Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2403 (31.10.1925)
- Date
- 1925-10-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981489--24516-3012068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ni. 2408 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung des Aeveisversahrens im Steiger-Prozeß. eine SpItzelausWe gegen Steiger. (Bon unserem ^.-Korrespondenten.) Lemberg, 30. Oktober. Die Beschlüsse des Gerichtes über die vom Staatsanwalt und von der Verteidigung beantragten Ergänzungen des Beweis versah re ns, die gestern verkündet wurden, habet: einer Reihe von wichigen Anträgen der Verteidigung stattgegeben; vor allem hat das Gericht beschlossen, die Akten der deutschen Polizei in Beuthen, die das Geständnis des Ukrainers Theophil Olschanski enthalten, zur Verlesung zu bringen; damit anerkennt das Gericht grundsätzlich die Beweiskraft dieses Aktes. Im Zusammenhang damit ist auch der Beschluß des Gerichtes, die Vorlage der bei der Lemberger Woiwodschaft befindlichen Akten ü b.e r d a s B e st e h e n d e r g e h e i m e n u k r a i n i s ch e n M i l i t ä r o r ga n i s a t i o n zuzulassett, von großer Wichtigkeit. Es ist bekannt, daß der Bestand dieser Organisation erst in drn letzten Wochen polizeilich festgestellt wurde und daß Olschanski in seinem Geständnis angegeben hat, er habe das Attentat int Auftrag der ukrainischen Militärorganisatiou verübt. Das Gericht hat ferner dem Antrag der Verteidigung zugestimmt, daß die Briefe verlesen werden, welche mit dem Stempel „Ukrainische Militärorganisation" versehen, vor und nach dem Attentat dem Lemberger Gerichtspräsidenten H a w e l und dem Metropoliten S z c z e p t y c k i zugekommen sind. In dem Briefe an den Metropoliten wurde mitblutig e r Rache gedroht, wenn der Erzbischof den polnischen Staatspräsidenten in der Lemberger orthodoxen Kirche feierlich empfangen würde. Die Briefe an den Lemberger Gerichtspräsidenten beziehen sich auf die Behandlung politischer Gefangener und enthalten ebenfalls Drohungen mit Terrorakten. Von den von der Verteidigung beantragten neuen Zeu-- gen hat das Gericht die Einvernahme des ehemaligen österreichischen Obersten Harnhs'z und dessen Frau zugelassen, welche, wie Verteidiger Doktor Löwenstein bei der Antragstellung mitteilte, von einem dem Lemberger „Cafe de la Paix" gegenüberliegenden Hause aus beobachtet haben,- daß das Attentat vom zweiten Stockwerke des Hauses, wo sich das das „Cafe de la Paix" befindet, verübt wurde. Die Zulassung dieses Zeugen bedeutet, daß das Gericht eine ergänzende Klarstellung über die Annahme der Anklage, das Attentat sei von der Stelle,aus, wo Steiger stand, verübt worden, für unbedingt notwendig hält. Daß eine solche Klarstellung vom Gericht auch bezüglich der Persott des Attentäters für notwendig erachtet wird, beweist die Zulassung des Antrages auf Vorlage der Photographien der Ukrainer Panczyszhn, Fydek und Charkiw, die von verschiedener.Seite als Attentäter bezeichnet wurden. Dabei ist zu bemerken, daß nach der Angabe von Personen, die den Ukrainer Olschanski kennen, eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen i h m und F h d y k, dem Freunde des Panczhszyn, besteht, der öfter in der Wohnung vott Pänczhszyns Eltern zu Gast war. Von den Zeugen, welche der Staatsanwalt zur Ergänzung seines Indizienbeweises nominiert hat, hat das Gericht die Einvernahme der in Wien wohnhaften Frau Viktoria Lödl beschlossen, die'beim polnischen Konsulat in Wiett über das Attentat in Lemberg Aussagen gemacht hat. Del Staatsanwalt hatte, als er dem Gericht den Antrag auf Vorladung der Frau Lödl unterbreitete, auch die Einvernahme