Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2397 (25.10.1925)
- Date
- 1925-10-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 Wien, Gomckay Wiener MorgsnMnnji 8ö. OAber 1025 M. 8897 3» der Mordmiihle von Treüttsch. ,... ohne Beweise. (Eigeridienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jglau, L4. Oktober. Nach dreitügiger, aufregender und anstrengender Arbeit steht das Gericht vor einer Lage, die ganz ohne Beispiel ist. Detaillierte Mordgeständnisse bilden einen Berg voll Akten, Schilderungen über acht Bluttaten bis in die kleinsten Einzelheiten, und dennoch schütteln die Juristen die Kopfe und niemand weih, ob die in der Voruntersuchung festgelegten Fälle eines unerhörten Kannibalismus, wie man ihn als schreckliche Folge des Krieges deuten möchte, durch das Beweisverfahren genügend erhärtet werden können.-Die Angeklagten leugnen im Prozeß hartnäckig und zäh, insbesondere die Hauptradelsführerin Anna Dworaeek. Der Nachweis für den Mord an den Poliekis erscheint nach der allgemeinen Auffassung erbracht. Aber für die Morde an den jüdischen Flüchtlingen gibt es keinerlei Beweise als die Geständnisse. Die Namen -er Opfer sind unbekannt, - ihre Spuren sind nicht aufzufinden, keine Zeugen aufzutreiben, die sie kannten. Die Leichen oder ihre Reste waren trotz aller Mühe nicht zu eruieren. Wer bürgt den Geschwornen für ihre Existenz? Die bäuerlichen Volksrichter, so urteilen die Juristen, werden greifbare Beweise verlangen, und so könnte es vielleicht geschehen, daß die entsetzlichsten Verbrechen ohne Sühne bleiben werden. Zwar zweifelt niemand daran, daß. die. ersten Geständnisse, der Täter der Wahrheit entsprechen. Aber um die Beweise handelt es sich. Die Täter haben alle Geständnisse widerrufen, . was wird der Staatsanwalt tun? Die Verhandlung wird wohl noch' bis Mitte nach st er Woche dauern. Mittwoch ist tschechischer Staatsfeiertag, man rechnet mit dem Urtil f ü r Donnerstag. Den Geschwornen sollen nicht weniger als sechzig Schuldsragen vorgelegt werden. * * Eigentümlich benimmt sich die 46jährige Anno Dworaeek in der Verhandlung. Sie gibt sich als begabte Schauspielerin, wohl zu bedenken ist, daß sie weder lesen noch schreiben kann. Einmal sitzt sie stumm mit gefalteten Händen oder trocknet die Tranen, die scheinbar mühelos aus ihren Augen quellen. Daun fühlt sie, daß ein Zeuge eine sie belastende Aussage machen will. Jetzt hebt sie die zwei Finger der rechten Hand, Wie ei» Schulkind, das sich beim Lehrer melden will. Der Zeuge macht tatsächlich die sie belastenden Angaben, und schon ist sie mit ein paar raschen Sprüngen, daß die Röcke nur so um die breiten Hüften schlagen, an der Barre, „HochMicher Gerichtshof, beginnt sie jedesmal, „es ist nicht wahr, was der Zeuge sagt!" mtb dann pflanzt sie sich dicht vor ihm auf, stemmt beide Fäuste in die Hüften und ein Regen von Gegenargumenten und Bestreitungen rauscht nieder. Sie hebt drohend die Finger gegen den Zeugen, fuchtelt ihm vor den Augen herum, macht ein paar scherzhafte Bemerkungen, lacht selbst lustig auf, agiert zu den Geschwornen hinüber, die sich eines Lächelns nicht erwehre können, beendet ihre Vorstellung mit einem Knix und fegt zu ihrem Platz auf der Anklagebank zurück. Ein paarmal setzt sie sich dem Wachorgan fast auf den Schoß. Das Gericht läßt sie gewähren. Dann urplötzlich beginnt ein neuer Tränenstrom und unvermittelt ruft sie in den Saal: „Ich Lin eine anständige