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Wiener Morgenzeitung · 1925-11-01 · Heft 2404 (1.11.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2404 (1.11.1925)
Date
1925-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Teile 8 Wien, Sonntag ALTRENOMMIERTES UHRENHAUS FRANZ WATZL INHABER: FELIX MICHLOWITZ XVm., SCHULGASSE 5 (NÄCHST VOLKSOPER) Mische AusklSrung. - y. 8Ü I e n, 1. November Mit der Möschen Arbeit in Palästina hat sich die Mandatskommission in ihrer letzten Tagung zum ersten Male beschäftigt. Das von der Zionistischen Exekutive vorgelegte Memorandum konnte nicht iiber- 'ga-ngen werden. Der Jnftanzenzug war eingehalten worden und außsvdem war die nüchterne Sachlichkeit dieses Dokumentes noch durch.das englische Weißbuch bekräftigt worden. Der englische Unterstaatssekretär im 'Kolonialamt, Herr OrmsCy-Gore, gab persönlich eine Darlegung; aus ihr gewann die Kommission die Uebergeugung, daß die jüdische Einwanderung dem Lande großen Nutzen gebracht hat und noch dauernd bringt. Bei allen Schwierigkeiten der Anpassung eines Teiles der jüdischen Einwanderer an die ihnen ungewohnte landwirtschaftliche Arbeit in Palästina vollziehe sich diese Anpassung überraschend schnell, und auch der Zustrom von Kapitalen und Industrie nach Palästina, der sich als Folge der jüdischen Einwanderung bemerkbar macht, bringe dom Lande einen Aufschwung, der hie und da fast an amerikanische Verhältnisse gemahnt. Für die zionistische Oeffentlichkeit besagen diese Erkenntnisse nichts Neues. Sie sind von politischem Wert sür die nichtjüdifche Welt, die es bisher gerne vermieden hat, zu diesen) neu entstandenen Fragenkomplex positiv Stellung zu nehmen. Es ist toenig Sensationelles am Zionismus. Der Kongreß, aus den: sich Kritik und Antikritik mit einem durch zwei Jahre aufgespeicherten Temperament ausleben, zieht durch die Äußerlichkeiten und die Form der Debatten die Ausmerksamkeit auf sich. Der Inhalt dieser Auseinandersetzungen aber findet schon weniger Interesse. Ländliche oder städtische Kolonisation, Aufforstung, Kultur- und Weltanischauungsfragen sind zumeist das Thema und das vermag den Herrn Publicus nicht zu fesseln. Das ist ein großer Schaden. Denn zunächst sind gerade diese Verhandlungen eine lebendige Widerlegung der antisemitischen Lügenmärchen von den geheimen Konventikeln, in denen die Zionisten die Uobornahme der Weltherrschaft vorbereiten. Dann aber kann die Umwelt an der Hand dieser Reden und Daten den Fortgang der Kulturarbeit in Palästina verfolgen und daran die aufbauenden Fähigkeiten des Judentums und seinen Wlllen ermessen. Die Vornahme solcher Betrachtung kann für beide Teile nur günstige Wickurigen erzielen. Wir werden uns noch mehr als heute bewußt, daß wir unter der Kontrolle einer sehr weit gedehnten Oeffentlichkeit stehen, was uns vor vielen Fehlern, vor allem aber vor Uebertreibung der Selbstkritik schützt. Die Oeffentlichkeit aber wird in den Stand gesetzt, zionistischen Zielwillen und Pasittvismus mit der Sterilität des arabischen Volksteiles zu vergleichen. Das wird vielen Mißverständnissen von vornherein Vorbeugen. Solcher gibt es in Menge und daß sie bestehen, bringt uns immer in die unangenehme Notwendigkeit der Verteidigung. Dies hat eine Störung unserer organisatorischen Arbeiten und übsvslüssige Kraft-, anstrengung zur Folge. Darauf müssen wir bedacht sein und den Austlarungsapparat ausbauen. Die zionistische Idee muß jode Gelegenheit wahrnehmen, von sich zu sprechen, Widerstände zu beseitigen und den national-kulturellen Inhalt ihres Werkes zu betonen. In unserer Zeit, in der Gedanken sich mit Blitzesschnelle verbreiten und das politische Leben so stark entwickelt fft, in der sich jedes geistige Streben an Massen wenden