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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-24 · Heft 2396 (24.10.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2396 (24.10.1925)
Date
1925-10-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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mui Men, Samdtag Wiener Moxgenzeitung Der gglauer Seusationsprozeß. #k «Mid »It dm Fleisch. - Ae Smordm, von drei Flüchtlingen skstgefteLt, (SiMdimp »« „Ai«««r Morg-nzeitung".) 88. CtUffet. DvS Bechör ersten Tagewurde durch verschiedene Feststellungen und Konfrontierungen ergänzt, die tn-gesamt -in schauderhaftes Bild der in der KohnMhle herrschenden Ver- Wtnisse ergaben. CS ist heute schon -keilt Zweifel mehr, daß da 5 Fleisch der ermordeten Opfer tatsächlich in den Handel tzekvmmeu ist. Die heute vorgelwmmtznen ProtoiSvlive rlefungen waren nur eine schwache Einleitung Kr daS Haupts «reignis.de- TageS» nämlich der Glnvemahme der Anna Dvoraeek, die allgemein als dir HaupträdelßDhverin, als der böse «eist in der bezeichnet wird. Aus den Akten, die der Vorsitzende verliest, geht hervor, daß etauni Mifolhaft ist, daß tatsächlich gepökeltes Menschenfletsch aufgestapelt, in Vorratskammern verwahrt und in den Handel gebracht worden ist. Arme Leute aus dem Volle waren die Abnehmer. Die Erregung im Saale ist außerordentlich, als Anna Tvoracek vorgesüthrt wird. Es ist ein derbes, großes Weib, bäuerisch Meidet, mit einem Kopftuch. In dem gealterten Geisicht sind tierische und hämische Züge. Es sieht dabei unverkennbar schlau aus. Die AnMagte ist Mutter von 21 Kindern. Sie erklärt, nicht lösen und schreiben zu können und bezeichnet sich mit größter Ruhe als nicht schuldig. Vors.: Sie waren also nicht dabei in der Stube, als von den Morden gesprochen worden ist, wie egegen die Polickys gegangen ift.—Angett.: Ho. der schiebt alle» auf uns. Weiß von nichts. Der Josef Fejta schiebt alles auf uns. — Vors.: Es wird behauptet, daß Sie und Ihr Mann die Hauptschuld an dem Verbrechen tragen. — Angekl.: I, mein Mann flacht), nicht an Hahn kann er u-nchringen, mx is wahr, sie lügen ja doch. Gott ist mein Zeuge, sie lügen schrecklich, wie soll denn so was wahr sein! — Vors.r Josef Fejta, treten Sie vor. Sagen Sie der Dvoraoek die Wahrheit ms Gesicht. — Fejta befolgt den Antrag, stellt sich der Frau gegenüber, die ihn mit unterdrücktem Grimm anschaut und dabei tief atmet. Josef Feste: Natürlich, im Jahre IW, da stutz wir im Gang gestanden, haben Sie mich nicht -tngkladen, mit Ihnen zu kommenj und mir erzählt, daß - er Spich«l gesagt hat. die Poiicky Wen viel Gkld? Das man chnen das Göld ivegnchmen Mn. No? Ich hckb' g'srgr» ich Mch^ da Zit mit. Da haben Ae drauf g'sagt, wer'« m.öi Ihn Lei tunken machen u«d wegschaffen. Ich W' geaMvörtet: Macht's, was ihr wollt's. Die Dvoracol fchMt den Fchtz steinern cm und schweigt. Fejta (söttführend)! No, und der Lee und bk Masche Rum, was Sie den Poliokhs gegeben haben. Und haben Sie den Leichen nicht selber das,Geld ans der Tasche gezogen? Und haben Sie mir nicht 600 Kronen dann gegeben, am nächsten Tag? . Die Ötooracel flchaNt auf den Vorsitzenden): Me der Mensch nur so ettoas sagen kann. slSchvsieNdr) Ich war nicht d o r i. ich nicht! Ich weiß von nix. — B o rs.: Warum schauen Sie ihm denn nicht in die Augen, Frau Dvoraosl? Schauen Sie ihn Mr an und wiedecho len Sie, wa- Sie gesägt haben. Die Bboracek: Was kann ich dym schon scheu, wen« ich ihm in die Äugen schaue. (Sie vermeidet, Fejta anzublicken.) Wenn er so lügt. Was kann ich denn da schon fe&eit. (Heiterkeit.) - Böts.: Ein schreckliches jWtz! Sir liigt