Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2404 (1.11.1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Sonntag Wiener Morgenzettung ...■■■ i 1. Noveimlber 1906 Nr. 0404 Lyoner Seidenbaus! Wien, l Kohlmesserg.7 gegenüber Hotel Metropole) bringt diese Woche | Qua! I SEIDEN- M 4.1 Qual. 11 FÜTTERBROKATE V«.! Qual. 1U in herrlichen Deeains AM 8. >80 I Ia Se!den*Herrenschals . . 4p >80 Qual II Seiden-Herrenschats m 80 j la Selden-Damenschals. . , 8P Detailverkauf zu Orlglnal-Engroaprelsen 1 S'jo I Welthaus fUr #:?o Seidenschau I (schmteriBcler) slo- Eniugung! Phmtasien über Steigers „Kommunismus". Lee erschütterte Sn ijienbeioels. (von unserem H.-Korrespoudenten.) Lemberg, S1. Oktober. Je weiter der Steiger-Prozeß fortschreitet, der nach der vom Gericht <ut|f Grund der Anträge der Verteidigung und des Staatsanwaltes beschlossenen Ergänzung des Belveisverfahrens wohl noch m i ndestenSdreiWochen dauern dürste, desto mehr werden die Indizienbeweise der Anklage durchlöchert. Die Frage nach dem Motiv der Tat, welches für Steiger als Attentäter schwer zu finden ist, hat die Anklage mit der Berufung auf zwei Zeugenaussagen beantwortet: sie führt an, daß Steiger dem Polizeikommissär Lukomski gegenüber bei einem Verhör erklärt habe, er hoffe aujf eine Zeit, wo alle religiösen, nationalen und Klassenunterschiede verschwinden werden; aus. diesen Angaben, die sich im Untersuchungsprotokoll nicht vorfinden, folgert die Anklage Unzufriedenheit Steigers mit den bestehenden Verhältnissen als Motiv seiner Tat. Steiger erklärt, solche Angaben nie gemacht zu haben, und die Einvernahme des PolizeHommissärs Lukomski, die noch bevorsteht, wird daher von großem Interesse sein. Die Anklage legt aber auch ihrer Motrvkonstruktion zugrunde, daß Steiger irgend welche Verbindung mit Kommun i st e n gehabt habe, die für die Erklärung der ihm zugefchriebenen Tat herangezogen werden könnten. Als Zeugen dafür hat die Staatsanwaltschaft, wie bereits berichtet, den 22jährigen Ukrainer Werchola geführt. Die Aussage des Werchola nun, über die Ihr Korrespondent bereits zu berichten Gelegenheit hatte, ist geradezu schmählich z uf ammenge brachen. Nach langem Hin und Her hatte Werchola, aus dem sachliche. Angaben schwer herauszubekommen waren, erklärt, er habe Steiger mehrere Wochen vor dem Attentat in Lu bien (wo Steiger sich tatsächlich im Jahre 1924 einmal ein paar Tage aufhielt) in Gesellschaft eines Kommunisten namens Alexander Mrak und dessen Schwester gesehen.. Die Geschwister Mrak wurden unmittelbar nach Wercholas Aussagen einvernommen und erklärten, sie hatten Steiger nie gesehen und nie gekannt. Sie wiederholten diese Aussage auch in der Konfrontation mit Werchola, der übrigens in einem, gerichtsärztlichen Gutachten vom Jahre 1926 als p a t h o l o tz i s ch e r Lügner und Phantast bezeichnet wird. Die Indizien der Anklage über das. Motiv für das Steiger zugeschriebene Attentat sind demgemäß nicht.einleuchtend; die.Annahme, daß die Bombe, von dem Ort aus geschleudert wurde, wo Steiger, im kritischen Augenblick stand, ist nicht zur Evidenz ^bewiesen, was schon daraus hervorgeht, daß das Gericht die von der Verteidigung beantragte Einvernahme einer Reihe von Zeugen beschlossen hat, die bekunden, daß die Bombe von einem ganz anderen Platze aus - geschleudert wurde. Vor allem aber ist durch verschiedene Zeugenaussagen die Glaubwürdigkeit der Kronzeugin Pasternak schwer erschüttert, au>s deren Angaben bezüglich des Ortes, an dem die Bombe geschleudert wurde, und bezüglich der Person Steigers als Attentäter sich die Anklage hauptsächlich beruft. Die heule so dezidierten Angaben der Pasternak scheinen im Anfang alles