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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-06 · Heft 2409 (6.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2409 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, FvMg mtntt Morgenzettims fiulomsti, Rudka und Piottovski. über dar Lemberger Attentat. - Äe Kalauzek widerruft den ihr rugeschrlebemn „Bekschwör«ngr">Roman. (Bon unserem H.-Korrespondenten.) Lemvepg, 5. November. Die Zeugenaussage des . iKommandanten der Lemberger Polizei Lukomski, die l ln der heutigen Verhandlung fortgesetzt wurde, hatte schon gestern einen sehr ungünstigen Eindruck. gemacht. Alle schwachen Punkte seiner Aussage motivierte Lukomski damit, daß er Details vergessen habe oder — wenn er auf Widersprüche zu früheren Angaben aufmerksam gemacht wird daß seine früheren Angaben falsch gewesen seien. Zu diesem Zynismus gesellt sich noch die schon in der Art und Form der Aussage zutage tretende Tücke. Noch in der gestrigen Verhandlung erzählte LukonM, daß während des Verhörs, das er mit der Pasternak anstellte, der Kommandant der Schutzbrigade des Staatspräsidenten, der Warschauer Kommissär Suchenko eintrat. Suchenko habe, während Lukomski kurze Zeit im Nebenzimmer weilte, in dem sich Steiger befand, zur Pasternak gesagt: „Ziehen Sie IhreAussage zurück. Sie irren sich." Als Lukomski dies hörte, sei er rasch ins Zimmer getreten und überrascht gewesen, Kommissär .Suchenko vor sich zu sehen. „Ich konnte nicht verstehen", setzte Lukomski tückisch hinzu, „welches Interesse der Chef der Schutzbrigade des Präsidenten an der Zurückziehung der Aussage der Pasternak hatte." Diese Bemerkung war daraus angelegt, Suchenko irgend eines Mißbrauches. seiner Amtsgetvalt zu v e r d ä ch t i g e n, und dies nur. deshalb, weil Suchenko in seinen Rapporten und auch als Zeuge vor Gericht erklärt hatte, die Untersuchung, die Lukoinski' angestellt hatte, sei schlecht angelegt gewesen, und habe daher auf eine falsche Fährte geführt. Die Aussagen Lukomskis sind, wie der Verteidiger Dr. Ringel bemerkte, nichts anderes als "Zitate aus einem Artikel des Lemberger antisemitischen Hetzblattes „Gazeta Codzienna" (der Name des Blattes war im gestrigen Bericht durch einen Hörfehler mit „Curjer Codzenrrh" angegeben. — Die Red.), welches, wie erwiesen ist, von Lukomski mit Informationen über den Stan d seiner Untersuchung über das Attentat versorgt wurde. Lukomski hatte sich zu seiner Zeugenaussage den Redakteur seines Leibblattes mitgebracht, der auf die Bemerkung Dr. Ringels mit impertinenten Zurufen von seinem Platz im Saal aus reagierte. Daraufhin wurde der Zwischenrufer über Anordnung des 'Vorsitzenden aus dem Saal e n t f e r n 1. Der ungünstige Eindruck der Aussagen des Lemberger Polizeichefs-würde heute noch durch die Konfrontation Lukomskis mit Steiger verstärkt. Steiger erklärte dezidiert, daß die. Aussagen Lukomskis über die Aeußerungen politischer Natur, die Steiger beim Verhör gemacht haben soll (und die in keinem Protokoll verzeichnet sind), vom Anfang bis zum Ende falsch seien. Ferner hob Steiger hervor, daß Lukomski gerade in seinem Auto vorüberfuhr, als er, Steiger, nach seiner Verhaftung zum Polizeigebäude eskortiert wurde. Lukomski ließ ihn ins Auto einsteigen; als Steiger weinend seine Unschuld beteuerte und beschwor, daß er nicht der Attentäter sei, schrie ihn Lukomski an: * Halt's Maul, du jüdischer Bolschewik!" Steiger gab weiters an, daß Lukomski anwesend war, als Polizeikommissär Kajdan ihm (Steiger) einen Schlag ins Gesicht versetzte. Lukomski hatte auf alle diese Erklärungen Steigers nur ein verlegenes' Stammeln: „Nicht, richtig." .' , Steigers Verteidigung wies auf die Protokolle hin, welche Lukomski sofort nach der ersten. Untersuchung an das