehl zu hören: Tu, wart! Ich werde dir gar nichts tun. Langsam und verschämt fuhr Bonze ganz nahe hin, legte ein Klötzchen weg und reichte der „Stummen" ihr Bündelchen Geld. Die „Stumme" sah ihn mißtrauisch an. Zuerst richtete sie ihr blindes Auge auf ihn, dann ihr gesundes und erst bann nahm sie das Geld an sich. Bonze bekam das Gefühl, -aß er etwas sehr Feines vollbracht hatte. Immer war er ■ gewöhnt, bei Fremden zu nehmen. Und setzt, zum ersten Male i-m Leben, gab er. Und wieviel? Einen gattzen Knoten Geld. Obgleich — er gibt doch Frauen, gelernte und ungelernte Kräfte. 6725 wurden an die Palästinaämter.verteilt, der Rest bleibk zur Verfügung der Zionistischen Palästinaexekutibe als Reserve für besondere Anträge. Besonders hervorzuheLen ist, daß bei der -iesmaligen Verteilung dolle 33 Prozent der Zer 1 isikate snr Frauen ausgestellt worden sind. Die Zertifikate stehen den verschiedenen Palästinaämtern zur Verfügung und werden auf Grund namentlicher Listen der Palästinaexekutive ausgegeben werden. 28.428 Pfund Septeiribereinnahnien des Keren Kajemeth. Die Einnahmen des Keren Kajemeth l'Jsrael im September d. I. betragen insgesamt 28.428 Pfund. Dazu haben beigetragen: Polen 4675 Pfund, Südafrika 4600 Psund, Nordamerika 3650 Pfund, Deutschland 3400 Pfund, England 1050 Pfund, Erez Israel 1030 Pfund. In den Einnahmen ist ferner enthalten die letzte Rate der Gotz-Stiftung in der Höhe von 4460 Pfund. Im September 1924 betrugen die Gesamteinnahmen 29.068 Pfttnd,' darunter war allerdings die Gotz-Stiftung mit 11.609 Pfund vertreten. Es ergibt sich also eine Erhöhung der Spendeneinnahmen auch im Monat September gegenüber dem gleichen Monat des vorigen Jahres. Ausbau der chassMschen Sieblungen. Aus I e r u s a l e m wird berichtet: Die Gruppe des Rabbi von Jablonna, die bisher provisorisch auf einem Punkt an der Straße Haifa-NabluS in Nachlath Jaakob untergebracht war, hat jetzt begonnen, sich entsprechend dem rwsprünglichen Plan auf die drei Punkte zu verteilen, die nach den geographischen Bedingungen für die endgültige Siedlung als die geeignetsten erscheinen. Die Siedlung wird also in Zukunft drei Dörfer haben, und zwar inHarbaj, Harithiaund Scheich-Abrek. Einen Teil des hier in Frage kommenden Bodens hat der Keren Kajemeth zur Verfügung gestellt. Ler Letter der palMuenfischen Mntgev inftttots gestorben. Wie I. T. A. aus Jerusalem berichtet, ist dort der aber Röntgenabteilung der Hadassah, Dr. Freud, gen. Dr. Freud, ein Verwandter des berühmten Psychologen Professor Stegmund Freud, hatte seine mediznischen Studien in W i e n absolviert und spezialisierte sich für Röntgenologie. Er wurde Asiistent am Röntgeninstitut des Professors Holzknecht am Wiener Allgemeinen Krankenhaus und machte sich bald durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Röntgenologie einen Namen. Vor einigen Jahren wurde er Dozent an der Wiener Universität, verzichtete jedoch auf die akademische Laufbahn, als seinem längst gehegten Wunsch, .in Er« Israel zu wirken, Erfüllung winkte. Dr. Freud übernahm oie Leitung der Ä ö n t g e n a b t e i l u n g, welche die Hadassah in Jerusalem errichtet hatte und gestalteie sie dank /einer hervorragenden Kenntnisse bald in hervorragendem Maße aus. Seine unermüdliche Arbeitskraft setzte der für das Ideal jüdischer exakter Wissenschaft begeisterte Forscher dafür eire, gerade dieses Institut aus theoretischem und praktischem Gebiet zu einem Musterinstitut zu machen. Dr. Freuds hoher internationaler, wissenschaftlicher