Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2404 (1.11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2404 Wen, Sonntag Wiener Morgenzeitunq 1. November Mo <We 7 SvazierMnge durch die GefchWlvelt. 2.*) Die Mariahilfer Großwarenhäuser. Mit der Ausdehnung, des Wiener Handels und der Autzgestalbumg des GeschäfMebens in der Mariahilserftvaße ging Hand in Hand auch der AuAba>u der großen Mariahilfer Warenhäuser, die dem Kunden durch möglichst groß« Auswahl und eine möglichst konzentrierte Zusammenfassung das von ihm Benötigte bieten sollen. Es ist selbstverständlich, daß hier auch der 'vielgerühmtc Wiener Geschmack sozusagen eine Zentralstelle hat. Das Charakteristikum Wiens ist seit jeher die Wiener Mode. Sie hat sich einen fesibegründeten Nus nicht nur iw Jnlande, sondern auch i.m Auslande geschaffen und die Hegemonie der Pariser Mode in vieler Hinsicht gebrochen. Ein typischer Vertreter der seinen Wiener Mode ist das Warenhau's Ludwig Zwieback und Bruder, Mayiahilftrstvaße 90. Wer an den künstlerisch arrangierten Auslagen vorübergeht, dem fällt sofort neben dem kunstvollen Arrangement der maßgebende Einfluß des Wiener Geschmacks in der Mode auf. Geschickt ist die Materie des Stoffes mit dem künstlerischen Eindruck und der praktischen Verwendung verknüpft. Sogar beim einzelnen Stück, das einfach ins Schaufenster hingelegt ist, fällt sofort der graziöse Eindruck aus. Der Beobachter gewinnt unwillkürlich den Eindruck, daß die Träger dieser Kleider graziöse Gestalten sind. In dieser Anpassung des Graziösen, der Hervorhebung der Wiener Note und der verfeinerten künstlerischen Form liegt die Eigenart des Warenhauses Z w i eb a ck, das der Wiener Mode Weltruf verschaff hat. Tatsächlich Ivrren die Gründer dieser Firma die Vorkäinpfer der Wiener Mode im Ausland. Sie ha.ben einen vollen Erfolg gehabt, wie der große Geschäftsumsang dieses Modehauses zeigt. Wenn man das Innere »des Warenhauses betritt, wird -man unwillkürlich an Zolas Roman „Das Paradies der Damen" erinnert. Die ungeheure Fülle der Warenschätze, die aparten Modeneuheiten, die geboten werden,He glän zeude Durcharbeitung der Stoffe muß unbedingt auf jed Käuferin wirken. Tatsächlich beruht auch die Stärke des Warenhauses Zwieback in der feinen Damenkon fektion. Cs findet sich hier alles, was die Dame benötigt, vom Schlafrock über den Jumper zum feinst Salonkleid, Mäntel mit und ohne Pel-zjvevbrämung, kunstvoll arrangierte Pelzcapes usw. Die Verwendung des Pelzes ist hier bis in das kleinste Detail ausgearibeitet, bestimmt, das Praktische mit den: Schönen zu verbinden. Seit 50 Jahren besteht das Wiener Warenhaus D. L e ß it € t A.-G. Vor dem Kriege gab es keine Schnei derin in der österreichisch-ungarifchen Monarchie, die nicht die Preiskataloge der Firma D. Leßner ihren Kunden ge zeigt hätte. Die Bilder in diesen Katalogen ersetzten den meisten Schneidern und Schneiderinnen die Modejour nale. So beliebt und allgemein anerkannt waren seit jeher die Modelle der Firma. Jetzt ist es nicht anders. Trotzdem die Grenzen der Nationalstaaten dem Export der öfter reichischen Waren große Hindern iss,e entgegenstellen, su chen doch noch die Auslandskunden dieses Warenhaus mit Vorliebe auf. In Oesterreich selbst ist die Marke D. Leßner so bekannt, daß eine weitere Erläuterung hier nicht mehr notwendig, ist. Bei den Damenkonsektionswaren verbindet sich der ferne Göschmack mit der Güte der Ware und einem äußerst niedrigen Preise. Das Warenhaus D. Leßner ha seit jeher als sein Prinzip den großen Umsatz mit kleinem Gewinn bei geschmackvollster Ausführung angesehen. Darin liegt bo'§ Geheimnis der Tatsache, daß der Kunde, der einmal zu Leßner kam, dieses Warenhaus immer wieder aufsucht. Es ist die konservative Vornehmheit des alt angesehenen Wiener Kaufhauses, das sich dem Geschmack und den Bedürfnissen seiner Kunden anpaßt. Dies kommt auch in der ganzen Anlage des Warenhauses zum Ausdruck welches