eher denn genau gewesen zu sein. In dieser Hinsicht ist die gestrige Aussage des als Zeugen vernommenen Kommissärs der Staatspolizei Suchenko, der zur Zeit des Attentats Kommandant der Schutzbrigade für den StaatsPrHsidenten Ivar, höchst bemerkenswert. Kommissär Suchenko gab an, daß er 20 Minuten nach dein Attentat auf der Polizei erschien und gerade dazu kam, wie Steiger und die Pasternak verhört wurden; er verhörte selbst die Pasternak über die Einzelheiten des Attentats. Die Pasternak konnte damals — so erklärt -er Zeuge — keine konkreten AWaben machen. Auf die Frage Suchenkos, ob sie gesehen habe, wie Steiger die Bombe warf, antwortete sie, sie habe Steiger flücht e n gesehen. Nun sind aber sofort nach dem Bombenwurf, wie bereits durch mehrere Zeugenaussagen festgestellt ist, zahlreiche Personen geflüchtet. Suchenko fragte die Pasternak damals wiederholt, ob sie in der Hand Steigers die Bombe gesehen und ob sie den Bombenwurf beobachtet habe. Die Pasternak antwortete damals mit der Verlegenheitsfloskel: „Das war der Herr," die nichts besagt. Ueber Befragen der Verteidigung erklärte Kommissär Suchenko, er hätte als Untersuchungsrichter die Anklage nicht auf eine Zeugin gestützt, wie es die Pasternak ist. Diese Darlegungen eines erfahrenen Pokizeibeamten riefen größte Sensation hervor. Die Zeugen Eisenberg und Eck. Wie bekannt, hat der Staatsanwalt am letzten Samstag mitgeteilt, daß er einen von Isaak E i s e n b e r g und Israel Eck gezeichneten Brief erhalten habe, worin ihm die Mitteilung gemacht wurde, die, beiden Briefschreiber könnten eidlich bekunden, daß sie gesehen hätten, wie Steiger die Bombe gegen den Staatspräsidenten warf; der Staatsanwalt beantragte die Z e u g e n l a d u n g der beiden Genannten und das Gericht hat diesem Anträge z udqrch Pr. Hoffbsuers Entfettungs-Tabletten Piese.ben sind von bester Wirkung, angenehmem Oe* schmaclc, vollständig imschädlich, stellen eine s hlanfc graziöse Figur her, ohne Diätzwang oder Aendertjng der Lebensweise. Prompte Oewichtsabnahme. Vora Volksgesundheltsamt bewilligt Nr. LN Kein Abführmittel. Keine Schilddrüse. Depot: Apotheke „Zum Römischen Kaiser", Wien,Wollzelle 13 /4 gesti m n: t. Die Verteidigung Steigers hatte.in ihren Gittwendungen gegen die Anträge des Staatsanwaltes die Vermutung ausgesprochen, daß der Brief an dm Staatsanwalt eine Mystifikation sei. Dies scheint sich nunmehr zu bestätigen. Ihr Korrespondent, der in Erfahrung brachte, wer die auf dem Briefe unterschriebenen Personen seien, suchte die beiden Herren auf. Es sind Kaufleute; Isaak Eisenberg, der in Lemberg, Bernhardinerplatz 2 wohnhaft ist, erklärte über Befragen, er habe davon, daß er einen Brief an die Staatsanwaltschaft geschrieben hätte, erst aus den, Zeitungen erfahren, es scheine sich hier um einen Mißbrauch seines Namens zu handeln. Israel Eck, dessen Ge, schüft sich in Lemberg, Romanowitschgasse 2, befindet, erfuhr erst von Ihrem Korrespondenten, daß er angeblich einen Brief an die Staatsanwaltschaft geschrieben haben und als Zeuge vernommen werden soll. Die Aussagen beider Herren werden also nicht viel Licht in die Prozeßsache bringen, dagegen wird erhoben werden müssen, wer der Briefschreiberist. Slschanski und die ukrainische» Srganisationen. Das von unserem Berliner Berichterstatter gestern wiedergegebene Interview, welches der ehemalige Präsident der nach dem Umsturz entstandenen westukrainischen Republik, P e t r u s i e w i c z und sein damaliger Außenminister, der ukrainische Politiker Perfeeki, Berliner Journalisten über den Steiger-Prozeß und die Angelegenheit Olschanski gewährt haben, veranlaßte uns, an den bekannten Wiener Zionisten, unseren Freund