Ministerium abgesendet hat und in denen er schreibt, zusammenfassend gehe seine Meinung dahin, daß. Steiger der Attentäter sei, er, Lukomski, habe jedoch keine Beweise dafür. Als die Verteidigung den Zeugen fragt, wieso er heute mit solcher Bestimmtheit Steiger als den Attentäter bezeichnen könne, wo er selbst nach den ersten Verhören in einem Rapport, für den er verantwortlich sei, angegeben habe, daß er seine Vermutungen nicht durch Beweise stützen könne, erklärte Lukomski, das, was er damals geschrieben habe, sei n i ch t w a h r gewesen, wahr sei seine gegenwärtige Aussage. Mit diesem Knalleffekt war das Zeugenverhör Lukomskis beendet. Hatten schon die Fakten, die beim Verhör Lukomskis berührt wurden, einen sensationellen Beitrag dazu gebildet, wie seinerzeit die Untersuchung über das Attentat geführt wurde, so wurden diese Sensationen noch durch die Aussage des Dienstmädchens Kalauzek übertroffen, dessen Verhör heute vorgenommen wurde. Wie noch erinnerlich, hatte in der vorgestrigen Verhandlung der als Zeuge vernommene Akademiker Thaddäus Flach, bei dessen Eltern die Kalauzek bedienstet ist, angegeben, die Hausgehilfin, die früher beim Obmann des jüdischen Sejmklubs Dr. Leon Reich bedienstet war, habe erzählt, das Attentat vom 5. September 1924 sei ans Grund einer Beratung im Hause des Deputierten Reich, an der der V a t e r S t e i g e r s, Dr. Reich und Verteidiger Dr. G r e k teilgenommen hatten, von Steiger verübt worden. Nunmehr würde die Kalauzek heute einvernommen. Das Verhör dauerte zwei Stund e n. Die Kalauzek erklärte, daß diese Aussage nicht richtig sei; . sie habe nie solche Aeußerungen getan. Letzte Kurie. New-Dork, 5. November. (Tet.-Komv.) Berlin 23.80, London Kabel 4.84"/,«, London Scheck 4.8l»/g, Amsterdam 40.24, Paris 4.09»/,. Brüssel 4.53. Rom 3.93, Madrid 14.28. Zürich 19.27. Stockholm 26.76. Oslo 20.76 Kopenhagen 24.11. Wien 14*/,«. Bwavest 14»/.. Praa 296»/.. Belgrad 177»/,. Athen 1.35 Buenos Aires 41»/',. Rio de Janeiro 16.—. Bukarest 47»/, New-BorN, 5. November. (Tel.-Komv.) Weizen rol Winter 173»/,. Weizen harr Winter 172»/, Mais 97 Hafer 45'/,. Roggen 89»/,. Chikago. 5. November. (Tel.-Komv.) Wetzen per Dezember 150»/,. M 147»/, Juli 129»/,; Mais ver Dezember 75. Mai 79»/,. ' Juli 79'/.; Hafer ver Dezember 38',,. Mai 43»/. Ju'i 43\- Roggen ver Te?emk>er 81 Mai 87»/. Juli-. Jas Pärchen. ' Von S. Schneur. Einmal, bei, Fvühlingsbeginn, verspätete -sich Bonze auf seiner Ecke" .um ganze Mi Stunden. Seine Gewohnheit war es, um acht Uhr früh zu kommen, er kam aber um zehn. Als er angefahren 'kam, sch er zu seinem großen Leidwesen, daß auf seiner Ecke irgend eine Frau in Lumpen dafitzt uitib, die Hand ausstreckend. mit einen: wehleidigen Gesicht in der Slummensprache bettelt: « Uh — uh — be — mete — mete. Bonze entflammte vor Zorn. Bettler sind auch solidarisch, auch Bettler haben Statuten. Jeder Schnorrer hat „seine Ecke". Und da — da hast dir plötzlich ein solches Aas, hat man so was gchört? Stumme Puppe, kam Bonze mit seinem „Reitwagen" angeflogen wie. ein . Pfeil aus dem Bogen und gab seiner Konkurrentin mit ,dem. Klötzchen einen Puff: Weg von hier! Weg da! Hier sitz», ich . . . ich . . . ich . . . (Bonize klopfte sich dabei mit dem rechten' Klötzchen aufs Herz.) Uh — uh — mete — mete. gurgelte die Stumme das Ihre und guckte. Bonze und sein Wägelchen an. Bonze sah ein pockennarbiges Geschöpf mit einem gesunden grauen Auge vor sich. Das andere Auge war blind und ganz mit dem. Weißen verlaufen. Und dieses sonderbare Paar Auigen blickte mit'vielsagender und offener Feindschaft aus Bonze —- gar nicht wie bei einer Stummen. Bonze bekam mit einem Male Respekt vor dom halb blinden, halb.sehenden Blick, rückte sich erregt auf seinen vier Rädern zur Seite und begann, wie immer, in seiner Lesart zu betteln: - . Habt.Rachmoires mit einem Krüppel, ohne Füß' . . . habt Rachmones! Uh — uh.