Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2393 (21.10.1925)
- Date
- 1925-10-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 2393 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung U. OLöber 1626 Seite 3 arbeitenden Elemente" im Frieden, durch bestimmte Abgaben die Wehrpflicht ablösen (ein Sondergesetz ' hierüber ist in Ausarbeitung)/ im Kriege dagegen im Rücken'der Armee verwendet werden. Von größter Bedeutung aber ist die Bestimmung über das Einjährigfreiwillige Dienstrecht der Absolventen von Mittelschulen. Die Sowjetunion hat mit dieser Verordnung den ersten Schritt zur Wiedergewin- Arng der Jntelleltuellen getan. An Interview mit Wilhelm II. Ucber Locarno. London, 20. Oktober. Der „Dbserv-er" veröffenGchte am Sonntag ein Interview des HMonrnalisien Wichvlurs des Zweiten, des - deubsch-amwikan'ilscheii Dichter "Schriftstellers Georg Silvester Viereck, dessen BerichinUheit im übrigen darin besteht, daß er bei jeder Gelegenheit in Erinnerung bringt, der Sohn eines u n e h e l i ch e u Sohnes Kaiser Wilhelms des Ersten zu sein. Die engLische Zeitung versieht das von ihr gebrachte Interview nm einem Kommentar, in dem es heißt, es sei ein merkwürdiges Gemisch von Sinn und Unsinn, ein SeMstportrait des Verfassers, das durch die Schürfe der SMstkarikatur an Wahchcit noch gewinne. In diesem Interview erinnert Wilhelm der Zweite an sein bekanntes, mit Hilfe von Proifessor Knacksuß ausgeführte Bild über die „Gelbe Gefahr" (ein Exemplar dieses Bildes hat er der Zeitung für das Interview gleich zur Verfügung gestellt) und gibt den Staatsmännern Europas, die in Locarno versammelt mit^ Ratschläge, wie man fick) gegen die Gefahr aus dem Osten, die durch die Verbindung Moskau Z m i i China und Japan im Entistchen begriffen sei, verteidigen müsse. Ohne Deutschlands Hilfe aber könne sich Europa der „asiatischen Horden" nicht erwehren. Zwar sei das deutsche Volk nach den neuesten Forschungen von Gelehrten nicht länger mehr als ein westeuropäisches Volk anzusprechen, sondern seiner Natur nach ein östliches, aber, so meint Wilhelm der Zweite, für einen Preis würde sich dieses Volk auch bereit sindeu, in die westliche Fron: gegen den blutsverwandteren Osten cinzutreten. England und Frankreich können ans Deutschlands Hilfe rechnen, wenn sie damit einverstanden wären, daß Deutschland wieder ein großes Heer «Miellen dürfe, das der Vertrag von Versailles vernichtet hat. und a l l e R e p a r a t i o n s- ^vrderungen an Deutschland gelöscht würden. Mmpse in Damaskus. Beirut, 20. Oktober. (Havas.) Pöbel und drufische Banden drangen in die südlichen Vorstädte von Damaskus ein, errichteten in den muselmanischen Stadtvierteln Barrikaden, zündeten einige Magazine und Häuser an und schossen auf öffentliche und militärische Gebäude. Artillerie beschoß als Vergeltungsmaßnahme die luifständi'chen Stadtvierteln, deren einflußreichste Notabeln sich unterwarfen. Die französischen Verluste sind leicht. Der Aufstand in den Vorstädten , von Damaskus ist damit beendet. Die Notabeln haben sich bereit erklärt, eine bedeutende Geldbuße gu zahlen und mehrere tausend Gewehre auszuliefern. : 28l.Kuns!auKt!on von Uta, Wien Jll. - -.