in seiner modernen Ausführung den Eindruck des Soliden, Zweckmäßigen und äußerst Dezenten hervor ruft Die Ausgeglichenheit der Raumanlage und der Lager, die vornehme Ruhe, die überall herrscht, die dezente Behandlung der Käufer durch die Angestellten müssen unbedingt jeden Kunden, sowie er nur das Geschäft betritt, gefangen Eines her rührigsten Warenhäuser der jüngsten Periode ist das Warenhaus Stafa. Wer es betritt, ge winnt sofort ■ den Eindruck rastlosen Emporstvebens. Es herrscht der moderne Zug, der die Tradition rasch nach holen und dabei großzügig aufbauen will. Diese Absicht gelingt dem Wavenhanse. Es ist ein rühriges Streben nach guter Entwicklung, das überall zu beobachten ist Die Reichhaltigkeit der Lager verblüfft. Dabei kann ganz ruhig behauptet werden, daß viele Waren zu Reklame zwecken äußerst billig abgegeben werden, um dadurch den Konsum zu heben. Die Masse strömt hin im Streben nach Billigkeit. Es ist interessant, wie geschickt der Raum des Warenhauses aüsgenützt ist. Kein Winkel ist unbenützt gelassen. Jeder Teil ist seiner Ware angepaßt. Dabei ist die Anlage so gehalten, daß unbedingt das einzelne Kauf objekt dem Warenihausbesucher in die Augen fallen muß Es ist die geschickte Reklame, die sich nicht nur außen, son dern auch innen, in der ganzen Organisation äußert. Der Zug des Modernen ist es, der alle Gänge durchweht, der den Käufer mit sich reißt und'ihm einen gewissen Kaufelan verleiht, der aber auch zweisöllos den: Marenhause eine weitere Me Entwicklung verschossen wird. tober. *) Siche „Wiener Morgenzeilung" vom 27. und 80. Ok 4 1 - m \ Prachtvolle Mäntel aus Peinwoll-Velours: Mön-föl aus Velours matlasse, wattellert qq IYIuNIuI und pelzverbrämt ...... S OJ Mäntpl aus Velours u.englischen Stoffen, Qp mal I lul Glockenfasson, pelzverbrämt S JO Märvfol aus keinem Travers-Modevelouis, 4 oa mulllul Seidenbrokat, gef., pelzverbr. S \C-J Pelzmäntel Äc,ric'k<:n’pkt,g" 198 Pelzmäntel arbeitet aus schön. Seal-Eleclric* Fellen, Reinseide gef. S 290 3.. Jtad'4t Tw&fmmr- Jhiet Jkielf Jkc&jBT 5 po I Pro Kunde wird nur 5toff für i Kleid, bezw. für i Mantel abgegeben MariahilferstrasSel EckeWebgasse Mariahilferstrasse . EckeWebgasse £s i— ^..’>vwua Wovon lebt Wien? Von Egon Dietrichstein. Ein Ausländer meinte, die Schillingwährung sei nur aus dem Grund eingeführt worden, um die Aufwendunlen für die österreichschen Pensionisten ausdrücken zu önneu. Tatsächlich ist das Pensionistenbudget in Kronen nur noch mit Hilfe astronomischer Zahlengrößen zu bestimmen und es ist dem Schilling zu verdanken, wenn wir mit >er Reduktion auf hunderttausend Millionen auskommen. Aber damit sind bloß ' die Staatsbeamtenpensionen sest- 1 estellt. Und da auch in minderbeliebten österrelchiichen l Zerusskreisen der Anspruch auf Pension honoriert werden muß, wächst die Anzahl' der ruhegenießend'en Personen und Persönlichkeiten ins Fabelhafte, die sich allerdings nicht mit Unrecht darüber beklagen, daß ihnen die Pension weder Ruhe noch Genuß sichert. Aber ob sie nun von dem Lohn für bereits geleistete Tätigkeit, also für düs geetzlich eingetveiteue Ruhe-bcdürsnis, leben können ober nicht, tatsächlich leben sie, soferne sie nicht ihre Pfründe durch „Nebenerwerb" aufbessern können, von der vielgechmähten, nichtvalorisierten Pension, und dort, wo sie den ‘ Nebenerwerb gefunden haben, ist er nur eine Zubuße,* eine Komplettierung der Versorgungsgebühr. Die Unvorichtigen, denen kein Rnhegenuß den Ausklang ihres Lebens versöhnt, pflegen doch mit der „Abftrtigung" gewissermaßen einen kleinen Terno zu machen, die Arbeitslosen werden auf Staatskosten teilweise und. nicht unwesentlich erhalten. So leben breite Gruppen der Bevölkerung nicht von der Arbeit, sondern von einem Anspruch. Und damit ist auch die Frage, wovon Wien lebt, ürs erste einigermaßen beantwortet. Die Frage muß geteilt werden. Denn tatsächlich ist in Wien die Quelle, aus der andere Großstädte ihren