Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2404 (1.11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 1. Novomlber 1005 Ke. m mU* Set Oettutitag Sit JiimiSe». MW«»«» (n Sie«. Der vorgestern ab gehaltene erste Verbandstag der reoisionistischen Zionisten Oesterreichs, der radikalsten Oppositionsgruppe innerhalb der Zionistischen Organisation, war in der Hauptsache den Fragen des. Aufbaues einer revisionistischen 'Ortsgruppe in Wien gewidmet. Dr. Norbert H offmann, wr die Vertreter des österreichischen Zionistischen Landeskomitees und den Vertreter des Pariser Zentralkomitees der Revisionisten, Wladimir Jabo tinscky, begrüßte, schilderte in seiner E'mfichrungsrede die Entwicklung der revisionistischen Bewegung in Wien. Er erklärte, der Revisionismus wolle nicht Zerstörend in der Organisation wirken, sondern fördern. Dazu sei für die erste Zeit eine Sonderorganisation nötig. Herr Benjamin Algin besprach zunächst kurz das Hauptpostulat des revisionistischen Programms: aus einer Minorität in alter Welt müsse das Mische Voll eine Majorität in Palästina weiden. Diese konsequente Forderung, die Bchäbung der Iudeimot durch den Judenstaat, könne in einer Welt, die immerhin auf rechtliche Prinzipien aiMbaut ist, mit rechtlichen Mitteln durchgeführt werden. Das ist das Ziel, alles andere s-ci der Weg, und welchen Weg die Revisionisten gchen wollen, sei zur Genüge bekannt. Wenn die Zionisten über die Probleme selber Nachdenken werden und nicht ihre Führer für sich denken lassen, selber die Methoden prüfen, dann werden sie zur Einsicht kommen, daß die Ignorierung der politischen Hilfsmittel nicht zum Ziele führe. Die revisionistische Gruppe werde in der Landesorganisation verbleiben, aber als Soudergruppierung, was sie nicht abhalten soll, -aus allgemeinen Gcibiete«, so für die Fincmtzinstilute, mit der größten Anstrengung zu arbeiten. Sodann ergriff im Namen des Pariser Zentralckamitees Wladimir Jabotinsky Wort. Er überbrachte die Grüße der in seiner Anwesenheit stattgefundenen revisionistischen Konferenzen in Lettland und Litauen sowie die des Pariser Zentralkomitees. Die Revisionisten seien sich der potenziellen Macht de - I ude nt ums und der Zionistischen Organisation bewußt einer Macht, die nicht ausgentützt werde und die die politischen Vorbedingungen zur palästinensischen Kolonisation, was mit der Schaffung einer neuen Mchrheit gleichbedeutend sei, bringen könnte. Herzl wußte, daß 'der Zionismus politisch oder überhaupt nicht sein werde. Kolonisationsmodelle können beweisen, daß die Juden zur Kolonisation fähig seien. Mer dazu brauche man nicht Palästina, das hübe man in Odessa und Argentinien bewiesen. Es wird Kleinarbeit geleistet, die zwar sehr nötig fei, aber ohne die politischen Vorbedingungen zur Katastrophe führen müsse. Die politische Arbeit müsse wie ome DampswoAe der Kleinarbeit vorangchen. Für den Handel braucht man Schutzzöll e, für die Landwirtschaft Enteignung, zur Fina-nyierung eine vom Staat garantierte Anleihe. Mir die Revisionisten ist die politische Vorbedingung eine Conditio sine qua non. Ein weiterer Unterschied ist die Frage der Legion. In der ganzen Welt geht eine revisionistische Gäru ng vor sich, zum Teil sei 'der Revisionismus schon eine Massenbewegung, in Polen, in Palästina, in Rumänien Md im Misrachi. Es werden Schritte zur Reorganisation des Zentralkomitees unternommen, das in dem Schöpfer der jüdischen Schutzarmee in Odessa, der diese Stadt Mi Jahve lang vor Pogromen bewahrt hat, Salamon Jakobi, eine hervorragende Kraft gewonnen habe. Der „Raßwjet" wird in kürzester Zest in fünf Sprachen erscheinen. Alle Länder, die in Betracht kommen, werden von Revisionisten bereist werden, um die Gründung von revisionistischen Ortsgruppen und die Abhaltung von Konferenzen in die Wege zu leiten. Ueberall nehme der