Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2391 (19.10.1925)
- Date
- 1925-10-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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I fr*_Stett, Montag _ Wiener MorgenzeUung _ Sie Probleme der zionistischen Bewegung. Ae jüdische Bodemesom Von Max Kiive. Die Diskussion über palästinensische agrarpolitische Fragen, insbesondere die der Bodmbesttzevgreifung, Verteilung und Hintanhaltung der Bodenspekulation, beschäftigt in jüngster Zeit das öfftntliche Interesse aller am wirtschaftlichen Wiederaufbau unseres Landes Beteiligten. Diese Zentralprobleme der Bodenreform dürfen jedoch nicht mit der durch die russische Revolution verursachten Umwälzung der Agrargesetzgebung Ost- und Mitteleuropas ltttfc den unter dem Namen Bodenreform" schlechtweg durchgeführten bodenpolitrschen Neuerungen identifiziert werden. Denn diese nationlen staatlichen Agrarreformen. die nach Zerschlagen des Großgrundbesitzes und Anstellung desselben in kleine Bauernbetriebe entstanden, gipfelten letzten Endes darin, durch die Minderung des Bodenbesitzes der Minderheiten den Besitz- Md Machtstand der Konnvtwnalen — gegen ein geringftigiges Entgelt — zu verorößern und zu stärken und. bergen in sich nur wenige bodenresormerische Ziele. Mit Stotz bezeichnet das Bodenreformschrifttum als erste Bodenreformgesetzgebung die des Moses, dessen volkswirtschaftliches Ziel auf der Forderung nach einem sorgenfreien Subsrstenzminimum fußte. Die Austastung der Unveräußerlichkeit des Bodenbesitzes machte den Bodenbebauer nur zum Nutznießer und Verwalter seiner Arbeitsstätte und hob dadurch die Bedeutung des Volkszusammengehörigkeitsgefühles. Aus daß nicht durch den Leichtsinn einiger weniger die Nachkommenschaft in Mitleidenschaft gezogen werde, bestimmte das Institut des Jubeljahres (Halljahres) — dem das österreichische moderne Wiederbesiedlungsgesetz nachgebivdet zu fein scheint —, daß veräußerter Boden nach 50 Jahren dem früheren Eigentümer anheimsallen müsse und nahm so dem Boden den Warencharakter. Auch eine genaue Regelung des Bodenverkaufspreises, d. h. in diesem Sinne, da ein Rücksallsrecht bestand, Pachtpreises, ward vorgesehen, der jedem Bodenwucher wirksam einen Riegel vorschob. Um der Bodenzersplitterung im Erbteilungswege entgegenzuarbeiten, finden wir schon hier einen Vorläufer des Anerbenrechtes, wonach bei Erbteilung unter Mehreren Söhnen dem ältesten dieser zwei Bodenteile mit der Verpflichtung zugesprochen wurden, für die alte Mutter Sorge zu tragen; doch mußten auch die anderen Miterben fiir die Bereitstellung der Heiratsausstattung ihrer Schwestern beitragen. Sozialpolitisch von Bedeutung sind die bekannten Bestimmungen, die den Armen die Ecken der Felder und die Nachlese der Weinukd Olivettgarten unentgeltlich überließen, ferner die Vorschrift, ein Zehntel des Vermögens den Armen des Volles zu spenden, und auch sonstige agrarische Forderungen sprechen beredt für die Verantwortlichkeit dieser einzig dastehenden gesetzgeberischen Schöpfung. * Auch andere bedeutende Völler hatten ihre Bodenresormer, die an unsere alten Bodengesetze anknüpften, m diesen jedoch, sie ausbauend, auch eine Steuerreform sahen, um ihre Staatsausgabeu zu decken. ' Biese dieser Bodenreformstrvmungen fanden in den neuen Agrarreformen Eingang, die den besitzlosen und. bodenhungrigen Bauern zu einer eigenen Ädscholle Verhalten und mit dem nötigen toten und lebenden Inventar zu verteilen sich bemühten. Während jedoch bei anderen Böllern die Landflucht mit all ihren für die Bollswirtschaft unliebsamen Begleiterscheinungen einsetzte, gab die zionistische Bodenpolitik unserem Volle die zur ationglen und sozialen Rettung erforderliche Losung der Bodenständiglkeit: zurückzukchren zur Scholle in ihr Land und mit ihm wieder zu wurzeln. Wenden wir uns nun, nach diesem kleinen bodenreformerischen Rückblick, unserer gegenwärtigen Bodenpolitik zu. Nach Umgehung der bekannten Oppenheimers ch e n Produktivgenoffenschaften ' und der Produzentengenostenschcrsten Soskins, dessen beachtenswerter Kolonisationsvorschlag in der Arbeitsintensität der Bodenbebauung auf Grundlage der Bewässerung und der von ihm vorgeschlagenen Vergenossenschaftung der Kleinsiedler gipfelt; ferner nach Umgehung des jüngsten besorgniserregenden Hinweises B ö h m s aus das wachsende Mißverhältnis zwischen städtischer und landwirtschaftlicher Siedlung und auf die auch in der allgemeinen Bodenpolitik umstrittene Frage der erhöhten Ergiebigkeit der Einzel- oder Gemeinschaftssiedlung, der