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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-24 · Heft 2396 (24.10.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2396 (24.10.1925)
Date
1925-10-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Men, Samstag Sss Wische Me«. ZenLrabstelle für jüdische soziale Fürsorge. *1 Außer den von der ^ultusigomeinfoe unmittelbar Leiteten und aus ihren, eigenen, aus den Steuergeldevn und aus den ihr zur Verfügung gestellten Mitteln — von wohltätigen Privatpevsonen und auMndischen Mischen WfssioM — finanzierten Anstalten, gewälhrt die Kültus- Mreinde einer, stattlichen AMhl von wohltätig .wirtenden Wiener Mischen Vereinen Subventionen und sonstige materielle und moralische Unterstützung tot Rahmen der sehr beschränkten finanziellen LePungsmöglichkeit. Diese Unterstützung erstreckt sich auch auf eine Reil^ von nicht jüdischen Vereinen und WohltätiAeitsinstitutionen, deren wohltätiges Wirken auch Juden zugute kommt. Nicht gering ist die .Zahl der unbemittelten erwerbslosen oder evwerbsunfähigen Einzelpersonen und Familien, die von der Kultusgenleinde regelmäßige >Gelduntevstützungen erhalten, ebenso wie für verlassene Kinder VerMgskosten entrichtet wenden, ferner Uttterstützungeu an Wöchnerinnen, Beiträge für Schulgelder und Lebensmitteil für jüdische Schulkinder und Studierende. Ern Schritt zur Zentralisierung und Organisierung des Mischen Fürsorgewesens iit Wien, ist die unter Patronanz der Kultusgemeinde errichtete Zentralst elle für jüdische sozia'le Fürsorge, die sich zum Zentrum der jüdischen Wohlfahrtspflege entwickeln kann. Es wäre zu wünschen, iKtjj sie dies wirklich wird, da die Dezentralisierung der jüdischen sozialen Arbeit in Wien der Entwicklung einer gedeihlichen Wohltütigkeitsavöeit nicht förderlich fein kann. Ueber die Arbeit der Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge/ die ja außerhalb des unmittelbaren Wirkungskreises der Kuttusgenlein.de fällt, wirb noch zu reden sein. Alles in allem leistet die Kultusgemeinde für die einzelnen Zweige des jüdischen Lebens in Wien Bedeutendes und Fruchtbares, wenn sie auch noch lange nicht jene Stellung nnd Funktion hat, die sie als einzige staatlich anerkannte Repräsentanz der Wiener Judenschaft haben sollte. Dir Zahl der jüdischen Fürsorgevereine und Fürsorgeinstitutionen, die im Laufe der Jahre entstanden find, ist durchaus nicht im Abnehmeu begriffen, wie man cmuehmeu sollte, wenn matt die seit dem Abschluß des Krieges folgenden Jahre, Jahre des Friedens also und der Regelung der wirtschaftlichen Verhältnisse, aufzählt, sondern steigt eher an, um die dem sozialen Körper des jüdischen Volkes geschlagenen' Wunden einigermaßen zu heilen. Unter dem Geisichtswinkel der Notwendigkeit einer zentralen Körperschaft, die in das Chaos jüdischer Fürsorgeunternehmungen Richtung und Ziel zu bringen imstande ist, ist die Tätigkeit der noch vor dem Kriege unter Patronanz der Kultuszemeinde errichteten Zentralstelle für j ü d i s ch e s o zi a l e Fürsorge, die gegenwärtig von Dr. Löwy geleitet wird, zu begrüßen. Diese Körperschaft ist geeignet, das Zentrum der jüdischen sozialen Fürsorge zn werden, wenn sie entsprechend ausgebaut wird und aus der heute vornehmlich geübten Funktion einer Berattlngs- und Auskunftsstelle heraustriU. Die von ihr geschaffenen Zweckverbände, denen heute bereits fast sämtliche auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge wirkenden jüdischen Vereine — 100 an der Zahl — angeschlossen sind, und die von diesen geleistete Arbeit deuten aus die Entwicklung