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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-05 · Heft 2408 (5.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2408 (5.11.1925)
Date
1925-11-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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jjP* E mv:mi[i . _ EM«, _Wiener Morgenzeitung_ Legenden um Steiget. W» Wimr. - Set Roman de« Iienftmödchenr. - Lnkamii. (Bon unserem H.»Korrespondenten.) Beseitigung aller Mißbräuche gegen die politischen Häftlinge im Lemberger Gefängnis gefordert wurde. Die ukrainische Militärorganisation beantragt die Zusa m me nst e llnn >b e i d er B r i e f e als Beweis dafür, daß sie authentisch sind. Die Veröffentlichung der Briefe hat beim' Gericht , MBA!, 4. November. Es scheint, daß sich am der HjeigÄ-Affäre die Phantasie aller Klatsch- und Tratschexistenm entzücket hat und daß die Erzeugnisse solcher bis zur Weißglut erhitzten Schwatzhaftigkeit nunmehr alle im Ge-. riMaal produziert wevdem Den Vogel hat La wohl das Dienstmädchen Kalauzek abgesch'ofsen, dessen Kolportageroman in der gestrigen Verhandlung vorgebracht wurde. Man sieht sörmlich die Zwölfkreuzerphantvfle Blüten treiben, wenn man die Aussagen naher betrachtet. Das Kolportagemotiv des Geheimbundes geht nicht. Daß es so weit kommen mußte, daß sich die Phandrste von Hausgehilfinnen an jüdischen Verschwörungen begeistert, ist die Schuld derjenigen Kreise, welche systematisch die Lsgecke von einer jüdischen Verschwörung, von der anonymen Macht, gezüchtet haben, eine Legende, welche in der politischen Ausdeutung und Ausbeutung des Lemberger Attentats eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. In der gestrigen Verhandlung wurde der Zeuge Thaddäus Flach vernommen, bei dessen Eltern gegenwärtig die Hausgchllsin Kalauzek bedienstet ist, die früher beim Vorsitzenden des jüdischen Gejmklubö, Abgeordneten Reich, iN Dienste» stack. Der Zeuge Thaddäus Flach gibt an, am Lage des Attentats fei in seiner Familie das Ereignis lebhaft besprochen worden. Das Dienstmädchen Kalauzek, das bei dieser Unterhaltung zugegen war, hatte erklärt, daß ihres Wissens daS Attentat von Steiger verübt worden fei. Das Mädchen hätte auch behauptet, es hätte bei dem Abgeordneten Reich eine Beratung stattzefucken, an der sich auch der Vater des Steiger sowie die Verteidiger Steigers, die Doktoren Gr e k und B r o m b e r g (!) beteiligt hätten. Die Kalauzek habe auch erzählt, sie sei seinerzeit in einem Hause bedienstet gewesen, in dem auch Steiger wohnte. Dabei sei ihr ausgefallen, daß Steiger häufig Broschüren und ausländische Blätter nach Hause brachte. - Der Zeuge habe das Mädchen gefragt, ob es ihre Aussagen auch vor Gericht bestätigen könne, worauf ihm das Mädchen erwidert hätte, sie müßte vor Gericht alles verneinen, 8a sie 8er Familie Reich keine Unannehmlichkeiten bereiten tvolle. Die Aussagen dieses Zeugen riefen sowohl beim Gericht alS auch bei der Verteidigung das Gefühl hervor, daß es sich hier um einen : Tratsch seitens des Dienstmädchens gehandelt habe. Verteidiger Doktor Grek, der durch die Zeugenaussage ebenfalls in diesen Tratsch hineingezogen worden war, forderte das Tribunal auf, a m tl i ch festzustellen, daß, die Behauptung des Zeugen, wonach Steiger während der standgerichtlichen Verhandlung dem Zeugen gegenüber das Attentat eingestanden hätte, unrichtig sei. Ueber diese Forderung des