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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-23 · Heft 2395 (23.10.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2395 (23.10.1925)
Date
1925-10-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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8 Sette 2 Wien, Freitag pathischer, wuHte mW weiß inan doch wenigsteitS,. woran , man ist.- Gesetze -sind und bleiben eben schone Worte, wenn nicht hinter ihn^n politische Kräfte stehen, die aus ' ihnen lebendiges Recht schaffen. Die jüdische Bevölkerung in diesem Staate, wird, weim sie wirklich m ihrem Recht kommen will, auch ihr politisches Gewicht in die Wagschale Wersen müssen trotz, aller im FMenSvertrag <: verbrieften Gleichheit und trotz der ausdrücklichen An- .erkennunA der Mischen Gleichstellung mit den anderen Bundesbürgern durch, das jüngste EnenntniS des Berfassungsgenchtshofes. Solange das österreichische Judentum in der Gefolgschaft sogenannter freiheitlicher Parteien., stand, wurde immer und immer wieder sein Bestreben um faktische Gleichstellung - dazu mißbraucht, Stimmen und Geld bei den Wahlen zu liefern. Kamen die von ihnen unterstützten Parteien zur Macht, so blieb alles beim alten, LS sei denn, daß man irgend einen Paradeisraeliten in irgend ein Amt hinemschöb. Rechtsfragen ' sind Machtfragen. Wenn die österreichische Judenheit zu ihrem Rechte kommen will, muß. die hinter, das geschriebene Recht eine Macht stellen, die.sie inHrer Gesamtheit aus Grund ihrer ziffernmäßigen Stärke, ihrer wirtschaftlichm und intellektuellen Kraft wohl wäre. Aber sie muß alle diese Potenzen in einer gesamtjüdischen Organisation konzentrieren, die stark , genug wäre, in die öffentlichen VeHretungskörper» jüdische Mandatare zu entsenden. Nicht „JMMberale" oder „Judensozi", die ihre jüdische Herkunft als ' Makel empfinden und darum ihre Befangenheit injüdischen Dingen stets, dadurch , dokumentieren, daß sie sich um die Erörterung Mischer Ftagen herumdrücken, sondern aufrechte, bewrßte Krden. . ßmest Nreiter. Zu seinem HO. Gebuetstay. W i e n, 23. Otttzbn. Ernejt Breiter hat gestern bas.60. Lebensjahr überschritten. Der bescheidene, liebenswürdige Mrnn repräsentiert in sich ein Stück Geschichte voll der stärksten Erregungen. Er war in jungen Jahren mit Daszynski Wammen Gründer der soziaDemokratischenPartei Galiziens; da er ihren Opportunismus nicht mitmachen wollte, bWote er die Partei der unabhängigen Sozialisten und gab in den Jahren 1895 bis 1914 den „Monitor" heraus, die bekannte Zeitschrift, die schonungslos geigen die Korruption in der Verwaltung kämpfte. .Welche Wandlung der VHDltnMW Breiterin dieftn- A 'Jahren 'burcherMt^um^ vielfach mitbeeinslußi!-Unserer-'Generatrött erscheinen die politischen und -sozialen Kämpfe dieser' Zeit vielfach undersiäMich; sogar Keinlich. Aber es ging damals-um'den historischen. Prozeß der Demokraüsierung des Staates. Diese Entwicklung, beherrscht von dem übermächtigen Einfluß der Hof- und Militärkamarilla, der der Nationalitätenstreit ein stets gebrauchsfertiges und willfähriges Werkzeug war, mutete in den Krieg, in den Niä>evbruch der Monarchie. Breiter ist einer der wenigen gewesen, die das Unglück kommen sahen. Er war immer ein Warner, ein von tiefster, demokratischer Gesinnung Erfüllter Mann, ein Wortführer des Rechtes. Unzähligemal ist fein Blatt konfisziert worden, mußte er sich vor Gericht verantworten. Keiner Einschüchterung.hat er sich gebeugt. urch in den Tagen schwerster Not, als die russischen Truppen in seiner Heimat standen, war er derselbe aufrecht Mann. Vom Jahre 1900 angesangen war er Mtglied des Wiener Reichsrates und hat dessen unglückseliges Schicksal miterlebt. Bretter