Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2399 (27.10.1925)
- Date
- 1925-10-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2&09 Men, Dvevstag asienct Morgen,«ituna _27. OWMt 1SS5 Sorte 8 sMete M) recht dva-mMsch. Kreuter, welcher voi der ArtÄrevMg Steigers aiuwesenid. war, sagte — wie dies übrigens schon Mehrere Zmgerr ' getan haben — W'Mert Ms, die erste Angabe der Pasternak bezüglich Steigers hätte gelautet: ,ß 's f ch e i n t m i r, daß dies der Mann ist, welcher die Bombe getvovsen hat." Zeuge erklärt, daß «die Angaben der Pasternak damals durchaus nicht 'bestimmt lauteten; er gab auch an, daß sich damals in Gesellschaft der Pasternak eine andere Frau befand, die er nicht Henne und die die ersten Aussagen der Pasternak «mit angehört habe; diese Frau könnte auf Befragen seine (des Zeugen) Aussagen bestätigen. Der Vorsitzende oÄmete eine Konfrontation zwischen Kreuter und der Pasternak an. Kreuter wiederholte seine Aussagen und beschrieb auch die Frau, die er in Gesellschaft der Pasternak gesehen hatte. Die Pasternak wollte von einer Frau, die sich in ihrer Gesellschaft befunden hätte, n i ch t s wissen und leugnete auch alle übrigen Angaben Kreuters rundweg ab. Hieraus wurde b-le Verhandlung ans nt o rg >e n vertagt. __ Dar Rumpskabinett Luther. Keine Gesamtdemifsron der Reichsregierung. — Weiterführung der Geschäfte. Berlin, 26. Oktober. (Wolfs.) Amtlich wird miWe-ilt: Die Reichsnnmster traten um 12 Uhr mittags unter dem Vorsitz des Reichs-kanFers Dr. Luther zusammen. Der Reichskanzler machte von dem Rücktrittder Reichsminister Schiele, v. Schließen und Neuhaus Mitteilung und lwidmete -den scheidenden Ministern 'hevFiche Worte des Dankes für ihre Arbeit im Dienste des Vaterlandes. Nach Beraibschiednng der Minister Schiele, v. Schlicken und Neuhaus traten die v e r b I e i b e n d e n M i n i Ist e r unter dem Borisitz des Reichskanzlers zu einem Mi nisterrat zusammen, um zu der durch das> Ausscheiden der drei Minister geschaffenen Lage Stellung zu nehmen. Bei diesen Beratungen, die am Abend fortgesetzt wnrdetr, ist das Reichskabinett zu felgender Stellungnahme gelangt: Das ReichskMuett betrachtet es als seilte selbstverständliche politische Pflicht, aus dem in Locarno 'begonnenen Wege sortzuschreiten, um dem Reichstag rechtzeitig vor dem 1. Dezentber, dem Tage, der für die Unterzeichnung des in Locarno paraphierten Vertrages vorgesehen ist, ein Gesamtergebnis zur Beschlußfassung unterbreiten zu 'können. Aus dieser Erwägung erachtet es das Reiichskabinett für geboten, von einer Demission abznsehen und die Reichsgeschäfte weiterzmf'ühre n. Der Reichskanzler, der im Laufe des Nachmittags Vertreter der Reichstagssräktionen empfangen hatte, Hai dem Reichspräsidenten Mer die politische Lage Vortrag erstattet und zttgleich seine Vorschläge wegen der zukünftigen Gestaltung des Reichskabinetts unterbreitet. Der Reichspräsident hat die E n t l a s s u n g s g e s u ch e der Reichsmimster Neuhaus, Schiele.und v. Schlicken gen ehm igt und, unter Billigung der Fortführung der Reichsgeschäfte durch das fetzige Kabinett, mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsmintsters der Fmanzetr den ReichlslkanAer Dr. Luther, des Reichsminilfters des Innern den ReichMehrminister Dr. Geßleuun-d des Reichswirtschaftsntinisters den Reichsvevkehrsminister Dr. Krone beauftragt. Ae Berliner Wahlen. Berlin, 26. Oktober. (Wolfs.) Nach den bisher festgefteUteu Ergebnissen der Berliner Städtverordnetenwahlen wird der Wahlquotient etwa 8000 betragen. Demgemäß würden erhalten: die sozialdemokratische Partei etwa 74 Sitze (bisher 46 und 44 frühere Unabhängige), die deutschnationale Volkspartei etwa 47 (42), die deutsche Bolkspartei