Verteidigers kam es dann noch zu einer längeren lebhaften Kontroverse zwischen dem Staatsanwalt und Dr. Grek. Vovlatge der Briefe an die „Ehwila". Im weiteren Verlauf der Verhandlung hat die Verteidigung Steigers dem Gericht die Originale jener Briefe vorgelegt, 'welche seinerzeit von der ukrainischen geheimen Militärorganisation an die Redaktion des jüdischen Tagblattes ,MhwiIa" sowie an den Präsidenten des Appellationsgerichtes in Kemberg gerichtet wurden. In dem ersten Briefe an die Redaktion des genannten Blattes, der vom 8. September 1924 datiert ist, erklärt die ukrainische militärische Geheimorganisativn, daß das Attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik von ihr angestiftet wurde. Der Attentäter, de>r die Bomben geworfen halbe, wollte, da der Bombenwurf keinen Erfolg hatte, das Attentat mit dem Revolver durchführen. Er sei stehen geblieben, halbe aber keinen günstigen Augenblick zur Durchführung des Attentats gefunden. Die Polizei habe in der flüchtenden Menge Steiger ohne konkreten Verdacht verhaftet. Ferner erklärte die Organisation in dem Briese, daß der Urheber des Attentats sich in Sicherheit befinde. Di« Redaktion hat den Brief seinerzeit dem Staatsanwalt vorgebegt, der ihn jedoch ignoriert« und. Steiger vor ein Standgericht * stellen ließ. Am ersten Tage der standgerichtlichen Verhandlung gegen Steiger, am 14. Septemlber, kam an die Redaktion der „Ehwllü" ein zweites Schreiben von der ukrainischen geheimen Mlitärorganisation, in welchem daraus hingewiesen wurde, daß die Lemberger Polizei auf ihrer Anklage gegen Steiger verharre und daß das erste Schreiben der GeheimaMnisation als Mystifikation hrngestellt wurde. Mit Rücksicht darauf stellte die ukrainische Organisation nochmals fest, daß ihr erster Brief authentisch war und weist darauf hin, daß die Organisation noch ' vor dem Attentat, im Juli 1994, au den Präsidenten des Gerichtes in Lemberg ein Schreiben gerichtet hat, in welchem die sofortige gr oßen Eindruck gemacht. . Lukomski als Zeuge. Die heutige Verhandlung brachte bi« mit Spannung erwarteten Aussagen des Kommandanten der Lemberger Polizei Lukomski. Das Verhör war überaus reich an Zwischenfällen und dramatischen Momenten. LukonM hat, wie bekannt, Steiger sofort nach der Verhaftung verhört. Er schilderte dieses Verhör sowie die ersten Aussagen der Pasternak und die Aussagen der Frau Franzos. Aus die Frage der Verteidigung, warum er angesichts des offenbaren Widerspruches zwischen den Aussagen der Pasternak, die Steiger belasteten, und >den Angaben der Frau Franzos, welche eine ganz andere Beschreibung von den Attentätern gegeben 'hatte, feine Erhebungen nur nach einer Richtung konzentriert halbe, konnte Lukomski keine Antwort geben. Hierauf wurde der Zeuge von der Verteidigung über den Inhalt der ersten Aussagen der P a st e r n a k befragt. Cr mußte auf eindringliches Befragen Dr. Landaus zugeben, daß die ersten Mitteilungen der Pasternak nicht mit Volker Bestimmtheit in Steiger den Attentäter agnoszierten. Auf die Frage T>r. Landaus, warum er diese wichtige Tatsache nicht zur Kenntnis gebracht habe, evk'ärte Lukomski: „Ich habe dieses Detail ganz vergessen." (Große Bewegung im Saale.) Lukomski, dessen Art zu sprechen schon im Kornh a b e r - P r o z e ß, wo er als Zeuge vernommen worden 'war, einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht 'hatte, spricht auch heute sehr leise, stockend