Frau, ich habe 21 Kinder zur Welt gebracht, wie sollte ich jemanden ermordet haben!" * Gemäß dem gestrigen Gerichtsbeschluß wurde heute Oberlandesgevichtsrat Nepolieka, der seinerzeit an der Untersuchung in TreLitsch mitgewirkt hatte, eindernommen. Er erklärt, daß die Untersuchung , in den korrektesten Formen geführt wurde. Die Angeklagten haben ihre Angaben und Geständnisse zehn- bis sünfzehnmal gemacht. Der Gendarmeriewachtmeister Skalsky sagt aus: Bei der Einvernahme der Dworaeeks waren die Widersprüche, in die sich das Ehepaar verwickelte, gleich von Vorneherein auffällig. Dann trat ein merkwürdiger Moment ein. Zeugen berichteten von dem eigentümlichen, schrecklichen Geruch, der in der „Kohn-Mühle" wahrnehmbar war und den man sich nur so erklären konnte, daß er von faulendem M e n s ch e n f l e i s ch herrührte. Karl Dworacek erfuhr davon und ivax jetzt vollkommen verwandelt. Er machte leinen Persuch mehr, durch Ableugnungen sich zu exkulpieren. Mir sagte er: „Jetzt ist mir alles gleich. Ich weiß, daß man bereits alles weiß, und werde jetzt die Wahrheit sagen." Bors.: Karl Dworacek hat also ausdrücklich zugegeben, daß acht Morde geschehen sind und daß er davon wisse? Z c u g e: I a w o h l, er hat gesagt: „Wir haben fünf Juden, eine Jüdin und die beiden Polickys ermordet." Bors.: Hat sich über die Personen der ermordeten Flüchtlinge irgend ein Anhaltspunkt ergeben? Konnten insbesondere Leichenreste ausgesunden werden? Zeuge: Nein. Es wurde der Boden in der „Kohn- Mühle" aufgerissen, sehr eingehende Grabungen vorgenommen, aber es war alles vergebens. Der erste Zeuge in der Nachmistagsverhandlung, der Arbeiter Rischnowsky, hat im Hausendes Kment gewohnt und soll über Wahrnehmungen auffälliger Art aussagen. Insbesondere über Manipulationen mit Menschenfleisch, das von dort in den Abtransport gekommen sein soll. Der Zeuge sagt, daß er eigentlich nichts Bestimmtes sagen könne. Verteidiger des Kment: Halten Sie den Kment für fähig, daß er mit Menschenfleisch handeln würde? Zeuge (denkt nach): Kaum. Er war ein Angstmeier. Der Uhrmacher S p l i ch a l macht Angaben über die beiden Opfer, die Brüder Policky. Bartholomäus Policky hm bei ihm Geld deponiert, das Josef Fejta jr. von ihm herauslocken wollte, weshalb Dieser Angeklagte auch des Betruges bezichtigt ist. Bors.: Sie kannten die Brüder Policky? Zeuge: Ja, vor allem den Uhrmacher. Das war, hoher Gerichtshof, eigentlich ein Pfuscher. Er ist in die Dörfer gegangen und hat dort Uhren repariert, no halt so, wie er es gekonnt hat. Es war ein sehr ängstlicher Mensch. Wissen Sie, eines Tags is er kommen, hat mir Geld'gebracht, 870 Kronen in Banknoten und 74 Kronen in Silber, eine silberne Uhrkette, ustd hat mir g'sagt: „Heb'n S' mir das auf, ich Hab' so viel Angst, es könnt' was passieren, wegkommen oder so was." Vors.: Wollte nun jemand daß Geld des Policky von Ihnen haben? Z e u g e: Ja, der Fejta ist einmal gekommen und hat gesagt, ist soll ihm das Geld geben. Ich Hab' aber nicht wvll'n, weil er ja keine Bestätigung gehabt hat. Fejta hat mir nun aufgebundey, daß die Poliekys alle beide abgereist sind. Und dann hat er gemeint, ste DIREKTE LINIE i HOVD TPIf STINÖ SollHVi \.