etwa 13 (35), die Kommunisten etwa 42 (20), die demokratische Partei etwa 21 (17), die Wirtschalftspartei etwa 9 (12), das Zentrum etwa 7 (8), die unaohängtgen Sozialdemokraten 3 (1), die dentfchvölkische Freiheitspartei 3 (1) und die deutschsoziale Partei 3 (1). m/. orJ * Nach diesem Ergebnis hätten die sozialdemokratischen Parteien 16 Sitze, die Stresemann-Gruppe 22 verloren. Dagegen habett die Deutschnationalen fünf Mandate, die Kommunisten 22 Mandate gewonnen. Die Unabhängigen büßen einen Sitz ein, die Hakenkreuzler gewinnen zwei, und ebenso viel die KnüPPel-Knnze-Partei. Die Demokraten ' gewinnen vier Sitze. Der Berliner Stadtrat zählt 226 Mitglieder. Drei Resultate stehen noch aus. Das Gesamtergebnis geht demnach dahin, daß die Parteien der Weimarer Verfassung .(einschließlich der Kommunisten) derzeit 160 Sitze errungen, also gegen bisher 11 Sitze verlieren, während die Gegner der Republik mit 62 gegen bisher 56 sechs Sitze gewinnen. Die Kosten der Wahlert zahlen die Sozialdemokraten und die S ti e s e m a n n - Partei. Neue Sorgen um de« PaMivaautdau. Bis zum Wiener Zionistenvongreß benötigte der Keren H a j e s s o d, welcher bekanntlich das gesamte Palästinabudget zu bestreiten hat, einen Monatseingang von 34.000 Pfund. Da auf dent letzten Kongreß eine Erhöhung des Budgets 'beschlossen wurde, und zwar auf 600.000 Pfund, müßte die Londoner Zentrale fetzt monatlich 50.000 Pfund vereinnahmen. Es wurde jedoch in der letzten Sitzung des Kongresses an die Jndercheit der Appell erlassen, innerhalb eines Jahres eine Million Pfund aufzubringen, weil das beschlossene Minimalbudget nicht hinreicht, um den Ausbau mit jenem Tempo durchztlführen, welches.eine normale Entwicklung der Helmstätte gewährleistet. Im Sinne dieses Appells m ü ß t e n monatlich durchschnittlich 84.000 Pfund ausgebra cht werden. Nun!sind gerade in dem Moment nach dem Kongreß die Einnahmen des Keren Hajessod statt zu steigen, a u ß e rordentlich gesunken. Der Monat September war der bisher schlechteste des Kalenderjahre s'.' Die Gesamtelngänge betrugen bloß 3-1.831 Pfund. Von besonderem Interesse ist es natürlich, sestzUstellen, -welche Länder an dem Rückstand Esonvers beteiligt sind. D ie V e r e i n i g t e n S t a a t e n von Amerika sind nicht zurückgogangen, sondern haben den Durchschnitt ihver Ucke-rweisungen ungefähr fclstgehalteu. Südafrika hat in beiden letzten Monaten fast bloß die Hälfte dessen überwiesen, was es in dett Monaten April und Mai, beziehungsweise Juni und Juli an Londott übersandte. Ebenso Kanada. Uttd übera'u's betrüblich ist der starke Rückgang in den europäischen Ländern. Gerade die Länder Polen, Rumänien und D e u t s ch l a n d, welche hervorragenden Anteil daran hatten, daß der Keren Hafessod im letzten .Jahre einen . erfreulichen Ausschwung genommen hat, blieben ln der letzten Zeit sehr stark zurück. Die Eingänge sind in diesen Ländern beinahe ans ein Drittel gesunken. Auch ln Oesterreich ich nach einigen -Monaten ansehnlicher BessevMgein starker Rückfall zu verzeichnen. Die Verminderung der Eingänge machen der Londoner Zentrale schwere Sorgen. Gerade in den Hevbftmonaten Oktober bis Dezember sind «die Budgetpolstett für den wichtigsten Ackeitszweig, die landwirtschaftliche Kolonisation, fällig, und wenn das in Wien beschlossene Budget tatsächlich verwi reicht werden soll, -muß in den genannten Monaten eine Summe von ungefähr 200.000 Pfund nur für landwivts-chastliche Kolonisationen aüsgegcken werden. Die anderen nötigen Ausgaben hinzugerechnet, beansprucht P a l ä st i tt a ■in den drei letzten Monaten des Kalenverjähr e s m o n a t l i ch 10 0.0 0 0 Pfund. Was Oesterreich betrifft, wird die aus 'der jüngsten zionistischen