hat nie teitgenommen andern Haß, der das Parlament'lahmte', und an. .dem feigen Servilismus, in dem es gerade in der schweren Kriegszett sich mundtot machen ließ. Dem Mischen Volk ist Bretter, der seinen Gebuvtstag in voller Kraft und Gesundheit begeht, stets ein ehrlicher» guter Freund. Er hat als einer der wenigen die Qual dieses Volkes gesehen und verstanden, er hat ihm oft die Kraft seiner Rode geliehen und ist chm auch zur Seite gestalten, als stch das Elend des Krieges über die Judenhauser im Osten ergoß. Deshalb gedenkt heute hie ganze große Schar derer, denen Bretter. Gutes und Freundliches erwiesen hat, und mit chr die. jüdische Gesamtheit gerne dieses Mannes, der Wahrheit und un-. erschrockenen Rechtlichkeit und wünscht ihm aufrichtigen Herzens noch viele Jahre, * Ernest Breiter ist am 22. Oktober 1865 in D a w i d o w bei Lemberg als Sohn eines Eisenbahningenieurs geboren. 1885 bezog er die philosophische Fakultät der Lemberger UnWersität und widmete sich historischen und philologischen Studien, zu deren Vollendung er die Hochschulen von Berlin, Breslau, Krakau und Wien aufsuchte. Er hat eine Menge historischer Schriften' aus der Geschichte Polens erscheinen lassen. Seine politischen und sozialistischen Streitschriften verfielen oft der Zensur des Staatsanwaltes. Von 1891 bis 1894 gehörte er der Redaktion „Kurjer lwowski" an und gründete im nächsten Jahre den „Monitor", dessen Erscheinen im Jahre 1914 der Einbruch , der Russen in Galizien ein Ende machte. 1897 kandidierte Breiter das erstemal (in Lemberg gegen den Sozialdemokraten K oz a k i e.w i c z), noch ohne Erfolg. Im Dezember.1900 wurde er in demselben Wahlkreise von der fünften Kurie mit über-17.000 Stimmen gewählt. Im Reichsrat schloß er sich keiner Partei an, um sich die Unabhängigkeit zn bewahren. Bei den großen FeldgrbeiterstreW in Wiener Mvvgenzeitung 88. Oktober 1925 Nr.M über die Slschansli-Affaire. M Antwort der preußischen Fnnrnmimsterr aus die gnterpellatiou Sr. Vadt. hat sein SeWivuis dar vericht BtlU», SS. Ottobcr. (I. T. A.) Der preußische Minister des Innern Severing hat die Anfrage des Abgeordneten Dr. Hermann Badt in der Sache Olschanski- Steiger schriftlich beantwortet. Das Staatsministerium wurde gefragt: 1. Me viel von diesem Sachverhalt preußichen Polizeibehörden bekannt geworden. 2. Ob Veranlassung genommen worden sei, diese Kenntnis an die polnische S t a a t s r e g i e r u n g weiterzuleiten. ' In'der Antwort'des preußischen Mnisters des Indern wird, wie "der Amtliche Preußische Pressedienst mittellt, folgendes angeführt: Zu Anfrage 1: auf Grund.der Anfrage achestellten Ermittlungen haben folgenden Sachverhalt ergeben: Am 3. Oktober 1924/ nachmittags, wurde der Student Theophil Olschanski, geboren nach seiner Aussage am 17. März 1905 in Chyrow (Polen), ukrainsscher Staatsangehöriger, wegen unbefugten Grenyübertrittes durch Beamte - des Polizeia.mies Benthe n (Oberschle- Mn) ftftgenommen und emgeliesert. Bei seiner polizeilichen 'Vernehmung am gleichen Tage hat Olschmski erklärt und durch eigenhändige Namensunterschrist bestätigt, er aus P o l e n gefluchtet sei, lveil er vor einigen Wochen an einem Freitag (Der 5. September 1924 jedoch bisher in seine frühere Wohnung zurückgekehrt 'zu sein. Die . .. Ermittlungen nach seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort sind noch nicht abgeschlossen." \ /• ' Zn Anfrage 2: „Ob der vorstehend geschilderte Hoch- Verhalt zur Kenntnis der zuständigen polnischen'Behörden gebracht worden ist, ist gegenwärtig. noch Gegenstand von Ermittlungen. Unabhängig davon habe ich jedoch im Hinblick auf das in der Anfrage erwähnte Ve^ fahren gegen den Studenten Steiger in Lembera das auswärtige Amt gebeten, den'zu 1. geschilderten Sachverhalt mit tuMMer Beschleunigung zur Kenntnis der zuständigen polnischen D i e n st st r Ne n zü bringen." '' '' (Inzwischen -ist, wie berettö gemeldet, das Wlatcrial von der Berliner polnischen Gesandtschaft übernommen worden. — Die Red.); Bor einer Itn erbrechung der Steiser-Prozefses? Die Methoden per Untersuchung. — Repe M' weisantrgge der Verteidigung.. Won -unsere»: H.