Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2397 (25.10.1925)
- Date
- 1925-10-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. m Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 25. Mover IW Seite 7 Die schwere Arbeit des Waschtage für immer vorbei. o 0 die neue Art Seife. ’ityVJSy., % streicher verspotteten. Als er sie erstaunt ansah, lachten sie und versprachen besseren Wein und gediegenere Llebesfreuden wie anderswo Mich. Ihre körperlichen Reize wurden hei der leichten Bekleidung nur allzu sichtbar und unterstützten die Einladung. Die Entscheidung siel! Fahne und Würde waren für einen kritischen Augenblick dahin. Unter den Klängen einer Venusbergmelodie, die der Harfe eines neben der Haustür hockenden Krüppels entquoll, stapfte der alte Phantast die ausgetretenen Stufen hinaus, wurde von der zweideutigen Gesellschaft in Empfang genommen und verschtvand im Hintergrund des Gewölbe-. Sie nationaldeuischen Süden. Wie bereits berichtet, mutzte die vorgestern abends in §er ,-Schollt abgohaltene erste Versammlung der Wiener Filiale der nationaldeutschen Juden vorzeitig geschlossen lverden. Die Weigerung des Einbemfers Hör nik, eine Debatte zuzulaffen, führte zu Lärmszenen und so räumte die von den Veranstaltern herbeigehüte Polizei den Saal. Diese Versammlung hätte ursprünglich am 14. d. statlfwden sollen. Ihr UnteMeiben erklärt das „Mitteilungsblatt des Verbandes natvo-naldeutscher Juden" in Nummer 10 aus Seite 11 in folgender niMicher Mitteilung: „Als die Versammlungsdchlcher (am 14. d.) erschienen, fanden sie den Saal versperrt. Vs ergab sich, daß ein angMcher Beauftragter unseres Verbandes den Saal telephonisch abbestellt hatte. Auch au die Zeitungen, Mel che die Entsendung von Berichterstattern zugesagt hatten, waren gefälschte Mitteilungen ergangen, nach denen Versamnrlung „lvegen Bechinderung des Hauptr-'?uten" abgesagt sein sollte." Das - gelogen. An diesem 14. Oktober teilte das bereits ans Nachmittag erscheinende „Acht -1%* Abendblatt" mit, daß die BevsamnlLung auf den 23. d. verlegt werde. Die Abbestellung des Saales kann also nicht von einer anderen Person als einen: Verbandsmitglied erfolgt sein. Ebenso unwahr sind die gefälschten Mitteilungen an die Zeitungen. Wir haben aber nichts dagegen e-in,zu>wenden, daß die Firma Hornik-Peiper ihren Berliner Auftraggebern fo viel blauen Dunst Vormacht, als sie nur will und als diese vertragen. Was nun die vorgestrige Versammlung anbetrisst, so ist es lächerlichste Uebechebung, wenn dieser P e i p e r im „Acht-Uhr-Matt" erzählt, die Zionisten hätten es darauf angelegt, ausgerechnet seine Rede zu vereiteln. Dazu besteht wirklich kein Grund. Er hat, wie er mitteilt, gegen -den verantwortlichen Redakteur der Miensr Morgenzeittt'Ng" die Chrenhelleidigu-Mklage und die Verleumdungsklage erstattet. Gut, dann -wird eiben über -die Tätigkeit Peipers als Jnseratenagent dm ,Diener Morgenzeitung" gesprochen werden. Wir wollen auch aus diesem Grunde Nachträgen, daß jener iJnfevatenagent, -den wir gestern erwähnten, der >bei uns keinen allzu rühmlichen Abgang 'hatte und es nur unserer Gutherzigkeit vevdankt, daß er nicht auf Geheiß des Staatsanwalts bei Wasser und Brot Ger seine redaktionelle Laufbahn Nachdenken durfte — daß jener Herr eiben dieser Robert Peiper ist. Nun erstatte er Anzeigen und Klagen, nun halte er seinen Bortvag über die Wahcheit in Palästina. Rosa Buchmil in Wien. Ein geschätzter Gast ist aus Greg Israel in Wien eingetragen, um hier für den Jüdischen Nation« lsonds zu wirken. Rosa Buchmil, eine russische Jüdin, steht seit mehr als dreißig'Jahren in der zionistischen Bewegung. Sie hat in ihrer Jugend, noch vor dem Auftreten Herzls, hervorragend in der Chowewe Zion gewirkt, studierte in der Schweiz Philosophie, kehrte nach Rußland zurück und wurde zum Mitglied des zentralen Rates in der Moskauer Mischen .Gemeinde ernannt. Bereits hör zwanzig Jahren sichelte sie sich in Palästina an und hat diese ganze Zeit tot Erez Israel, aber auch in den Ländern der Berstreuung für die Verbreitung der zionistischen Gedankens, für die nationale