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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-30 · Heft 2402 (30.10.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2402 (30.10.1925)
Date
1925-10-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr.,2M. Men, FveÄag Um 6 Uhr mchmittags trat -.er Völkerbundva-t zu einer.össeutlicheir Sitzung zusammen, 'um biie erwähnte Kommissionzu ernennen, die aus einem englischen Diplom a te n, je einem 'sra nzös is che n und italieni s ch e u O f f i z i e r sowie je einer schwedischen und holländischen Zivilperson be-, stehen soll. Zum P r ä s i d e n t e n der Konunission wurde der englische Botschafter in Madrid, Sir Horace Nn mh o I d, ernannt. Die Kommission wird am 6. Nove m >b e r in Genf zu einer Sitzung zusammentveten, sich dann an den Ort des letzten Grenzzwischenfalles hegeben und noch vor Ende November einen Bericht ausavbeiten, den der Rat im Dezember einer Prüfung unterziehen soll. Die Einsetzung dieses Untersuchungsausschusses sowie der Vorschlag ans Kenntnisnahme des vorliegenden Berichtes wurden einstimmig angenommen. Der griechische und der du lg ariIsche Delegierte erklärten, den Beschluß des Völkerbundrates anzunchmen. Der Völkevbundrat wird m>orgen seine letzte Sitzung abhalten, um den e n dg ü lt igen Be r ich t de r Mil itärattaches entgegenzunehmen. Sie Morde in der Kohn-MWe. Die Plaidohers (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jglau, 29. Oktober. Den ganzen Vormittag füllte die Rede des Staatsanwaltes Dr. Znojemskys aus, der die Anklage in vollem Umfange aufrecht hielt. Die Verteidiger, die an, Nachmittag zu Wort kamen, wandten sich sehr scharf gegen die Anklage und stellten insbesondere die Morde an den jüdischen Flüchtlingen als unbewiesen hin. Das Urteil wird erst morgen gefällt werden. Sin Wlevsieserum? Moskau, 28. Oktober. (Telegraphenagentur der Sowjetunion.) Der russische Physiolog P a w l o w demonstrierte heute in seinem Leningrader Laboratoriurn die Wirkung des von ihm entdeckten Epilepsi eserums. Durch Gefrierung bestimmter Gchirnteile eines Hundes wurden epileptische Anfälle hervorgerufen. Hiebei wird im Organismus des Hundes Gift (Autotoxin) erzeugt, dessen Einimpfung gesunde Hunde immun macht. * ' ' Dazu schreibt uns unser ärztlicher Rg.-Mitarbeiter: Diese Meldung würde, sofern sie auf Wahrheit beruht, den Nachweis erbringen, daß die Epilepsie, die mau allgemein als ererbtes oder nach Gehirnerschütterungen ererbtes D e g e n e r a t i o n s m e r k m a l ansieht, eine Infektionskra nkh eit ist. Ebenso wie die Tollwut, bei der nach Pasteurs Methode Rückenmarksteile von mit Hundswut infizierten Kaninchen als Vorbeugungsmaßnahme gegen. den Ausbruch der Krankheit dienen, würde nunmehr nach P a w l o w auch die Epilepsie' zu verhüten sein. Jedenfalls setzt aber diese aktive Immunisierung eine Jnfektionsmöglichkeit der Epilepsie voraus. Bisnun ist von keiner Seite diese Möglichkeit erörtert worden. Nähere Erklärungen der oben zitierten Meldung wären notwendig, um ihre Bedeutung richtig adschätzen zu können, so ernst sie auch durch die Anführung des großen Physiologen Pawlow zu nehmen sein kann. , * Eine Abordnung des Roten Mögen.David nach Genf. D,e Mitglieder des Paläjstinarates und des Gawthrlates des Mögen David Edam Men in Berlin, wie I. T. A. berichtet, eine Beratung ab und beschlossen, den Abgeordneten des «lettischen Seim, RaMner Nurok, und den Dichter Saul Tfchernichows«y, der bekanntlich Avzt ist. nach Genf M entsenden mit der Aufgabe, die Verhandlungen mit dem Präsidium des Internationalen Roten Kreuzes' wogen Eingliederung des Roten Wogen David als der jüdischen' «Sektion des Internationalen Roten Kreuzes zu führen. Wiener Morgenzeitung 30. Oktober 1M> Der politische Hintergrund des Aeiger- Prozefse». Halenlreuj-Machenschasten. — Ae merkwürdige Haltung der ukrainischen Midisten. — Lemberger Polizei. — Ae Schützer SIschanrkis. (Von unserem H.