Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2399 (27.10.1925)
- Date
- 1925-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eklte 2 Wien, Dienstag Wiener Morgenzettang 27. Oktober 192o Nr. L89V Set Zndizieilberveis erschSttert Set 11. BtthmdluaMtag im Steiset-Ptozrb. (Von unserem H.-Korrefpondenten.) Der Geist von Versailles. - W i e», 27. Oktober Die Borschußlorbeeren beginnen zu Welten. So stark ist dir Sehnsucht nach einer Festigung des Friedens, daß Nach der Schlußszene in Locarno blütentAlße Hoffnungen aufflatterten: Nun muß sich alles, alles tuenden. Aber kaum eine Woche ist ins Land gegangen und es gibt eine Regierungskrise in Frankreich,, reine Koalitionskrise in Deutschland, es gibt Krieg Wif dem Balkan, in Novdafrika, in Syrien, die chinesische Rebellion gegen die europäische Unterdrückung erhebt sich wieder. Mit Ausnahme der deutschen Vorgänge hängen alle diese Erscheinungen sicherlich mit Locarno an. und für sich nicht zusammen. Zlber sie kommen aus dem Geist, der die Welt so weit getrieben hat, daß ein Locarno notwendig wurde und daß selbst dessen mageres Ergebnis jetzt schon mit einem Dutzend Fragezeichen versehen weÄen muß. Eines ist allerdings heute bereits erreicht worden und das ist wohl das Hoffnungsvolle au der Situation nach Locarno. Die Schwierigkeiten halben sich nicht vermindert, sie niehren sich sogar. Aber es ist der Beiveis geführt worden, daß man sich auch anders an sie heranwagen kann als mit der Ulüma ratio der Kalwnen. Es ist ein Wegweiser in die Zukunft errichtet morden. Das entnervte, im Hungersieber sich verkranrpfende Europa wird nur zögernd und langsam ihm folgen. Es wird oft stocken und schwere Kämpfe auszufechten haben. Aber es wird keinen großen Krieg aller gegen alle führen, nicht die Mordwaffen mit 'der EntfcheDung betrauen. Die Konferenz von Looarno mar der erste tastende Versuch, die verschiedenen Streitwagen in einer größeren. Konzeption zusammenzusaffen und eine Einheit des Kontinentes zu erzielen. Der Versuch ist gescheitert und die Krisen, die ihm folgen, find ein peinlicher Beweis dafür. Wenn Frankreich und Deutschland sich über ihre Grenze aus der Basis der Garantie einigen, so müßte dies logischerweise für ihre inneren Zustände entlastend wirken. Aber da sind die Früchte der bösen Tat. Die französische Wirtschaft war durch fünf Jahre darauf eingerichtet, daß die Schulden an Amerika von Deutschland gezahlt weiten müßten. Da dies nicht eintrat, verschlimmerte sich das Verhältnis zu dem großen Gläubiger in Washington so sehr, daß nun auch das demokratische Kabinett in Gefahr ist. In Deutschland war iüe ftlhrende Schichte des" Bürgertums von der Ideologie der Rache bchervscht. Der Zwang der wirtschaftlichen Tatsachen führte zur direkten Verhandlung und das Ministerimn der Luther, Schiele, Neuhaus', die Regierung der Nationalisten, mußte sich zur Erfüllungs- Politik bequemen. Aber der militaristische' Heroenkultus der Wikinge und JunKo will, muß wohl auch, den wilden Mann spielen und, von ihm befeuert, schreien die gar so patriotischen Brotwucherer und Welthasier ein Unannehmbar. haben wieder ihr Doppelspiel treiben wollen, so wie es ihnen beim Datves-Plan geglückt ist. Aber damals konnten sie mutig zurückweichen, da jie die Mehrheit gesichert wußten und nicht in der Regierung saßen. Jetzt sind sie die Regierung, ihre Minister haben die Note entworfen, deren Konsequenz Locarno war. Nun will die Partei ein Nein sagen, weil sie hofft, daß auch diesmal sich eine andere Mehrheit finden wird, die ihr die Verantwortung abnimmt. Die Deutschnationalen wollen sich inzwischen wieder aus die radikale Seite legen und darin muß sie der Ausgang der Berliner