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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-22 · Heft 2394 (22.10.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2394 (22.10.1925)
Date
1925-10-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Heile 3 Wien. Donnerstag der Gesamtheit loszusagen, und ihre wirtschaftlichen Sonderinteressen höher zu stellen. Das bietet dann den Wirtsvölkern neuen Anreiz, ihre Taktik fortzuführen und sie können sich sogar noch aus aktive Unterstützung aus der Minderheit berufen. Die in Gens vertretenen Rechtlosen haben in ihren Reden und Resolutionen keinen Zweifel daran gelassen, daß sie auf dem Boden des Staates stehen, <zu dem sie gehören. Dies ist namentlich von den deutschen und jüdischen Delegierten in unanfechtbarer Weise erklärt worden. Sie find ein konstruktives Clement und wenden sich dagegen, daß die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung sie auszuschalten bestrebt ist. Die Minoritäten fühlen sich materiell und wirtschaftlich mit denr Staat verbunden, in dem sie leben. Sie nehmen Anteil an seinem Wohl und Werden, sie zahlen Steuern und leisten, wo dies gesetzlich normiert ist, auch den Blutzoll. Sie erkennen aber auch, wie die Schädigung ihrer Position das Rechtsgefühl aller Bewohner untergräbt und sie lehrt, daß Recht zu Unrecht tverden kann. Es ist ein sehr hoch ausgefaßtes Gemeinschaftsempsmden, ein Bekenntnis der kulturellen Solidarität, tvenn eine Minderheit die Entnationalisierung und Bagatellisierung nicht drüben will. DeshaL spricht die Genfer Resolution mit Fug und Recht aus, daß die nationalkulturelle Freiheit ebenso ein geistiges Gut ist wie die religiöse Freiheit, und deshalb fordert sie, daß jede nationale Volksgruppe vom Völlerbund die Anerkennung und den Schutz ihres Rechtes verlangen muß, sich nach ihrem freien Willen territorial zu organisieren und ihr Volkstum in eigenen öffentlich-rechtlichen Körperschaften zu Pslegen. Nur unter der Voraussetzung, daß der Völkerbund die Rechte der Mnoritäten entsprechend seiner Aufgabe wahrt, ist ein Frieden in Europa möglich. Griechisch-bulgarischer Greuzttieg. Griechenland besetzt eine bulgarische Stadt. Athen, 21. Oktober. Bei P e l e s wurde von bulgarischen Posten eine griechische Grenzschildwache und ein griechischer Hauptma-nn getötet. Darauf setzte größere Gefechtstätigkeit in diesem Grenzgebiet ein; das Feuergefecht dauerte 'bis in die Überstunden. Infolge dieses Zwischenfalles hat die griechische Regierung an die bulgarische Regierung eine-Note gerichtet, worin dolle Genugtuung für deck' ungerechtfertigten Angriff, Besttasung der Schuldigen und Schadenersatz für die Familien des getöteten griechischen Offiziers sowie der Sonaten gefordert wivd. Die griechischen Truppen haben Len Befehl erhalten, aus bulgarisches Territorium vorzurücken und Petritsch, das Hauptzentrum derKomitadschi (10 Kilometer nördlich der Grenze) ru besetzen. Ein griechisches Ultimatum. Athen, 21. Oktober. (Havas.) Die griechische Regierung hat der bulgarischen Wege« des Grenzzwischeufalles ein Ultimatum übersendet, worin eine Entschädigung von zwei Millionen,französischen Franken nnd die Bestrafung der verantwortlichen Offiziere gefordert wird. .,Aeußevster Widerstand" und Protest beim Völkerbund. Sofia, 2t Oktober. (Tel.