Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-10-27 · Heft 2399 (27.10.1925) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2399 (27.10.1925)
Date
1925-10-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981485--24477-3012025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

WreE Mor-emetrunA Seite 4 Men, Dienstag je Norde in der Kohn-MWe. Re verschwundenen acht WchMge. (Eigendienp der „Wiener Morgenzeitung".) I gl au, 26. Oktober. Das Beweisver fahren dürfte morgen geschlossen Verden. Die Vormittagsverhandlung war wieder voll sensationeller Zwischenfälle. Zuerst kündigte der Verteidiger Doktor Chlum an, er Iverde den vollen Beweis für die Unschuld' der Angeklagten Kunst, Masek und Km ent führen. Dann erklärten die Angeklagten Fejta und Kunst, daß sie die Protokolle mit ihren Geständnissen anerkennen. Dies rief große Bewegung hervor, weil diese beiden bisher die Protokolle unter der Angabe bestritten hatten, sie seien durch Mißhandlungen zum Geständnis gezwungen worden. Ueber diesen Punkt sagte der Untersuchungsrichter Dr. Dostal aus Trebitsch Genaueres aus. Er berührte insbesondere die Frage nach den ermordeten jüdischen Flüchtlingen. Er erklärte: Josef Fejta hat sich schon zu einer Zeit verdächtig gemacht, als es sich lediglich um die Feststellung des Todes der beiden Policki handelte, und noch kein Verdacht ans Fejta und die Dworaceks gefallen war. Sein Benehmen war sonderbar. Er war vorgeladen und sollte sich verantworten, aber mitten in der Einvernahnie erklärte er plötzlich: „Ich habe keine Zeit, ich muß fort, ich muß arbeiten." Er wußte noch gar nichts davon, daß ihm die Täterschaft an der Ermordung der Polickis zur Last gelegt werden sollte, es waren erst Gerüchte darüber aufgeflattert. Aber mitten in der Einvernahme sagte Fejta und schaute dabei zu Boden: „Ich habe sie nicht erschlagen!" Der Zenge wendet sich nun den beiden Angeklagten Dworaeek zu und sagt: Als die Gerüchte über die Ermordung von polnischen Juden auskamen, stellte ich dem Dworaeek unvermittelt die Frage: Haben Sie einen Juden ermordet? Darauf erklärte Dworaeek: „Ja, einen." Auf mein weiteres eindringliches Befragen gab Dworaeek zu, daß es zwei gewesen seien. Diesen Erklärunegn folgte später ein Widerruf, dann ein neues Geständnis. Die Geständnisse wurden alle mit schrecklichen Einzelheiten bis ins kleinste Detail geschildert. Es wurde überdenHergang der Morde alles klar. Im Lause der langen Verhöre gestand Dworaeek schließlich acht Morde ein. So hat er ausfi'ihrlich angegeben, daß acht Leichen, in 24 Sacken verpackt, mit Steinen beschwert, in die Jglau geworfen wurden. Ich hielt ihm damals vor, daß er bis dahin nur sechs Morde zugegeben hätte, und daß in dieser Beziehung seine Angaben nicht stimmen. Da erklärte Dworaeek, es seien wirklich acht gewesen, seine Angaben bezüglich der Opfer seien irrtümlich. Im ganzen seien acht Juden ermordet worden. Von außerordentlicher Wichtigkeit ist die Tatsache, daß Dworaeek und Fejta ganz unabhängig voneinander die Angabe niachten, wo die Leichen ins Wasser geworfen wurden. Sie hatten sich unmöglich vorher miteinander verständigen können, und trotzdem machten sie dieselbe Angabe. Es werden nun neuerlich Fejta sen. und Kunst vorgeruscn, ihnen die Protokolle vorgehalten, und sie werden gefragt, ob sie nicht doch zugeben wollen, daß sie ihre Unterschrift darauf gesetzt haben. Unter lebhafter Bewegung des Publikums geben jetzt die Angeklagten zu, daß die Unterschriften von ihnen herrühren. Sie sagen einfach: „Ja" oder nicken mit dem K-Ps. Nur Karl Dworarek springt auf. Er bestreitet seine Unterschrift nicht, er beschwert sich nur schreiend über Mißhandlung, die