Dr. Israel W a l d m a n n, mit der Bitte heranzutreten, sich über dieses Interview zu äußern. Die Mitteilungen Dr. Waldmanns sind nicht nur deshalb von Wichtigkeit, weil er die Angelegenheit Olschanski genau kennt, sondern auch deshalb, weil er seinerzeit der von Petrusiewicz gebildeten Regierung angehört hat und die politischen Strömungen unter den Ukrainern genau kennt. Dr. Waldmann äußerte seine persönliche Meinung folgendermaßen: „Petrusiewicz und Perfeeki sind moralisch einwandfreie Personen und haben die vollständig korrekte und loyale Erklärung abgegeben, daß Steiger unschuldig ist. Beide Herren haben in der Judenfrage den Standpunkt des wünschenswerten Zusammenlebens beider Völker auf der Grundlage der völligen Gleichberechtigung beider Nationen vertreten. Wenn Petrusiewicz und Perfeeki über die' konkrete Frage der Schuld Olschanskis keine dezidierte Antwort gegeben haben, so geschah dies nicht aus irgendwelchen Gründen der Politik oder um den Tatbestand zu verdunkeln, sondern weil sie über die subversiven Organisationen der ukrainischen militärischen Verbände keine Kontrolle haben. Diese letzteren entziehen sich jeder Verantwortung und Kontrolle und deswegen konnten die beiden genannten Herren meiner Ansicht nach als verantwortliche Politiker keine autoritative Erklärung über die Schuld Olschanskis abgeben, weil sämtliche ihnen eventuell zur Verfügung stehenden Nachrichten keine offizielle Grundlage haben können. Politiker vom Range Petrusiewicz Helfern nach Chamberg (Savoyen) gekommen, wo er bewährte Mitarbeiter in der Gestalt des dortigen Rabbiners Peirot und eines reichen Inden Abognet fand. Von hier aus hätten sich die Brunnenvergifter in alle Städte der Provence zerstreut, „wo sie überall den Tod säten". Sogar die Zusammenstellung des fürchterlichen Giftes, das die schreckliche Pestkrankheit verbreitete, wurde festgestellt. Es war eine Mischung von Spinnen, Fröschen und Eidechsen, vermengt mit Brocken christlicher Herzen und Hostienbrotteig. Diese Beschuldigungen genügten. Eine jüdische Gemeinde, die in einem malerisch gelegenen Dorf bei Carpentras wohnte, wurde in einer Nacht ganz ausgerottet. Tag und Nacht fing man, wo man sie nur fand, Juden ein, zu zehn, zu hundert, Männer, Frauen und Kinder, und ertränkte, hängte und mordete sie. Die milde Strafe des „Zerknallens" wurde für eine Zeitlang abgeschafft. 1 Ter aufgeklärte Papst Clemens der Sechste, dessen Schulden an die Juden zu der Zeit schon viele Zehntausend Florins erreichten, übernahm ihre Verteidigung mittels Bullen, für die jede jüdische Gemeinde nach ihrer Zahlungsfähigkeit zu zahlen hatte, wandte sich an die christlichen Gefühle der Bevölkerung, drohte ihr mit harten Strafen,' mit Ausschließung aus der Kirchengemeinschaft für die Verbreitung falscher Gerüchte und sinnlosen Aberglaubens. Und es gelang ihm schließlich, diese grausamen Metzeleien einzustellen . . . Die Juden behielten aber diese Zeiten noch lange im Gedächtnis. Das erlittene Martyrium machte alles, was mit ihm verbunden war, zu heiligen Reliquien. Und als das Ghetto in Carpentras schon längst abgeschasfl war, und auch das Tragen des Radabzeichens auf der Brust und der Frisur mij Hörnchen nicht mehr obligat war, wollten die Juden noch lange nicht auf diese Sondermerkmale verzichten und das Ghetto mit seinen im Winter und Sommer finsteren und glitscherigen Gäckchen verlassen. Im 19. Jahrhundert mußte man sie m i t Gewalt aus dem Ghetto delogieren. Die Embleme der Jahrzehnte des Martyriums aber bildeten noch sehr lange Zeit die heißeste Streitfrage zwischen den verstocklen und aufgeklärten Elementen der Gemeinde. Für die evftcvcn galten sie als ein von