und, was besonders unangenehm auffällt, mit abgewendetem Gesicht. Diese Haltung des Zeugen rief lebhaften Unwillen der Verteidigung hervor, und Verteidiger Dr. Ringel ersuchte LukomÄi, sich doch den Verteidigern, welche ihn befragen, zuzuwenden. Darauf antwortete Lukomski: „Die Verteidigung provoziert mich." Diese Unverschämtheit verursachte eine erregte Stimmung, in deren Verlaus es zu einer, scharfen Auseinandersetzung zwischen Verteidiger Dr. Landau und dem Vorsitz>e n d e n kam. Der Vorsitzende verhängte über Dr. Landau eine Ordnungsstrafe von 100 Zloty. In heftiger Erregung eilte Dr. Landau zum Gerichtstisch und warf dem Vorsitzenden eine 10 0-Zloth-N ot e hin. Dies hatte eine abermalige Ordnungsstrafe von 20 0 Zloty für Dr. Landau und die Androhung, ihn von der Verteidigung auszuschließen, zur Folge. Im weiteren Verlauf des Verhörs brachten die Verteidiger die Beziehungen des Kommandanten der Lemberger Polizei zu dem Lemberger antisemitischen Hetzblatt „Kurjer 'Codzienny" zur Sprache. Auf den Hinweis, daß gewisse Informationen des Blattes über die polizeiliche Untersuchu.ng gegen Steiger nur von Lukomski stammen konnten, erwiderte biefer unter allgemeinem Gelächter des Saales, er habe Informationen aus dem ,Mrjer Codzienny" bezogen. Auch bei der Behandlung dieses Punktes kam es zu zahlreichen Zwischenfällen. Schließlich erklärte der Zeuge, daß er von der Schuld Steigers vollkommen überzeugt gewesen sei üud noch jetzt dieselbe Ueberzeugung hege. Vor allem sei für ihn die Aussage der Pasternak vollkommen glaubwürdig, da sie beim Leben ihrer Mutter und!bei ihrem Glück geschworen habe, daß Neiger der Täter sei. (Gelächter.) Die Aussagen der Frau Franzos hätten dem Zeugen keinen pcisttiven Anhaltspunkt geboten. Steiger selbst habe ihm, Lukomski, erklärt, er sei mit der Ordnung der Dinge in Polen nicht zufrieden, der Numerus clausus in Polen mache es den jüdischen Studenten -unmöglich, im Lande zu bleiben, und es sei die höchste Zeit, daß alle nationalen, religiösen und staatlichen Unterschiede verschwi n den.. Aus die Frage des Letzte Kurie. New-Vorl, 4. November. (Tel.-Komp.- Berlin 23.80, London Kabel i.H3/* London Scheck 4.817,, Amsterdam —, Paris 4.0b, Brüste. 4.53%. Rom 8.96,' Madrid 14.31. Zürich 19.27. Stockholm 26 77 Oslo 20.36 Kopenhagen 24.92, Wien 14*/„, Budapest 141/,. Prag 2968/„, Belgrad 177V,, Athen 1.40, Buenos Aires 417.. Rio de Janeiro 16.—, Bukarest 478/4 New-Borü, 4. November. (Tel.-Komv.) Wehen rot Winter 172V, Wetzen hart Winter 1727/8 Mats 95 Hafer 4b8/,. Roggen 88. Chikago, 4. November. (Tel.-Komv>) Weizen per Dezember 1498/„ 'Wat 1457s Juli 1277*; Mats ver Dezember .76, Mai 778/,. Juli 807, > Hafer ver Dezember 388,,. Mai 437*, Juli 487,: Roggen ver Dezember 61, Mai 867,. Juli — 8. November 1928 Seite. S Ihre GESUNDHEIT ist teuer. Wie erhalten Sie diese? LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol als Einreibemittel, wirkt belebend, erfrischend, schafft Kraft und Energie. Beim Einkauf achten Sie auf die gesetzliche Schutzmarke. Ueberall erhältlich. Alexander Kalmar, Wien,II, Nordbahnhof Gesetzt, gesch. Erzeuger: Verteidigers Dr. Ringel, warum er dte.se Aussagen nickt zu Protokoll genommen habe, blieb Lukomski wieder die Antwort schuldig. Die Verhandlung wurde sodann auf morgen per« tagt- Morgen wird das Verhör Lukom'skis fortgesetzt. Bekanntlich stellt Steiger mit aller Entschichen^ heit in Abrededie