-Korrespondenter Lemberg 29. Oktober. Der heutige Verhandlungstag wird die Entscheidung des Gerichtes über die große Reihe von Anträgen bringen, welche Verteidigung und Staatsanwalt in ihrem Kampf um Steiger eingebracht haben.. Die Spannung, mit der diese Gerichtsentscheidung erwartet wird, ist um so größer, als die prinzipielle Begründung, welche Verteidiger Dr. Ringel in , der Dienstagv erhandlung für die Anträge der Verteidigung gab, geradezu sensationell gewirkt hat. Dr. Ringel erklärte, es sei unbedingte Pflicht des Gerichtes, alle zur unzweifelhaften Feststellung der Wahrheit dienenden Beweise zuzulassen, da es sich immer mehr zeige, daß Kräfte, denen an der Untergrabung des Ansehens und. Bestandes Polens liegt, am Werke seien, um die Angelegenheit Steiger für ihre Ziele auszunützen. . Die ukrainisch-terroristischen Kreise "* haben kurz nach dem Attentat erklärt, daß sie es veranlaßt und durchgeführt haben. Jetzt aber ist in dieser Haltung plötzlich eine Aenderung eingetreten und dieselben Kreise erklären, es sei ihnen daran gelegen gewesen, die Wahrheit zu verheimlichen und Polen zu kompromittieren. Es ist offenbar, daß diese Kreise mit den deutschen Hakenkreuzlern in Kontakt stehen, jenen terroristischen Organisationen, die fick mit deni Blute der Erzberger und R a t h e n a u bksleckt haben. Die Taktik der ukrainischen Organisationen, die jetzt eiugeschlagen wird, trägt deutlich den Stempel „Made in Bevlin"; denn sie wollen einerseits die Juden als r e v o l u t io n ä r e s Element hinstellen, andererseits den Beweis führen „Polonia esse Velen da". Das ist der Sinn der Erklärungen aus den Berliner ukrainischen Kreisen, welche besagen, sie besäßen wichtige Materialien und Photographien vom Lemberger Attentat, wollten sie jedoch erst nach dem Steiger-Prozeß veröffentlichen. Der Steiger-Prozeß soll eben von Berlin aus dazu benützt werden, Polen zu diskreditieren. Gerade deshalb ist es doppelt wichtig, daß das Gericht alles tut, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Dr. Ringel wies ferner daraus hin, daß die Voruntersuchung über den Fall Steiger sozusagen unter dem Zwang einer bestimmten, psychologischen Einstellung der Lemberger Polizei stand. Die Lemberger Polizeiorgane mußten möglichst rasch einen Schuldigen für das Attentat in Lemberg finden, um der Zentralbehörde ihre Geschicklichkeit zu beweisen; denn die Lemberger Behörden waren mit einer Masse von Unzufriedenheit belastet und wollten sich um jeden Preis»rehabilitieren. Für das Gericht — führte Dr. Ringel weiter aus — ist es wichtig gewesen, daß infolge des Attentats die Zentralbehörde beschlossen hatte, eine Reihe von Lemberger Beamten zu entlassen, trenn nicht der Tater gefaßt werde; dies war den Lemberger Behörden Wohl bekannt. Um all dies festzustellen, beantragte Dr. Ringel die Einvernahme des Vizeministers des Aeußern Bertoni, des Vizeministers für Justiz Sienieki und des Chefs der Zivilkanzlei des Staatspräsidenten Lenz. Dr. Ringel beantragte unter anderem auch die Einvernahme des früheren Pressechefs im Ministerrat, gegenwärtige Redakteurs des Krakauer „Kurier Jllustrovany" Szez e r winski, welcher noch sieben Tage vor dem Attentat von Vorbereitungen zu einem solchen erfuhr und dies der Kanzl^ des Staatspräsidenten meldete, ferner die EinvernaWe des früheren Innenministers Hübner, der bestätigen bann, daß nach Informationen, welche vor der Reise des'Staatspräsidenten nach Ostgalizien in Warschau einlangten, aller Grund vorlag, während des Besuches des Staatspräsidenten in Lemberg aus blutige Zusammenstöße gefaßt zu sein, und daß der Besuch des Staatspräsidenten in Lemberg erst beschlossen wurde, als die Lemberger Polizei die v o l l e V e r a n t w o rt u n g für die Sicherheit des Präsidenten aus sich nahm. Die Beratungen des Gerichtes über die Anträge währten gestern den ganzen Tag und wurden noch heute morgens fortgesetzt, weshalb der Beginn der heutigen Verhandlung sich verzögerte. (Der