Lebensunterhalt schöpfen, verstopft. . Der ■ Schneider ist ebenso unbeschäftigt oder halbbeschäftigt.wie der Schuster, die Geschäftsleute jammern herzzerreißend, denn es ist klar, daß eine Stadt, in der die große Masse der Bevölkerung von. Arbeitslosenunterstützung in irgendeiner Form lebt, kaufkräftige Kundschaft kaum mehr beistellen kann. Die Falliments oder die gutmütigeren Liquidationen setzen sich fort, weitere Geschäftshäuser, weitere Bankwechselstuben wrren, aber gleichzeitig lebt Wien dennoch. Es - ist nicht zu leugnen. Aber die Frage ist berechtigt, die jeden Ausander beschäftigt, für den die Existenz Wiens nicht so elbstverständlich ist wie für uns: Wovon lebt Wien? : Diese Frage war eigentlich immer höchst aktuell. Denn niemals hat die Arbeit Wien oder hat Wien die Arbeit erhalten. Die Beamten lebten hier leidlich oder unleidlich von ihrem Gehalt, und in einem gewissen ausgemessenen Dienstalter verwandelte sich der Gehalt eben in die „Pension". Aber das wirkliche Leben kam nach -dem Umsturz aus der Börse, aus Valutenfchwankungen, aus Geschäften jeder und aller Art. Diese Verdienst- Möglichkeiten — wenn man so sagen darf — sind noch nicht geschwunden, es gibt auch heute noch Spezialitäten dieser Art, aber man täte Wien unrecht, wollte man beaupten, daß es auch heute noch von glücklichen'Spekulaionen fein Leben fristet. ' Aber Wien lebt. Selbst der Mittelstand, der am meisten Anlaß zum Erstaunen über seine Daseinskraft gibt. Soferne er nicht aus Abfertigung oder Pension alimentiert wird, werden Zimmer — und zwar seit der Milderung des Mietengesetzes — zu höchsten Preisen vermietet. Alt ererbtes Mobiliar wird verkauft, verpfändet, Anzüge wenden zum Händler getragen, man entdeckt, daß die Nippes, die seit Jahrzehnten auf den Tischchen standen, überzähliger Ballast, daß die Mosaikuhr, die vor einem jalben Jahrhundert stehen blieb, höchst überflüssig, daß die Bilder an den Wänden ganz und gar veraltet, und daß es Zeit, sie zum mindesten gegen einen Radioapparat oder für einen noch unentbehrlicheren 'Gebrauchsgegenstand einzutanschen. Möglicher- und glücklicherweise fällt den Söhnen. und Enkeln eine kleine Erbschaft aus der guten alten Zeit zu: Die Papiere sind dreiviertel entwertet, das durch die Erbfolge angefallene Geschäft etwas notleidend, aber — zuzüglich der derkaufssähigen Kleider des. Erblassers — sichert es wieder eine Zeitlang Lebensunterhalt. Trotz alledem und trotz solcher Glücksfälle ist dieser Mittelstand wenig beneidenswert; herzlicher gratulieren wir den Soliden, die ganz einfach davon leberi, daß sie auf einem Vertragsschein bestehen können. Dieser Vertrag, diese, Stellung, die mit Arbeit zu verwechseln ein Irrtum wäre, sichert ihnen einen mehr als anständigen Lebensunterhalt. Und der Vertrag ist eigentlich lebenslänglich, denn mit der Lösung des Vertrages wäre weniger das Leben des so günstig Angestellten als jenes des Unternehmens zu Ende, das an die Vernichteten das Reugeld zu bezahlen hätte. Das sind jene guten Stellen, die heute überhaupt nicht mehr — das.heißt nm der selbstverständlichen Einschränkung: es sei denn durch Protektorat, durch Verwandtschaft, durch glückliche Zufälle, die keine Zufälle sind — vergeben werden. Und wenn man auch eine gewisse, allerdings sehr gemäßigte Arbeit den aus den Bertragsverhältnissen resultierenden Folgen nicht absprechen kann, so muß man gerechter Weise hinzufugen: daß von Hunderttaufenden, die befähigt wären, nur einer..das hat, was man Glück oder Protektion nennen kann. Begreiflich also die wilde, verwegene Jagd nach solchen privilegierten Stellen, die Arbeit durch Vertrag ersetzen, nach Verbindungen, nach Protektion, nach Fürsprechern, nach Empfehlungen, dllan zahlt hohe Preise, hohe Provisionen, um dieses Kind der Zeit beim 'richtigen .Normen zu nennen. Natürlich nicht s nur für Stellen, sondern auch — was kürzer ist — für Geld. Vielleicht war es noch niemals in Wien so «Bucht Wir