Gemeindetvahlen bestärken, der ergibt, daß die Parteien der Mitte, die Sozicüdemokraten und die Stresemannsche Volkspartei, beträchtlich an Termin verloren haben. Die Spannung zwischen den Gegnern und den Anhängern der Republik und der Erfüllungspolitik hat sich in gefährlicher Weise verringert und das Anwachsen der Kommunisten ist-ein Moment, das vom Standpunkt der Weimarer Verfassung eher ihren geschworenen Feinden zugute kommt. Die Locarno-Verträge können nur allgenommen oder abgelehnt werden. Da nun die nächste und erste Entscheidung bei Deutschland liegt, würde die Ablehnung nicht mehr und nicht weniger erzielen als die neuerliche Ausschaltung Deutschlands aus denr Werk der Sanierung des Kontinents. Aus dem gegenwärtigen Zustand kann sich aber außerdem noch eine Reichskrise entwickeln, die ihre Einflüsse auch auf die Anrainer äußert. Das ist die Lebensaufgabe des Ratio-, nalismus der Phmse, der im Augenblick und vom Augenblick Mt und dem das Schicksal des Volkes gar nichts gilt, so lange er es nicht zum Krieg kommandieren kann. Deutschland wäre wieder isoliert, der Chauvinismus, der immer darauf aus ist, seine moralische Minderwertigkeit auch politisch zu begründen, könnte sich An die Brust schlagen und den Geist von Versailles stolz bekennen. Er wird sicherlich das Wagnis, in das er das deutsche Volk reißen will, mit aller Kraft versuchen. Den Schaden hat Deutschland und niit ihm die Sache des Friedens. Sie Mossulsrage vor dem Haager Serichlshos. Haag, 26.' Oktober. (Havas.) Der Ständige Internationale Gerichtshof hat heute die Prüfung der M o s s u l f r a g e begonnen. Die Türkei ist nicht vertreten. Lemberg, 86. Oktober. Die letzten VevhaMungstage brachten schwere Erschütterungen für das Gebäude der Anklage gegen Stanislaw Steiger. Den ersten Anstoß gab das Verhör des Chefs des Polizeihauptkommandos, Marhan Swolken. Dieser war am Tage nach dom Attentat in Lemberg eingetroffen; er wohnte dem Verhör der Pasternak, der Frau Franzos, Steigers und seiner Braut bei und dabei fielen ihm, wie er jetzt als Zeuge anssagt, die Widersprüche zwischen den Erklärungen der Pasternak und den Angaben der Polizisten über die Verschnürung des Pakets auf; über diese Widersprüche erstattete er dem Justizministerium Moldung. Dies ist wieder ein Beweis für den zlveifebhasten Wert der Aussagen der Pasternak. Seiner Stellung gemäß ist Swolken - ein.wichtiger Sachverständiger für die politische Seite der ganzen Wäre, und deshalb sind seine Aussagen, daß nach seiner Ansicht weder z i o n i st i s ch e noch jüdisch, oder polnisch-kommunistische Kreise fiir das Attentat in Betracht*kommen, von großer Bedeutung. SwoKen kam auch aus die aus Wien eingelangte Meldung über den Ukrainer Ban du re und auf die Rolation des Rayonsamtes der politischen Polizei in Oberschlesien über Olschanski zu sprechen. Dieses Material' hatte Swolken dem Rayonsamt der politischen Polizei in Lemberg übersendet. Nach der Vernehmung Swolkens wurde der Brief des Polizeikommandos in Kattowitz vom 30. Oktober 1924 sowie das protokollarisch verzeichnete Untersuchungsergebnis zur Verlesung gebracht, das Olschanski und sein Freund Nowak in Lemberg nicht gemeldet und unbekannt seien. Weitere Erhebungen in dieser Angelegenheit sind, wie der Vorsitzende auf Befragen des Verteidigers Dr. Grek erklärte, nicht erfolgt. Waren schon alle diese Feststellungen im Gerichtsfaale geeignet, die Indizien der Anklage für die Möglichkeit, daß ■nur Steiger als Täter in Betracht komme, zu erschüttern, so geschicht dies noch mehr durch die Zeugenaussagen, welche über die Steve, an der das Attentat geschah, sowie über den Attentäter selbst Angaben machen, die. von den in der