— be — mete — mete, plapperte seine Konkurrentin und streckte jedem Vorübergehender die Ha5d hin. Und den ganzen Tag wollte Bonze schier platze,ü Alle Almosen fielen nur.zu ihr hinein, nur zu ihr. Er. Bonze, war schon allen Passanten gut bekannt. Er hatte schon allen dl? Augen stumpf und die Ohren taub gemacht mi: seinem alten Wägelchen und seinem asten Lied. Die Stumme aber war etwas Unbekanntes. Der Effekt war neu, daher rollten alle Groschen nur ihr zu. Und Bonze ritt den ganzen Tag mit seinem Wägelchen herum, hin und zurück, jagte nach dem, jagte nach jenem rmd bekam nicht mehr als fünf Kopeken zusammen. Kochend bemerkt er stets, wie die Stumme bekomm-, und bekommt. Und bei jedem Groschen, den sie erhielt, drohte ihr Bonze von weitem mit einem Klötzchen. Das bedeutete, das er ihr mit dief-em Klötzchen das Hirn spalten werde, wenn sie nicht weggche. Und die „stumme Puppe" ließ sich nicht stören und zog ihr neues Berschen langsam und spöttisch hin — eine Säge über Bonzes Galle: Uh — uh — be -7mete — mete ... Und am. nächsten Tag das gleiche. Bonze wurde es ganz klar, daß die blinde, narbige Puppe ihn „unglücklich" macht. Weh, wo ist das auf der Welt vorgekommen! Was? Sie will vielleicht, daß er, Bonze, so ein Krüppel, auf sein Privileg verzichten und sich eine andere Ecke suchen soll? Wart', er wird ihr zeigen; er wird ihr das Gehirn ein-, schlagen, so wahr er ein Jude ist, er wird ihr das Gehirn einschlagen! ... Und am dritten Tage gegen Abend hielt es der hungrige und erfrorene Bonze nickst mehr aus, siel überdie Stumme her und teilte ihr tüchtig mit dem Klötzchen über die Füße aus . . . ' Au — au... riß sich aus der „Stummen" unbewußt hervor. Aber gleich besann sie sich, daß sie eigentlich eine Stumme sei und begann in der Stninmenjprache aufzuschrei-en: Uh — uh — uh . . . - Was? Drehte Bonze ein paar kuglige Angen heraus — „An, au?" aha! . . . eine Stumme bist du? Hihi ... ihr hört? wandte er sich siegesbewußt zur Straße, sie redet, sie ist eine Redende, die Schwindlerin, ihr hört? Aha, bete met-e? Und er nahm sich wieder die „Stumme" her: Na, schrei' .mal noch ein bißchen! Und dabei, holte er ans, um sie mit allen Kräften mit seinen» schweren Klötzchen zu kchlagou. Unv die „Stumme" preßte'sich an die Wand und schrie in sich hinein mit einem erstickten „ch — ch" wie eine wirklich 6. Nckvember IW GeH» ® Auf den Vorhalt des Vorsitzenden, daß sie in der Untersuchung ebenfalls diese'Aussagen gemacht habe, und daß darüber - Protokolle vorliegen, erklärte die Kalauzek/ ■ ' - - . bie Protokolle hätte Untersuchungsrichter Rudka und sein Schriftführer Piotrowski selbst abgefatzt, , sie seien ihr nie vorgelesen oder zur Unterschrift vorgelegt worden;/ ' dieHrotokolle hätten - Rudka und Piotrowski'' in An- Wesenheit des Thaddäus Flach, der ihnen dich Mitteilungen als. Aussagen der' Kalauzek gegeben habe, verfaßt. Auf eine' eindringliche Mahnung des Staats- ■ anwalts, die reine Wahrheit zu sagen, beteuert die Zeugin, daß ihre gegenwärtige Aussage richtig sei. Sie schildert dann, wie das Verhör vor dem Untersuchungsrichter Rudka vor sich ging. Rudka habe ihr Fragen gestellt, und wenn sie erklärte, von den Dingen, die gefragt wurden, nichts zu wissen, oder wenn sie die Frage verneinte, habe sie der Untersuchungsrichter angeschrien und einmal habe er sie sogar schlagen wollen. Um von den Qualen dieser Einvernahmen erlöst zu sein» habe sie schließlich alles bejaht, was der Untersuchungsrichter wollte. Der Staatsanwalt beantragte, die Zeugin Kalauzek wegen dringenden Verdachtes falscher Zeugenaussage sofort . ' in Haft zu nehmen. Das Gericht lehn t e diesen