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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-01 · Heft 2404 (1.11.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2404 (1.11.1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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tot. 8M m% GonM r , -E- - wicht. „Einige tausend Familien" Emigranten kann man dort unterbringen, aber nicht viel— und die suchenden Augen wenden sich jenen Ländern zu, die jetzt unter fpanzösischer und englischer Mandatsverwaltung einen überraschenden Aufstieg nehmen. Zunächst'Syrien. Hier bleibt die Haltung Pedrazzis der Mandatarmacht ^gegenüber eine relativ freundliche. Abxr die Gründe dieser Freundlichkeit sind etwas fragwürdiger Art: Pedrazzi hält die Verankerung Frankreichs im Lande für eine sehr lockere, und Frankreichs Menschenarmut läßt erstens für die Zukunft eine Erbschaft hoffen, und läßt zweitens schon in der Gegenwart Spielraum genug für italienische Einwanderung, die auch weidlich auSgenützt wird. „Die italienischen Banken, Schiffe und Textilwaren behaupten dort , das Primat, und kein Mandat wird etwas daran ändern können!" Grundsätzlich anders aber wird der Tan, sobald Pedrazzi die Küsten Palästinas betritt. Englische Verwaltung, streng die Bestimmung eines Mandats handhabend, welches die Einwanderung einem bestimmten Volke reserviert. Hier gibt es keine Menschenarmut, welche Italien die Schlupfwege zu fremdem Gebiet offen läßt, und noch dazu zu einem Gebiet, welches für Mittelmeerverhältnisse ganz gewaltige Einwanderermassen absorbiert. „Seit 1919 bis heute bezeichnet eine Null die italienische Einwanderung "in Palästina!" Und während der italienische Bauer, der Landarbeiter, der Hafeningenieur an verschlossene Türen pocht, strömen von der ganzen Welt Elemente herein, die, mit italienischen Augen betrachtet, wenn überhaupt,. so nur unter Anwendung kostspieligster Mittel zu Kolonlsationselementen umgeschult werden können. „Geht der Geist des Mandats so weit? Ist eine solche Situation zulässig? Kann ein Mittelmeervolk vom ökonomischen und zivilen Leben eines Milteimeerlandes ausgeschlossen werden?" Das ist die Grundeinstellung heute eines italienischen Politikers, morgen der italienischen Politik. Alles andere, was nun an antizionistischen Argumenten aufgehäuft und wiederholt wird: der angeblich sittenlose Lebenswandel der Chaluzim, die Vatikaninteressen (die. englische Kirche in Palästina als Nachfolgerin der orthodoxen erscheint Pedrazzi besonders gefährlich, gefährlicher anscheinend als die judaistische Wiedergeburt), der Doar-Hajom-Prozeß, der „Jüdin"-Skandal, die Ermordung De Haans, das alles ist mehr oder minder Beiwerk, nicht minder wie die Einzelheiten über die Kolonisationsaussichten. Italienischer Expansionsdrang für Menschen und Waren ist das völlig Kardinale an der Einstellung, die vÄcstärkt wird von starken katholischen Interessen auf der einen, und einer lebhaft im Wachsen befindlichen Tendenz gegen alles, was englisch im Mittelmeer ist, auf der anderen Seite. So also, daß eine eigentliche antijüdische Grundtendenz nur vorhanden ist, soweit eine aktiv katholische Tendenz vorhanden ist, während die anderen Tendenzen nur eine Mitberücksichtigung italienischer Interessen verlangen und sich , hauptsächlich an die englische Adresse wenden. Eines allerdings wirkt grotesk in dem Buche: Pedrazzi berichtet, daß man den Italienern die Einwanderung in Transjordanien freig e st e l l t h a b e, doch habe Italien es abgelehnt, aus Furcht, in der kommenden Austreibung der Juden durch die Araber für die ersteren die Vorposten abzugeben! Gilt diese Furcht nicht für Palästina erst recht? Dort wollen Ae Wiege der französischen Fudentumr. Carpentras in der Proveney. Mit dem melodischen, graziösen Wort Serpentine verbindet der gegenwärtige Stadtmensch die Vorstellung von fröhlichem Lachen, lauter Musik, ausgelassener Fröhlichkeit. Einen ganz anderen Sinn stellte ehemals dieses Wort dar, wenn man es in dem provencalischen Städtchen Carpentras, in der Nähe