-Ä-orrespondemen.) -. Lemberg, 22. Oktober. Das Verhör der von der Staatsanwaltschaft geführten Zeugen bringt keine.-neuen - . . - - i c/tuuieuiuMUii|^u(i gcfuyuui wuuö‘ *vu,lt';4lv“ war ein Freitag. — Die Red.), nachmittags gegen 3 Uhr, Momente. Nur ein Umstand ist als typisch hervorzuein Attentat ^aüf den polnischen Staats- I heben: Präsidenten Wojciechowski in Lemberg verübt habe. Er habe auf den am Mariaekyplatz in Lemberg vorberjahrenden Staatspräsidenten eine Bombe geworftn. Den Auftrag hierzu habe er von der ukrainischen Organisation die Angaben fast sämtlicher Zeugen weichen von den vom Untersuchungsrichter Rudka und Schriftführer Piotrowski protokollierten Aussagen ab lieber die Gründe ihrer Modifizierungen der Aussagen de Ukrainska-Wischkowa-Oraanllatia stagt, erklären die Zeugen ziemlich übereinstimmend', ihre «fort«! . Aussagen seien in den Untersuchungsprotom ^|ei? maS€ 9 .genaue Angaben tollen n i ch t richtig w i e d e r ge g e b e n. Dieser cvT A, , 0lyr von B " f 0 ne n, die ihm bei seiner Umstand hat den Verteidiger Dr. Grek veranlaßt, xrnf " J? .. o l e n behrifllch gewesen seien. diese Methoden der Untersuchung hinzuweisen, um-'so Wa*;!üe\«?Cu£:l,$rx ^C stch beim Zeugeuverhör herauSstellte, daß in Olschansti'in der öffentlichen Sitzung des Amtsgerichtes Beut-Hen am 4. Oktober 1924 Lieft Angaben vor dem Richter wiederholt. Das Gericht hat sein G e.stän'dni L s Lr glanbhaft Erachtet und Olschanski wegen unbefugter- Grenzübevschreitüng zu einer Gefängnisstrafe von: zwei Wochen und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Es wurde ihm Strafaussetzung bis zum,1. Oktober 1926 unter der Bedingung gewährt,.. daß er alsbald eine-Geldbuße von ijQ Reichsmark. hiezaM Bei der Bemessung der Strafe hat das Gericht als strafmildernd berücksichtigt: Seine Jugend,. sein Geständnis, ferner daß er durch Vorlegung von Ausweispapieren seine Person glaubhaft ausgewieftn habe und daß er ein politischer Flüchtling sei. .Olschanski hat sich am 15. Oktober 1924 in Berii n unter Vorlage einer Bescheinigung des Amtsgerichtes Benthen des Inhalts, daß er politischer Flüchtling sei, ordnungsmäßig angemeldet. Seine Berliner Adresse hat er alsbald dem Amtsgericht Benthen mitgeteilt. Am 2. September 1925 hat Olschanski sich von Berlin nach Marienburg abgemeldet. Bon 5YT)v»rt» -r ' ' v 1 ^- yi * ~ den Protokollen der Voruntersuchung den Zeugen verschiedene Wendungen in den Mund gelegt 'werdeil, .die sie nicht einmal verstehen. So.konnte Leim Verhör eines Polizei beamt-emMer als Zeuge vernommen wurde, sestgestellt-werden, daß :er das: Fr e mdO ö v t ^kategorisch", welches ernach den Untersuchungsprotokollen mehrfach gebraucht haben soll, überhaupt nicht kennt. Das Gericht hat Dr. Grek wegen feiner kritischen Analyse der Untersuchungsmethoden eine Rüge'erMt. Die Verteidigrmghat darauf durch Dr. -Löwenstein eine Erklärung verlesen lassen, in tvelcher sie Lei völliger WahrllNg der Souveränität des Gerichtes feststellt, daß sie bei ihrem Rechte, die in der Untersuchung abgefaßten Protokolle und den Gang d-er Voruntersuchung:' zu analysieren und zu kritisieren, verharrt, da dieses Recht zur vollständigen Ausübung des BerteidigeramteS gehört. Von den letzten Zeugen war ' Rüben Reiß die interessanteste Figur. Aus die erste Frage des Vor« Marienburg ist er wieder nach Berlin abgemeldet, ohne sitzenden antwortete er in jiddischer Sprache, -er, verstehe - — ’ i im i nicht polnisch. Daraufhin gestattete der Vorsitzende dem Galizien und bei den Kämpfen um das allgemeine Wahl- Zeugen, seine Aussage in jiddischer Sp rache .recht trat Brei ter energisch in den Vordergrund. Bei zu machen. Rüben Reiß, der von der SlaatsaywalffMt den ersten allgemeinen Wahlen setzte.er sich im zweiten als Zeuge geführt wird, sagte aus, daß er zur Zeip.