Anklage hochgewerteten Auslsagen der Pasternak schr wesentlich abweichen. Die ZeuginAnnette Franzos, Mbolsäbvikantensgattin aus Wien, 7. Bez., welche sich . zur Zeit des Attentats auf dem Balkon des Cafe de la Paix befand, sah die Handbewegung einer Person, welche' imit kräftigem Schwung ein Paket warf; dieses entzündete 'sich, und als Frau Franzos nach der Stelle hinsah, wo sie die Handbewegung bemerkt hatte, sah sie einen kleinen, schmächtigen jungen Mann von etwa 20 bis 21 Jahren in einem braunen Anzug »ich weichem, schwarzem Hut! und neben Hm einen untersetzten, etwas alteren Mann,; hellblond, mit einer Brille. Der eine, der einen hellen Mantel trug, wollte in eine leerstehende Elektrische ein- . steigen, was ihm jedoch nicht möglich war, da viele Leute dort standen, der andere flüchtete entlang der Fahrstraße. Frau Franzos gab auf Befragen der Verteidigung weiters an, daß ihr nach ihren Aussagen vor dem Standgericht längere Zeit von der Lemtberger Polizei nachspi oiüe rt : wurde. Die letzte Angabe der Zeugin gab der Verteidigung Anlaß, darauf hlMweisen, daß auch anderen Zeugen nachfpioniert wurde und daß die Pasternak zu solchen Spionagediensten benützt wurde. Verteidiger Dr. Grek .führte auch an, daß sich die Lemlberger Polizei an die W i e n e r P o liz e i mit dem Ersuchen gewendet habe, Frau Franzos zu be- * ofiadjten, und beantragte, das Gericht möge von der. Lemberger Polizei sämtliche Akten und Dokumente, die sich. auf diese Beobachtungstätigkeit beziehen, oinfordern. Das. Gericht wird über diesen Antrag später Beschluß fassen. Ebenso wie Frau Franzos gab der Zeuge Ingenieur Jakob Kuttin, der ebenfalls zur Zeit des Attentats auf denr Balkon des Cafe de la Paitz, stand, an, daß zur Zeit des Attentats zwei Männer die Flucht ergriffen. Einer war beitschulterig, ziemlich groß und trug einen Gummimantel, Hellen, weichen Hut und hatte blondes Haar. Der andere war viel kleiner als der erste, trug braunen Anzug und hatte einen kleinen Schnurrbart. Nach der Angabe dieses Zeugen verging von dem Moment, da das : Attentat verübt wurde, bis zu dem AugenAick, da die Polizei ihre Tätigkeit'begann, verhältnismäßig viel Zeit und es war daher möglich, das; dir Attentäter verschwinden konnten. Der Zeuge erklärt entschieden, daß S t e i g e r n i ch t der Attentäter war. Zieht man nun in Betracht, daß diese Leiden wichtigin Aussagen, die übrigens, wie die Zeugen selbst angaben, bei der P o lizei w e n i g V e a ch t u y g fanden, den 'Indizien der Anklage entschieden widersprechen, um so' mehr, als nach den Angaben dieser Zeugen die Bombe von einem ganz anderen Orte geworfen wurde, als eS die Pasternak angibt. Berücksichtigt man ferner, daß in der Mittwochsitzung Verteidiger Dr. L ö w e n st e i n den Antrag auf Einvernahme von sieben neuen Zeugen gestellt hat (darunter ein Oberst, dessen Gattin, Sohn und Tochter sowie ein Finanzrat), welche von dem dem Cafe de la Paix gegenüberliegenden Hause beobachteten, daß das Attentat an einer ganz anderen Stelle verübt wurde, als die Pasternak es beschreibt, so ist es begreiflich, 'daß der Staatsanwalt, um das erschütterte Gebäude seiner Anklage zu stützen, zu einer Reihe von Gegenanträgen greift, welche die sensationellen Anträge der Verteidigung» über die der Beschluß des Gerichtes noch aussteht, so;usagen unterminieren sollen. In der S a m s t a g s i tz u » g stellte der Staatsanwalt eine Reihe von solchen Anträgen, darunter den'auf Einvernahme einer Frau Viktoria Level aus Wien, Ivel che am 19. Oktober 1924 im polnischen Konsulat in Wien erklärt haben soll, sie hätte gesehen, daß Steiger die Bombe geworfen hat. Nach Angatbe des Staatsanwaltes wurde sie auch in Wien