-Komp.) Bis heute mittags haben die griechischen Truppen die Grenze nicht überschritten. Die bulgarischen Grenztruppenkontingente haben Befehl erhalten, äußer st enWiderstand zu leisten, falls die Griechen versuchen sollten, Petric zu besetzen. Der Ministerrat.hat beschlossen, unverzüglich einen P r o t e st a n d e n Völkerbund zu richten. Da der Friedensvertrag Bulgarien keine TruppenmoLilisierung gestattet, wird die Regierung gleichzeitig eine« dringenden Appell an die alliierten Regierungen richten, Bulgarien zu gestatten, daß es die notwendigen Streitkräste für den Schutz seiner Gebietsintegrität mobil mache. Demission des griechischen Außenministers. Athen, 21. Oktober (Tel.-Komp.) Der griechische Außenminister R e n t i s hat heute demissioniert. Als Ursache der Demission wird angegeben, daß Rentis mit der durch General Pangalos angeordneten und bereits publizierten Ausschreibung der Neuwahlen in das griechische Parlament für den 7. März kommenden Jahres nicht einverstanden ist. Sie franMchen verloste in Marokko. Paris, 21. Oktober. (Tel.-Komp.) Nach Angaben des Ministerpräsidenten Painleve vor der Finanzkommission der Kammer betrugen die französischen V erl u ste in Marokko vom 16. April bis zum Oktober dieses Jahres 2178 Tote, darunter 39 ftanzösische Offi- . ziere und 523 französische Soldaten. Die Zahl der Verwund e t e n beträgt 8297. _Wiener Wortzenzeitimg_ Sie Kiimvse in Damaskus. London, 21. Oktober. „Times" melden aus Haifa: Am Sonntag nachmittags war der größte Teil von Damaskus in Len Händen der Aufständischen, loahreud die f r a uz ö s i s che Garnison von eltva 2000 Mann noch die Hauptgebäude im Zentrum besetzt hielt nnd die Stadt von der Höhe aus vollständig beherrschte und b o nt* barbierte. Alle Verbindungen waren teilweise unterbrochen. Nach den letzte,t Nachrichten aus Damaskus haben die Drusen, die heimlich in die Vorstadt von Damaskus cingedrungen wäre,:, die Sicherheitsmaßnahmen durchbrochen und m e h r e r e H ä u s e r i u Brand gesteckt. Obwohl es mit Hilfe von Tanks schließlich gelang, die Aufständischen aus den besetzten Stadtteilen zu vertreiben, wird die Lage in Damaskus noch immer als kritisch bezeichnet. Das französische Oberkommando in Syrien hat telegraphisch be>im Kriegsministerium um Entsendung von 15.0 0 0 Mann Verstärkungen angesucht. _ Set Mlliiarisumr der {Bereinigten Staaten. Bor der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. London, 21. Oktober. „Morning Post" berichtet aus W a s h i u g i o u, dem Kongreß werde in der kommenden Session ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, wonach in Kriegs Zeiten automatisch die gesamte männliche Bevölke r ung desLandesmobi-lisiert würde. Nach dem Entwurf sollen ä i 1 e M ä n n e r z w is ch e n 18 und 18 Jahren ausgesordert werden, sich in entsprechende Liste n äinzuschreiben'. Von diesen Männern würden alle zwischen 18 und 30 Jahren zur M nst erung herangezogen werden. Ausnahmen s-olben nicht bewilligt -werden. Männer, die aus G e w iss e n s k o n f l i k t e n oder infolge kö rpert i che r Mängel zum Kantpfe nicht geeignet seien, würden in der I n d u st r i e und L a n d- Wirtschaft verwendet werden. voMMkische Provaganda in England. Neuerliche Verhaftungen russischer Kommunisten. Paris, 21. Oktober. (Havas.) Die Blätter melden aus Glasgow: Die Polizei -hat neuerlich sechs russische Kommunisten verhaftet, die in Begleitung ihrer Frauen auf dem Clyde Kais eifrig Propagartda 'betrieben. Zahlreiche Flugschriften wurden beschlagnahmt. Die polizeilichen Nachforschungen werden fortgesetzt. Die rnsfilchen Monarchisten. KürMch tagte in Paris ein Kongreß der russischen M o >n a r ch i st e n, auf dem sich die anwesenden 130 Delegierten mit der Festlegung der Grundlinien für die zukünftige russische Staatsverfasfung