der^ Papststadt Avignon, aussprach. Hier bedeutete es damals das Ghetto. Und auch jetzt noch heißt diese lange, enge, finstere, schmutzige Gasse, die sich schlangenweise durch eine Reihe von hohen, toten Häusern hinzieht — Serpentine. Die brennende Sonne der Provence wirft nie einen einzigen Strahl in diese düstere Gasse. Auch der Mond zieht es vor, freudigeren Städten seinen Silberstrahl zu spenden. Die Regenpfützen trocknen hier nie vollkommen und die Schmutzhaufen bilden so unappetitliche Hügel, daß man glauben könnte, sie hüten getreu die Tradition der alten, sehr alten Zeit, als noch diese Gasse mit dem Sonnenuntergang von beiden Seiten mit schweren Schlössern abgeschlossen wurde und ihre Bewohner die engen Grenzen des Ghetto ohne Lebensgefahr nicht überschreiten durften. Jetzt wohnt kein einziger Jude in dieser Gasse. Die Häuser stehen teilweise leer, teilweise werden sie als Warenlager benützt, und nur einige von ihnen, die erfolgreicher als die anderen den Ansturm der Jahrhunderte abgewehrt haben, dienen noch als Obdach für zuströmende italienische und algerische arbeitslose Proletey, In dem jetzigen Cqrpentras sind die Juden an den Fingern abzuzählen. Es sind noch vier bis fünf jüdische Familien vorhanden, das ist alles, was von dem jüdischen Element in Carpentras, das mit Recht als Wiege des französischen Judentums betrachtet werden kann, geblieben ist. Schon im 2. I a h r h u n d e r t existierte in Earpentras eine kleine jüdische Gemeinde, aus der sich später viele andere jüdische Gemeinden, die sich in der ganzen Provence bis zu . Marseille zerstreuten, abgezweigt hatten. Im 12. Jahrhundert gehörte die jüdische Gemeinde in Carpentras zu den sehr reichen und sehr angesehenen, Wiener Morgenzeitung_ sie nur „die Küsten" kolonisieren, aus Vorsicht. Dann dürfte es allerdings, zumindest jüdischerseits, nicht so schwer sein, zu einer Synthese zu gelangen. OL an den Levantestädten der Küste der bunte Levantecharakter, den man nicht wird aushalten können, durch das italienische Element noch bunter gestaltet werden wird, ist für uns keine Lebensfrage — wenn uns nur die vorsichtigeren Italiener jene Gegenden zu kolonisieren überlassen, zu deren Kolonisierung der Mangel an Furcht Voraussetzung ist. Italienische Waren in den Städten, italienische Schiffe in den Häfen, Schulen, in denen man auch italienisch spricht — welches Interesse sollte ptf unserer Seite bestehen, dies zu verhindern, da wir wissen, daß wir stets Mit Italien als Mittelmeermacht in engster Verbindung bleiben werden, und da wir dem Volk des Risorgimento die denkbar größte Sympathie entgegenbringen und die Hoffnung, für unseres Risorgimento gerade dort Verständnis zu finden? Es liegt kein Anlaß vor, Zündstoff ansammeln zu lassen. Man sollte Italien Gelegenheit geben, sich davon zu überzeugen, daß neben der Sicherstellung unserer vitalen Lebensinteressen noch sehr viel unausgenützter Raum für italienische Kräfte vorhanden ist und frei gemacht werden kann — aber nur für diejenigen Kräfte natürlich, die weder offen, noch hinterrücks gegen uns arbeiten und wühlen. Italien ist heute das einzige Land, in welchem sich Zentren, systematischer und kostspieliger Bekämpfung des Zionismus befinden. Sie können uns zweifellos den Weg nach Palästina erschweren. Aber sie können uns nicht hindern, und werden sich, wie Weizmann am Mailänder Presseybend sagte, „gewöhnen müssen, uns a serieux zu nehmen. Und wenn Palästina nicht vom Mittelmeer weggespült wird, wird es von den Juden aufgebaut werden!" Wem also ist diese feindselige Haltung zum Nutzen? Das weltlich-politische Italien wird begreifen, daß es bei einer freundlichen Haltung zum Zionismus mehr , zu erwarten hat, als wenn es seine Interessen unter dem Kriegsaltar des Vatikans verbirgt. Der neue Präsident der Union der .» Eine Charakteristik von Dr. Oskar Karbach, Generalsekretär-Stell- . Vertreter der Jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich. Wie die „W i e n e r M o r g e n z e i t u n g" vom 30.. Oktober meldet, hat der zu seiner Herbstsession in Lausanne zusammengetretene Generalrat der Internationalen Union der Völkerbundligen, in dem die Jüdische Liga für Oesterreich durch Herrn Professor Dr. Salo Baron repräsentiert war, zum Präsidenten der Union für das Geschäftsjahr 1926 den Vorsitzenden der Schweizerischen Völkerbundliga, Nationalrat Roger Dollf u s, gewählt. Letzte Kurie. New'Bork, 31. Oktober (Tel.