Ruf war geeignet, dem Jerusalemer Röntgeninstitut Weltgeltung zu schaffen. Nun ist dieser vornehme jüdische Mensch und Wissenschaftler viel zu früh — er war nur 43 Jahre alt — seiner Arbeit und seinem Ideal entrissen worden. nur zurück, was er geraubt hatte? . . . Aber er hatte doch zuvor nur das „Seine" weggenommen... Mit dem linken Klötzchen gab Bonze dem Wägelchen einen Stoß und rückte sich mit einer Seite an die Stumme heran. Eh — woher bist du, „Stumme"? Che — che. . . von Schnipischok, antwortete die Stumute Von Schnipischok? Eh, wirklich? Hast du dort jemand? Che — che. . . keinen. Bonze wurde blaß. Und — eh — einen Mann? Einen Mann auch nicht? Auch nicht. Bin noch ein Mädel, che — che . . . Wirklich? Und wo schläfst du? Che — che, bei dem Schammes schlaf' ich, dort . . . Bier Kopeken die Nacht zahl' ich. Bonze wollte etwas sagen, aber heraus brachte er etwas ganz anderes, indem er kaufmännisch aufseufzte: M'jo . . . Wohnungen sind jetzt nicht mit Gold zu bezahlen. Eine Weile schauten sie sich einander neugierig an. Es war schon dämmerig. Menschen gingen, Droschken flogen und niemand kümmerte sich um die zwei Schatten, die da sitzen und an der Straßenecke einander zuflüstern. Bonze war nicht ganz beisammen. Er spürte, wie sich seine Haare unter seinem wattierten Hut bewegen und sein Hals trocken wird. Zerstreut dreht er die schmutzigen Klötzchen in den Händen hin und her: Auf mein Wort, brachte er plötzlich hervor und verstummte. Ae „Stumme" stierte ihn mit ihrem blinden Auge an. Auf mein Wort, faßte Bonze Mut — auf mein Wort, komm' zu uns, meine Mutter, sie wird bei dir nichts nehmen, die Mutter. Ich will nicht, rückte die „Stumme" von ihm ab uub steckte flink ihr Almosenbündelchen in den Busen. Bonze wurde wütend! — Sie will noch nicht? Und sehr energisch die Klötzchen mit beiden Händen ergreifend, fix und fertig, jdde Minute abznreiscn, stellte er nochmals entschlossen die Frage: ' Nun, willst du nicht? Nein", Bor dem Mt des Müerftreikd Der Vorstand des Zeviralvorvandeder Nchrnngsint* Genutzmittekarbeiter hat gestern nr einer gemeinsam mit dem StreÜkvmilee der Bäckereiardeiter abgehaltewen dreistündigen Dihinrg einstimmig beschlösse«, der heute talgenden Plenarversammlung der Bäckereiarbeiter die A n n a h m e d c S S chi edsspruches zu empfehle«. Das Eiuigungsamt hatte in dem Lohnlkonstikt im Bäckergewerbe und in den Brotfabriken den Arbeitern eine Lohnerhöhung von 6 Prozent -^gesprochen. Beide Parteien haben erklärt, dis Freitag 2 Uhr dem Eimgungsamt bekanntzugeben, ob sie den Schiedsspruch annchmen. Der Verband der Brotfabriken war gestern mittags entschlossen, den Schiedsspruch anzunehmen und die Kosten aus Grund der individuellen Kalkulation eines jeden einzelnen Betriebes in der Form der Preiserhöhung herekizubringen. Bei dm -roßen Bvotsabriken beträgt die fünfpr^entige Lohnerhöhung, der nicht , nur die Arbeiter, sondern auch die Beamten dieser Unternehmungen teilhaftig werden, selbst mit Hinzurechnung der dadurch eintretenden Erhöhung der Fürsovgeabgabe und der Krankenversicherung nicht ganz dreiviertel Groschen. Die Erhöhung um einen ganzen Groschen bedeutet daher einen relativen Gewinn, der um «so größer ist, als in der letzten Zeit, besonders aber am gestrigen Tage, ein neuerlicher Rückgang der Mehl- Preis e zu verzeichnen war, der die Gestehungskosten eines Brotlaibes um etwa zwei Groschen heravsetzt. Von der Wirtschaftspolizei wird mitgeteilt: Der jetzige Brotpreis von 70 