beschäftigten. Als di« in dieser Hinsicht gefaßte Resolution zur Abstimmung gelangen sollte, beantragte ein Delegierter, sie durch den Punkt zu ergänzen, daß alle Nationalitäten nnd Konfessionen Gleichberechtigung in Rußland 'haben. Dies wurde mit 129 Stimmen gegen die Stimme des Antragstellers ab gelehnt. Wie die letzte Nummer des ,-Minders JsraMe" mitteilt, sind die russischen Monarchisten in Paris im Begriffe, eine Liga zur Bekämpfung der Juden zu gründen. Nach unseren Informationen hat auch eine Abordnnng der russischen Gegemevölutionäre, bestehend aus gewesenen Offizieren, an dem Antisemitenkongreß in Budapest teilgenommen. Die Losung der Mandatskommisston. Genf, 20. Oktober. (Schweiz. DeP.->Ag.) Die Mandatskommission des Völkerbundes hat den Bericht der neuseeländischen Regierung über die Verwaltung -der Insel Sa >moa geprüft.. Der ' Oberkommissär von Neuseeland in London, A l l e n, jvies darauf hin, daß trotz der gegenwärtig benötigten starken Kontingente chinesischer Hilfskräfte die einheimische Bevölkerung in wenigen Jahren imstande sein -Iverde, die chinesischen Hilfskräfte zu entbehren, und daß sie selber die notwendigen Av'beiter werde liefern können. Die Kommission verlangte -dann ergänzende I nf o r m a t i o n e n über Arbeitsbedingungen, öffentliche Hygiene,. Gewissensfreiheit, Unterrichtswesen nnd die Wirtschaftslage. Morgen wird sich die Komnt-ission mit den, Bericht über B r i t i s ch - K a m e r u n befassen. Letzte Kurse. New-Bork, 21. Oktober. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kabel 4.84Ä/s, London Scheck 4.808/*, Amsterdam . 44.20, Paris 4.42, Brüssel 4.57. Nom 3.98, Madrid 14.24, Zürich 19.77, Stockholm 2677. Oslo 20.25 Kopenhagen 24.52, Wien 14'/u Budapest 14'/*, Prag 296»/». Belgrad 178'/,, Athen 1.33V«' Buenos Aires 41V« Rio de Janeiro 15.10, Bukarest 48'/* Neiv-Borü, 21 Oktober, (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 163V, Weizen Hort Winter 165'/» Mais 96»/* Hafer 45V* Roggen 87»/,. Ehikagv, 21. Oktober. -'Tel.-Koinv.) Wetzen per Dezember 14t'/-. Mat 142»/s. Juli 124'/«: Mais per Dezember 74',«. Mai .78'/,. Juli Haler per Dezember 39V« Mai 42» Jul — Roocen ver Dezember 80»/, Mai 85'/* Juli r - . 32. Oktober IMS «ll. SW . ■ - .r ..unitt . Ja“ ' Oesterreich und Ungarn verlangen Mt Mi« Vision des Bölkeribundstatuts. London, 21. Oktober. (Tel.-Komp.) Wie der diplomatische Korrespondent des ,/Daily Tellegraph" aus Bölkerbundkreiscn erfährt, sollen Oesterreich und Ungarn, in erster Linie aber Oesterreich, unter Hinweis daraus, daß sie beveits Mitglieder des Völkerbundes sind und sich hinsichtlich ihrer E n t w a f f n u n # in der gleichen Lage befinden wie Deutschland, beim Völkerbund hiöselbe B e h a n d l u n g bezüglich des Paragraphen 10 des Völkerbmidsstatuts verlangt haben, tvie, sie für das Deutsche Reich auf Grund der Mmachungouvon Locarno in Aussicht gestellt wurde. * Hiezu erfährt die Telegraphen-Kompanie von maßgebender Politischer Seite: Bekanntlich ha-beit die deutschen Delegierten in L ocarno mit Erfolg geltend gemacht, daß die besonderen Verhältnisse Deutschlands, insbesondere seine Entwaffnung, es ihm unmöglich niachen würden, dem Artikel 16.