verhört und darüber ein Protokoll ausgenommen. Diese Frau Lcdel soll sich auch an den Vizepräsidenten des polnischen Senats, P. Sthchel, brieflich mit der Bitte gewendet haben, man möge sie im Steiger-Prozeß als Zeltgin vernehmen. Deshalb verlangt der Staatsanwalt auch die Vernehmung des Senats-Vizepräsidenten. Der Staatsanivalt teilt ferner mit, daß er einen Brief erhalten habe, in welchem ein gewisser Isaak Eisenberg und ein gewisser Eck angeben, sie hätten gesehen, daß Steiger die Bombe gegen den Wagen des Staatspräsidenten geworfen habe. Er beantragt die Ladung der beiden Genannten als Zeugen. Nach dem Antrag auf Einvernehmung zweier Professoren der Chemie zur neuerlichen Abgabe des Gutachtens über den Sprenginhalt der Bombe machte der Staatsanwalt folgende Mitteilungen: Er habe einen anonymen Brief aus RawaruM erhalten, der frc* sagt, daß ein gewisser Podritschuk das Attentat am 5. September M4 ausgafühvt habe; in einem zweiten Brief sei mitgeteAt, daß * Podvltschuk 'beim Ueberschveiteu der russischen Grenze erklärt habe, der Attentäter von Lemberg zu fein; ferner tjabc (was bereits -bekannt ist) ein Ukrainer namens Ba ndura in Men sich als Attentäter 'bekannt; eis habe auch ein gewisser Rudolf beim Uebevtritt über die ts che choslowakische Grenze eingestanden, das Attentat von Lemberg verübt zu haben; aus einem anderen Brief gehe hervor, daß in Warschau ein gewisser Jablon sich als Attentäter bezeichnet. Der Staatsanwalt übergab dem Vorsitzenden e-ine Reihe von Dokumenten und Briefen,, die diese Angaben enthalten, und ersuchte um Beifügung zu b:u Akten. Die Verteidigung stimmte einer Reihe voll Vorschlägen des Staatsanwaltes zu und stellte für Dienstag eine Reihe von Gegenanträgen in Aussicht. Ter Präsident nahin dies zur Kenntnis und machte die Mitteilung, daß in diesem Falle Dienstag keine Vorhand l u n g stattfinden werde, um denr Gericht Gelegenheit zum Studium der verschiedenen Anträge zu geben. Die. Beschlußfassung des Gerichtes über die Anträge der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft, die für den heutigen 13. Berhandlungstag erwartet wurde, P noch nicht evsM mrd das Zeugenverhör nahm daher heute seinen Fortgang. Zwei Zeugen des heutigen Tages, Bvomslaw So in'skr und der Kaufimann Bernhard Berger, bekundeten, daß Hum zur Zeit des Attentats eine verdächtige Person ausgefallen fei, erklärten jedoch mit Bestimmtheit, daß der von ihnen beobachtete Mann nicht mit Steiger identisch P. Die Aussagen zweier Polizisten brachten keine wesentlichen Angaben. Es wurde sodann der Augenarzt Dr. Lauterste in v-ernomM-n, der Steiger die amerikanischen schwarzen Brillen verschrieben hat, welcher 'der Angeklagte trägt und die so cht als 'besonderes Kennzeichen hervorgehoben werden. Unter allMmeiner Spannung erfolgte sodann das - - Verhör pes Chefs der Stanislauer Politischen Polizei Hendrychowski. Der Zeuge sagte aus, daß einen Tag vor dem Attentat die Slamslauer Polizei eine Meldung erhielt, wonach in Lemberg anlühlich des am 6. Septentber erwarteten Besuches .des polnischen Staatspräsidenten ein Attentat vovbersitet werde. In der Meldung twar auch die Straße und das Haus angegeben, wo die Vorbereitungen für das Attentat getroffen wurden. Diese Meldung, habe Zeuge sofort nach Lemberg weitergegeben; wie er erfuhr, sei die Revision ln dem bezeichneten Hanse ergebnislos gewesen. Auf die Frage des Verteidigers Gvek, welche politischen Kreise nach Auffassung des Zeugen für das Attentat in Betracht kämen, Polizeiches Hendrychowski: „Mch meinet Auffassung kounnen nur ukrainische Kreist in Betracht." Die Bernehmung.des letzten Zeugen in der heutitzeü Verhandlung, des Kanfmannes Salloanon. Kr enter,