genaue Bericht folgt morgen, da unser Korrespondent infolge einer Leitungsstörung uns seinen gestrigen Abendbericht nicht übermitteln konnte. — Die Red.) Wo ist LlschansM Berlin, 29. Oktober. Die ukrainischen Kreise Berlins h<vben, worauf Ihr Korrespondent schon gestern hinwies, offenbar das Bestreben, die Spur Olfchanskis, die, wie affen zugegeben wird, gegen den Willen der hiesigen Ukrainer aufgedeckt wurde, zu verwischen. Heute ließ der Führer der ukrainischen Militärovganisation in Bevlin, K o n w a l e t, der Presse Mitteilen, daß Olschanski sich bereits in London befinde. Nach Informationen aus guter Quelle stimmen diese Angaben nicht. Olschanski soll sich nach diesen Mitteilungen noch in Deutschland aufhalten. Eine Version geht dahin, daß sich Olschanski in der Nähe von Berlin aus dem Gute eines völkischen Freundes aufhalte, nach den anderen Angaben ist Olschanski jetzt in München als Gast eines völkischen Führers in Bayern. Er soll für den Fall, als seine Abreise nötig wäre, bereits mit Auslandspapi eren versehen ' worden sein. * Heber das Verhalten der ukrainischen Mlitärorgani-, sation^ zur Sache Steiger-Offchanski scheint bei den Berliner Anhängern dieser Gruppe keine Einmütigkeit zu herrschen. Während der mit den völkischen Kreisen eng verbundene Teil der Ukrainer sich gegen eine Herausgabe der ans das Lemberger Attentat bezüglichen Materialien, mit der schon bekannten Motivierung ausgesprochen hat, es gehe dämm, die polnische Justiz zu kompromittieren, scheint die Mchcheit doch für sofortige Aufklärung der Angelegenheit zu sein. Wie Ihr Korrespondent erfährt, beabsichtigt die Berliner ukrainische Militärorganisation, am Freitag eine Art oWeller Erklämng zu veröffentlichen, welche-eine Darstellung der Vorbereitungen und der Ausführung des Attentats von Lemberg gibt und gleichzeitig die Gründe für die bisherige Verheimlichung dieser Tatsache ansuhrt. Ob es zu dieser Erklämng kommen wird, bleibt abznwarten. Marlt in Zerusalem. Es gibt Städte, in denen es einfacher und müheloser, aber auch eintöniger und uninteressanter ist, aus den Markt zu gehen und einzuküufen als in Jerusalem. Die europäische Hausfrau findet in ihrer Markthalle alles, was sie zu einem guten europäischen Mittagessen braucht, sie findet der Jahreszeit 'entsprechend einheimische oder Südfrüchte, alle Sorten Gemüse, Butter, Käse, Eier. Sie durcheilt die langen Reihen her Verkaussstände, handelt hier und feilscht da, weiß, daß dort die Butter'frischer, an jenem Stande aber immer die größten Eier zu haben sind, sie hat „ihren" Fischstand, wo sie am reellsten bedient wird, und die Marktfrauen, die sie kennen, rufen sie schon von weitem an, um ihre Ware anzubieten. Rasch und sicher läßt sich auf diese Weise das Notwendige einkaufen, nichts lenkt die Aufmerksamkeit von der Prüfung der Ware ab oder stört die Gemütsruhe, außer ein etwaiges Ansteigen der Preise. . . Anders jedoch in Jerusalem. Hier das Auf-den-Marktgehen eine täglich sich wiederholende Aufregung, ein nie sich abstumpfender ästhetischer Genuß. Zwei große Märkte gibt es: einen in Meah Schearim, im frommen jüdischen Quartier, den anderen in der Altstadt, dem eigentlichen „Basar" von Jerusalem. Von diesem nur will ich erzählen. Kurz hinter dem Jaffatore fängt er on. Man tritt durch einen Torbogen von dem glühenden, sonnigen Platz in ein schmales Gäßchen, mit Segeltuch überschattet, und ist wie in einen Strudel geraten, der.einen mit fortreißt. Rechts und links unter denkbar größter Raumausnützung ein Verkaufsstand neben dem anderen, eine aus- und abwogende, bunte Menschenmenge, Araber, Beduinen, Armenier, Sephärden, Mönche, europäische und amerikanische Touristen, ein ohrenzerreißender Lärm von Menschenstimmen und klappernden Gefäßen, zwischendurch eines der fürchterlichen arabischen Grammophone, Gerüche aus den Garküchen, süß, sauer, rauchig, beizend, faulig . . . So sind Ohren, Augen und Nase-bereits vollauf beschäftigt. Hier ruft ein