Antrag ab und stellte es dem Staatsanwalt anheim, die Anklage zu erheben. Hierauf wurde die Verhandlung, auf morgen vertagt. Ae Slschauski-AMre. Die in unserer gestrigen Nummer besprochene Meldung der Jüdischen Telegraphm-Agentur über die Olfchanski-Affäre, die in der polnisch-jüdischen Presse veröffentlicht war, liegt uns heute in ihrem vollen Wortlaut vor. Sie lautet: „Laut authentischen Mitteilungen hat im November 1924 der Wiener Advokat Dr. Israel Wald mann mit einem Führer der ukrainischen MM- : tävovganisation gesprochen," welcher ihm gegenüber erklärte, daß das Attentat gegen bett polnischen Staatspräsidenten Wojciechowski durch einen Bevollmächigten 'dieserOrganisation ausgeführt wurde; der Attentäter befinde sich bereits in Sicherheit in Deutschland. Falls .es Dr. Waldmann erwünscht sei, könne 'er mit den Führern dieser Organisation in Berlin zusammentreffen, Ungefähr .gleichzeitig traf Dr. Waldmann mit dem Präsidenten der ukrainischen Bölkerbundliga, Dr. Perfeeki, zusammen, der Hm die oben angeführten Angaben vollin-, . h a l t l i ch b e st ä t i g t e. Dr. Perfeoki .übergab Dr. Waldmann ein Empfehlungsschreiben an die geheime ukrainische Miliiarorganisation in Berlin. Dort trais Dr.. Waldmann mit dem Kommandanten der ukrainischen Mlitärorgamsation, Oberst Konowaletz, zusammen, welcher ihm das ganze auf das Attentat gegen den polnischen Staatspräsidenten Bezug habende Material vo rlegte. Für die Veröffentlichung dieses Materials wurden .von seiten des Obersten Konowaletz folgende Bedingungen gestellt: 1. Es soll ein Juristenkom.itee mit.der Feststellung betraut werden, ob Olschanski a u s g'e l i e f e x f werden muß. Stumme. Nur ihr blindes Auge drehte sich mit wildem Schrecken und Haß auf Bonze und seine Hölzer. . Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und brach in Jammern aus wie eine Redende: Au, au, die Füße, ich fall» in Ohnmacht, ich sterbe, Gewa—li! ■ Ihr hört? So wandte sich Bonze weiter an den Menschenhaufen, der sich um sie angesammelt hatte, mit der überlegenen Geste eines Zanberkünstlers, der soeben Wein aus der Wand gezapft hat... dabei stellte er mit Stolz seine krüppelhasten Füße heraus, damit man sehe, wer der Wertvollere sei! Es schien, als ob er nicht nur seine eigenen Rechte, sondern die Gerechtigkeit der ganzen Welt fordere. ... Wer plötzlich besann er sich: Da8 Geld gib her, Diebin, mein Geld! Da8 Bündelchen Almosen hielt die „Stumme" in der Hand, in einem Tüchlein. Da riß es Bonze ihr hastig weg, brach sich mit dem Wägelchen durch die Schar der Neugierigen- Bahn, bereit, mit beiden Klötzchen den Kampf auf Leben und Tod aufzunehmen. Aber die Stumme' rührte sich nicht vom Platz. Von den Schlägen geknickt und aus Scham vor den Menschen, preßte sie sich steifer an die Wand, blieb sitzen und schluchzte, indem sie sich selbst, wi* ein Kind seinem Weinen, zuhörte. Die Vorstellung war zu Ende. Die Neugierigen verliefen' sich. Erhitzt, wie nach , einem schweren Streit, fuhr Bonze heimwärts, eifrig mit den Klötzchen auf beiden Seiten des Wgelchentz arbeitend. Sein Herz hatte sich noch nicht beruhigt. Eine solche Gemeinheit an ihm zu begehen, an einem so Krüppelhasten ohne Füße! Was? Krank ist sie, daß sie nicht arbeiten kann? Wart, er wird ihr morgen noch zeigen... Aber allmählich, je mehr er sich von „seiner Ecke" entfernt hatte, kühlte sich mehr und mehr sein Herz ab. Sein ein wenig künstlicher Zorn begann abzunehmen. Es wurde chm auf einmal bang zu Mute, daß er so ein . ein Frauenzimmer geschlagen hatte! Weiß der Teufel. .. Wäre es wenigstens ein Mannsbild gewesen! Er erinnerte sich, wie sie sich an die Wand schmiegte und schluchzte, njcht antwortete und nicht zMckschlug, und er wurde

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