\\ ItVWIOMhVAPORI Rituell« Verpflegung Reduzierte* Fehrprelze Eipresslmis nach Aegypten, Koiutantinopel, Indien. Postltnien neefa // den Schwjtrzen-rdeer-HäftB, Syrien und dat taraeo Orten ** Generatagentur: Wien, I. Kftmfperrlng Nr* * haben Schulden gemacht bei ihm. War aber alles nichtwahr. Die Poliekys sind dann später abgereist, aber wo andershin... Der Sohn des Ermordeten, Gottlieb Policky, ist ein stämmiger Bursch und macht einen sympathischen Einwcuck. Seinen Angaben ist zu entnehmen, daß er erst nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft erfuhr, daß Matthäus Policky und sein Bruder eines Tages, unbekannt wohin, p l ö tz l i ch v e r s ch w u n d e u seien. In größter Erregung stellte der Sohn Nachforschungen an, begab sich natürlich in die „Kohn-Mühle" und traf auch auf Josef F e j t a jr. „Hast du ihn schon gefunden?" fragte ihn Fejta. — „Nein", erwiderte ihm der Zeuge, „aber ich werde ihn so lange suchen, bis ich ihn finden werde!" Diese, mit Beziehung gesprochene Erklärung schien Fejta sehr verlegen zu machen. Verzweifelt ging Göttlich Policky weg und tvandte sich an die Dwvraceks. Hier erzählten ihnl die beiden, sein Vater sei nach Oesterreich gegangen. Am Abend, so meinten die beiden, hätten die Polickys noch bei ihnen Tee getrunken, und am nächsten Morgen, um 6 Uhr, wären sie rbgereist. Irgend etwas schien bem Zeugen sehr verdächtig. Er hatte das Gefühl, daß hier ein Geheimnis vorliege, daß ihn die beiden Verschlagenen und als verbrecherisch bekannten Dvoraceks zu verbergen suchten. Es fiel ihm auch auf, daß Fejta erklärt hätte, die Poliekys seien um 10 Uhr abends abgereist, während die Dvoraceks von 5 Uhr morgens sprachen. Als er zweifelnd stehell blieb, sagte ihm die Anna Dvoracek: „H a l t e n S i e sich nuranden Fejta, bei dem werden Sie am ehestes etwas erfahren, der weiß alles!" Der Zeuge setzte nun seine Suche fort. Alles vergebens. Er wendet sich an jeden Menschen, der den Vater gekannt hat. Endlich kommt er wieder zir den Dvoraceks. Die Anna Dvoracek sagt chm: „Ob nur nicht Matthäus Pvlicly und sein Bruder im Mühlbach liegen?" Während der Zeuge das aussagt, springt die MnaDvoracek wütend auf. Sie schreit: „Lüge! Lüge! Niemals haben die Polickys bei uns Tee getrunken! Sie waren Überhaupt niemals bei uns! Ich habe nicht Tee gekocht! Sie lügen! Ins Gesicht sage ich Ihnen, daß Sie lügen!" Gottlieb Policky (legt die Hand ans die Brust): „Es ist wahr" — Anna Dvoracek hat sich ihm genähert und spricht ihn jetzt mit du an: „Göttlich, du lügst!" — Gottlieb Policky (ruhig): „Wahr ist es!" Anna Dvoracek (wendet sich zu den Geschwornen): „JefsaS Maria, so ein Gauner! Ich habe einen Zeugen, daß die Brüder nicht bei mir waren." Verteidiger: „Wie heißt der Zeuge?" — Die Angeklagte nennt einen Namen, und der Vorsitzende stellt fest, daß dieser Name fingiert ist. ' Einen Mann dieises Namens gibt es nicht. Der zweite Sohn des verschwundenen Matthäus Poliech, Emil Policky, tvar in T r e b i t s ch, als sich der tragische Tod seines Vaters ereignete.. Er wußte aber nichts von dem Verschwinden. Anna Dvoracek war es, die ihn davon in Kenntnis setzte. Sie erschien bei ihm und fragte ihn, ob er nicht wisse, wo sein Vater sei. Als er in die Kohnmühle kam, um nach ihm zu forschen, kam ihm Josef Fejta entgegen. Dieser interesiierte sich nur fi»' die zurückgelassenen Sachen und erklärte, nur er habe einen Anspruch aus den Besitz des Verschwundenen, nicht etwa seine Söhne. Der Schluß der heutigen Sitzung beschäftigte sich mit bem Raub und den Diebstählen, die einzelnen Angeklagten zur Last fallen. Die Sitzung wurde hierauf abgebrochen, um M o n t a g früh fortgesetzt zu