dicker, behäbiger Araber, in seiner Nische hockend, umgeben von sorgfältig aufgeschichteten, dunkellila „Chazilim" (Eierfrüchte), zart hellgrünen „Kischuim" (Gurkengrt), Prachtvoll rotglänzenden, schön geformten Tomaten, sanft gelb-rötlich getontey „Mischmisch" (Aprikosen) und riesigen grünen Hebrontrauben die Vorübergehenden an: „Gewereth! Anawim towim! Anawim towim! selbstverständlich mit stark gutturaler Aussprache. Hier schiebt sich ein Limonadenverkäufer, seine dicke Flasche mit der eiskalten roten oder gelben Flüssigkeit vor den Bauch geschnallt, durch die Menge, schreit in langgezogenen Tönen einen unverständlichen aber musikalisch interessanten Lockruf, klappert dabei in unnachahmlich geschickter Weise mit .zwei, kleinen, blanken Messing- 'schüsselchen, die er in der rechten Hand trägt, und bleibt hie und da stehen, um irgend einem Durstigen, der ihn angehalten hat, in hohem Bogen in das vorher ausgespülte Glas sein verlockendes Getränk einzuschenken. Dort stehen an einem Vechaufsstande ein paar Mönche, feilschen und handeln, gehen weg, lassen sich zurückrufen und handeln mit großer Zähigkeit, bis sie den Preis erreicht haben, den sie zu zahlen gewillt sind. Gleich daneben hat ein Barbier seinen offenen Laden; man sieht im Vorbeigehen die unglücklichen Opfer unter dem Messer, und nicht nur etwa von hinten, nein, sondern durch die großen, oft die ganze Hinterwand bedeckenden Spiegel auch die weißumschäumten Gesichter. Ein weniges weiter befindet sich ein arabischer Laden, der nur Süßigkeiten führt, aber Süßigkeiten in einer so verschwenderischen Fülle, und in so unendlichen Variationen, wie der Europäer, der niemals im Orient war und die ungeheure Naschlust der unter heißerer Sonne Ausgewachsenen nicht kennt, sie sich gor nicht vorstellen kann: gezuckerte Mandeln in Wielen Größen und Farben, bunte, glänzende Stangen, rot, gelb, giftige Farben geradezu, Büchsen mit silbernen Perlen, solche mit großen Silberpapiergeldstücken, wie sie Lei uns in Friedenszeiten auch zu. sehen waren, Sahnebonbons, überzuckerte Würfel aus irgend einer zähen, parfümierten Masse von unbestimmbarer Farbe usw. usw. Kupfer- und Messinggesäße in allen Größen, vom winzig kleinen türkischen Kafseeschälchen und Aschenbecher bis zur riesigen, flachen Tischplatte und dem massiven Waschkessel fordern nebenan zum Kaufen auf. Die Preise sind überraschend billig, Uebrigens übertrifst die Zahl der männlichen Käufer und Verkäufer bei weitem die der weiblichen. Nur eine große, dunkle Halle gibt es, die nur durch die Eingangstüren Licht erhalt; in der sitzen oder vielmehr hocken Frauen mit Obst und Gemüse. Frauen in blauen, weiten, auf der Brust mit bunten Kreuzstichmustern gestickten, groben Kleiderhemden, Tücher um den Kopf, Gehänge von Münzen, an das ewig in winzige Zäpfchen geflochtene Haar geknüpft, hängen ihnen über das Gesicht; einige sind herrlich schön, blicken mit heißen, dunklen Augen auf die dichten Scharen der Vorübergehenden, bieten mit wundervoll müder Anmut ihre Waren an... Gleich hinter dieser Halle beginnt der überdachte „Schul". Hier sind die Gerüche noch intensiver, der Lärm noch betäubender, das Gedränge noch dichter. Dunkle Mauern schließen die schmalen Zeilen, auf denen das bunte Durcheinander sich abspielt,, ein. Nur durch kleine, vereäige Luken fällt hie und da ein goldglänzender Sonnenstrahl hinein, in dem die Sonnenstäubchen glitzern und alle Farben auf Sekunden aufleuchten. Hier ist der Markt der Stoffe. Kefijes in allen Farben, bunte, leuchtende, mit Gold durchwirkte und einfache weiße, nur mit einem Rand in blau, rot oder schwarz. Bunte Schnüre dazu, mit denen sie auf dem Kopse festgehalten-werden. Abbajes (die weiten, ärmellosen Gewänder der Araber), ebenfalls in vielen Farben und Stoffarten, derbe, wollene, braune, mit schmaler Goldleiste um den Hals, bunte, pompöse, seidene. Es flattert und wogt von Buntheit und

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