des Vizepräsidenten des Polnischen Senats, T. Stychel, beantragt, der angeblich von Frau Lödl einen Brief mit Präzisen Angaben über die Schuld Steigers erhalten haben soll- Senator Stychel hat nun offiziell erklären lassen, daß er dett Namen der Frau Lödl erst aus den Zeitungsbericht e n über die Lemberger Verhandlung erfahren habe und daß ihm von einem Brief nichts bekannt sei. Ferner hat das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschsit auf Einvernahme von Israel Eisenberg und Israel Eck zu ge stimmt, welche, wie der Staatsanwalt in der Begründung seines Antrages angegeben hatte, eine Zuschrift att ihn gerichtet hatten, worin sie angeben, sie könnten aus eigenen Wahrnehmungen bekunden, daß Steiger " das Attentat verübt habe. Nachdem der Vorsitzende verkündet hatte, daß das Gericht die übrigen Beweisanträge als unerheblich abgelehnt Habs, wurde das Zettgenverhör fortgesetzt. Es wurde der 22jährige Karl Werchola, der Sohn eines ukrainischen Pensionierten Schuldirektors, einvernommett. Dieser Werchola, den die Anklage als Zeugen führt, war infolge Politischer Umtriebe im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen des Jahres 1922 in Sambor zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Diese Strafe mußte er jedoch nicht abbüßen, da er damals als geisterskrank anerkannt wurde. Später betätigte sich dieser junge Ukrainer als Polizeikonfident. Seine Aussage lautet, er habe Steiger am Tage des Attentates in Gesellschaft eines ihm bekannten ukrainischen Kommunisten gesehen. Aus dieser Aussage-leitet die Anklage Beziehungen Steigers zu kommunistischen Kreisen her, für die sonst keinerlei Anhaltspunkte gegeben sind. Die Angaben Wetcholas lauteten durchaus nicht präzis und er nannte auch nicht den Ramett des Komntunisten, mit dem tx Steiger gesehen haben will. Die Verteidigung Steigers wies auf diesen Umstand hin, ebenso auf die gertd^t§orbnung§*‘ mäßig sestgestellte Geisteskrankheit des Zeugen. Die Zeugin Viktoria Lödl. Das Lemberger Gericht hat, wie bereits erwähnt, beschlossen, gemäß dem Antrag der Staatsanwaltschaft eine Frau Viktoria Lödl in Wien zur Vernehmung vorzuladen. Diese Frau soll behaupten, sie sei am Tage des Attentates in Lemberg gewesen und könne den Studenten Steiger als die Person identifizieren, die die Bombe geworfen hat. Wir können bezüglich dieser Frau das folgende Mitteilen: Frau Viktoria Lödl ist eine 67jährige Frau, dje als Gattin des pensionierten Lokomotivführers Julius Lödl in der Tannbruckgasse im 12. Bezirk lebt. Sie gehört der ukrainischen Nationalität an und ist griechisch-katholischer Konfession. Sie stammt aus Lemberg, wo sie zuletzt im Sommer 1924 weilte, um am Leichenbegängnis ihres Vaters teilzunehmen. Steiger und Kafdan. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 30. Oktober. In der letzten Sitzung der Budgetkommission, bei der die Post „Gefängniswesen" behandelt wurde, brachte der jüdische Deputierte So mm er sie in zur Sprache, daß bei der jetzt stattfindenden Verhandlung des Steiger-Prozesses gerichtsordnungsmäßig festgestellt wurde, daß der Lemberger Polize'ikommissär K a j d a n seine Unterst! chungstätigkeit in der Sache Steiger damit begann, daß er Steiger mitvoller Kraft ins Gesicht schlug. Der Deputierte wies darauf hin, daß solche Methoden des russischen Zarismus geeignet seien, das öffentliche Ansehen der Gerichte und des Staates herabzusetzen und verlangte Einschreiten des Justizministeriums. Das Material über Llscharuki. Die Akten verschwunden? (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Berlin, 30. Oktober. Wie jüngst berichtet, hat die deutsche Regierung sich -bereit