Gott gegebenes und gebotenes Sonderübzeichen; ein Verzicht darauf war also gleich einer Verneinung des Glaubens der Väter und Verrat. Was aber die Frisur mit Hörnchen aus den Zöpfen anbelangt, so stand sie so gut dem ovalen, wie aus Elfenbein geschnitzten Gesichtern der jüdischen Schönen — die alten Chroniken und Legenden der Provence sprechen sehr oft und sehr viel von dem Zauber der jüdischen Frauen —, daß keine der von den Juden später errungenen Freiheiten diese Frisur, die einst als Zeichen der Verschmähung und Verstoßenheit ihnen auferlegt worden war, abschasfen konnte. Im Gegenteil, die hohe Frisur und Zöpfehörnchen (Krönchen) wurden im 19. Jahrhundert herrschende Mode. Und nicht nur in der Provence. P. S. Sie Wette. Von Arkadij Bwertschenko. Ich saß einst in einem kleinen Weinkeller mit Schauspielern und erklärte ihnen bei einem guten Glase Burgunder, wie man die Rolle des Hamlet spielen müsse, als in den Keller ein jünger Mann eintrat und die Schauspieler begrüßte. Sind Sie auch Schauspieler? frug er mich. Ja, antwortete ich. Ich bin bereits drei Wochen auf der Bühne. Haben Sie nie Lampenfieber? Lampenfieber? Nie. Hm . . . Das sagen Sie nur so. Gewiß, wenn man die Rolle studiert hat, wenn der Souffleur rechtzeitig einsetzt. . . aber stellen Sie sich vor, es kommt etwas Unerwartetes, womit weder der Regisseur, noch der Schauspieler rechnen -rna, dann stelle ich mir Ihr verblüfftes Gesicht vor . . . Ich sehe Sie zitternd auf der Bühne stehen. Hm, bemerkte ich, ironisch lächelnd, mich können Sie nicht verblüffen. Er schaute mich an und frug: Was spielt man morgen? Morgen? Da haben wir eine Premiere „Das Rad des Leben!:'". Der Verfasjer ist auch im Theater Ich spiele die Rolle deS Tschechichin, Also, mein Herr, Sie behaupten, daß man Sie aut der Bühne nicht aus der Fassung bringen kann? Ja, sagte ich kurz. Er sah mich scharf an, dann sagte er: Wollen Sie wetten? Die Wette geht um sechs Flaschen Burgunder! Zehn Flaschen. Einverstanden. Man spielte den zweiten Akt des Stückes „Daö Rad des Lebens". Ich hatte soeben eine stürmische Szene mit dem Webten Mädchen durchgeführt, die mir erklärte, daß sie nicht mich, sondern einen anderen liebe. Wer ist dieser andere: frug ich sie mit finsterem Blick. Das ist nicht Ihre Sache! antwortete sie stolz und verließ die Bühne. Ich kannte meine Rolle sehr gut. Nach dem Abgang des geliebten Mädchens muß ich mich an den Kops packen, mit den Zähnen knirschen, mich mit dem Kopf an den Diwanpolster drücken, dann aus der Tasche einen Revolver ziehen und ihn an die Schläfe legen. In diesem Augenblick muß die Hausfrau, die mich heimlich liebt, ins Zimmer treten, mich an der Hand packen und weinend mir ihre Gefühle gestehen, Ich hatte mich schon mit den Händen an den Kopf gepackt, mit den Zähnen geknirscht und wollte mich schon auf den Diwan stürzen, als die Äitentür sich öffnete und aus der Bühne jener Herr erschien, der mit mir die Wette abgeschlossen hatte. Guten Tag, Tschechichin! sagte er und reichte mir die Hand. — Sie haben mich nicht erwartet? Ich sah vor mir das erschreckte Gesicht des Souffleurs, hörte hinter mir den Angstruf des Regisseurs, bemerkte, wie der Autor in der Loge erblaßte , . . Guten Tag. Was ja! — antwortete ich finster. — Du bist in einem ungünstigen Moment gekommen. Komme ein anderes Mal, ich muß jetzt allein sein. , Das sind Dummheiten, sagte WaSja, und setzte sich keck auf den Diwan. Das Publikum bemerkte nichts, nur hinter den Kulissen begann ein seltsamer Lärm. Ich ging nachdenklich auf der Bühne auf und ab. Wasjä, sagte ich dann, du kennst Lidija Mkolajewna? Gewiß, ein pikantes Mädel! Ah, ries ich -wütend, dann List du deyjmtzr, dsu D