dieser Körperschaft im gewünschten Sinne. Dieser Zentralstelle steht ein Kuratorium vor, das, aus 24 Personen besteht, von denen zehn von der Kultusgemeinde delegiert werden und 14 von den Verbänden und Vereinen. Eine alljährlich stattfindende Delegiertenversammlung wählt die Funktionäre und Berichterstatter. Die praktische Fürsorgetätigkeit wird von den Zweckverbänden geübt, denr Jugendfürsorgevevband, Altersfürsorgeverband, Bekleidungsverband und Kurverband. In allen diesen Verbänden sind die Wohlfahrtsinstutionen, die üt den einzelnen Fürfargegebieten nach gleicher Richtung tätig sind, zu Arbeitsgemeinschaften vereinigt. Die umfassendste Fürsorge wird von der im Rahmen der Zentralstelle wirkenden jüdischen I u.g e n d f ü rsorge gesiihrt. Um sich ein Bild von der Tätigkeit dieser Jugendfürsorge zu machen, genügt es, ztt erwähnen, daß sie int Monat September 1925 2000 jüdischen Jugendlichen ihre Fürsorge angedeihen ließ in der Richtung der Erziehung, Gesundheitsförderung, des Rechtsbeistandes, der Stellenvermittlung uttb der Regelung der Vormundschaftsangelegenheiten. Die dieser Fürsorge teilhaftig geworbenen Jugendlichen sind vornehmlich nicht nach Wien zuständig, da diese von der städtischen Fürsorge nicht bedacht werden. Die Ausgaben der Jugendfürsorge betrugen in den letzten neun Monaten 7 Millionen Schilling (diese Summe if: nur die Ausgabe der Zentralstelle und enthält nicht jene der einzelnen Institutionen), von denen etwas über die Hälfte von der Kultusgemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Der Restbetrag mußte, so weit dies ging, durch Beitragsleistung der Angehörigen nsw. eingebracht werden. Es wird dafür gesorgt, "daß verwaiste und v e rlasfene Kinder in Heimen und bei Pflegeeltern nntergebracht.werden. Erholungsbedürftigen und Kranken wird die Aufnahme in Heilstätte n ermöglicht. Die Arbeit der Jugendfürsorge wird durchaus von geschulten Fürsorgern und Fürsorgerinnen geleistet. Der Altersversorgungsverband hat gegenwärtig für 300 Schützlinge zu sorgen. Seilte Monatsausgaben erreichen die Höhe von 20 bis 25 Millionen Kronen, die von der Kultusgemeinde und den dem Verbände angeschlossenm Vereinen gedeckt werden. Der Ver- H) Siche „Wiener Morgenzeitung" vom 9. und 11. d, . ' l Wiener Mor-enzeiturrg WIEN, II. Engerthstrass * 169 Franzbranntwein mit Menthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen :: Körperpflege und deshalb soll jeder » so braucht der Körper ständige ,rationelle Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nichti erzielt werden DIANA DIANA Franzbranntwein ständig benützen Ueber^ll erhältlich Dampf Lieben, Di ahobeljova 1073 band gewährt jüdischen Greisen und Greisinnen, welche eine geschlossene Fürsorge genießen, Monatsrenten, be- teilt Pfleger und Pflegerinnen. Der Kurverb and aber sorgt für die Erhaltung und Führung des jüdischen Hospitals in Gleichenberg, wo alljährlich eine Anzahl jüdischer Lungenkranker Aufnahme findet. Außerdem ermöglicht er unbemittelten jüdischen 'Kranken die' Absolvierung der ärztlich verordneten Kuren durch Gewährung von Beiträgen und trägt so zur Gesundung und Wiedererlangung der Erwerbssähigkeit hunderter' jüdischer Menschen bei. Der B e kl e idn n g sv er ba nd führt alljährlich eine Aktion zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder durch. Große Aufmerksamkeit schenkt die Zentralstelle der Organisierung des jüdischen Fürsorgewesens. Sie hat einen Kataster der Fürsorgebedürstigen angelegt, der bereits 50.000 Blätter zählt. Der ungemein rege Parteienverkehr — im September waren es 