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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-22 · Heft 2394 (22.10.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2394 (22.10.1925)
Date
1925-10-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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fir. 2801 Wien, Donnerstag Bei Regen, Wind, Kälte Wiener Morftenzeitung __ ZS. Oktober 19i2ö in der Kohn-Mühle. wird man leicht von Erkältung befallen. Man muss daher 'rechtzeitig Sorge dafür tragen, dass im Hause nie fehle der m seiner schmerzlindernden Wirkung einzige echte DIANA Franzbranntwein mit Menthol welcher für Massage. Einreibung, Umschläge Und als Qurgelwasser gleich unentbehrlich ist Ueberall erhältlich Ülllna- Franzbranntwein - Produktion - Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Ingtrthxirass«'169 Lieben, Drahobeljova 1073 Lar Kabinett Srabstt. Die Sozialdemokraten dürften neutral bleiben. Warschau, 21. Oktober. Der Sejm hat die während oer Dauer der Konferenz von Locarno unterbrochenen Vollsitzungen wi eder ausgenommen und das Expose des Ministerpräsidenten Grabski in Verhandlung gezogen. Die durch die Wirtschaftskrise schwierig gewordene Situation des Kabinetts Grabski hat sich in den letzten Tagen gebessert, da die Sozialdemokraten ihre o p p o s l t i o n e l l e Haltung gegen die Regierung n' cht mehr unbedingt aufrechterhalten. Das von der Wyzwolenie-Partei eingebrachte Mißrauensvotum und der Antrag auf Ausschreibung von Neuwahlen am 1. Jänner dürften daher wahrscheinlich Leine Mehrheit erhalten. 2er Rnmems clnufus in Polen. Die Gesandtschaft der Republik Polen in Wien teilt mit: Das polnische Unterrichtsministerium veröffentlicht Daten betreffend den Prozentsatz der aus allen polnischen Universitäten für das Wintersemester 1925/1926 neuinskribierten . polnischen . und jüdischen Hörer. In Krakau inskribierten 2476 Christen und 899 Juden.. In Lemberg 1180 Christen und 408 Juden. In Wilna 638 Christen und 224 Juden. In Warschau 2103 Christen und 713 Juden. Der Prozentsatz der jüdischen im Vergleich zu den christlichen Hörern beträgt somit: In Krakau mehr als 36 Prozent.Juden, in Lemberg 34 Prozent, in W i l n a 36 Prozent, inWarschau 34 Prozent. Dieser Prozentsatz erhöht sich bedeutend zugunsten der jüdischen Hörer, wenn man bedenkt, daß die Ziffern der aufgenommenen christlichen Studenten auch die Hörer der theologischen Fakultäten beinhalten. Die infolge Platzmangels, respektive Ueberfüllung nicht ausgenommen en Hörer erhalten anstandslos ermäßigte Auslandspässe, damit sie auf ausländischen Uniirersitäten ihren Studien obliegen können. * Diese Ziffern sollen beweisen, daß die Behauptung über einen Numerus clausus in Polen unwahr sind. Es geht aber aus diesen Totalziffern nichts hervor, was die Verhältnisse an den einzelnen Fakultäten, insbesondere an den m e d i z i n i s ch e n, klarstellen würde. Es fehlen, was sehr auffallend ist, die Daten über die technischen, tierärztlichen und landwirtschaftlichen Hochschulen, also über alle Anstalten, deren Hörer für di.e freien Berufe ausgebildet werden. sie nordböhmische Textilindustrie stillgelegt. Allgemeine Aussperrung. Prag, 21. Oktober. (Dschech. Pveß-Bur.) Heute ist der MerKCltiige einheitliche Aussper r n n % s- Beschluß der T e x t i 'l i.n d u st r i e in Kraft getreten. Der allgemein ..als kritisch angesehene Tag ist ohne Zwischenfall verlaufen. Die bis zu diesem Zeitpunkt noch arbeitenden Betriebe wurden für den Zutritt der Arbeiter gesperrt. Damit ist die ganze noxdböhmische Textilindustrie vollständig