muß, kann auch ür Zionismus keine Eigenheit Vorbeigehen lassen, ohne seine Ziele zu erläutern und ohne zu betonen, wie sehr sie aus der Linie der Solidarität der Zivilisation liegen und wie wenig sie mit dem gewöhnlichen Maß des europäischen Nationalismus gemessen werden können. Wir bringen .der arbeitenden Menschheit Neuland, wir führen ein zur Ohnmacht verurteiltes Volk zur freien Entwicklung von Kräften, die wir selbst kaum ahnen können. Wir treten aus dem Lauf des europäischen Lebens hinaus aus völlig neuen Boden, müssen neu auftauchende Probleme mit unseren Entwicklungsnotwendigskeiten in Einklang bringen, der Kultur neue Formen schaffen und unser Verhältnis zm Umgebung von Grund aus ändern. Wir wollen unser Recht als Volk, das sich sein .Heim nach seinen eigenen Bedürfnissen einrichten soll, das auch für eine sehr weite Zukunft aus die Festhaltung und Stärkung der Beziehungen zu den anderen Völkern bedacht sein muß. Wir wollen eine Nation sein, die mit beiden Füßen fest auf ihrem Boden ,'tcht, aber kein fremdes Recht verletzt. Wir haben unter Chauvinismus und Gewissenszwang genug gelitten, um dies nicht zu beherzigen, und unsere Tätigkeit ist nur daraus gerichtet, was das Mandat ausspricht, auf die Errichtung des nationalen .Heimes. Das ist eine Notwendigkeit für imS. Wir dürstn und können von diesem Minimum nicht abgeheu. Wir müssen die Wanderung der jüdischen Massen, die weiß _Wiener Morgenzektuns_ Gott nicht das Judentum verschuldet hat, in ein sicheres Bett fassen und nach Palästina' leiten, um dort diese Menschen festzusetzen und ohne Verletzung arabischer Ansprüche zu einer Einheit zusammenzuschließen. Die Araber haben in Palästina niemals eine nationale oder politische Autonomie besessen und es ist schon deshalb dumme Lüge, daß wir sie entrechten wollen. Wir bauen Bahnen und Schulen, wir lehren die Wertschätzung der Arbeit. Feder Bericht aus Palästina hebt dies hervor und auch die Mandatskommission muß dies anerkennen. Wir müssen die Kenntnis über uns und die Wahrheit über die Ziele des jüdischen Lebenswillens in immer tveitere Kreise tragen und düirfen nichts Falsches dulden. Halealrellzlerschleßereien in Franlfurt. Franlsmt a. M, 80. Qftobet. («rtff.) Am Anschluß an eine von den Nationalsozialisten im großen Börsensaal abgehaltenen Versammlung versuchten die Hitler- Leute, einen geschlossenen Zug zu formieren und in bre Stadt zu ziehen. Än starkes Polizeiaufgebot zerstreute die Demonstranten, aus deren Reihen Schüsse fielen; ein unbeMigter Passant wurde durch einen Schuß am Auge verletzt. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Bei zwei Verhafteten wurden Schußwaffen gefunden. Nach kurzer Zeit war die Ruhe wroderhergestellt. Die Pleite der Vaterläwdler. Berlin, 31. Oktober. (Tel.-Komp,) Der preußische Innenminister Severing erklärte einem Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes", die vaterländischen Verbände befänden sich in einer Krise, die hauptsächlich durch Geldmangel hervorgerufen sei. Die Kreditnot, die auch die agrarischen Kreise treffe, mache sich auch darin bemerkbar, daß die Gönner der Verbände kein Geld mehr hergeben wollen. Man dränge auf einen Zusammenschluß der verschiedenen Richtungen. Irgend welche Umtriebe seien gegenwärtig nicht zu befürchten, zur Unterdrückung von „Umsturzgelüsten" genüge der Dorfpolizist. Me Wahlen in der Z'dMoflotoalei. Die jüdische Kandidatur im Wahlkreise Mährisch-Oslrau. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung") Mähr.-Ostrau, 31. Oktober. Für den Wahlkreis Mähr.