AeiUßerungen gemacht zu Wen, die ihm Lukomski zuschreibt. Es dürfte daher zu einer Konfrontation zwischen Lukomski und Steiger kommen. Slschansk-Sensationen. Wie wir Sonntag berichteten, hat ein indischer Politiker, der auch unter den ukrainischen Emigranten im Ausland eine Rolle spielt, an die ukrainische revolutionäre OMnisation durch die jüdische Presse Deutschlands und Polens die Aufforderung gerichtet, offen zu bekennen, daß Theophil Olschanski das Lemberger Attentat vom 5. September 1934 verübt hat. In seiner Aufforderung hat Dr. Israel Waldmann er ist der erwähnte jüdische Politiker — dar-, gelegt, er habe von einer führenden Persönlichkeit der ukrainischen revolutionären Organisation vor Zeugm die ausdrückliche Erklärung erhalten, daß das Lemberger Attentat durch diese Organisation ausgeführt wurde; Dr. Waldmann erklärte, er werde, wenn nicht noch im Laufe des Steiger- Prozesses von der ukrainischen revolutionären OMnisation offene Erklärungen abgegeben werden, öffentlich die Personen, welche ihm die oben erwähnten Geständnisse gemacht haben, sowie die dabei anwesenden Zeugen «nennen. Die Enthüllungen, welche Dr. Waldmanns auMnerregende Erklärung augekündigt hat, werden nun in einer aus London datierten Meldung der Jüdischen Telegraph e n a g e n t u r, die in die jüdische Presse Polens übergegangen ist, sozusagen bereits eskomptiert. Dich Meldung der Jüdischen Telegraphenagentur bringt eine Reihe von Einzelheiten, derentwegen wir uns an Dr. Waldmann um Austlärung wenden. Dr. Waldmann hat uns ^ermächtigt, zu erklären, daß die Meldung der Jüdischen Telegraphenagentur nicht der Tatsache entspricht; die darin angeführten Details sind teils gänzlich unrichtig, teils entstellt. . . Diese Mitteilung Dr. Waldmanns beleuchtet die eigenartige Verwertung, welche der an Sensation reiche. Steiger- Prozeß in einem Teile der Presse findet; man sucht nämlich die tatsächlichen Sensationen, an denen durchaus kein Mangel ist, noch durch solche, die der Phantasie entspringen, gewissermaßen zu überbieten. Diese zügellose Sensationsmacherei, die niemanden nützt, im Gegenteil sogar Sch ad e n bringen kann, ist entschieden nicht zu billigen, am wenigsten aber bei einer Nachrichtenagentur, wenn sie dev Anspruch erhebt, für seriös angesehen zu werden. Legalisierung der jüdischen Gemeinden in den polnischen Randgebieten. Warschau, 3. November. (I. %. A.) Der polnisch« Ministerrat hat den Text der Verordnung betreffend die Bildung jüdischer Gemeind en in den östlichen Distrikten Polens, Wolhynien, Polesie, Bialystok und Wilna, wo zur Zeit der Zarenherrschaft keine legalen jüdischen Gemeinden existierten, angenommen. Die Grundlagen der jüdischen Gemeindeorganisationen in diesen Gebieten sind die gleichen wie in Kongreßpolen. Das Amt^ blatt wird demnächst die Verordnung verlautbaren. Sie Semeinderatswühlen in England. London, 4. November. (Reuter.) Nach dem endgültigen Bericht hat die Arbeiterpartei bei den Gemeinderatswahlen 132 Nettogewinne zu verzeichnen, darunter 47 in der Provinz und 85 in London. In London hat die Arbeiterpartei in acht von 28 Gemeinderäten die Mehrheit. * Eine Katholikensahrt nach Palästina. Unter dem Protektorat des Wiener Fürsterzbischofs KardinÄ Dr' PiM und des Kärntner Fürstbischofs Dr. Adam Hefter geht' am 26. Februar ein Pilgerzug nach Palästina, der dort am 19. März eintrifft. -- '

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