er erduldet habe, und durch die er gezwungen worden sei, zu unterschreiben. Er brüllt: „Wie ein Hund bin ich gehaut worden!" Große Sensation ruft hervor, als der Untersuchungsrichter Dr. Dostal feststellt, daß der Ort, den Dworaeek und Fejta als jenen angegeben haben, wo sie die Leichen ins Wasser warfen, sich gegenüber dem städtischen Schlachthaus befindet. Blut und Fleischteile, die dort in Spuren zurückblieben, fielen daher niemanden aus. Auf Veranlassung des Verteidigers Dr. Chlum wird sodann die Gattin des Angeklagten Km ent vorgenommen. Vors.: Wie war das mit diesen gewissen Körben? Haben Sie jemals gesehen, daß Ihr Gatte bestimmte Körbe ins Haus brachte, daß er sie dann wieder weggetragen hat? (Der Vorsitzende spielt hier auf jene Körbe an, mit denen Menschenfleisch sortgeschafft worden sein soll.) Zeugin (rasch): Aber wo, das hält' ich ja nicht geduldet. Niemals habe ich so etwas gesehen. Ich hätte ja doch gleich selber die Anzeige erstattet. Vors.: Wie ist es denn gekommen, daß da bei Ihnen im Hof immer in der Erde h^rumgegraben worden ist? Es war gerade um die kritische Zeit, tvo die Gerüchte über die Mordtaten aufgekommen sind. Zeugin: Das wird wegen des Stalles gewesen sein. Die Sonne hat zu viel auf die Schweine heruntergebrannt. Bors.: Ist es Ihnen nicht ausgefallen, daß Ihr Mann verhältnismäßig rasch zur Wohlhabenheit gekommen ist? Zeugin: Er hat mit Realitäten gehandelt, überhaupt habe ich ihm ja 2000 K. in die Ehe mitgebracht. Er hat auch mit Schweinen gehandelt. (Zu den Geschwornen gewendet): Meine Herren, Sie sind doch Landwirte. Sagen Sie doch, was man im Kriege am Schweinehandel Verdi e n t h a t!" Dr. Chlum: Halten Sie Ihren Mann für fähig, einen Menschen zu erschlagen und Fleisch aus seinem Körper herauszuschneiden? Zeugin: Aber ich bitte Sie, wenn ich mir einen Span eingezogen habe, war er aufgeregt. Er hat es nicht mitansehen können. Staatsanwalt: Sie müssen sich doch schließlich eine Vorstellung darüber mache::, wieso es kommt, daß die anderen Angeklagten auf Ihren Mann so schtvere Beschuldigungen gehäuft haben. Zeugin: Kann nur aus Neid sei::. Staatsanwalt: Das verstehe ich nicht. Zeugin: Halt wegen seiner gutgehenden Geschäfte. Kann man das so genau wissen? Wänn soll er das alles begangen haben? Ich hätte es genau gemerkt, wenn mein Mann neben mir im Bett gefehlt hätte. (Heiterkeit.) 99 44 11., SaftoiMe 17 h Platzes durch Schaffung von Präzedenzfällen... der einzigen Kampfesart, die es bei heiligen Plätzen gibt. Zunächst setzten sie in jahrelangen Versuchen durch, daß sie kleine Pulte ausstellen durften, auf die die-Vorbeter ihre Gebetbücher auflegen konnten. Hundertmal kamen die arabischen Polizisten und trugen die Pulte fort, und hundertundeinmäl kamen die Juden wieder und stellten sie wieder hin. Dann begann der Kampf um einen Schrein zum Ausbewahren der Thorarollen während des Gottesdienstes. Am Versöhnungstag 1924 „triumphierte" die kleine Gemeinde, die sich bei der Mauer versammelte — man hatte Weisung gegeben, den Schrank dort zu lassen. Und nun begann der Kampf um Stühle und Bänke. Es ist sicherlich kein Vergnügen, stundenlang — ein jüdischer Gottesdienst am Versöhnungstag zum Beispiel dauert dreizehn Stunden fast ohne Unterbrechung — in glühender Sonne stehen zu müssen. Aber wichtiger als die Bequemlichkeitsfrage war und ist den Juden die Ehrenfrage. Ueberall mag ■ der alte, unpolitisch denkende, indifferente Jude des polnischen oder ungarischen Ghettos den Arabern nachgebcn — an „seiner" Klagemauer empfindet er sie als Usurpatoren. Diese Mauer gehört ihm und wenn sie tausendmal im Grundbuch aus den Namen eines Wakf eingeschrieben ist — er kennt