-Ost rau, m dem für das Abgeordnetenhaus und den Senat je 19 Mandate zur Besetzung gelangen, wurden 17 Ka n d ida-ie nlisten für das Mgeordn>ete.nhaus und 15 für den Senat eingereicht. Es kandidieren 8 tschechische Parteien und 5 deutsche Parteien; ferner wurden die Lösten der Vereinigten jüdischen Parteien, der Bereinigten polnischen Parteien, der Kommunisten und der Unabhängigen Kommunisten eingereicht. Die jüdische Partei hat für den Senat keine Kandidaten namhaft gemacht. Ms ihr Listenführer ins Abgeordnetenhaus kandidiert Oberlan>desHericht'srat Dr. S. Birnstein (Mutitschein), an zweiter Stelle Ing. Ernst Frischer (Mähr.- Ostrau). _ Sie Verhandlungen mit den Beamten. Einigung über das Vorschutzprinzip. — Ein halber oder ein Biertel-MonaiSgehalt? Gestern verhandelten von 3 Uhr nachmittags an bis spät in die Nachtstunden die Vertreter des FÄnfnndziwanzigerausschusses der Bundesbeamten mit Bundeskanzler Doktor Ramek. Den Verhandlungen wohnten auch Bürgermeister Seitz und Natöonalrat Dr. Kienböck bei. Die Beamten- Vertreter verlangten die Auszahlung eines Vorschusses in der 'Höhe eines halben MonatsgchcMes im Monat Dezember. Die Regierung dagegen will nur einen Vorschuß 'in der Höhe von einem Viertel des Monatsgehaltes bewilligen. Um 8 Uhr abends wurden die VcvhaMungen für eine Stunde unterbrochen und fanden um 9 Uhr ihre Fortsetzung. Sie dauern zur Stunde noch an. Ins Siniguugsamt greift ein. Morgen neuerliche Verhandlungen im Bäckerkonflikt. Das Einigungsamt Hai gestern vormittags den Zeniralvevband der Leidens- und Genußniittelarbeiter dahin verständigt, daß mit Rücksicht auf das Ultimatum der Gäckerarbeiter Hofrat Dr. Ha mpe r l die streitenden Delle, und zwar den Zentralverband der Lebens- und Geimßmittelarbeiter, die Bäckerinung und «den Verband der Brotfabvikanten sür morgen vormittags zu einer Aussprache emlädt. fa hofft, daß sich beide Parteien dem Schiedsspruch u n t e r w e r ste n werden. Die bloße Tatsache, daß sich das Einignngsamt der Frage auNinmit, bedeutet bereits eine l e i ch t e E n t sp a n n >u n g. Vom uioderösterveichischeu 'Sanötätsreferat wird mitgeteilt: Ter Stand der Typhustranken im Spital betrug gestern abends 77, heute sind drei Fälle aus Nennkirchen zngewachsen. Ein Patient ans Ncunkirchen ist g e st o r b e n, ein Patient aus der Umgebung wurde geheilt entlassen. Es verbleiben somit 7 8 Fälle. * Feierliche Enthüllung des Kriegerdenkmals am Zew tralfriedhos. Fn feierlicher Weise wurde geistern vom Bürgermeister Seit, das Üriegerdeukmiai a.»s dem Feulralsriedyof, über .ws wir bereits hoben, eiuhüil:. Pros. Lauster hietr die seieruche Ansprache. Aach der Enthüllung trugen die Bediensteten der städtischen Feuerwehr einen Traurrchoral vor. mS//m Mittelmeer. Von Heinrich Margulicö. An Bord, 10. Oktober 1925. Wie zum Abschied von Italien und als Begleitmusik zur Mittelmeerfahrt wird mir das Buch eines italienischen Politikers in die Hände gespielt, eines jener Politiker, welche bereits das Mittelmecr als das „mare nostro", das italienische Meer, betrachten und sorgsam jede Entwicklung verfolgen, welche irgend eine Verschiebung der dortigen Küstenverhältnisse mit sich bringt: Orazio Pedrazzi ist sein Name, Mitglied der Deputiertcnämmer, den vatikanischen Kreisen zumindest nicht serntehend, aber nicht minder'stark an der rein weltlichen Expansion Italiens interessiert. Seine Eindrücke .von einer Politischen Studienreise dürch das Mittelmcer gibt er in dem Buche wieder^*), und für uns Zionisten ist es von erheblicher Bedeutung, über diese Eindrücke informiert zu sein. - _ * Im November 1924, anläßlich der Völkerbundtagung in Nom mit ihrem etwas bedenklichen Verlauf, machte ich hier bereits auf die Rolle ausmerksam, die Italien hinsichtlich der Palästinafragen einzunehmen beabsichtigt. Aber-während in den damaligen Besprechunzen zwischen Chamberlam, Mussolini und dem Vatikan lug der Anschein erweckt wurde, als ob in Italien nur >er