wie gedruckt. Ein Der leidiger; Wann haben Sie denn Ihr letztes Kind zur Welt gebrächt? — Ättgekl.: Weiß ich nicht. — Verteidiger! Sie werden doch wißen, wann St« geboren haben? — Angeil.: No, sann mich momentan nicht erinnern. Ter nächste voLgeNaMMenk AttMatzte heitzk Josef K ll n z. Er ist von Föjta böschulbigt, worden, bei den Morden, insbesondere an den jüdischen Flüchtlingen, rnitgewirkt zu haben. Er erklärt schreiend: Ich war nicht dabei! Der Vorsitzende liest ihm die Protokolle vor, in Venen er detailliert geschildert hat, wie er bei d-u Morden michaif. Man wetz ihm die Protokolle Vor, er jagt zuerst: Ich habe ja nicht gewußt, was ich unterschreibe. — Botst: Ist das Ihre UntevschM? Netz, nein, sagt der AngMügte. — Vvrs.r Das machen Sie gilt. Merkwürdig tz es nun, daß der Angeklagte Josef Fejta aussteht und erklärt, er habe die Schuld auf Kunz geschoben, aber er muß heute sagen, daß sehu Veschckkdizuugen nicht richtig seien. Was diese Rircknchme der BeschMDUgen bedeuten habe, ist ganz unklar. KU nz ruft: Ich verzeihe ihiir alles! Eine furchterregende Figur P der nächste AngAogte, der Fleischhauer ThmwaS Masek. Es komm die grauenhafte Tötung von polnijlchen Juden und W« Zerteilung der Leichen uns ihre' FortbtmgUng zur Sprache. Dieser AnMagte sagt aus alles nein Vors.: Waren Sie an den Dtzvden an den polnischen Juden beteiligt? — Angekl.: Nein, ke.ine Spur. — Vorst: Hoben Sie nicht bei der Zerlegung und Wegschaffüug mitzgewivkt? - Angekl. (stunyf): Nein. - Vors.: Der Joftf Fvjta wird e- Ihnen ins Gesicht sagen. — Angekl.: Ich habe mich mit diesen Leuten, diesen Fejta- und Dvoracrks, überhaupt nicht eingelassen. — Vors.: Cs gicht doch auden Protokollen zur Vvi,dvnz hervor, daß Sie drei Juden ermordet haben, daß Sie die Leichen zerschnttteir und in FLsse, gepreßt haben. Ein 52jähriger Jude war auch darunter. — Angekl.: Nein. Vors.: Sie haben doch mit beiden Händen eine Hacke geschwenkt uird einen dieser Juden erschlagen, zersägt und mit einem Kübel fortgebracht. — Angekl.: Das ist überhaupt nicht wahr! — Vors.: Haben Sie jemals den Kment besucht? — Angekl.: Nein, zu mir ist er überhaupt nicht gekommen. StaatSanwalt: Jetzt jagen Die mir eimnal, warum soll daalleder Fejtq ans Sie schieben, was kann er für Absicht damit haben? — M a j e 1: Wie soll ich das wissen? Ich frage mich selbst, tvas er für eine Absicht habe. Der Vorsitzende konstatier, nun, daß der Angeklagte wegen eines räuberisckM U-öberfallezu zehn Jahren schweren Kerkerverurteilt wurde und drese Strafe auch abgesessen hat. Ein Vertsibiger fragt: Haben Sie einen scheu Schlas, Herr Masek? — Angekl.: O ja, ich schlafe sehr fest und gut. — B o r s.: Es ist doch erwiesen, daß Sie die Stücke von dem Fleisch der getöteten polnischen Juden in Kübeln aus einen Wagen gebracht mifo fortgesiühn haben. — Angekl.: Aber Herr Richter, bei der BaiÄ>e, die in dem Hanse tvohnt, kann man nicht einmal einen Kübel Fleisch wegbringen. Einen noch grausigeren Eindruck machte der nächste An» geklagte Josef Ament. Er ist ein Krüppel, hat eilten kürzeren Fuß und ist klein und unansehnlich. Trotzdem wirkt er erschreckend. Er kommt in den Saal und ruft mit einer Fistelstimme ,-Güten Morgen!", und che er noch gefragt wird, fügt er hinzu: ,Hch weiß überhaupt von nichts." Auch er erklärt, er wisse nichtvou den Morden. Der Angeklagte ist eine ganz sonderbare Existenz. Er ist Häufechändler, kauft, und verkauft Häuser, aber er handelt auch mit Fleisch, kaust und verkauft Hund-fleisch, das er einpökelt. Borst: Sie haben das Hundesleisch also auch geräuchert? — Angekl.: Aber daist nicht wahr. Bors.: Sind