-Komp.- Berlin 23.80, London Kabel 4.84%, London Scheck 4.80%, Amsterdam 40.25, Paris 4.21, Brüssel 4.5\ Nom 3.98%. Madrid 14.34 Zürich 19.27, Stockholm 26 77, Oslo 20.40 Kopenhagen 25.1-3 Wien 14%. Budapest 14%. Prag 296%. Belgrad 177%, Athen 1.33 Buenos Aires 41 Vi Rio de Janeiro 15.—. Bukarest 47%. New-Zork, 31. Oktober. «Tet.-Komv.) Wetzen rot Wimec 169% Wetzen hart Winter 171% Mais 95% Hafer 45% Roggen 86% Ehikago. 31. Oktober. «'Tel.-Komp.- Wetzen per Dezember 146%, Mai 142% Juli 125%: Mais ver Dezember 73% Mai 77%. Juli 78%' Hafer ver Dezember 38% Mai 43.—' In > 43% Roggen jip.t Derember 79% Mm 85% Juli 1. November 1926 ' Seite 3 Bei Regen, Wind, Kälte wird man leicht von Erkältung befallen. Man muss daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, dass im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige echte DIANA Franzbranntwein mit Menthol welcher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Qurgelwasser gleich unentbehrlich ist Ueberall erhältlich Diana - Franzbranntwein ■ Produktion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. EngerthStrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Die wachsende Bedeutung der Union für das jüdische politische Leben in Europa,, die besondere Wichtigkeit, die gerade das kommende Jahr haben wird, in dem über die Neuaufnahme mehrerer neuer jüdischer Ligeu, über die Probleme der Staatenlosigkeit, des Verfahrens in Streitigkeiten der Minoritäten vor dem Völkerbunde, über den Numerus clausus und zum ersten Male über den Rapport über den Stand des Antisemitismus in Europa im Rahmen der Union wichtige Auseinandersetzungen erfolgen sollen, läßt uns diese Wahl mit besonderer Beftiedigung begrüßen. Roger Dollfus ist der vollkommene Typus des modernen Republikaners im besten Sinne, ein Typus, den die kurze freistaatliche Entwicklung in' unseren Ländern noch nicht hervorbringen konnte; seine industriellen Betriebe, genießen Weltruf, seiner Heimat dient er als Nationalrat und auch als Oberst des eidgenössischen Heeres, während er in der internationalen Oeffentlichkeit als Vorsitzender der Völkerbundliga des Landes, in dem die Gesellschaft der Nationen selbst ihren Sitz aufgeschlagen hat, seit langem wohlbekannt ist; ein glänzender Redner, bedient er sich, der drei Sprachen seiner Heimat, wie der englischen gleichermaßen mit der größten Vollendung. Dollfus besitzt aber auch besonderes'Verständnis für das Minoritätenproblem; selbst der italienischen Minderheit der Schweiz angehörend, kann er den großen Unterschied ermessen, der zwischen der vorbildlichen Art des Zusammenlebens der drei schweizerischen Nationalitäten und den erbitterten Kämpfen in den neuen Staaten zum Unheil des Kontinents besteht: bezeichnend für seine Auffassung und . gleichzeitig für seine humorvolle und dabei eindrucksvolle Art zu sprechen, sind seine Worte, die er im letzten Sommer bei der Plenarversammlung in Warschau fand, als eine! gerechte Vertretung gewisser Minoritäten ans Widerstände stieß: „Wir Italiener in der Schweiz bilden mm ein Zwanzigstel der Gesamtbevölkerung: trotzdem besetzen wir immer einen der sieben Bundesratsposten, obwohl wir zahlenmäßig nur auf eine Drittelstelle Anspruch hätten. Es ist aber sehr gut, daß dieser italienische Bundesrat nicht tu drei Stücke geschnitten zu werden braucht, denn es ist niemand anderer als unser Freund Motta". die sich schon den Luxus erlauben konnte, eine Synagoge, die ein genaues Abbild der Amsterdamer Synagoge darstellte, zu erbauen. Diese Synagoge, die jetzt zwischen zwei Häusern eingezwängt ist, wird nun als eilt national-historisch e s D e n k in a l d e r f r a n z ö s i s ch e il K u l