1800 — beweist, wie groß das Bedürfnis nach Auskünften und Ratschlägen irm Mischen Fürsorgewesen ist und daß ihm die Zentralstelle zu genügen vermag. Englische FarMe». Baldwin hat kürzlich mit aller Deutlichkeit erklärt, England brauche keinen Mussolini, 'Dies ändert nichts an der Tatsache, daß England schon eine stattliche Armee' von Faszisten zählt. Man spricht von einer Viertel-' Million. Die Bewegung ist aus den gleichen Ursachen entstanden wie in Italien, als Reaktion gegen die bolschewistischen Umtriebe. Für die Gründung wird eine Frau s verantwortlich gemacht: Miß Livtorn-Orman, die 1923 anfing, „die besseren Elemente" zu einem Verband zu vereinigen, der im Falle von Unruhen die Polizei verstärken und für die Verpflegung des Landes sorgen soll.! Mit der militärischen Führung dieser neuen und ge-: jährlichen Heilsarmee ist der Brigadegeneral B l a k e n e y, ein 53jähriger Eisenfresser, der den Sudanfeldzug, den Krieg in Südafrika und den Weltkrieg mitgemacht hat/ betraut. Der Verband dehnt sich ganz im Stillen über das ganze britische Weltreich aus. Die Regierung will nichts mit ihm zu tun haben. Weder unterstützt sie ihn, noch nimmt sie seine Hilfe in Anspruch. Von den Mitgliedern wird nur christliche Konfession verlangt. Zumeist gehören sie der konservativen Partei an; doch fehlt es auch nicht an Liberalen und selbst.an Labourleuten, die sich gegen Moskau organisieren lassen. Beim Eintritt geloben sie feierlich, „S. M. König Georg, seine Erben und Nachfolger und die bestehende Verfassung zu verteidigen, den britischen Faszisten alle Hilfe zukommen zu lassen, ohne persönlichen Gewinn daraus zu ziehen, gegen die verräterischen und revolutionären Treibereien, welche den Thron und das Reich zu untergraben suchen." Das rühmliche an dieser weißen Garde ist wohl der Umstand, daß sie sich sehr wenig bemerkbar macht. Vielleicht ist sie deshalb nur um so gefährlicher, und man kann nur wünschen, daß dieser glimmende Vulkan nie zum Ausbruch kommt. * Der zionistische Delegiertentag. Zu unserer gestern mit» geteilten Liste ist noch nackMtragen, haß unter den aulf dem Delegiertentag in die Landesikommisfion des Keren Kajom-eH gewählten Personen sich auch Herr Dr. Israol Waldmann befindet. New»Hork,23. Oktober. (Tel.-Komp, i Berlin 23.80. London Kabel 4.847,«. London Scheck 4.807,, Amsterdam 40.23, Baris 4.24Va) Brüssel 4.76. Rom 40.-, Madrid 4.35, Zürich 19 27, Stockholm 2677. Oslo 2039 Kopenhagen 24.79. Wien 147,.. Budapest 14V„ Prag 296%, Belgrad 1777„ Athen 1.35V,, Buenos Aires 417,«, Rio de Janeiro 15.15 Bukarest 487*. ' Nelv-Nokk, 23. Oktober. cTel.-Komp. > Wüzen.rot Ämter 1617a Bietzen hart Winter 162 Mais 967« Hafer 45Vtl Roggen 867,. Chikago. 33. Oktober. «'Tel.-Komp.) Weizen per Dezember 1427«, 'Rai 1407, Juli ,123V Mai? oer Derember 747«. ''"ai -77«. Juli 80.—; Lv'e' rc» Trzember Sf.*'4 Mai 48*4 I >' 437,loggen per Dezember ^97«, Mai 85'/«. Juli .— Die zentraiafrikanifchen Mandate. II Genf, 22. Oktober. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die Mau» datstammission des Völkerbundes behandelte heute de« Bericht der belgischen Regiemng über die Verwaltung van Ruanda und Urundi im Jahre 1324. Der belgische Vertreter erklärte, Belgien habe bei Einführung des neuen Statuts für dieses Gebiet keine Annexion bezweckt und werde sich an den Geist und den Buchstaben des Mandats halten. Die Kommission nahm von diesen Erklärungen Kenntnis. Berlin, 23. Oktober. (Wobff.) Das „Berliner Tageblatt" und die „Vossische Zeitung" melden aus Warschau, Außenminister S k r z y n s i t habe heute dem deutschen Gesandten Rauscher erklärt, 'daß auf Grund der deutsch-polnischen Verständigung in Locarno die polnische Regierung sich entschlossen habe, den deutschen Optanten, die am 1. November das Land verlassen sollten,' das Recht zu erteilen, im Lande zu verbleiben. Die entlastende Anssage der Frau Franzos. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) H. Lemberg, 23. Oktober. Heute wurde der Chef der politischen Polizei in Warschau, Kommissär Swol- 'i e n s, als Zeuge einvernommen.. Seine Aussage machte auf die Geschwornen den tiefsten Eindruck. Er war bei der ersten Einvernahme der Zeugin Pasternak zugegen, die danials mit vollster Bestimmtheit Steiger als den Attentäter bezeichnete. Er sagt sodann hauptsächlich über die politische Seite der Affäre aus. Er hat das Attentat sofort als ein politisches aufgefaßt und die Motive bei der ukrainischen militärischen Organisation gesucht. Ein zionistisches oder kommunistisches Attentat ist in diesem Falle ausgeschlossen. Frau Franzos aus Wien sagte aus: Als sie auf dem Balkon des Cafe de la Paix stand und die wartende Menschenmenge betrachtete, sah sie einen hochgehobenen Arm. Als der Magen mit dem Präsidenten Wojciechowski herankam, flog die Bombe. Sie sah scharf hin und bemerke einen mageren, jungen Mann im Wer von 20 oder 21 Jahren, der sich abgewendet hatte und in die Legionenstraße ging. Kurz darauf begann er zu laufen. In seiner Gesellschaft befand sich ein kleiner, dicker Mann in einem hellen Gummimantel. Der Fabrikant K r b a l e s k i, der als nächster Zeug< vernommen wird, stand in nächster Nähe Steigers, den er genau kennt. Steiger war vollkommen ruhig und unbefangen. Es ist unmöglich, daß Steiger die Bombe geworfen hat, die hinter ihnen geworfen wurde. Die Verhandlung wurde sodann auf morgen v e rt a g t. Die morgige Verhandlung wird die Einvernahm» der wichtigsten Zeugen, Mikitin und -es Kommissärs Lukomski, bringen. Das Appellatiotlsgericht hat heute lange telephoui» sche Gespräche mit dem Warschauer Justizministerium geführt. Wie es heißt, hat die Regierung die sofortige Ueberstellung des gesamten Materials verlangt. Die Prozeßakten sind tatsächlich im Lause ds heutigen Tages nach Warschau abgegangen. Es verlautet, daß die Vertagung des Prozesses in der nächsten Woche erfolgen wird. Lar der Iemissiün kaillaux'. Paris, 23. Oktober. (Tel.-Komp.) Nach Schluß des heutigen MiniftevrateL, der sich mit den neu en Borschlägen Caillaux' beschäftigte, erklärte UnterrichtsMinister de Monzie Pressevertretern, es gehe alles gut. Die heutigen Abendblätter zeigen über geringe Zuversicht. Die „Liberte" will sogar wissen, daß die Demiffion Caillaux' schon Montag zu erwarten sei und daß zwei andere Minister mit ihm zttrücktreten würden. Roch etwa zwei Zähre Marottsirieg. London, 23. Oktober. (Tel.-Kamp.) Wie der Korrespondent des „Daily Expreß" aus Madrid meldet, hat Pvimo de Rivera erklärt, er könne ein Datum für die ettdgützige Pazifizierung Marokkos nicht angeben, doch nch.M er an, daß da,zu noch etwa zwei Jahre erforderlich sein werden. Peyer gemaßregelt. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Budapest, 23. Oktober. Der Immun!tätsausschuß der Nationalversammlung hat dem sozialdemokratischen Abgeordneten Peyer, der in der jüngsten stürmischen Sitzung der Nationalversammlung den Abgeordneten Baron P o d m a n i c z k y einen niederträchtigen Verleumder genannt hatte, eine protokollarWe 'Rüge evteilt, wodurch Abg. Peyer sür zehn Sitzungen der Bezüge als Abgeordneter verludig wird.

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