Delegier-tentagung gewählte Keren-Hajessod- Kommisfion über die Maßnahmen zu berateit haben, welche eine Erhöhung der Ke-ven-Hajesscd^E'mgättge bewirken kön-nett. Ire Landeskonserenz der Zionisten in Zngoflaniien. Am 16. und 19. d. fand in Zagreb die diesjährige Landeskonferenz der jugoslawischen Zionisten statt. Es waren 45 Delegierte anwesend. Den Vorsitz führte der Präsident der Landeso-rganisation Herr Dr. David Alkalah (Belgrad). Es wurde der Budgetvoranschlag von insgesamt 400.000 Dinar angenmmmn und die Verlegung des Keren-Hajesso-d-Bureaus nach Belgrad beschlossen. Zum Präsidenten wurde Herr Dr. David Alkalah wiedergewählt. * Druckfehlerberichtigung. In den m unserer Samstagnurnmer erschienenen Teil der Artikelserie „Das jüdische Wien", welcher die Zentralstelle für jüdische Fürsorge behandelt, hat sich ein unliebsamer Druckfehler eingeschlichen, da dort zu lesen ist: „Die Ausgaben der Jugendfürsorge betrugen in den letzten neun Monaten 7,000.000 Schilling. Die Zister soll richtig 70.000 Schilling 'heißen. * Das Wetter. Gestern herrschte den ganzen Tag über mildes Herbstwetter. Die Prognose für beute lautet: Wenig Äendermtg, meist heiter, stellenweise Morgennebel. Letzte Kurse. New-Tork, 26. Oktober. (Tel.-Komp.> Berlin 23.80, London Kabel 4.85%», London Scheck 4.80%, Amsterdam 40.28, Paris 4.24 Brüssel 4.54. Nom 40.10. Madrid 14.35. Zürich 19.26. Stockholm 26.77, Oslo 20.34. Kopenhagen 24.67, Wien 141/,. Budapest 14%, Prag 296%, Belgrad 177%, Athen 1.31. Buenos Aires 41%. Rio de Janeiro 15.18. Bukarest 48. Netv-Dork> 26. Oktober. fTel.-Komv.) Weizen rot Winter 165% Wetzen hart Winter 167V,. Mats 94%. Hafer 46. Rotzgen >88V,. Chikago, 26. Oktober. <Tel.-Komp.) Weizen per Dezember 146%, Mai 143% Juli 126%; Mais per Dezember 72»/,. Mai 77%, Juli 78%; Hafer per Dezember 39.—, Mai 43%. Jn i 43% - Roggen Der Derember 81%. Mat 87% Juli —. Zer Kampf um Die Temvelniauer. Der Orientkorrespondent . der „Vossischen Zeitung", Dr. Wolfgana W e i s l, schreibt semem Blatte über die auch von uns gemeldeten Zwischenfälle an der Klagemaner in Jerusalem: Vom alten Tempel Jehovas in Jerusalem blick nach -er Zerstörung d»s Heiligtums durch Titus wenig übrig. Was damals verschont geblieben war, ging zugrunde, als Julian der Abtrünnige die Fundamente zu einem neuen Tempel zu legen versuchte. Dann kam der Kalif Omar, baute dort Moscheen, wo einst der Juden Heiligtum gestanden war, und erhob diesen Platz zum zweitgrößten Heiligtum des Islams. Und dies blieb es trotz der Unterbrechuttgen mohammedanischer Tradition durch die Kreuzfahrer bis zum heutigen Tage. Nur ein einziger Rest des alten Tempels der Juden blieb übrig, so, wie er siebzig Jahre nach Christi Geburt gewesen war: der westliche Wall, der einst den Tempelplatz umschloß und der nun in einem kaum dreißig Meter langen Streifen zwischen erbärmlichen, niederen und schmutzigen marokkanischen Häusern mächtige Quadern gegen das Häusergewirr zu seinen Füßen reckt. Diese alten Steine der alten Festungsmauer des Tempels sind es,-die den Juden der heiligen Stadt und recht eigentlich den frommen Juden der ganzen Welt als pars pro toto, als Symbol des Tempels-selbst, den diese Mauer ernst' beschützt hat, gilt. Seit sechs Jahrhunderten beten und klagen die Juden vor dieser Mauer, die deshalb Klagemüuer, Wailing Wall, genannt wird. In den Fugen der Steine, die.zweitausend Jahre Regen und Sonne geöffnet haben, schieben die Alten , kleine Zettelchen mit Wünschen und Bitten; die glatten Quadern küssen sie im Gebet, küflen.sie. beim Kommen und Gehen. Und noch heute ist es traditionelle Pflicht, daß ein Jude, der zum ersten Male Jerusalem betritt, zm allererst die alte Mauer besucht und vor ihr — wie der Trauernde am Grabe seines Verwandten — mit stumpfen Messer seinen Rock zerschneidet. Noch immer trauert Israel um sein Heiligtum am Platze vor der Klagemaner. * Diese „Trauer" ist aber, wie alles in Palästina, ein höchst politischer Akt. Die Araber sind in Jerusalem nie ihres Besitzes froh geworden. Die Kreuzfahrer, später die vielen größerett Kirchen, die zahllosen christlichen und die noch zahlreicheren jüdischen Traditionen, die an Jerusalem haften, verkütnmerien ihnen das Gefühl des sicheren Besitzes. Sie fühlten sich als Eroberer in einer Stadt, in der die Moslems weniger als ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Und sie fürchteten besonders, daß die Juden, von Gebeten zu Taten übergehettd, versuchen würden, den Tentpelplatz zurückzuerobern, und an der Stelle des Felscndomes und der Aksa-Moschee den Tempel des Gottes Israels wieder zu erpauen. Man kann sogar sagen, daß der größte Teil des instinktiven Antizionismus des palästinensischen Moslims auf diese Angst zurückführt: „Die Juden wollen nicht nur Palästina erobern, sondern vor allem den Tempel an der Stelle der Omar-Moschee wieder aufbauen" —, mit dieser Losung macht die arabische Exekutive seit sechs Jahren antijüdische Propaganda im ganzen Orient. Mit besonderem Argwohn betrachten daher die Araber alles, was die Juden am Kotel hantarawi, der Klagemaner, vornehmen, die der Omar-Möschee so nahe liegt. Der Platz gehört einer ntohammedanischen religiösen Stiftung, einem fogenatmten „Wakf", .des Abu Medin al-Djuß, und ist als solcher eine Art' Fideikommiß unter Verwaltung der Fantilie El Husseini, einer der vornehmsten und ältesten Fatnilieu Jerusalems. Zum Schutz dieses Platzes gegen die Inden wurden dort marokkatlische Moslims angesiedelt, deren Häuser sich bis auf fünf Meter an die Mauer herandrängen, und die nur einen kaum meterbreiten Zugang von der Straße her freilassen. Die Juden fügten sich in alles, ließen aber — trotz aller Demütigungen, die sie dort erfuhren — nicht ab von ihrer Sitte, dort zu beten. Sir Moses Montesiöre erkaufte vor achtzig Jahren für schweres Geld den Juden Jerusalems das Recht, dort zu beten, das Recht, die heilige Mauer durch einen Aufbau vor dem Verfall zu schützen. Von 35 Jahren erkauften die Juden das weitere Recht, den Platz zu säubern und zu pflastern. Jetzt begannen sie sich schon auf „ihrem" Platz mehr zuhause zu fühlen. Allmählich schafften sie Stühle und Bänke herbei, setzten sich zur Zeit des Gebetes nieder, begannen sich einzurichten. Das erregte neuerlich den Argwohn der Araber: „Heute sitzen sie ans Holzbänken und morgen werden sie auf Steinbänken sitzen und übermorgen werden sie finden, daß sie die Sonne geniert, und sie werden ein Dach darüber machen, und dann gehört der Platz ihnen, und dann werden.sie uns den Tempelplatz auch wegnehmen", erklärten die Araber und gingen zum Kadi. Im Jahre 1327 der Hedschra, das ist 1908, entschieden Kadi, Mufti und Pascha in Jerusalem, den Juden sei verboten, dort Bänke oder Sessel oder dergleichen auszustellett. Es sei gegen das Gesetz! Sofort, nach Kriegsende begannen neuerliche Be-' ntühungen der Inden um den Platz au der Klagemaner. Auf Bitte Dr. W e i z m a n n s, des Präsidenten der Zionistischen Organisation, übernahm der Gouverneur von Jerusalem, Sir Ronald Storrs, die Vermittlung zwischen Inden und Arabern. Weizmann hatte ihm einen Scheck über die ungeheure Summe von 75.000 Mark ausgestellt, welche die Juden für die Terrains vor der Mauer zu zahlen bereit waren. Die Verhandlungen scheiterten aber, da die antizionistischen Araberführer sich der Angelegenheit attnahnten und die Presse infortnierten. Und die Jude» versttchten dann wieder die Eroberung des