-des Lem^berger Wahlkreffe durch, im Jahre 1911 wurde er Attentats einige Schritte vom Geschäft der Firma Bewr fagar in zwei Wahlkreisen (Lemberg und Zloczow) entfernt in der Nähe' der Straßenlaterne bei der Legipneu-- gasse stand. Als der Wagen des Präsidenten vorüberfuhr. Ueber die Kriegszeit und seine Erlebnisse schreibt sah er, daß sich er schlicht und schmucklos in einer Autobiographie: ei« . Arm . . < - : „Mitte des Jahres 1914 brach der Krieg aus. Um die ausstreckte ünd'ein Paket warf/ has' zu brennenVanjiüg. Ä VevEerm^ Lembergs nicht dom ungewissen Schicksal Der Arm, den Reiß sah.'War mit dunklem St''off uberlassen, blioib ich in Lemberg, woich bekleid,t' cs schien der Aernte! eines Anzug's 'zu Behörden vermittelte. Eine von einem 'Individuum an die stm..Dw Person, zu der dieser.Arm gehörte, scheint nicht ^ri-stischen Bchövden überreichte AlMige fichrie zu einer Regroß gewesen zu sein, weil der ausgeftreckte Mm mevmon und dann zu meiner Bechasiung wegen angeblicher driaer lag als die Linie -der Umstehenden. Diese Person Insten Oesterreichs". Im Jänner 1915 wurde fonnte N^iß nicht sehen, er sah nur, daß sie einen Männerch nach RuVwnd abgeschoben und in den Kerker in Kiew! t^r Täter ein Mann ^i erngeiperrt, von wo ich nach Sibirien kommen tollte. Am h"^ trug, woraus er fchloh, oatz oer cm yw. Verwendung meiner Bekannten wurde durchgeseht, dag ich in ' Auf die Frage des Vorsitzenden, warum Zeugen vor Kiew bleiben konnte. Befreit wurde ich ans dem Kerker nach dem Untersuchungsrichter ansgesagt habe, er wisse nicht, LM? Mopaten, mußte aber unter PoliMlicher Aufsicht in 0& der Mann, den er gesehen habe, groß oder klein. Wat, Kiew verbleiben Von der Gefangenschafthat mich endlich die boillsche wistiische Regie-vung, namentlich L e n i n und.T r o tz k i, befreit. Auf Aufs-ordernng der Regierung kam ich Ende des Jahres 1917 nach Petersburg, wo ich die nötigen Dokumente bekam, UM. konnte über Torrreo.. Stockholm, Od-eriber,g i-m I-chv« 1918 in die . Heimat zurück-kchren und mich weiter der parlamentarischen Arbeit wiidmen." In das neue Polen kehrte er nicht zurück. Er blieb l.n Wien, um. sich der Minoritätenfrage zu widmen, itnd unternahm zahlreiche Reisen, so nach Riga zu den Polnisch-russischen FriedensverhaMungen, zum Völkerbund nach Genf, zur Konferenz von Genua, dann nach M o ß k a u. Seither ist er wieder'' m Wien, wieder ein j unbeugsamer Verfechter des Rechtes. Möge ihm bald Erfüllung seiner Hoffnungen werden! antwortete Reiß: Wahrscheinlich hat mich der Mttersnchun-srichter nicht ver» , standen. Vor s.: Im Protokoll steht, Sie hätten, gesagt, daß ein Mann in das.Haus Legionengaxe 1 gelaufen .sei, Zeuge (jiddisch): Ich hob gesogt, as jeder cjner is.dort geloffen. Men.hot mir demolt nit gut ferstünnen. Der Vorsitzende läßt die Worte ^jeder. einer" protokollieM. Verteidiger Dr. Löwe n st e i n, der aus den: Proto- 'kolliernngsaustrag des Vorsitzenden entnimmt, daß hier ein Mißverständnis vorliegterteilt nun dem Vo.rsitzenden Lektion in jiddischer Sprachlehre. - Er legt ihm klar, daß im Jiddischen „jeder einer"'nich „einer" bedeutet, sondern „jedermann". (Heiterkeit.) % -i 4060

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