stillgelegt. Im Warnsdorf er Gebiet, in Rumburg, Zwickau, S ch l u ck e n a u und Schönl in d e sind sämtliche Betriebe stillgelegt worden. Die Strick- und Wirkwarenindnstrie in Schönliude hat.ebenfalls die Aussperrung der Arheiier verfügt. ßxvlosion in einer deutschen Pulverfabrik. Aus Haunoder wird unterm 21. d. gemeldet: In einer Abteilung der S ch w a r z p u l v e r f a b r i k B o e m b i tz bei Mallsrode (Hannover), sind gestern vier Pulverwerke und drei Ablagerkeller e xvlodiert. Z w e i Personen -wurden g e 1 ö t e t,. eine Frau, zwei Kiüder, und brei weitere Personen, verletzt, lieber die Ursache der Explosiow läßt sich nichts Näheres jagen. ' . Das Schicksal galWcher Flüchtlinge. Die „Wiener Morgeiizeitnng" hat bereits am 16. -b: den Beginn des Mauer Schwurgerichtsprozesses gegen die lacht Insassen der Kohn-Mühle in Treibttsch angMndigt. Sie halten jüdische FlnchAnge aus Galizien, die während des . Krieges in der Gegend von Pohvlitz untergebracht waren, altgelockt und ermordet. Der Prozeß nimmt heute seinen Anfang. Aus Mau geht uns der folgende Vovbericht zu: , Die Staatsanwaltschaft in Mau ha: die AnNage nur wegen vierbegan gen er Morde erhoben, während sich die Beschuldigten acht Morde bezichtigten. Der Zeitpunkt der Verbrechen fällt in die Jahre 1918 und 1919. Genaue Daten der Mordtage kennt man nicht. Die achuköpfige Mordgesellschaft besteht aus Arbeitern und kleinen Gewerbetreibenden. Sieben Männer und eine Frau stchen unter der Anklage, diese grauenhaften Verbrechen begangen zu halben. Ein Ehepaar und ein Vater mit zwei Söhnen stellen die Hauptbeschuldigten dar. Die Verbrecher sind 32 bis 66 Jahre alt. Der Prozeß gegen weitere zwölf Personen, welche zur selben Zeit als Teilnehmer einer wohtorganliisierten RäUber!bande unter Anführung des berüchtigten Jarojstaw Kunst wegen verschiedener Diebstähle, Plünderungen und Betrügereien festgenommen wurden, hat schon vor einigen Monaten vor dem zuständigen Kreisgericht sein Ende genommen. Die Morde und Verbrechen Wunden durchwegs in den letzten Kriegsjahren und in der ersten Zeit nach dein Umsturz begangen, und kamen erst durch einen Zufall im Februar dieses Jchres ans Tageslicht. In den: berüchtigtesten Gebäude von Trebitsch, einer ruhigen mährischen Industriestadt mit 15.000 Einwohnern, in der „Kohn-Mühle", welche schon durch Jahrzchnte nicht mchr ihrem ursprünglicheil Zwecke diente, sondern, verlassen und verfallen, lichtscheues Gesindel beherbergte, hat sich während des Krieges der Flickschuster Karl Dvoracek samt Frau oinguartiert. Jchann Fejta der Aeltere hatte sich eine kleine Seitenkammer mit Hübelspannratratzen, Kisten und Heizgelegenheit wohnlich eingerichtet, und in der dnMen GchindestUbe hauste der Des« rt e u r Johann Fejta der Jürtgeve. Im großen Mühlsanle waren zeitweilig polnische Michtlinge untergsbrachl, und als diese im Jahre 1918 in ihre Heimat zurück konnten, kamen die Brüder Policky, die sich hier eine TiMer- und Uhrmacherwerkstätte einrichteten und als zientlich nüchterne und geschickte Leute ihren Lebensunterhalt und auch einen kleinen Spargroschen verdienten, der ihnen anscheinend von ihren Nachbarn geneidet wurde. In einer bitteMMen. Februarnacht des Jchres 1919 — . es mag in dem großen, unheilbaren Saale wiMch eisig gewesen sein — nahmen nach längerem Zögern die Brüder die Einladung Fejtas und Dvoraceks an, bei ihnen in ihren warmen Zimmern zu schlafen — und in kürzester Zeit waren sie verschwunden. Der eine war angeblich nach Amerika ausgewaudert und der andere hatte irnawt von seiner reichen Braut in Linz erzählt, kurzum^ sie waren ausgewandert und Dvoracek verkaufte ruhig ihre Werkzeuge und die armselige Einrichtung. Seit sechs Jahren kümmerte sich niemand um den BeMeibder Brüder. Da starb ein -entfernter Verwandter von ihnen und hinterließ einiges Geld. Die Beihörde suchte nach den Erhen. Die Hausbewohner wurden ausgefragt. Und da erfuhr mal. manches, denn die Beteiligten hatten nicht dicht gehalten und im Rausche renommiert. Kurz entschlossen wurde verhaftet, was zu verhaften war,im Lause von zwei Tagen mchr als zwanzig Personen. Im Kreuzverhör geistanden die Dvoraeeks und Fejtas den Raubmord an den Brüdern Policky, zeigten die Stelle im verschütteten Mühlschacht, an welcher die Leichen eingescharrt untb später nach tagekangen Grabungen auch -tatsächlich ausgesunden und festgeftellt wurde::. Es kamen die verschiedenen Diebstähle und Räubereien an den Tag, und schließlich gestand der vollkommen zermürbte Johann Fejta der Inagere, daß auch jüdische Flüchtlinge aus Ostgalizirn ermordet und ausgevaübt worden waren. Jetzt verwirrten sich die Aussagen vollkommen. Di Dvoraceks leugneten hartnäckig, aber Fejta schilderte sehr genau das Verbrechen. Bezüglich der vergrabenen Knochen konnte er aber keine verläßliche Stelle angeiben, denn die umfangreichen Grabungen, die noch wochenlang fortgesetzt. wurden, endeten ergebnislos. Jedenfalls ist als erwiesen anznnehmen, daß die Angeklagten die Leichen zerstückelt und die Fleischteilc in Salzfässer gelegt und eingepöckelt haben. Die Knochen wurden von den beiden Fejtas wahrschöin» lich in Säcken in den Fluß geworfen. Diese entsetzlichen Hantierungen mit den Leichen wurden teilweise von den Angeklagten in der Voruntersuchung zugegeben, doch ivurde längeiblich nur aus Angst vor dem Verwesungsgeruch das Fleisch eingesalzen und dann vergraben. Doch darüber werden Wohl die Zeugenaussagen nähere Einzelheiten berichten, denn es ist trotz aller gegenteiligen Gründe schr'leicht möglich, daß das Fleiscb tatsächlich nach der Cinpöckelu-ng in der Umg-eibung als Schweinefleisch verkauft wurde. As Händler mit dem Fleische käme da Wahl zuerst' der Häusler K m e n -t in Frage, welcher in einer zerbrochenen und verwahrlosten Hütte etwa 100 Schritte von der Kohn-MWe haust und gewerbsmäßig m i t H u n d eu n d K a tz e n s l e i s ch handelt. lieber die Personen der ermordeten jüdischen Flüchtlinge konnte bisher keinerlei Ausschluß erlangt werden, nur das eine steht fest, daß es sich nicht um Bewohner des Trebitscher Flüchtlingslagers handelte, sondern um fremde Flüchtlinge — wahrscheinlich . aus den Lagern Dentschbrod uud Pohrlitz, t wo Abgänge .gemeldet wurden. Die Flüchtlinge kamen damals in Massen nach Trebitsch, um Leder und Schuhe zu kaufen, denn Trebitsch hat bedeutet Lederfabriken und an zwanzig Schuhfaibvike-n. Durch diese Verhältnisse ist es leicht «Märlich, daß die Flüchtlinge in den Wchnungen Fejtas und Dvoraceks übernachteten. Flüchtlinge gingen in der Kohn-Mühle ans und ein, und so konnte es niemanden rusfallen, wenn einer nicht mchr herauskam,' mit einem kräftigen Hackenschlag getötet, ausge-raubt, zerstückM und beseitigt wurde. Die Verhandlung dürste sich wohl außerordentlich interessant gestalten, und es wird durch die vielen Zeugen, die ausgeboten-werden, wohl noch etliches aus der Sch-iMiste dieser Mörderbande ans Tageslicht kommen, welche an Brutalität und Entmenschtheit hinter den,/größten" Mördern des letzten Jchres, hinter H a arm a n n und Denke, nicht zurückstchen. 