Vatikan, nicht aber der Quirinal sich sür Palästina interessiere, wird diese von mir damals als Vorschieben des Patikans für rein weltlich politische Expansionsideen des faszistischen Italiens bezeichnete Taktik nunmehr fallen gelassen; das politische Italien tritt nunmehr offen mit seinen Ansprüchen hervor und benützt die. vatikanischen Argumente nur noch nebenbei. Die Hauptargumente schöpft es aus der Politik, schöpft es aus der Tatsache, daß Italien einen enormen Menschenüberschüß besitzt, von dem xs alljährlich mindestens 500.000 bis 800.000 exportieren muß, daß es sich überstürzt eine etwas zu große Industrie aufgebaut hat, die ihre Produkte exportieren muß — und daß es für beides, Menschen und Ware, durch die Nachkriegsentwicklung stets häufiger verschlossene Türen findet. DaS Ventil ist verstopft, und es 'sammelt sich iy Jtalietr eine Expansionsgewalt an, die über kurz odei: lang zu unsriedtichen Explosionen führen muß. Diese Tatsache bildet einen der wesentlichsten Angelpunkte sür jede Beurteilung zukünftiger Entwicklungen im Mittelmeer, welches von jedem Italiener als die gegebene Expansionsfläche betrachtet wird; und da der jahrhundertelange Druck einer Bedrohung vom Norden her durch den Krieg weggesallen ist, wenden sich alle Kräfte dem Südosten zu. Im Minifterrat vom 21. Februar 1924 erklärte Mussolini: „Italien kann nur nach dem Orient gehen. Im Okzident sind die Staaten- Lildungeu schon definitiv. Die Linien der italienischen Expansion gehen also ostwärts." Im westlichen Mittelmeer macht die französische Vorherrschaft, machen Malta und Gibraltar die Vorstellung des mare nostrum illusorisch. Um so mehr konzentriert sich das Interesse auf den östlichen Teil, auf die Levante, in welcher die italienische Flagge schon führend wird, auf Griechenland, und insbesondere die ihm von Italien schon abgenommenen Stützpunkte, die Inseln, und auf die von den Griechen in Kleinasien (Smyrna) preisgegebene Kolonisation. Hier überall fühlt sich Italien bereits als Nachfolger, aber siehe, der Krieg hat die Möglichleiten sehr verringert. Pedrazzi bedauert, daß die Türkenzeit vorbei ist, wo die europäischen Völker sich so gut die fetten Brocken herausholen konnten. Statt dessen ist jetzt eine Aufteilung erfolgt,' welche Syrien den Franzosen, Palästina den Engländern reserviert, und somit den Italienern versperrt, während die neue Türkei sich überhaupt hermetisch vor allen Europäern abschließt. So verbleibt Italien zunächst nur der Dodekan, der erst durch Mussolinische Energie im vorigen Jahr endgültig einverleibt werden konnte, und es bleibt vor allem Rhodos. (Von Interesse ist auch Pedrazzis Hinweis auf die Insel Levos, die zur Hauptbasis der italienischen Marine im Aegäischen Meer ausgebaut wird.) Rhodos soll ein italienisches Kulturzentrum ersten Ranges werden, und der dortige Gouverneur Lago scheint sich dieser Aufgabe besonders bewußt zu sein. Er gehört zu denen, welche die Expansion eines Volkes kulturell basieren, mit Schulen und Universitäten. Störend machen sich hier unter anderem die Miance-Schulen bemerkbar, deren „Physiognomie grundlegend geändert werden muß", damit sie nicht weiterhin der französischen statt der italienischen Kultur dienen. Rhodos muß eine Universität bekommen, denn bisher hat die Levante nur zwei: eine der französischen Jesuiten und eine der amerikanischen Missionäre, beide in Beirut. Als Konkurrenz gegen das französische Beirut also ist die neue Universität in Rhodos vor allem gedacht. Diese Art Expansion scheint Pedrazzi nützlich und wichtig, aber ziffernmäßig fällt sie doch' zu leicht ins Ge- *) „Jl Levante Mediterrane» e l'Jtalia", Milano, «ibUoteca bt ©oltuttt ipoHtko, S5etr«ö

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