Revisionismus zu, selbst in Deutschland. Die revisionistische Bewegung müsse zwei Stadien durchmachen, zuerst den inneren Aufbau,, dann Eroberun g des Kongresses.' Er bespricht dann die Methode des Ausbaues der Organisation. Abgesondert von der politischen Organisation wird der „Brich Haschomer" aus föderativem Wege die Entwicklung des Wehrsportes unter der jüdischen Jugend anbahnen. Es wird u. a. «ine Jnstruktoronschule gegründet werden. Aus «»ine Anfrage, wie sich der Revisionismus zur Arbeiterbewegung stelle, antwortete Jabotinsky, daß der Revisionismus alle jüdischen Energien, wie immer sie sich äußern mögen, unparteiisch zu nützen und zu unterstützen habe. Jode Gruppe könne bauen, wie ez ihr paßt, alle müssen in der besten Form unterstützt werden. Die Leitung darf nur v i n Ideal haben: den Aufbau Palästinas auf jede Weise. Es wurde sodann die Wahl einer Exekutive, bestehend aus den Herren Akzin, Dr. Di am and, Schnier machet, D u r a r i und R a u ch w « r g e r, vorgenommen, welche den Auftrag erhielt, die Sondevorganisation im Sinne des § 2 des österreichischen zionistischen Statuts anzumelden. * Selbstmord einer Wiener Rompilgerin. Wie die Mätter aus Venedig melden, wurde beim Abgang eines Pilgerplges »ie dreißigjährige Wienerin Emma Olbrich vermißt. Man fand sie im Hotelzimmer im Bette liegend, mit einet schweren Pyramidonvergiftung aus. Aus dem ^'.sche lagen drei Briese,, deren Inhalt nicht gedeutet wevden konnte. Emma Olbrich ist nachmittags im Spital, gestorben. Neueste Modelle! Qualitätsarbeit! BIM je Preise! Bestes Material! Ttl« 20"3*30 Eigene Ent würfe l Engros —endelall! Wiener Toledoarbeit Spitzen und Handarbeiten auf Damen*, Bett* und Tischwäsche, Vorhängen, Braut* und Babyaus* Stiftungen, Blusen usw. Guido Bretter Kommanditgesellschaft ocs Wien, V9II. Josefstädferstrassc 9, Men. 9 Her legendäre Bmtbatt. Daheim, unter seinen jüdischen Brüdern in Polen, wurde er anders verstanden und das Verhältnis zu ihm war ein ganz anderes Äs im Westen, ja sogar in Wien, das doch reichlich Enthusiasmus und übertriebene Schwärmerei aufzubrmgen imstande ist, - Krastlvistungen sind in Gwßistädtxn honte., int Zeitalter von Sport und Körpertraining, Seine Attraktionen mehr, wenn sw nicht etwas Außerordentliches und „noch nie Tagewesieues" dringen. Nun, solange der Name Brcitbart Sensation bedeutete, ging man in Wien ins „Ronacher" oder man bewunderte seine Kunststücke gratis auf der Straße, wo er einen mit Müßiggängern voll belasteten Wagen mit den Zähnen zog oder ein dahin saufendes Auto zum Stehen brachte. Das Interesse für Breitbavt war noch ' einigermaßen lebhaft, als ein ,Konkurrenzkampf" zwischen ihm unb dem Telepathen Hanufsew-Steinfchneider entstand. Wobei nian beim Frühstückstisch, bei knusperigen Semmeln und frischgedruckten Zeitungen nicht erfuhr, daß die Annonoen und Erklärungen» BreitbavtS letztes Geld verzehrten; nrußten doch gute. Freunde das Reisegold aufbringen, lim Breitbart aus Wien fortzuhelfen ... Als er dann in seine Hemmt kam, konnte er wieder seinen früheren Namen führen, denn Hort kennt man ihn nicht als Siegmund, sondern als Sische, als einen aus dem Volke, das in ihm seinen Helden — einen zweiten Samson — sah, seine gigantischen Kräfte schon lbewunderte und hoffnungsvoll zu ihm auMckte. .Denn die Not ist groß unter den jüdischen Massen des Ostens und beflügelt ihre Phantasie, die -stets das Höchste erwartet und auf das Aeuherste gefaßt ist. Dieser herrliche Kraftmensch, der wie ein römischer Zenturio in goldgestickter Tunika, mit Holm und Sandalen, in einem Streitwagen, den er selbst lenkte, angesahren kam und die dicksten.Ketten zerbiß und zerriß, vielleicht gelingt es rhm — so phantasierte dis Hoffnung der Gedrückten —, die Not und Bedrückung, die scharf wie Ketten ins Fleisch schneiden, zu ibeseitigen und das BÄ zu ,/erlösen"?! ... ' ■ . : , Nicht lachen! So war es: Nicht den artistischen Leistungen Bvoitbarts, sondern seiner Erscheinung als ,Helfer" und ,Heros" jubelte die -Masse zu und war auf ihn stolz. Man bedenke: Der stärkste Mann der Welt -- ein Jude! Und gar einer, der im volkstümlichen Jiddisch spricht, ins Bethaus kommt, wie sie lebt, kurz: ein Bruder unter Brüdern! Bon der Masse suggeriert, glaubte Breitbart selbst an seine Mission — seinen Brüdern zu Holsen. Dieser-naive, ungeschlachte Mann aus dem Volke ließ sich oft zu überschwänglichen und phLntasievollen Aussprachen ,M sein Volk" Hinreißen. Wie wenn er das Wachsen neuer, grenzenloser Kräfte spürte, benahm er sich auf Versammlungen, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden, sehr unbändig, gestikulierte in übertrie'benen Fveudensansbrüchen und, in Ekstase geratend, versprach er hoch und heilig, seinem Volke beizustohen . . . Den Zenith feines Erfolges erlebte Sische Bvoitbart nicht in Wien oder NewGork, sondern in Mlawa und Kieloe und in den übrigen Städten seines GeburkSlandes. Daß ihn gerade in ment dieser kleinen Provinzttester der tödliche Nagel ritzen mußte, Las verdoppelt die Tragik seines Geschickes, unter bereit Eindruck die Masse noch lange flohen wird. Und dann sein Krankenlager. Was soll das Volk dazu sagen, wenn ein gefeierter Artist auf dem Krankenbett darau denkt, daß man Psalmen und andere Gebete für seine Genesung verrichte; und wie die letzte Minuts naht, gibt er als seine letzten Wünsche kund: man möge ihn ja nur auf einem orthodox-jüdischen Friedhöfe beerdigen, in einem einfachen, ungehobelten Holzsarge, wie es die „Chewra Kadischa" daheim mit den Toten des Volkes tut . . . Nun nahm d'e Legende ihren Anfang. Von Mund zu Mund gingen Geschichten über den dahingeschiedenen Helden und die Trauer nm ihn nahm melodische Form an in dem ,Klagelied über den Tod des jüdischen Helden Sische Breitbart", da's rasch in den Volksmund überging und an den Stätten der Arbeit eilenfo gesungen wird Wie in Konzerten, Kabaveits u. dgl. ■ \ ■ Und sver weiß: BiPeicht wich. im Danse der Zejt Sische Bre-ttlnrt zu jener tcgrudären Gestalt, von der einst der Großvater seinem Enkel erzählen wird: 'S>er große jüdische Held Sische Hagibor, der dicke Eisenstäbe bog und Kettcil wie Papier zerriß, er war nähe daran, feine unterdrückten Brüder von ihrem Joch §it befreien —- aber *** war anders beschlossen; ein plötzlicher Tod hünderke > sein Werk zu vollbringen ... I. Tiger Zom-KWur bei vlntugiefischen Marannen. Bott Ing. Samuel Schwarz (Lissabon). Ich stehe noch volttommen unter dem umchtigcn und tiefen Eindruck des Erlebnisses am letzten Jam-Kippur, den ich in Gesellschaft unserer Marannenbrüder in Bel Mon te verbringen durste. Ich gestche es, daß ich seit meiner Kindheit stets von der mysteriösen Heiligkeit der Jam-Kippur-Zereuwnie gefangen genomimen war und daß selbst jetzt nach ■ meiner dreißigjährigen Wanderung durch die Welt die ernsten und eindrucksvollen Empfindungen am Kol-Nidve-Gbon>d in meiner kleinen polnischen Geburtsstadt noch mit aller Kraft in mir fortlaben. Aber niemals noch stand ich unter so t;c!et Rührung und so unauslöschlichem Eindruck an einem Join. Kippur-Abend als an jvnent, den ich jetzt im Kreise ocr sogenannten portugiesischen Neuchrisie-n" verlebt habe, die nur dem Namen nach Christen find. In Meiner Studie über die portugiesischen Kryptojuden („£)S Cristäos-Novos ent Portugal no Seculo 20", Lissabon 1926) hcrbe Ich eingehend die jüdischen Zeremonien, Gebete und Riten gefchbldert, welche von den Marannen noch hentzutcvge eingchalten werden. Unter der Bezeichnung '„JudäoMarannen" verstehe ich hier jene Marannen, die sich ihres Judentums bewußt gSblieiben sind und unter'der Herrschaft ihrer jahrhundertealten Familientradition förtfahren, die Religion ihrer Vorfahren