1.4 Billionen für die Arbeitslosen. Das Arbeitslosenproblem bildete gestern den Gegenwand einer sehr ausführlichen Erörterung im Budgetausschuß, wo die Spezialdebatte < über das Budgetkapitel „Soziale Verwaltung" begonnen wurde. An Unterstützungen für durchschnittlich 130.000 Arbeitslose, gegenüber 90.000 im Jahre 1925, ist ein Betrag von 109,3 Millionen Schilling, für Verwaltungsauslagen der Arbeitslosenversicherung ein Betrag von 8,7 Millionen Schilling, zusammen also 118 M i l l i o n e n S ch i l l i n.g, gegenüber 62,8 Millionen im Jahre 1925, präliminiert. Diesen Ausgaben stehen Einnahmen von insgesamt 106.1 Millionen Schilling gegenüber, so daß die Nettobelastung des Bundes aus dem Titel „Arbeitslosenversicherung"^ sich im kommenden Jahre auf 11,9 Millionen Schilling belaufen wird. Wie der Berichterstatter hervorhob, sind derzeit 12 Prozent 'der gegen Arbeitslosigkeit versicherten Arbeiter erwerbslos. Für die Kriegsbeschädigtenfürsorge sind für das Jahr 1926 insgesamt 53.1 Millionen Schilling veranschlagt. Bundesminister Dr. Re sch fügte hinzu, daß man eigentlich nicht mit 130.000 Arbeitslosen, sondern mit m i n d e st e n s 150.000 rechnen müsse. Wenn man nur 150.000 Arbeitslose für 1926 anehme — der Minister hält auch diese Ziffer für viel zu gering —, so komme man zu einem Aufwand an Unterstützungsbeträgen von insgesamt 140 Millionen Schilling oder 1,4 Billionen. Das sei eine so starke Belastung, daß die österreichische Volkswirtschaft sie auf die Dauer kaum nrehr aushalten kann. Der Minister schilderte hieraus die vielfältigen Bemühungen, die Zahl der Arbeitslosen herabzudrücken. Alle Auswanderungsprojekte haben sich als undurchführbar erwiesen. In der allernächsten Zeit werde er die Vertreter der Parteien zn einer Besprechung einladen, um ihnen darzulegen, wie er sich die künftige Reform der Arbeitslosenversicherung vorstelle. - Im Einvernehmen mit dem Bundeskanzler teilte schließlich Dr. R e s ch mit, daß die Regierung sich bereit erklärt habe, die Sozialversicherungsvorlage bis zum 10. November im Nationalrat einzubringen. _ Sie völkische Studentenschaft. Eine Erklärung des Rettors Gruntzl. Der Rektor der Hochschule für Welthandel, Hofrat Gruntzl, hat an die dortige „Deutsche Studentenschaft", einen Verein, der sich als Vertretung der gesamten Hörerschaft aufspielt, nachstehenden Brief gerichtet: „.. . Auf Ihre an das Prosefsorentolleaium gerichtete, aber in die Befugniss.- des Rektorats fallende Eingabe vom 10. d. wird Ihnen mi:geteilt, daß Ihre Vereinigung seinerzeit vom Professorenkottegmm nur als Vertretung der deutsch völkischen Studenten anerkannt ist und als studentische Vereinigung allen Anordnungen des Rektorats nachzukommen hat. Es wird Ihnen hiermit auch für das Studienjahr 1925-26 das Benutzungsrecht für das Lokal Nr. 91 :m vierten Stock erteilt, und zwar präkavistifch gegen jederzcitigen Widerruf und unter der Bedingung, daß von I h r e r S e i t e n i ch t s u n t e rn o m m en wird, was de R u h e stören k ö n n t e. — Hochschule für Welthandel der Rektor Gruntzl m. P." * Ein Unfall auf der Stadtbahn. Gestern abends, nach v'mtöl 7 Uhr, hat sich in der StadtbahnstatiM _ Kettenbrückengasse ein Unfall ereignet. Der oTjährtge Optiker Heinrich K ap eller stürzte, als sich .der Zug-Men Hütteild-ors in Bewegung setzte, wahrischeinlich. vom Trittbrett in den schmaleit Schacht zwischen Bahnsteigrand und Zag. Der verständigte Zugsfühvsr konnte noch rechtzeitig halten. Erst nach schwerer Arlbeit der Feuerwehr und RettungsMUchaft konnte der &cÄ.e Mann,' der keine besonderen Bovletzungen erliitten zu haben schien, hervorgezogen werden.

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