kein Gesetzcsrecht, das ihm verbietet, dort an der Tempelmauer zu tun, was er machen will, er. . . Und so brachten die Juden bei ihren Feiertagen heuer wieder Banke und Stühle zur Mauer; nicht viele — zwei, drei Bänke, zehn, zwölf Feldstühle, ein paar Petroleumbleche, ein paar Kisten. Aber gerade genug, um zu demonstrieren. Am Neujahrstag ließen es die Araber der Nachbarschaft ohne Protest, hatten es vielleicht nicht bemerkt. Zehn Tage später, an: heiligsten Tage der Judeq, dem Versöhnungstag, brachten sich die Beter wjeder ihr Sitze mit, stillten sie im Schatten der Häuser auf. Stunden um Stunden des Gebetes rannen hin. Feierlich wurde die Gesetzesrolle aus dem Schrank geholt, der Gemeinde gezeigt, die ihre Hände nach dem heiligen Pergament ausstreckte; die Vorlesung aus dem Gesetz begann. In diesem Augenblick erschien, eine mächtige Nilpferdpeitsche in der Hand, der englische Polizeileutnant Lamont in Begleitung von ein paar arabischen Polizisten und zwei Scheichs und gab den Soldaten Befehl, die Sessel, Bleche, Kisten wegzutragen. Ohne vorhergehende Aufforderung oder Entschuldigung führten die Polizisten den Austrag aus, stießen die Beter von ihren Sitzen, bemächtigten sich der Sessel und Bänke. . . Aber etwas hatte sich in den Jahren verändert, seit der Mufti dm Juden Befehle zu erteilen gewohnt war: die Juden Jerusalems.fühlen sich nicht nur als Mehrheit — von 70.000 Einwohnern der Heiligen Stadt find 40.000 Juden —, sondern sie fühlen sich auch als Macht. Sofort wurde der Gottesdienst unterbrochen und die Gemeinde — in Sterbehemden und Gebetmäntel gehüllt, die Gebetbücher unter dem Arm, ohne Schuhe an den Füßen — zog zu dem Gouverneur Sir Rottald Storrs. Es war die seltsamste Demonstration, die ich je sah. Junge Arbeiter und Arbeiterinnen neben alten, weißbartigen Männern, die zum ersten Male den Mut aufbrachten, gegen eine hohe Regierung zu protestieren; Frauen, die weinten und schrien, Amerikaner, die schimpften, weil ein „Schwarzer", ein „Native", gewagt hatte, sic anzurühren — und alle eins in der Entrüstung über das Attentat auf ihre Würde — ein Attentat, das man vor zwei Jahren noch ruhig hingenommen hatte. Im Gouvernorate herrschte große Aufregung, als die 150 Demonstranten ankamen — die erste jüdische Demonstration gegen die Regierung, und noch dazu in einer solchen unangenehmen Affäre, die in der ganzen Welt böses Blut machen wird — ein englischer Beamter unterbricht den Gottesdienst der Juden Jerusalems an ihrem heiligsten Tage und ihrem heiligsten Orte, man denke! ' r<. vme* M8b siks. SM — ■ ■■■■■'» " ..... .. j< Der Verteidiger kritisiert die BeweiSergobnIsst Hinsicht lich der Mordtaten an den polnischen Flüchtlingen und meint, es herrsche hier die größte Verwirrung und Unklarheit. Oie angegebenen Tage und Stunden stimmen Nicht, die Voruntersuchung sei gänzlich ungenügend. Die nächste Zeugin, die Frau des Angeklagten Kunst, Marie Kunst, begrüßt ihren Mann mit einem freundlichen Kopfnicken, er nim:::t aber keine Notiz von ihr. Bors.: Sie haben ja in der „Kohn-MÜHle" gewohnt, Frau Kunst? Haben Sie gehört, daß die Dworaeek zu ihrem Mann während eines Streitegesagt hat: „Di: Lump, denk' an die Polickis. Du weißt ja, wo sie liegen!" Zeugin (vorsichtig): Es ist schon möglich, daß sie so etwas gesagt hat. Dr. Chlum: Hier war wiederholt von drei Kübeln die Rede, die in: Mordsaal gestanden sind. Haben Sie beobachten können, daß dort manchmal einer von den Kübeln gefehlt hat? Zeugin: Ich weiß nur, daß immer drei Kübeln dort gewesen sind. Dr. Chlum: Im Saal haben doch immer Kinder gespielt. Da Ware es doch unmöglich gewesen, dort Leichenteile anzuhäufen? Zeugin: FlüchtlingSkinder