Sie nicht Eigentümer ebnes Hansein der Nahe der Kchnmtihle? — Angekil.r Ja, etz paar Schritte davon steht ein Hau-^damir gehört. — Bors.: Sie sind beschuldigt, mit Fejta und Maser einige Inden uwgevrachr. einen davon mit dem Messer i« den Hals gestochen zu haben. — Angekl.: Aber woher dem. Das war im Jahre IM, da konnte ich ja gar nicht in- Hans kommen. — Bars.: Die Leichen haben Sie mit zersägt und in KWel hineingelägt. ^Angekl. (fistelnd): Aber dös ist ja nicht mWch. — Borst: And auf Wagen ivegg-Mr!. Angel!.: Aber wieso? — Vorst: Warum sollte denn das der Fejta sagen? — Angekl.: Ich mr nicht dabei. Wa8 das für eine Schande ist, die mir dieser Mensch macht. Wenn ich nach Hauke kommen werde, was weiden die Leute von mir sagen. —-Bor Was war denn das für eine geheimnisvolle Grrbörei, wie die Morde aufgektnMe>n sind? Waruck haben Sie immer in der Erde herumgegraben? *- Angekl. (fragend): Ich habe nur gegraben, weil ich Hausarbeiten machen mußte. Der Füjta hat mir das alles aufgebracht, weil er mir nvidig ist. In der NachmittagKverhandlurig beschäftigte sich der Gerichtshof vorwiegend mit jetten Verbrechen, .die dw AngMagten noch neben de« mörderischen Mordtaten begangen haben. Es tz ganz ungslaublich, welche Fülle von Uebevaten der Bande zur Last fällt. Im MittelPuM der ErörieMNM stand der Ueberfall ans ein Büuerngehöft, den Fsjta tzn. mit einer in UnifoM gekleideten Diebsgesettschaft verübte, die mit Waffen ausgerüste; war und das Haus belagerte, wie man etwa im Kriege vorgegangen ist. Die Mer schössen Nicht nur gogen den Besitzer, sondern auch gegen Tiere, so gegen Schweine und Hühner, die auch auf dem Schlachtfeld gMiebm sich. Nun beginnen die BeolesunM der mit den Angeklagten ausgenoMMenen Protokolle, die sich mit der ÄbfchlachlUNg der jüdischen Flüchtlinge beschäftigen. Die Details, die da zutage kommen, sind ganz entsetzlich. Man entnimmt den Darlegungen der Protolkölle, daß MU bis heute nicht weiß, wer die armen Mensche« gewesen sind, die aus so schreckliche Weiie geendet halben. Man kenttt Nätnen llwd Hevkunft Nlicht. Aus den Akten geht vor allem hervor, daß der Angeklagte Johann Fejta sei:, in seiAn Verhören erklärt hatte, daß'er mit dem Ehepaar Dvoraeek vereinbart hat, it würde 'bei dem in die GeisindestUbö führenden Fenster Wache stehen ithlb durch Hattdaufheben UNid Pfeifen das Zeichen zur Ermordung geben. Das Grab für die Brüder Politky hatte man schon am Tage vorher geschauifelt. Der Mord wurde von Karl Dooracek und Jofej 24. Oktober 1985 W. 2896 Fejta durchgeführl und die übrigen waren lm ganz«« Hause verteil: und standen Wache. Nach dem Befund der Gerichtskonnnission ist ainzunchmen, daß die Opfer mit stumpfen Jnstrnmenten niedergeschlagen worden stnid. Jchann Fvjta hatte erklärt, daß acht Juden erschlagen worden seien. Später änderte er »ein Geständnis dchin ab, daß es nur drei gewesen sind. Schließlich widerrief er ftin Geständnis überhaupt. Er etflartc jetzt, daß er nach fetzer Rückkvhr von der Froill im Juli 1918 im sogenannten ,-Davl" daist die Mühlstube, in Fässern eine größere Menge Fleisch und Knochen geschen habe. Man sagte ihm, daß das Fleisch von Pferden herrühre. Fejta stin. habe das nicht geglaubt, worauf Tvoracek erwiderte: ^Wrnn er nicht von den Pferden ist, so ist er von den Inden". Atn mchsten Tage sei er dabei gewesen, als man die Knochen wegschaffte. Eg war Nacht unid tiefe Finsternis und man habe sie in den Fluß hinter das Krankenhaus geworfen. Damals stcurd er Wache und sein Bruder habe ihm dafür 100 Kronen gegeben. Fvjta hatte dcmrals erklärt, daß er sich genau erinnere, daß er unter den Knochen einm