Wiedergeburt des Judentums und für den Ausbau der Mischen Heimstätte gearbeitet. Es ist noch erinnerlich, was diese seltene Frau in den Jahren 1919 und 1920 während der Progvome und der Hungersnot in der Maine geleistet hat. Sie gründete den Roten Mögen Dovid, organisierte das Werk der Waisenfürsorge und pflegte eine Zeitlang die am Flecktyphus erkrankten Pogromwaifen. Ihre drei Mitarbeiterinnen starben an der Seuche, sie blieb, wie durch in Wunder, gesund. Eine starke Persönlichkeit, eine Frau, Musikalisches Volksdrama von M. P. Musforgskh. (Erstaufführung in der S t a a t s o p e >r.) Jedem Musikfreund ist das Schicksal der „Matthaeus- Passion" geläufig, welche Mt dem Tode Bachs der Vergessenheit anheimfiel und erst nach mchr als drei Vierteljahrhunderten durch den jungen Mendelssohn zu neuem Leben erweckt wurde. So ähnlich erging es der Over .Moris Gadunow" von Mussorgsky. Kaum vollendet, mußte sie vom Tondichter umgearbeitet wenden, da ihre Chorpartien für die danralige Zeit zu schwierig und zu ausgedehnt waren. In dieser neuen Gestalt errang sie im Jahre 1874 im kaiserlichen Petersburger Marieuiheater eiue derartige Popularität, daß die Studenten nachts auf der Nelvab rücke ihre Chöre sangen. Ebenso rasch verschwand die Oper auf Befehl des reaktionären Zaren wieder und trat, nachdem im Jahre 1890 eine dritte Bearbeitung von R i m s k i - K o r s sa k o ss erschienen war, erst in den letzten Jahren ihren Siegeszug über die meisten Opernbühnen Europas an, au welchen sie als „die" russische Nationalvper gilt. Sehr spät, sogar später als die Wiener B-Moper, hatsich die Staatöoper ihrer Pflicht gegen Mussorgsky besonnen. Leider hat auch sie sich an die Rims'ki- Korssakoffsche Bearbeitung gehalten, statt zur Originalfassung von Mussorgsky und damit zur Quelle echt russischer, vom Westen noch weuiger beeinflußter Operuknnst jurückzukchven. Korssakosfs Bearbeitung war ja außerstande, Mussorgskys Genie, dessen Kraft und Urwüchsigkeit auch dem Westler aus den „BiVdern aus einer Ausstellung", den verschiedenen „Wiegenliedern", der „Kinderstube" und den schauerlich wahren „Liedern und Tänzen des Todes" bekannt ist», zu zerstören. Glellbwohl hat sie in ihren Retuschen, die man kaum. mehr Retuschen nennen kann — es sind' vielmehr aus Unverstand und Aufdringlichkeit gezeugte Verballhornungen in Rhythmus, Melodik und Kolorit und insofern geradezu Verfälschungen des Mussorgsky-Stils — dem Werke durchaus nicht genützt. So paradox es dem Laien scheint, gerade in den „abgerissenen melodischen Phrasen", in "der unbequemen Setzart der Singstünrnen und in der Härte der Harmonie und Modulation, welche Riinski-Korssakoff in akademischer Überlegenheit beanständete, liegt ein Teil hon Mussorgskys echtem Russentmn. Unb gerade in der für die damalige Zeit beispiellos kühnen — und darum als dilettantisch ausgelegten Modulation, in der Freiheit der rezitierenden Siiigstimmeil, in der Struktur der Melodie, die sich oft ans wenige Töne stützt oder auch auS Kinderreim ähnlichen Floskeln herauswächst, und in der Eigenart des ganz unkonventionellen musikakischen Ausdrucks weist Mussorgskys ebenso unt-heatralische als doch dramatische Tonsprache in eine noch unbekannte Zukunft. Das Prunkvolle instrumentale Gewand, welches Rimski- Korsiakoff dem bäuerlich derben und gesunden „Boris Godunow" umhäugie, ist keine Pasienlde Kleidung für das gute alte Mütterchen Rußland, welches in den gr ßarrigen choüscheu Volks- und Nevolutionsszenen förmlich zum Helden des Dramas wird, zum kraftstrotzenden Gegen- Meter des müderr, vom Schicksal gezeichneten Zaren Boris. Und ebensowenig eignen sich die instrumentalen Zutaten, welche Rimski-KorssaEosf den ursprünglich un« begleiteten, vielfach von alter Kirchenmelodik durchsetzten Chören gab, und all der aufdringliche Verputz in der volkstümlichen Melodik und Rhythmik für eine russische Nationaloper, die gleichsam ihr künstlerisches Glaubensbekenntnis in alle Welt hiuausrufen möchte: „Wahcheit ist seliger denn Schönheit!" — Das Talent Korssakoffs war eben nicht ebenbürtig dem Genie Mussorgskys, der übngeus