—. Lothringcrstra^e 14 ■ — , HEUTE MITTWOCH ■ den 21. Oktober und die darau folgenden Tage, ab 3 Uhr nachmittags * j VERSTEIGERUNG ■ der Sammlung Elisabeth (Baronin) Exterde f Wien und Privatb si z Gemälde, Aquarelle, Miniaturen. Silber, Schmuck, Bronzen, Teppiche usw. ' bow e ei e > Viennensia-Samm’ung aus dem Nach ass e.nes bekannten Wiener Sammlers Katalog» und Auskünfte durch die Kunsthandlung C. J. WAwRA, Ul., Lothringer strafe 14 / Teephon 96-5-56 Set Kongreß der Raubvögel. Der liebe Tibor und Gömbös. Der BLrgerrieg in China. Peking, 20. Oktober. (Reuter.) Die Truppen des Generals Jangynting haben sich infolge der Besetzung Schanghais durch den Gouverneur'von Tschekiang, nach Su tschau zurückgezogen. Die K i a n g s u - T r u p- Pen haben die Truppen von Mukden, die gestern den Dangtsekiang überschritten hatten, entwaffnet und auf das andere Ufer des Flusses zurückgedrängt. Die Truppen Tschangtsolins haben, da sie überrumpelt worden waren, nur schwachen Widerstand geleistet. Mat Donald wieder in Me«. Budapest, 20. Oktober. Der ehemalige englische Premierminister Mac Donald ist. heute mittags nach Wien abgereist. Im Bahnhof hatten sich der englische Gesandte sowie eine Abordnung der sozialdemokratischen Parlarnentsstaktion eingefunden. Vor seiner Abreise ' nach Wien äußerte sich Mac Donald einem Vertreter des „Pester Lloyd" gegenüber, das Grundübel der heutigen europäischen Lage liege in den Mindcrheitsfragen. Erst wenn diese in einer me n schl ich en, w ürdig en und das Weltgewissen beruhigenden Weise gelost seien, werde von einem wahren Frieden in Europa gesprochen werden können. Budapest, 20. Oktober. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung kam es mittags zn großen Skandalszenen. Abgeordneter E ck h a r d t (Rassenschützler, bekannt alls der „liebe Tibor") ergriff vor der Tagesordnung das Wort, um die Presseangrifst zurüchnweifen, die gegen ihn im Zusammenhang mit denr in Budapest äbgehaltenen geheimen Antibol-schewikn- und Antisemit e n k o n g r e ß gerichtet worden seien. Unter großer Unruhe der Linken betont Abg. Eckhardt, daß keinerlei Organisation geschaffen werden sei, die eine Einmieugung in die Angelegenheiten eines anderen Landes ermöglichen würde. (Großer Lärm.) Abg. Vinzenz Nagy (lintsradikal) ruft der Gruppe der Rassenschützler zu: Sie haben mit C u za verhandelt, der die Ungarn unterdrückt, auch die christlichen Ungarn! Abg. Gömbös antwortet auf die Zwischenruse des Abgeordneten Fabian: „Gehen Sie n ach P a l ä st i n a, hier «st kein Platz für Sie!" Abg. Fabian: „Ich halbe hier ebenso viel Recht als Sie!" Abg. Eckhardt (fortsahrend): Mährend des Krieges hat die deutsche Heeresleitung Bolschewiken in plombierten Waggons nach Rußland geschafft. Um derartige Dinge in Zukunft zu vermeiden, haben wir hier einen Kongreß abgehalten, uni die Nationalisten' Europas zu einer internationalen Aktion gegen den Bolschewismus und gegen die Weltmachtbestrebungen des internationalen Judentums zufammenzufassen! Abg. P i ck l e r (Sozialist): „Ludendovff, Ihr heutiger Genosse, l)at dies getan!" In diesem Augenblick betritt Abg. Budah den Saal und ruft: Die christlichen Ungarn werden nicht unterdrückt! (Die ganze Linke springt von den Sitzen auf und ruft Bnday zu: Vaterlandsverräter!) Budah will in dem großen Lärm feine Worte berichtigen und. erklärt, erhebe nicht gewußt, daß von Cnza die Rede fei, und er habe keineswegs von den Rumänen behauptet, daß sie die christlichen Ungarn nicht unterdrücken. ■ % In dem herrschenden Lärm sieht sich der Präsident genötigt, die Sitzung zu suspendieren. Die Abgeordneten strömen in die Mitte des Saales und Abg. Göm bös ruft: Hört doch Eckhardt an! A'bg. Fabian: Wir waren an der Front, Eckhardt war nicht draußen. Da Gömbös auf ihn Zutritt, ruft ihm Fabian zu: Wir hören Leute nicht an, die sich in der Zsilinszkh- Affäre Mütterlich 'benommen haben! Gömbös stürzt sich auf den Abg. Fabian, faßt ihn bei den Ohren und ruft: Was, du willst nicht hören, du kleines Männlein? Den übrigen Abgeordneten gelingt e's nur mit Mühe, Gömbös und Fabian voneinander zu trennen. Zu Beginn der Sitzung hatte sich der gewesene eng lifche Premierminister Ma c D on a ld im Parlament eingesunden. Er