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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-25 · Heft 2397 (25.10.1925) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2397 (25.10.1925)
Date
1925-10-25
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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» Seite 8 _Wien, Sonntag Hau diesen großen Anforderungen gerecht werden zu Ännen, wird der Leeren Kasemeth in dem eben begonnenen jüdischen Jahre zumindeft eine halbe Million D n n <un Boden kaufen müssen. Während der -iteu Hasessod, das ^MKu^iuitrmhcut des Aufbaues, durch SeiWbesteuerung der Zionisten und Palästinafreunde aufgebracht wird, wendet sich der Jüdische. Nationalfonds, der Keren Kafeineth, an die breitesten Massen und will sie zur Leistung gelegentlicher Spenden erziehen. In diesem Sinne will ich gemeinsam mit unseren Wiener Freunden mich an die g e s a m t e Iudenheit w e n d e n und erwirken, tag womöglich in jedem jüdischen .Hause eine Nationalsondsbüchse Heimat findet. Es muß in den kommenden Wochen durchgesetzt werden, daß zunächst f ü u f z e h n t a u s c n >d B ü ch s e n in jüdischen Fanlilien übernommen mw dann regelmäßig geleerr werden. Wir wollen ferner die Channka- Aktion für den Jüdischen Nationalfonids so rechtzeitig vorbereiten, daß die Ergebnisse dieser Feiertagsaktion auch in Oesterreich günstig sind und ich hoffe zucersichtlich, daß es mir gelingen wird, in Wien einen Keren-Kajemeth-Klub ins Leben zu rufen und die Mischen -Frauen für unser Werk 31t gewinnen. ' Frau Rosa Buchmil wird zunächst in einem großen Mee t i ng vor die Wiener jüdische Öeffentlichkeit treten. Zst Wien „gemütlich"? Bon Egon Dietrichstein. Ist es, vor allem, die lobenswerte Qualität einer Großstadt, gemütlich zu sein? Bekanntlich — man kann hier mit seltener Berechtigung bvkanntüich sagen —, bekanntlich also war Wien gemütlich. Und wenn von den Barrikaden geschossen wurde uwü sich auch noch allerlei anderes, höchst Ungemütliches ereignete, so Mob Wien doch gemütlich, ja es hörte nicht auf, gemütlich zu sein oder als gemütliich zu gellen, als zum Saccharintee und den fleischlosen Tagen nur patriotische Gesänge und Siegesmeldungen abgegeben wurden, Und die Gemütlichkeit dauerte munter und wohlbehalten fort, als die österreichische Valuta auf den Wert von Papiersetzen herabsauk, ja, fie erreichte einen ganz besonderen Umfang, als man in Wien drese bedruckten Scheine bei allen möglichen wchiltätigen Gelegenheiten so rasch wie irgend möglich los wurde. Heute hat Wien seinen Ruf als „gemütliche Stadt" eingobüßt. Man kann den Zeitpunkt dieses Verlustes ziemlich genau feststellen: Etwa mir der Stajbilis-ierung der Krone, danials begann die Gemütlichkeit zu sinken; sie schwand gänzlich, wurde vollends unsichtbar -und unauffinidbar, als der französische Franken streg und damit das Wiener Wohlleben verloren ging. Wien erschien damit auch im Ausland nicht mehr als gemütlich gemeldet, denn von den übrigen Europäern wäre es zu viel verlangt, eine Stadt gemütlich zu finden, in der die Hälfte der Bankhäuser zugrunde ging. Oder tut man Wien unrecht? Besteht nicht die Gemütlichkeit weiter? Blüht und gedeiht sie nicht in älter glorreicher Herrlichkeit? Man muß in dsr Tat — und zwar mit einigem Erstaunen — bemerken, daß sich die Elemente der Wiener Gemütlichkeit weiter erhalten haben. Denn die Wiener Gemütlichkeit verdankt ihren Ruhm nicht oder wenigstens nicht allein den verräucherten Kaffeebuden, den lieblichen und süffigen Heurigen, sondern vor allem gewissen, aus der Bevölkerung ansströmenden Eigenschaften. Denn nicht nur Wien, sondern auch der Wiener war gemütlich. Es gab hier keinen „Uejbormut der Aemter", sondern nur e-ine bure-aukratische Schläfrigkelit — gemütliche Schnelligkeit, gemüÄiche Präzision, gemütliche Korrektheit find Gegensätze im Ausdruck selbst —, die Wiener Gemütlichkeit hatte oigentllich mit dem „Gemüt" nichts zu tun, sondern bedeutete einen Zustand, eine Wesensart, eine Veranlagung, die allerlei ernste und hochwichtige Dinge, mit denen man sich aus der übrigen Welt plagt, leicht nahm und sich bas Leiben behaglich mit Sorglosigkeit und vor allem mit Arbeitslosigkeit auswattierte. Selbst die Aemter, die überall kalt und lieblos auftrewn, erschienen in Wien gemütlich, denn sie wollten ihre Ruh' halben und ließen sich Zeit. Erkundigte man sich bei einem Passanten nach einer Straße, so hatte man einen Freund gewonnen, der über alles