-des Völkerbundpaktes gegebenenfalls in demselben Anßmaßc gerecht zu werden wie andere Nationen, die sich in bezug auf den Stand ihrer Rüstungen und ihre geographische Lage in einer günstigeren Situation als Deutschland besinden. Die in Locarno vertretenen Mächte, die ja zugleich in Genf über den maßgebenden Einfluß verfügen, haben diesem deutschen Wunsche Rechnung getragen und erklärt, daß sie den Völkerbund, der allein 'berechtigt ist, eine Interpretation des Paktes vorzunehiiien, veranlassen würden, die deutschen Bedenken bezüglich des Artikels 16 zu berücksichtigen. Es steht also in Aussicht, daß der Völkerbund eine nicht bloß für Deutschland, sondern allgemein gültige authentische Interpretation des genannten Artikels formulieren wird. Diese Interpretation -wird selbstverständlich a u ch für Oesterreich Geltung haben, da auch für Oesterreich die besondere geographische Lago, die Abvüstung und spe-. ziell die wirtschaftlichen Lebensbedingungen des Landes 'bezüglich der Anwendbarkeit .des Artikels 16 in Betracht kommen. Uebrigons ist Oesterreich -schon lange vor Locarno mit maßgebenden Faktoren des BöKerbundes in Fühlung getreten -und hat diese Auffaflung bezüglich des Artikels 16 für Oesterreich geltend gemacht. Es ist «Mnehmen, daß die österreichische Auffaflung damals, als triftig anerkannt wurde, da niemals eine entgegengesetzte Auffaflung Oesterreich gegenüber vertraten wurde. Insbesondere Ist diese österreichische Auffaflung in dem erwähnten Sinne i m Ja h r e 1922 vertreten worden. Der Erfolg der deutschen Delegation in Locarno in diessM Punkte ist Wohl geeignet, den österreichischen Standpunkt in der Frage -der Anwendung des Artikels 16 auf die eutwaffneten Staaten neuerlich zu bekräftigen. * Bezüglich Ungarns ist der Sachverhalt ein gam anderer. Ungarn hat nicht abgerüsbet, sondern beisitzt eine für seine Verhältnisse 'überstarke Armee und übt tatsächlich die allgemeine Wehrpflicht aus. Seine Politik ist von der Offenstvtendenz 'beherrscht, den Frieden von Trianon mit den Waffen zu revidieren, und deshalb können seine fe rainerstaaten auf keine Vorsichtsmaßregel verzichten. -er französisch-polnische Bündnisvertrag. Skrzynski Mer Locarno. Warschau, 21. Oktober. (Dschech. P.-B.) Außen>lnin> ster Skrzynski erstattete heute in einer Sitzung des Außenausschufles des Sejm einen ausführlichen Bericht über die Resultate der Konferenz von Locarno. Der Minister erklärte einleitend, daß für das Gesamtresultat der Locarnokönferenz das Schlußprotokoll kennzeichnend sei, das auch von der polnischen Delegation unterfertigt wurde. Dann besprach er die einzelnen in Locarno abgeschlossenen Abmachungen und ihre Bedeutung für Polen. In bezug auf den Rheinpakt bestand für Men nur die Frage, ob der ewige Friede am Rhein zwffchen Frankreich und dem übrigen Europa eine eiserne Barriere schaffen wird und ob Frankreich nach der Untersertigung dieses Friedens mit Deutschland das Recht haben wird, Polen gegebenenfalls Hilfe zu leisten. Der Minister konstatierte, daß diese Frage im Rheinpakt entschieden wird, und zwar durch die Aufnahme des Artikels 16 der Volkerbundsatzungen in diesen Pakt. Auf Grund dieses Artikels hat Frankreich das Recht, für den Fall, daß P o l e n von irgend einer Macht ang.egriffen werden sollte, aus eigenem Jrnpuls nnd auf Grund der eigenen Beurteilung der Lage Polen als seinem Verbündeten zu Hilfe zu eilen. Der Rheinpakt ermögliche ferner die Anmeldung desffranzösisch-polnlschen Bünisvertrage s beim B ö l k e r b u n d. Der Bündnisvertrag, der übrigens bei der Konferenz in Locarno zur allgemeine nK e n n t n ii s, genommen wurde.. ist derart, formuliert, daß allen Staaten zur Kenntnis gebracht wird, daß im Falle eines Angriffes gegen Polen Frankreich verpflichtet ist, Polen mit Hilfe und Unt e r st ü tz u n g (avee aide et aflfftence) zur Seite zu stehen. 0812668^2644

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