erklärt, die Protokolle über das Geständnisdes .Ukrainers T e o f i m Olschanski und ldas übrige auf ihn bezügliche Material der polnischen- Regiemng zur Verfügung zu stellen. Da bisher -das Material-in Warschau -noch nicht eingetroffenist, erhielt -die polnische Gesandtschaft in Berl-in eine Urgenz -des Warschauer Außenministeriums. Diese hat die Berliner polnische Gesandtschaft mit folgendem Telegramm beantwortet: „Laut offizieller Mitteilung der deutschen Regierung hat das deutsche AußenaM den M Olschanski dem Warschauer Außenv-mt direkt zugehen lassen und der Akt ist demnach unterwegs in Verlust geraten." Das Warschauer Außenministerium hat nunmehr die polnische Gesandtschaft in Berlin beauftragt, bei der deutschen Regierung anzu-ftagen, -wann und in welcher Form der Akt abgegangen ist. Wie Ihr Korrespondent in -Erfahrung gebracht hat, wurde der Akt Olschanski von der Beuthener Behörde ordnungsmäßig dem deutschen Außenministerium übermittelt. Dieses hat die Anfrage der Berliner polnischen Gesandtschaft über Zeit und Art der Abfen-dung der Dokumente bisher noch nicht beantwortet. Es scheint, daß auf dem Wege zwischen Berlin und Warschau unsichtbare Hände am Werke sind, um lden Tatbestand zu verdunkeln. Diesen geheimen Kräften' wird anscheinend von seiten der deutschen Behörden kein allzu starker Widerstand geleistet, da ihnen die Ausvolluug der An's-liefevnngAfvage nicht sehr gelegen koimmt. Interesse an der Verdunkelung des Tatbestandes scheinen vornehmlich die inDeutschlandlebenden-ukrainischenKreise zu haben, denen der Prozeß gegen Steiger für ihre Pvopagaudazwecke gelegen kommt. Sie würden es gerne sehen, wenn Steiger verurteilt würde, da sie' dadurch für ihre antipolnische Propaganda ein neues Moment hätten, >daß nämlich in Polen auch die Juden antipolnisch gesinnt seien. Diese agitatorische Methode liegt auch den Ausführungen zugrunde, welche der ukrainische Politiker Petrusiewiez, der letzte Vorsitzende des ukrainischen Klubs im österreichischen Parlament und Präsident der nach dem Umsturz begründeten West ukrainischen Republik, v-erschiedenen Berliner Journalisten gegenüber gmacht hat. Den ukrainischen Kreisen ist -Kar, daß die restlose Aufklärung des Falles Olschanski ihrer Propaganda nicht allzu günstig fein kann, und deshalb wird der Fall gerade von Letzte Kurse. Nrw-Bork, 30. Oktober. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kobe! 4.8,i8/*, London Scheck 4.808/„, Amsterdam 40.25, Paris 4.24'/,. Brüssel 4.53V». Rom 3.97'/,. Madrid 14.34. Zürich 19.26, Stockholm 26 75. Oslo 20.42 Kopenhagen 25.07, Wien 141/*«, Budavest 14'/,, Prag 2961/*, Belgrad 1773/4, Athen 1.34. Buenos Aires 418/,, Rio de Janeiro 1505. Bukarest 458/4. New-Nvrk, 30. Oktober. <Tel.-Komp.) Wetzen rot Winter 1701/* Wetzen licirt Winter 1725/„. Mais 96'/, Hafer 458/*. Roggen 88'/, Ehikagv. 80. Oktober. cTel.-Komv.) Weizen per Dezember 1478;„, Mai 148'» Inli 126* „: Mais per Demnber 74'/,. Mai «8'/,. ftuli Vd'/4; .vaiet uei Xe^entbei 3b3/4. Mai 438,. 2u.i —• Roggen per Dezember 81V», 'Mai 868/4, Juli 81. Oktober 1925 Seite 8 im i .1. i - .. ..... Reich zu werden ist heutzutage leichter als früher. Das letzte Geheimnis des Erfolges der Milliardäre, der s :c h e r s t e Wegweiser zu Reichtum, Macht und Ansehen . ist die Energie Dazu bedarf es stählerner Nerven, einer Widerstands* fähigen und widerstandskräftigen Konstitution u. einer kampffreudigen Ausdauer. Wer von Kindheit auf DIANA Franzbranntwein mit Menthol gebraucht, stählt seine Nerven, macht die Konstitution wider» standsfähig, kraftvoll und schafft eine kampffreudige Ausdauer Ueberall erhältlich Diana-Franzbranntwein - Produktion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerlhslrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 dieser Seite verdunkelt. Es ist hier bekannt geworden, daß in der letzten Zeit von ukrainischen Organisationen verschiedene Personen ukrainischer Nationalität an mehrere Staatsgrenzen geschickt wurden, um bei Grenzübertritt anzugeben, sie hätten das Attentat vom 5. September 1924 verübt. ' Damit soll dem Geständnis Olschanskis seine Beweiskraft genommen -werden. Gerade Olschanski aber, auf dessen Verschwinden von der Oberfläche man gegenwärtig so eifrig bedacht ist, ibesitzt ein wichtiges, beweisendes Dokument dafür, daß er und die geheime ukrainische MilitävoMuisation an dem Attentat von Lemberg beteiligt sind. Olschanski i hat nämlich, -wie Ihr Korrespondent aus gut informierter 'Stelle erfährt, die Kopie des anonymen Briefes bei sich, der seinerzeit an die Redaktion des Lemberger Tagblattes „Ehwila" gerichtet wurde und besagt, daß das Attentat auf dien polnischen Staatspräsidenten nicht von Steiger, sondern von ein-em Mitglied der ukrainischen Militarorganisation ausgeführt wurde. Eine so eindeutige Klarstellung des Tatbestandes scheinen ■ nun die ukrainischen Kreise nicht zu wünschen. Ta- 'mit finden auch die ukrainischen Drohungen an die »Verteidiger Stetger's, die sich in der letzten Zeit seit den Enthüllungen über Olschanski in der ukrainischen Presse, mehren, ihre ausreichende Erklärung. . Schritte zur Rekognoszierung Olschanskis. Lemberg, 29. Oktober. (I. T. A.) Einige der im SteigerHvozeß in Frage kommenden Zeugen glauben-, daß sie den wirklichen Attentäter rekognoszieren könnten, wenn sie ihn sehen würden. Es sind das solche Zeugen, die mit Sicherheit-bekunden, daß Steiger der Attentäter nicht ist. Da bisher 'der Aufenthalt des Ukrainers O l s cha n 's k i nicht festzustellen war, hat sich auf Veranlassung der Verteidigung Steigers der Berliner Rechtsanwalt Dr. Alfred -Klee an die Berliner Behörden geiwendet mit dem Anträge, ihm eine Photographie Olschanskis zu' überlassen, die eventuell den Zeugen vorgelegt -werden würde. Man nimmt an, daß ei-ne solche Photographie beim Fremden amt der Berliner Poltzei vorhanden -sein dürste. _ Jas Urteil int Jglauer Prozeß. Die beiden Dvovaeeks und Fejta zu levens» länglichem Kerker verurteilt. — Die Morde an den Flüchtlingen als nicht erwiesen verneint. — Dreistündige Beratung der Geschwornen. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jglau, 30. Oktober. Der Vormittag war noch angeWt mit Replik und Duplik der Parteienvertreter, der Vorsitzende, Dr. H a nne r, hielt sein ausführliches, vorsichtiges Resume. Die Gefchwornen, unter denen man sehr charakteristische Bauernköpfe sah, Landsleute aus klemm Gemeinden der Umgebung, auch einige Gewerbetreibende, zogen sich um 2 Uhr nachmittags zur Beratung zurück und blieben f a st dreiPtunden zusammen, um die Schuldsragen zu beantworten. Um 5 Uhr nachmittags erschien der Gerichtshof unter atemloser Spannung des Auditoriums, im Saal. Die monotone Verlesung der Schuldfragen begann. Sie galt zunächst den Dvoraceks und dem Joisef Fojta. Der Mord an den Polickys wurde zuerst behandelt. Das Verdikt war einstimmig. Sie wurden mit 12 Stimmen des meuchlerischen Raubmordes an den Brüdern Policky schuldig erkannt und zu lebenslänglichem schweren Kerker, verschärfst mit Dunkelhaft, hartem Lager und Fasten am Tage der Tat, verurteilt. Alle drei Angeklagten würben ferner des Diebstahles Mt bewaffneter Hand, der Diebstahlstetlnahme und des Raubes ebenfalls mit 12 Stimmen schuldig gesprochen. Men drei i Verurteilten wurden umhrenhaste Motive Anerkannt-