entfernte sich jedoch, als die Stuvmszenen 'begannen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung erklärte Eckhardt, er fei im Interesse der ungarischen Nation vorgegangm, indem er sie von den bolfchewikifchen und den jüdischen Weltherrschaftsbestrebnngen zu befreien, 'trachtete. Wenn die Juden in Wien am Geburtstag Franz Josefs einen zionistischen Kongreß alb'halten durften, an dem außer den Delegierten aus Angarn auch solche ans Rumänien genommen haben, so haben die Christen auch das Rechts in ihrem Abwehrkampf gegen den Bolschewismus lind die jüdischen u.m st ü r z l e r i s ch e n P l ä n e 'das Wort, um die Beschuldigungen des Abgeordneten Tibx Eckhardt/zurückzuweisen, der den Grafen' Michael Kar-ölhi einen Verräter genannt hatte. Abgeordneter E ckhardt, der mit Professor Cu za, dem Erzfeind Ungarns, I i verhandle, sei am aller w enig st e n berechtig t, |; solche Ppvwürse gegen Michael Karolyi zu erheben. Ale antisemitische Cinheitssront. Dankl gegen Schager. Das „Neue Wiener Journal" teilt einen Brief des Mvuarchiftenf'ührers Schager mit, in welchem dieser seinen Uebertvitt zum R a f s e n a n t i f e m i t i s m n s bestätigt. In dem monarchistischen Oesterreich, das er sich als Teil eines monarchistischen Deutschlands 'vorstellt, müßten die Inden aus alle Rechte verzichten, dem Heer serMeibkn und die Hochschulen. nur im Prozentverhältnis besuchen. Das hat Schagerwahrscheinlich bei dem Raubvögelkongreß in Budapest gehört. Er ist übrigens auch ein Opportunitätsmeier. Er sammelt die monarchistischen Antisemiten; er hat aber nichts dagegen einzuiiMnden, daß die „liiberaleren" (das sollen die Juden sein) unter einer anderen Fahne zusammensinden. Geht's nicht auif die eine Weife., so geht's vielleicht auf die andere. Die Juden ' müssen immer hechalten, entweder als PrügKnaben od^- als Kanonenfutter. Schagers Austreten hat aber bei seinen Gesiunwngsgenossen geteilte Anschauung gefunden. Im Reichsbund der Oesterreicher, der vorgestern in Wien sine Tagung abhielt, gab Generalctblevft Dankl die folgende Erklärung ab, in der unter „konservative Volkspartei" die Gruppe ddr Schager und Teufel zu verstehen ist: Der Reichsbn nd der Oesterreicher ist^ Leine Politische Partei, kein pMischer Verein, macht keine Putsche und organisiert keine Revoliutionen. Er kann aber 'heute an gewissen V o r! o m m n i s s e n der letzten Zeit nicht schweigend vornbergehen; wer schweigt, scheint zuzustimmen, und das wollen und können wir nicht. Die konservative VoWpartei^ hat sich zu Beginn ihrer Wirksamkeit um die Verbreitung und Vertiefung der österreichischen Idee große, Viendienste erworben; wir sind auch vollkommen überzeugt^ daß der größte Dell ihrer Mitglieder noch voll und ganz aus dem Boden ihres ursprünglichen Programmes steht, aber die Leitung dieser Partei scheint sich nach verschiedenen öffenÄichen Nachrichten, in jüngster Zeit auf, Bahnen zu 'begeben, die nicht dLe unseren sind. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch bemerken, daß es keinen Beauftragten oder Bevollmächtigten der Kaiserin gibt, denn die Kaiserin besaßt sich grundsätzlich nicht mit Politik und weist alle PMiker und Interviewer rücksichtslos ab. Die Aufgabe . des Reiichsbundes der Oesterreicher ist es, die von den Vätern ererbten Grundsätze, unsere alte glorreiche österreichische Geschichte, unsere, großen österreichischen Traditionen zu wahren, zu pflegen und weiter zu verpslanze-n- Teilweise Abschnffnng anWdischer Beschriiarungen in Litauen. Kowno, 19. Oktöber. (I. T. A.) Der Direktor des Burgerschutzdepartements, Herr Iacobas, erklärte dem Selkretär des jüdischen Scfmklubs, Herrn Makowsky, gegiönMer folgendes: ■ Das Gesetz, welches vouschretbt, daß