Menschenkopf, Teile von Füßen und ein Stück einer abgeschnittenen Hand sowie andere menschliche Ueberrejt« gesehen habe. Er gäb damals auch zu, sich an der Ermordung eines polnischen Flüchtlings beteiligt zu haben. Dieses Opfer war 60 Jahre alt. An dom Morde hatten Masek und Km«nt teA- Mnoimnen. Der Jude war gekommen, um ein Paar reparierte Schuhe zu holion. Man führte ihn in das finfteve Ende b*' Saales, wo plötzlich Masek hervorsprang umd ihm mit einer Hacke einen Schlag aus den Kopf gab. Josef Festa, das Ehepaar Dvoracek» Josey Kunz umstellten den Mann, um ihn an der Milcht zu hilrdern. Kment sprang ihn an und stoch ihn in den Hals. Man raubte darauf die Leiche aus, zerhackte sie und brachte sie in das kleine Häuschen des Kment, das gegenüber der Kohnschen Mühle steht. Nachgrabnngsversuche blieben ergebnislos. Man hatte die Retste offenbar in den Fluß gowovftn, wo sie längjst waggcffchweminlt tvorder, sind. Nach den Pvotokolllderlesungen beantragt der Gtaatsamvolt die BorlMrug der Untersuchungsrichter aus Jglau und Trebitjch, um Mchguweisen, daß sämtliche von den Angeklagten ausgestellteu Behauptungen, daß ihnen Geständnisse abgepreßt worden seren, erfunden sind. Verteidiger Dr. Chln-m stellt den Antrag auf Untersuchung des Geisteszustandes deS 'Jvsef Fsjta jun. Der Mann hat im Kriege eine schwere Verletzung aus dem Kopse erlitten. Er verlangt ferner einen Lokalangensch ei« in TrMffch, in der Kchnmlühle und die Vorladung der Frauen Kunz und Kment. Bei vletzr Gelegen^ kommt eS zu einer scharfen AvsermmdechtzvHg zwiicherc dem GtaatSanwolt und dem Aerteidiger Dr. Ehtza^ der i« höchster Erregnug ausrust: ,^fch lasse mich in meinen Berteidigungsrechte«- nicht schmälern! Die Anträge gehören zur Sache und sind notwendig, um den so verwickelten Tatbesband aufMäre-n!" Der Gerichtshof schließt, die boantoagton Untersuchnngsrichtor zu laden. Auch Frau Kment wird vorgeladen. Der Lokalaugenschein wird ab gelehnt, ebenso die Untersuchung des Geisteszustandes des Josef Fejt-a jun. Die Vechmdlung wird hierauf geschlossen. Morgen ginnen die Zeugenverhöre. Mische BStterbnndliga für Sesterreich. Die jüdische Völkerbundliga für Oesterreich entsendet zn der in LüUsanne am 27. d. znsammenttetenden Herbstsession deS Generülrates und der permanenten Minoritätenkommission der Internationalen Union der Bölkerbundligen, bei welcher eine Reihe wichtiger Fragen zur Erledigung gelangen sollen, als ihren Delegierten Herrn Prof. Dr. Galo Baron, welcher bereits der letzten Plenarversammlung der Union in Warschau als Mitglied der Delation der Liga beigewohnt hat. Profeffor Dr. Baron büifte Samstag nachts nach Lausanne abreisen. , , Set in Damaskus. BelageruNgszustmrd. London, 23. Oktober. (Wolfs.) Die „Tims" melden, aus Haifa werde berichtet, daß 40v Man« algerische Truppen im Deraa-Bezirk gelangen genommen wurden. Die Eisenbahnperbtzdung zwischen Deraa und Damaskus sei Unterbrochen. Die unmittelbare Ursache des Aufstandes rn Dam a s k u 8 scheine dir össentttche Ausstellung dtt Leichen von 24 Räubern gewesen zn sein, die von den Franzosen in der Umgebung von Damaskus getötet worden waren. Die Stadt sei äußerlich ruhig, doch würde» neue Unruhen befürchtet. Die Zahl die Opfer der BWeßung werde auf mindestens tausend geschätzt. Im christlichen Viertel sollen zahlreiche Armenier niedergemetzelt worden sein. Die Franzosen hatten außerordentlich scharfe Strafmatznahmen ergriffen, uämlich eine Geldbuße Mt 40.000 Pfund Sterling, die Ablieferung von SO.ÖOO Gewehren Und die PröklaMierung des Betagernngssnstündes. 5554

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