seincrseit-s in der Reduktion der Chorvartien uui> insbesondere in der ga>lz unorganischen Szene der die über ungewöhnliche Rednergaibe und Kenntnis der Mischen Probleme verfügt, hat Rosa Buchmil in Amerika, in Rumänien und Polen sehr erfolgreich für den Kererr Hajessod gearbeitet. Ueber Ersuchen des Direktoriums des Keren Kajemeth hat sich Frau Buchmil entschlossen, in der nächsten Zeit die Sammeltätigkeitfürden Keren Kajemeth in Oesterreich zu fördern. Einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegvnheiit, mit Rosa Buchmil unmittelbar nach ihrer Ankunft in Wien über die Probleme des Keren Kajemeth -zu sprechen und sie äußerte sich im wesentlichen wie folgt: ,/Der jüdische NationalifoM hatte bisher vorzüglich die Aufgabe, ländlichen Boden als Gemeingut des Mischen Volkes zu evstchen. Seit Einsetzen der sogenannten vierten Allijah, die gewiß zu begrüßen ist, 'hat dev Püivatankauf von städtischem Böden bekanntlich außerordentlich nachteilig auf die Bodenpreise gewirkt. In Tel-Awiw steigt der Preis des Bodens fast täglich, was sich in der Erhöhung der Mietzinse auswirkt und den arbeitenden Massen jetzt schon fast unmöglich macht, eine Wohnung zu ergangen. Es entstehen ferner durch Privatinitiative neue Städte, wie die sogenonie ,-Stadt im Emek" bei Afule und Herzlia" bei Tel-Awiw. Es ist unbedingt nottvendig, datz sich nunmehr der Jüdische Nationalfonds auch am städtischen Bodenkauf beteiligt, um die Preise zu regulieren. Als jüngst von privater Seite bei Mo ein großes Territorium angekauft wurde, hat sich — leider zu spät —- der Jüdische Nationabfonds an dem Kaufe bereits beteiligt. Die Notwendigkeit, städtischen Boden im Interesse der Mischen Gesamtheit und zur Behinderung des Bodenwuchers zu erstehen, Mingt uns, die Eingänge des Keren Kajemeth ganz bedeutend zu erhöhen. Eine zjweite, allerdings, erfpuliche Erscheinung zwingt ebenfalls zu tatkräftigster Propagandaarbeit für den Keren Kajemeth, nämlich die neue chassidische Bewegung, die sich in dem Streben der Chassidim nach Arbeit auf palästinensischer Scholle äußert. Dem Beispiel des Jabloner Rebben, der mit feinen Chassidim in Nachlad Jaakob bewundernswert arbeitet, folgen zahlreiche Gruppen aus dem europäischen Osten, denen der Jüdische Nationalsonds den Boden für ihre Arbeit bereithalten muß. Marina dem Publikums- und Zeitgeschmack — der auf eine Liebesszene in italienischem Stile und auf gefällige Tänze nicht verzichten wollte — ein Opfer bringen mußte. Unsere Begeisterung fiir Mussorgskys einfach gerade und wahre Musik voll modernen Gefühls in Harmonik und Rhythmik, für die Urwüchsigkeit der Volksszenen und für die im Geistigen wurzelnde Kraft des Ausdrucks hat sich seit der Erstausführung an der Volksoper nicht gemindert. An . der Staatsoper, die mit einem ungleich großartigeren Apparat an die Gestaltung des Werkes gehen konnte, schuf der neue Ausstatrungschef Herr Emil Pirchan mit russischen Motiven und Fornren geschmückte, stilecht wirkende Interieurs. Es gab prächtige Kostüme, reichste Mannigfaltigkeit in Licht und Farbe (übrigens auch bescheidenste Andeutungen einer Na umbühne). Die Ausstattung kann sich sehen lassen! Die Regie des Herrn Mutzenbecher hielt im Sinne neuer, aus Deutschland stammender Tendenzen die Massen in ständiger Bswlegung, auch der Chor war von Leben erMt Md das von Direktor Schalk geleitete Orchester spielte für Mussorgsky fast zu prunkvoll. Von den Solist eil mutz man wie immer Herrn-Mayr, der den Eremiten sang, an erster Stelle loben. Mit düsterer Glut wie einen russischen Hans Heibing saug Herr Dr. Schipper voll packertder NaturalistiL den Zaren, mit all seiner Reckenhaftst Herr Schubert den falschen Demetrius, voll Eilfer Herr Hofer den Schuiskij. Frau Born bemühte sich um die undankbare Rolle der Marina uud Fmu Kittel gab die Schankwirtin so drastisch, wie es die Musik vorschrM. Auch Herr Norbert als ebenso drastischer Spitzbube und die Damen Helletsgruber und Paalen als sangesfrohe Zarenkinder hatten teil an den, lebhaften Erfolg, welcher dem hechbedentsamen Werk« wchl zu gönnen ist. Erwin Felder. s » l i