Geschäftss cht lide r in, nichtlitauischer Sprache verboten sind, ist bereits außer /Kraft. Schilder mit jüdische n A u fschriften sind gestattet. Der Kownoer jüdis ch e n G e m eist d e wurde das R e ch t, z w a n g swei s e Ge me ind est cue r n einz u hebe n, wieder zuerkannt. Die- Polizei wurde angewiesen, der jüdischen Gemeinde bet der Eintvetbung der Stenern Beilsiand zu leisten. Polizei «ad öffentliche Sittlichkeit. Eine Debatte im Budgetausschnß. Im Bu'dgetansschuß wurde gestern das ,/I n n e r e s" des Bomnschlages für 1926 a n g c n o mmen. In der Debatte beschwerte sich Abg. Leuthner wie alle Jahre über die Praxis der Wiener Sittenpolizei. Nichts sei bezeichnender für die gesetzlose und gesetzwidrigr Haltung der Polizei hinsichtlich der Razzien'And der Vevfo^nng der sogenannten unsittlichen Literat u r, als daß die Herren selbst erklärt haben, es fehle ihnen an einem Gesttz, das ihnen gestatten würde, Maßnahmen gegen die AuZbreitung der Geschlechtskrankheiten zu tresfen. Die Polizei hat sich sozusagen eine gewisse Reichsunmittelbarkeit geschaffen, sie kümmert sich um kein Gesetz und bestimmt den Ämikreis ihrer Tätigkeiti von selitst. Mir können nicht mehr tanzen", sagte er, „ohne daß die Polizei zusieht, sie läuft uns in die Kaisseehänsier nach, sie schreibt von jedem von uns Biographien. Alle diese kleinlichen Maßregeln, für die jede gesetzliche GvuMage Mt, müssen an die Wurzel einer Großstadt greifen." Mg. Dr. Eisler stellte ein verschiedenes Verhalten der Sicherheitsbehörden bei Attentatcu st. Das durchaus verabschenungswnrdige Attentat auf Dr. Seipel hatte zur Folge, daß eine ganze Reihe von Müschen wegen dummer und nnüberlegter Aenßerungen von ihren Sicherheitsbehörden a n g e z e i g t und von den Staatsanwaltschaften angeklagt wurden. Die Gutheißung der Ermordung Bettauers vrgrisf der republikanische Abgeordnete Vinzenz vorzugehen.. Redner protestiert gegen die Behauptung., als I sei aber zu eiiwr Art Beruf gemacht worden. Eine ganze ob er mit Cu za eine Mmackinng'getwisen hätte. I Bewegung habe'sich damit politisch beschäftigt und die Bei der Festsetzung der Tagesordnung für morgen I rhetorischen Aenßerungen, in denen diese Gutheißung Nagy I knndgegoben wurde, übersteigen alles, was man in eimun Kulturland, in dem der Mord noch strafbar ist, von solcher Art je gehört hat. Rechtsnygleichheit darf es nicht geben. Die Gutheißung des Mordes ist in Oesterreich verboten^ Wenn sie in dem einen Falle verfolgt wird, muß man es in dem anderen Falle gleichhalten. Bundeskanzler Dr. Ramek suchte die Kompetenz der Polizei für die Razzien unter anderem aus dem Vagabundenge setz zu begründen. Auch bilde die wissentliche Verbreitung von GeMechtskrankhe.iteu einen gerichtlich strafbaren Tatbestand. Indem.die Polizeibehörde solche Personen der Spitalspflege zusührt, erfülle sie eine wichtige Aufgabe aus dem Gebiet der öffentlichen Wohlfahrt. Von den durch die zuständige Polizeiabteilung in Wien Heuer bis 1, Oktober ausgegriffenen 1357 Personen waren New-Bo^k, 20. Oktober (Tel.-Komp., Berlin 23.80, London Kobel 4.84*/4, London Scheck 4.803/„, Amsterdam 40.20, Paris 4.43, Brüssel 4.56'/2. Rom 4.021/a, Madrid 14.35, Mich 19.28. Slockholm 26 78. Oslo 20 63 Kopenhagen 25.13 Wien 14. Budapest 141/4 Prag 296V4, Belgrad 1783/4, Men 1.31V, Buenos Aire? 41V,8 Nw de Janeiro 15.—. Bukarest 48 New-Vorll, 20 Oktober tTet.-Komv.) Wetzen rot Wintei 165'/» Weizen pari Winter 166‘/S B/ais 96V» Hafer 45V, Aogüen 87V, Chikagv. 20. Oktober. «Tet.-Komv.) Wetzen per Dezember 146V», '"l'at 142a/4 Juli 125, Mais ver Deiember 74V» Mm 79V». Juli 80V»; Hafer ver Dezember 39'/, Mai 48b. .Juti —; Roggen per Dezember 81.—, Mai 86'/, Juli —.—.