waren schon dort. Manchmal haben sie sich in den Kübeln gewaschen. (Bewegung.) Die nächste Zeugin, Frau Masek, wird über ihre Feindschaft gegen Anna Dworaeek beftagt. Bors.: Warum haben Sie sich gezankt? Frau Masek: Die Dworaeek hat immer Luder und Schwein zu mir gesagt. Sie hat mir auch gedroht, daß sie mich erschlagen wird. Sie hat mir, hohes Gericht, gesagt, es wird am besten sein, wenn ich nur unter Bewachung von Gendarmerie ausgehe. Aber auch das wird mir nichts nützen, sie wird mich vor den Augen der Gendarmen u in b r: n g e n. (Heiterkeit.) Die Dworaeek springt auf und ruft: Löbliches Gericht, das rvar ganz anders. Die Masek hat mich schwer beleidigt. Sie hat nämlich gesagt, daß ich Hab' ein Verhältnis mit einem Flüchtling und ein Kind von ihm. Es ist aber nicht viel passiert. Wir haben oft gestritten, sie hat mir einen Topf nachgeworsen, ich bin ihr in die Haare gefahren. Sie hat 14 Tage Arrest bekommen und ich eine Woche. Aber sonst haben wir uns ganz gut vertragen. (Große Heiterkeit.) ,Dr. Chlum: Was für ein Naturell hat denn Ihr Mann gehabt? Zeugin: Wenn er nüchtern ist, kann man ganz gut mit ihm auskommen, allerdings, wenn er einen Rausch hat, ist er fürchterlich. Der Anwalt des Josef Fejta fragt die Gerichtsärzte, ob es möglich sei, daß die beiden Polickis, nach hem die ersten Hiebe niedergesaust waren, sofort tot gewesen sind. Die Aerzte erklären, das könne man nicht so genau sagen, tödlich waren die Hackenschläge sicher, aber esist anzunehmen, daß die Opfer trotzdem noch eine Zeitlang gelebt haben. Josef Fejta erhebt sich mrd sagt ruhig: „Ich habe einen Hieb nach dem anderen geführt." Nach längeren Verlesungen wurde die Sitzung abgebrochen. Morgen wirb die Verlesung der Protokolle beendet, worauf die Formulierung der Schuldfragen stattfindet; den Geschwornen dürsten 70 Fragen vorgelegt werden. Sir Ronald Storrs, der Gouverneur, war gerade Lei Feldmarschall Lord Plmner, als die Demonstration ankam. „Ich habe solches Pech mit den Juden", klagte er mir später, „ich bin wirklich und wahrhaftig i h r F r e u n d, aber immer, wenn etwas los ist, was den Juden unangenehm ist, muß ich in die Sache verwickelt werden, und muß es sein, der nein sagt!" Er hörte von der Demonstration, nahm ein Auto, fuhr zum Gouvernorate, empfing die Sprecher. „Was wollen Sie, es ist so Gesetz", war seine Antwort'. „Wenn man Ihnen Banke verboten hat, können Sie doch auf Kissen sitzen, das ist sehr angenehm und ist erlaubt." — Die Juden protestierten: das türkische Gesetz gehe sie nichts an, der Platz vor der Klagemauer sei zwar Eigentum der Mohammedaner gewesen, jetzt aber sei er ein öfsentlicher Weg wie jeder andere, und > wenn man vor Kaffeehäusern Sessel und Bänke ausstellen dürfe, dann hätten die Juden das gleiche Recht vor der Klagemauer. Der Assistent des Gouverneurs zog mit den Juden zur Mauer zurück, Augenschein vorzunehmen. Gab Erlaubnis nicht nur für Kissen, auch für Petroleumbleche und Holzkisten als Ersatz für Stühle. Die Wortführer der Demonstranten protestierten neuerlich, drohten mit Klage an den Völkerbund — aber der alte Verwalter des Platzes rieb sich erfreut die Hände: „Immerhin wieder ein Fortschritt — jetzt hat man uns auch Bleche und Kisten erlaubt — wieder ein Präzedenz — man muß nur Geduld haben in Palästina, dann geht, alles... , Und wenn die Wahlen in den neuen Obersten Rat des Muslim Supreme Council vorüber sein werden, wird Sir Ronald Storrs wieder die Verhandlungen mit den Mohammedanern ausnehmen. Vielleicht wird der neue Oberste Rat weniger Angst vor den jüdischen Bänken an der Tempelmauer haben als der alte... 55

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.