Mögliche „diskurierte", nur die gewünschte Auskunft nicht geben konnte. Ter Einspänner sagte: „Wir wer'n kan Richter brauchen, gnä' Herr!" Und war vom gemütlichen Heurigen rot, aufgedunsen und verschlafen. Und schlieWch zag man, gemütlich, mit einer Musikkapelle utiib allerlei herzerquickenden, das goldene Herz lübpreffenden Redensarten in den Krieg. Utw wenn man auch nicht sagen kann, daß .sich alle diese Reliquien der Gemütlichkeit voll erhalten haben, so muß doch festgestell: werden, daß der Rhythmus der Gvmüllichküit nicht unterging: daß Wien noch immer schläft, wo es wach fein müßte, kreuzfidel ist, wo es ernist und pflichtbewußt zu sein hätte, im Unglück fatalistisch und gleichgültig, wo es sich zur Aktivität aufraffen müßte. Aber wir finden diese seit der TürkeNbelage-vunig und anderen heroischen Zwischenfällen eingewurzelte Wiener Individualität nicht mehr gemütlich. Und deshalb hat Wien aufgchört, eine gemütliche Stadt Zu sein, obgleich objektiv diese Gemütlichkeit weiter fortlbestcht. Es sind nämlich der Wiener Gemütlichkeit hartnäckige Gegner erwachsen: Vor allem die Entwicklung zur Weltstadt und die wirtschaftliche Not. Die GemüMchikoit hat diese Entwicklung nur gehemmt, nicht gehindert; die Weltstadt hat über die Gemütlichkeit gesiegt und trotz aller Widerstände der Gomütlichleit wird schließlich die Gemütlichkeit unterliegen. Die Beschleunigung des Verkehres durch Auws, des Gewerbes durch die wirtschaftliche Not, der Drang nach Geldverdienst, was alles zum Welsen der Weltstadt gehört, ge-rät mit dem ruhebedürstigen Temperament der Stadt, mit der Sehnsucht der Aemter, so gut wie nichts zu cnMt-cu, tu Kon- _Wiener Morgenzeitung_ Mt. Es war gemütlich, stich nicht a-utzuregen, sich über Mißstäude tticht zu ärgern, jede Schlamperei generös hinpuichmen. Eine Weltstadt kann sich mit Viesen Alimenten der Gemntlichteit nicht belasten intö so evbgesessen, so traditionsgeheitigt sie sind, die Weltstadt wird sie ebenso ausrotten wie das Amto den gemütlichen Einspänner, wie die Melktrische die gemütliche Pferdebahn. Die Gemütlichkeit dieser Art kann sich heute nur mehr anif dom Dorfe, nur mehr in dar Kleinstadt erhalten; und es ist dcher eine Verwechslung von Ursache und Wirkung, tvenn. die Zeristörnng eitriger alter Häuser, wetrn das Zngnundcgeihen ei in gor Erinnertiugett für das Ende der Gemütlichkeit zur Verantwortung gezogen wird. Die alten Häuser, die alten Erinnerungen würden weder die Weltstadt Wien noch die Gemütlichkeit hemmen. Aber die Liebe zntn Müßiggang und zur Unordnung kann sich in einer Weltstadt nicht weiter erhalten, sottldern in ettncr Weltstadt ttait Reibungen erzeugen; und deshalb hat mit der fvrtschr eilenden Expansion Wiens die sogestannte Gmmtlichkeit aufgr'hört: Die alten Wiener verstchen die Wietter Welt nicht ntchr, wetrn fie gelrärrkl hörerr müssen, 'daß fich die Wiener über geschäftsstörende Verspätung und Verzögerung, über Mißstände um Verkehr ernstlich anftegen. Die begreifen nicht, daß dies naturgemäße Foligen der Entwicklutig, des Wachstums find. Die unglückselige Kombination einer „geinütvichen Abil- 'l-ionenstadt" hat ein gemütliches T-enr-po, eine gemütliche Geschäftsführung, oiitcn gemütlichen Betrieb erzeugt, der fich lästig und trewenschädigend und wirtsä-aistlich hemmend aiuswivki und schließlich auch die Unredlichkeit begünstigt. Wien ist nun einmal eine Millionenstadt geworden. Ritt der Attsdchnmrg hat die Gemütlichkeit abgenommten. Bei einer Rückkchr Wiens zur Kleinstadt würde auch die Gemütlichkeit wiedevkehren. Mer wir wollen es n-icht hchsen... ra« Geheimnis de« Erfolge». E Brüder Schilfmann — das Wareichaus für scdermann! Reich und arm — hier gut uttd billig kaufen kann, überall bekannt — wi:>'s "tu '\< ‘''"nt genannt: Das reelle Kaufhaus für den Mittelstand. Ein jeder lobt's in feiner Frcnndesrui de, Rät, allen, werdet .OchWnanns" Kunde. » Stoffe kaust man — das Feinste vom Feinen, Ehisifone und Weben, prima Gradl und Leinen. Herren- und Damettwäsche, schön, gut und modern, Immer die neuesten Modewaren für Damen nnd Herren. Für Vorhänge und Decken, Teppiche und Lauser Finden sich immer neue, stets zufriedene Käufer. Mir wenig Nutzet! wird bei großem Umsatz Mküliert, Ans daß der Kunde votn billigen Einbaus profitiert. Ncibsldem wird gratis jeher Käufer photographiert, Netto ohne Kassa tverden drei Photos ihm dediziert. * Die Frau und die Kiichenreform. 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