Groschen wurde am 10. September angesetzt. Seit dieser Zeit bis heute ist ein Rückgang der Getreidepreise zu verzeichnen, der sich in einer Verminderung des BrotpreiseS um 2,6 Groschen aurwirken rrrüßte. Wenn die Brotsabricken die Lohnforderungen der Gehilfen selbst im vollen Ausmaße bewilligen, so ergäbe sich eine Erhöhung der Erzeugungskosten um einen Groschen Pro Normallaib. Eine Erhöhung des BrotpreiseS wäre «daher nach Ansicht der Wirtschaftspolizei ungerechtfertigt. Eine offizielle Stellungnahme der Wirtschaftspolizei kann erst erfolgen, wenn die Bäckereien Aevderungen im Brotpreis eintreten lassen. Sollte sich eine Erhöhung einstellen, so würde die WirtschastSPoitt-ei sofort die Kalkulationen der einzelnen Betriebe überprüfen. Zwischenfalle. Im Lause des Ausstandes kam es auch zu Gewalttätigkeiten der Streikenden. Streikposten.haben Leute, die Brot nach Wim bringen wollten, dieses weggenommen; aus einer Versammlung kommende Gäckereiarbeiter haben in Favoriten das Privatautomobil eines Fabrikanten, der für die Leute seine- Betriebe- 30 Laib Brot verschafft hatte, u w g e st ü r z t.. , Die Arbeit in den Brotfabriken und Backstuben der Bäckermeister wird voraussichtlich noch heute angenommen werden. Samstag früh wird es wieder ftffcheS Gebäck und frisches Brot geben. * Vollständige Sperrung des Lainzer Tiergartens. Die General-dirMvu des KriegGeschNnxMifoM Mt Wtottttt, daß der noch chfm gewesenie Teil des Äantzer DtllyartenS dom Lainzer Tor bis zur Hermes-Villa -ab Sonntag den 1, d. gesperrt ist. Nein. Na, dann geh' zum Teufel mit deinem Schammes zusammen . . . Morgen mußt du dir eine anders Gasse suchen! Und Bonze war sehr verdrossen, aber auch stolz; seinem Wägelchen einen Stoß, einen Ruck nach der einen Seite, ein Schubs nach der anderen und — vorwärts! Mt der ganzen Geschwittdigkeit aller vier Räder rennt er davon... Aber schon auf der zweiten Gasse vernahm er plötzlich hinter sich schnelle, schlürfende Tritte von Schuhen ohne Absätze. Er sieht sich um — die „Stumme". So wahr er ein Jude ist — die „Stumme". . Che — He, lachte ihn die Narbige lieblich und derschämt an . .. Und wer über jene Gasse ging, sah, wie Bonze sehr ge-.. lassen fährt und mit den Klötzchen langsam stoßt und rudert, gar nicht, wie er es immer tat. Und dicht neben seinem Wägelchen geht ihm die narbige Frau in ledernen Pantoffeln und einem blinden Auge nach. Von Zeit zu Zeit wirft BoNze auf sie einen verstohlenen Blick von unter herauf und eine seltsame Süßigkeit ergießt sich über feinen breiten Mund, der ihm vom ewigen „Habt RachmorieL" verzogen war. Und wer an jenem Abend durch das „schmale" Gäßchm in der Vorstadt ging, sah, wie Bouze ganz behaglich im Wägelchen bei einer Bude sitzt und der Narbigen ein Glas Selterwasser und einen Rosinenkuchen spendiert. Die Narbige trinkt und lacht vergnügt und verschluckt sich. Und Bonze hält den Kopf vorn Wägelchen zu ihr emporgereckt, die Augen feucht und fragt höflich: Nun was? Nicht wahr, gut? Gutes Wasser? Seit jener Zeit kam zu Bonzes altem Wägelchen eitz neues, hölzernes, vierkantiges Bänkchen hinzu... Wie früher sitzt an der Ecke „Lange und Weiße", .halb Mensch, halb Wägelchen; und dicht neben ihm auf dem Bänkchen sitzt ein narbiges, stummes Weib. Bonze brüllt seinen altbekannten Singsang: Habt Nachmones.. / mit einem elenden, bedauernswerten Krüppel. . . ohne Füß' . .. habt RachmoneS... Und die „Stumme" fällt ein und hilft wie eine wahre, Lebensgefährtin: l.y — uh — be — ntete — mete... k