zu beobachten. Die Maranmn der kleinen Stadt Bel Monte sind in di-e- .str BezichPtg besonders chavatteristifch, da sie am wenigsten assimiliert sind und sich am engsten an die Bopschristen der jüdischen Religion halten. Aber wie ich bereits in meiner obenerwähnten Studie betottt habe, sind die jüdisch-religiösen Vorschriften der Maraomen nicht voMomwen identisch mit den rituellen Vorschriften der Juden, fei es infolge gewisser mit dem während vier Jahchunderte zur Schau getragenen ossizellen Christentum zuscmmrenhängendeir Abirrungen, sei es, tverl sie, am die überaus strenge Kontrolle der Spione der Inquisition zu täuschenj die sich ganz besonders anläßlich der jüdischen Feste verstärkt hatte, verschieidene Varianten in bezug auf den Zeitpunkt und die Fovm der Feste und der Zeremonien einzusühren gezwungen'waren. So haben die Marannen, da sie infolge der überaus ftretrgen Uäbemachung nicht in der Lage waren, den Jom- Kippur ainr vorschviftSmäßigen Datum zu halten, die Uebuug angenommm, den. Dag des Jom-Kippur um eilten Tag später zu feiem als die übrige Judenheit. Diese Uejbung fand dqnn Eingang in die Traditon der Marannen und ihre. Nachkommen hielten an dieser Tradition bis auf unsere Tage sch, so' daß sie Mch heute noch den Jom-Kippur-' Dag am 11. Tag nach dem Neumond des Monats September feiern. Es ist übrigens kein leichtes Unternehmen und es wäre auch nicht Aiug, sie von diesem Irrtum zu überzengen und äbbrinigen zu wollen, denn man riese Gefahr, fourd) ein Rütteln an dieser Uebevlieferung, die sie um den Preis übermenschlicher Leiden' und Opfer bis «in unsere Tage hinein erhalten haben, auch das Wesen ihres jüdischen Glaubens zu zerstören. Hier könnte höchstens eine geduldige, mit Zartgefühl durchgsftihrte Wiedererziehnng zum nationalen Glauben und Denken das ZU erreichen. So schätze ich es als einen großen Sieg kluger jivdWer Propaganda ein, daß die Marannen von Bel Monte sich entschlossen haben, in diesem Jcchr den Jom-Kippur-Dag att seinem geisetzlich vougeschrichenen Datum, zu feiern, wodurch mir die MMchkeit geboten war, das Fest in Grer Gemeinschaft im Interesse einer Annäherung und Wiedervereinigung zu begchen. Die Gebe te am Jom-Kippur werden in al t p ot t ugiesilscher Sprache in fünf Mschnitten, deren letzter entsprechend Mserer „Ne-ila" bei Sommvuntergang rezitiert wird, gesprochen. Nach jedem dicher Abschnitte nähern sich die 'Kinder ihren Gttern, küssen ihneq die Hände und bitten um 'ihren Sogen. Die Eltern legen die Hand au,f die Stirn des Kindes MO glätten dann das Gesicht ihrer Sprößlinge. Diese eigenartige Fovm der Segmerteilung scheint sehr alten, se- Phardischen Ursprmvgs zu sein. Dis ÄMalen der Jnqui- , sttion nehmen hierauf an sehr vielen Stellen Bezug und diese Unschuldige Sittie diente auch dm Henikem der Inquisition zum Vorwand für die schreMchlsten Folterungen Mserer armen Marannenbrüder, da sie oift der einzige Nachweis ihrer Zn- 'gehörigkett zum Judentum und ihrer V-evchrung des Mischen Glaubens war. Nach Abschluß des GottesdiieNsteS schreitet die ganze Gemeinde, so wie es auch bei den sephardischen Juden der Fall 'ijft, zur Begrüßung des Neumonds durch einen Segensspruch, mit dem Unterschied Doch, daß, während in dm schhardischcn Gemeinden diese Zeremonie im Freien durchgeführt wkd, die MavaMen die vorgeschriebonen Gchete im Betsaa'l selbst verrichten. Obgleich nicht alle Maranpen von Bel Monte an der Jom-Kippur-Feier teilgenommen hatten, die einen, weil sie geschäftlich, verhindert waren, die anderen — tont comme chez nm§! — aus Indolenz, waren es doch an die,, zweihundert Männer, und Franm, die, in vier „Mnjanim" geteilt, in diesenr Jahr den Fest- und Fasttag Kippur mit derselben GenauiMt und Mischen UeberzengUng feierten.wie - etwa einer unserer frömmsten Misrachistm. in reW« LÄMitzeird WIlMlitii >M« .>