t u r behandelt, und den Touristen wird sie, wie alle übrigen lokalen Denkmäler, gezeigt und sozusagen vorgeführt. In der Synagoge, deren Wände so viel zu erzählen hätten, herrscht Museevkälte und Museenremheit, die sich von der Kälte und Reinheit anderer, vergessener Tempel durch das unverwesliche Aroma der l i b a n o n i s ch e n Zeder unterscheidet, aus dem der Almemor, die Chöre und die ganz wundervollen, siebenarmigen Leuchter mit goldener Ornamentik gebaut wurden. Das längliche Schiff des Tempels imponiert durch seine strengen, reinen Linien, überall herrscht Zeder und grauer Stein, dem die deutlichen Schliffe der Kristallluster entgcgenwirken, und nur in einer tiefen Nische ein einziger greller Fleck: ein kleiner, goldener Fauteuil, überzogen mit purpurrotem, gemustertem Damast. In diesen Fauteuil legte man für einige Sekunden den Neugeborenen vor der Durchführung des heiligen Ritus der Beschneidung. Dieses rührende Spielzeug symbolisierte einen Thron, der den Neugeborenen an die Größe Israels kettete; richtiger aber könnte man schon sagen, daß diese wenigen Minuten der Auszeichnung die Neugeborenen für die Qualen und Erniedrigungen, die ihrer warteten, entlohnen sollten. Das goldene Zeitalter des Judentums in der Provence dauert nicht lange, im Jahre 1100 wurde im Städtchen Lunelle (unweit von Carpentras), wo jetzt kein einziger Jude Wohut, die älteste Akademie der Wissenschaften im Westen gegründet. Die einst so berühmte U n iversität in Montpellier mit der freien medizinischen Fakultät wurde von den Juden unter Wilhelm den Achten gegründet. Die Historiker verzeichnen übereinstimmend die besondere Gastfreundschaft, die die Juden, als sie in dem ganzen übrigen Europa verfolgt waren, in Südfrankreich fanden. Im 8. Jahrhundert und besonders während des Aufenthaltes der Päpste in Avignon, im 14. Jahrhundert, durften die Juden in allen Städten Synagogen bauen. Die Zahl der Juden war zu dieser Zeit in der Provence so groß, daß im 14. und 15. Jahrhundert die Tagungen der Rabbiner der ganzen Welt in Avignon stattfanden. Trotzdem waren auch dort die Juden gezwungen, besondere Abzeichen zu tragen. Die Männer mußten auf der Brust das Abbild eines Rades tragen, die Frauen mußten sich so frisieren, daß d i e Z ö p s e auf dem Scheitel zwei Hörnchen bildeten. Sie durften nicht während der kirchlichen Prozessionen, während der Volksfeste und an Sonntagen auf der Straße erscheinen; in vielen Städten wurde ihnen sogar verboten, neue Waren feilzubieten, sich an christliche Apotheker und Hebammen zu wenden, und sogar ohne geschäftlichen Anlaß mit Christen zu sprechen. So kann man in der großen Bibliothek von Carpentras die Protokolle eines Prozesses gegen einen Juden lesen, der beschuldigt war, ein „conversatium familiaris", das heißt ein freundliches Gespräch mit einer christlichen Frau geführt zu haben. Und trotzdem galt damals die Provence als ein „jüdisches Dorado". Eine entschiedene Verschlimmerung in der Lage der Juden in der Provence entstand im 14. Jahrhundert (gegen das Jahr 1348), gerade als an der Spitze der christlichen Welt der aufgeklärteste der Päpste Her Avignonschen Periode, Clemens d e r S e ch st e, stand. Die Ursache war die ausgebrochene Pestepidem i e, gegen die als bestes und wirksamstes Bekämpsungsmittel Judenpogrome gepredigt wurden. Denn die Pest war natürlich nichts anderes als eine Mache der Juden, die in ihrem Bestreben, die ganze christliche Welt auszurottm, die Brunnen in allen Städten und Dörfern vergifteten. Die Menschenfreunde jener liebenswürdigen Zeiten, die in der Erforschung der Ursachen aller Ursachen nicht weniger schlau waren als ihre Epigonen auf diesem Gebiete, waren sogar imstande, alle Details dieses teuflischen Planes auszukundschaften und bekanntzugeben. Die Direktiven sollen aus Toledo gerichtet worden sein; der bekannte Christenhasser Jakob Paskate sei zu diesem Zwecke mit einer ganzen Schar tüchtiger Agenten ablommandiert worden. Paskate sei mit seinen Helsers- #

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