werden. Ser letzte Landstreicher. Von Alfred Kubin. Aus dem demnächst erscheinenden Buche . „Der Guckkasten", Bilder und Text von Alfred Kubin (Verlag der „Johannes-Presse der Neuen Galerie, Wien, 1. Bez., Griinangergasse 1) wurde uns durch die Liebenswürdigkeit des Verlages die nachstehende Skizze zur Verfügung gestellt. Der Weltkrieg hat uns alle etwas verrückt gemacht; Jahr um Jahr diese Spannung der Nerven. Noch ein Winter — noch ein Sommer — schließlich zählte man nicht mehr, hoffte nichts mehr. Derbere Naturen verwilderten, zartere Menschen wurden unter bem gespenstischen Druck fast irrsinnig. Endlich — jeder atmete aus — kam der Zusammenbruch. Der Handelsmann Kosletzki aus Krakau, edler Pole, vom Großvater mütterlicherseits, dein alten Rosenzweig, jüdisch vermischt, kaufte um ein Geringes eine Fahne, eines der vielen Banner unserer Ehre — inan konnte sie in jenen Tagen billig haben. Es war eine Standarte aus bunter Seide, rot und weiß, schwarz und gelb, vielleicht das ehemalige Feldzeichen eines glänzenden Regiments, Husaren, Dragoner, was weiß ich und wer könnte das jetzt noch seststellen! Jedenfalls war sie wirklich preiswert. Dieser Kosletzki schleppte die eingetauschte oder ec- Handelte Trophäe auf seinen ausgedehnten Wanderungen mit sich. Eine echte Nachkriegsfignr, toll und unwahrscheinlich, war er angetan mit den abgetragenen Kleidern seines längst toten Großvaters Baruch Rosenzweig, vielfach gestickte braune, graue, schwarze Friedenskleider, bei afler Dauerhaftigkeit nun doch völlig zerschlissen. Auf dem verbundenen Kopf trug er einen zerbeulten hohen Hut, den er sich aus einem alten Zylinder durch Einschnitte in die Krempe selbst seltsam zurechtgeforint hatte. So zog er kreuz und quer durchs Land, sinn- und ziellos, mied die großen Städte und Straßen und schwindelte sich auf Seitenwegen durch, trat bald als Seifensieder, bald als berufsmäßiger Wanzentöter in den verwahrlosten Gasthäusern auf, oder blieb bei Bauern, denen er für Kost und Quartier seine nie und ninuner tatsächlich erlebten Kriegsabenteuer zum besten gab. Und als harmloser Ausschneider ließ ihn auch der Gendarm meist ziehen, ja hörte gar gutmütig zu, wenn der offenbare Narr, mit den Armen in der Luft hemmsnchtelnd, richtig auftrumpfte und überall dabei gewesen sein wollte, wo es gewaltig hergegangen war. Am San, an: Stryj, am Jrtisch, an der Drina wie an der Schelde, ganz gleich wo, hatte Pan Kosletzki in seiner Einbildung als Erster das glänzende Kriegsbanner geschwungen; cs ist merkwürdig, auf welch weitem Gebiet seine fragwürdige Gestalt beobachtet wurde. Ein wahrer Ahasver, kannte man ihn in Polen, Ungarn, Böhinen, in der Türkei und in Dalmatien, auch in Schwaben und im Salzburgischen tauchte er auf. Einmal kam er in die Nähe einer großen Stadt — wenn ich recht berichtet bin, war es Antwerpen. Er war den ganzen Tag in Staub und Sonnenhitze gewandert, im Herzen getreu seiner „glorreichen Fahne", wie er sich gerne ausdrückte. Sie hing ihm über die mageren Schultern und er tröstete durstig, müde und klapprig daher, die Gedanken bei einem eingebildeten kriegerischen Abenteuer. Da rissen ihn leichtfertige Zurufe aus seinen Träuinen: „Du ausgehungerter Lump, Rabenaas, Schneidergeiß!" Auffahrend, erblickte er zwei Dirnchen, die sich unter dem gewölbten niederen Türbogen einer kleinen Straßenschenke müßig rekelten und den Land¬ " c? UtliotMe 171 in reichster Anrwahl 7030445