Streitfrage hie Mofchaw Owd:m — hie Genostenfchaftskwuzah, kommen wir zum Endresultat, daß das Primäre und Essentielle unserer Bodenpolitik in der vermehrten Bereitstellung des Bodens selbst liegen muß. Deshalb erscheint von den in letzter Zeit vertretenen bodenpolitischen Forderungen die der zionistischen R e v i s i o n i st e n sowohl agrarals auch nationalpolitisch von größter Bedeutung. -i! Die revisionistische Bodenpolitik sieht klar, daß die Geulaih-Haarez durch philanthropische Kolonisation und „Shnagogalsammlungen" in absehbarer Zeit nicht durchgeführt werden kann und fordert staatliche Förderung der landwirtschaftlichen Ansiedlung der Juden, wie es auch Art. 6 des Palästinamandates festlegt. durch die Mandatarmacht. Sie fordert für die nationale Heimstätte ^das agrarische Heimstättenrecht: die Jnnenkolonisation. *) Doch soll sich diese Jnnenkolonisation nicht auf zu enteignenden bebauten Privatgvundbe-sitz erstrecken, nicht Bauern in ihrem Eigentum beeinträchtigen, sondern Oedländereien, also unkultivierten staatlichen Bodenbesitz — Freiland —, der Kultur zugänglich machen und bodenheischenden Kolonisten als unveräußerliches BMeigentum übergeben. Ferner müsse die Regierung daran gehen, den fast 17 Millionen Dunam betragenden brachliegenden Bodenbesitz gegen angemessene Entschädigung der derzeitigen Eigentümer der landwirtschaftlir^n Kolonisation zu erschließen, um das dein Lande schädliche mittelalterliche Feudalsystem zu beseitigen. Die Eintragung aller Oedüindereien Palästinas mit Einschluß T r a n s j o r d a n i« n S — als künftiges Reserveland — in den Kolonisationsfonds (die Schaffung eines solchen Fonds im Rahmen des Keren Hajessod wurde von den letzten Kongressen beschlossen) und ihre Austeilung' unter bodenhungrige Siedler, Juden und Araber, würde nicht nur Konflikte mit den Fellachen, wie sie in Asule vorge- ■ kommen, aus der Welt schaffen, sondern wäre auch — unserer Ansicht nach — mit eine Ursache zur Herstellung einer sozialen Interessengemeinschaft der landarbeitenden Bevölkerung unseres Landes. Allen europäischen Agrarreformen ist die Art der Kriegerheimstätten eigen, welche die ans dem Kriege heimkehrenden Soldaten mit Boden betraute und ihre Anstedlung durch Kreditgewährung zu erleichtern suchte. Aber hier müßte die englische Regierung ihr Versprechen einlösen und den ehemaligen Angehörigen der jüdischen Legion Bodenlose als Heimstätten zuweisen, um dadurch den bewährten jüdischen Wehrstand zur Sicherheit für Eigentum und Leben der Siedler, an die Scholle zu fesseln. Wenn wir bedenken, daß auch nach den alttürkischen Gesetzen unbebauter Boden der Besiedlung durch jedermann frei stand, und darauf Hinweisen, welch große Dunamsläche solchen verwahrlosten Ansiedlungsbodens im Mandatsgebiet der Besiedlung harrt, so müssen uns diese, dem Standpunkte des laisser faire — laisser Passer nicht huldigenden Forderungen als unbedingt richtig erscheinen. Forderungen, deren Erfüllung unser Budget nicht nur entlasten, sondern dazu führen könnte, den Aufbau zu beschleunigen und das dem Aufkäufe zu widmende Kapital anderen wirtschaftlich notwendigen Zwecken zufließen zu lassen. Der Weg, der zur Erreichung dieses Zieles führt, muß der. einer . bodenreformerischen Parteienbeeinflussung seist. In den aglikanischen Ländern, wo Henry George durch sein epochemachendes Werk Fortschritt und Armut" die Beseitigung letzterer nur in der Uebersührung des Bodens ms Gemeineigentum des Volles steht,, der Bodenreform den Weg gebahnt hat, verschließt sich heute fast keine der politischen Parteien den Ideen dieser gewaltigen Reformbewegung. In Großbritannien selbst scheint der bekannte liberale Politiker und alte Bodenreosrmer L l o y d G e o r g e, der Namensvetter des „Propheten von Svn Franzisko", zu neuer bodenreformerischen Mivität zu rüsten und die seit mehr als einem Vierteljahrhundert in allen großen Parteien **) bestende Bewegung. scheint neue Kreise an. sich zu ziehen. Hier wäre nun die Gelegenheit gegeben,- die Bodenreform Evez Israels zu propagieren und durch sie auch das Los der arabischen Fellachen zu mildern, welche an brachliegende Efendi-Ländereien gar kein wie immer geartetes Interesse haben. Auch die Aufnahme der geplanten langftistigen Anleihe kann letzten Endes nur aus der Basis von Bodenstcherheiten vor sich gehen, die durch eine Bodenreform garantiert wäre. Mit Recht weist jedoch. Dr. G r.an o v s k h in seinem jüngst erschienenen, recht ausführlichen agrarpolitischen Buche „Probleme der Bodenpolitik in Palästina" (Jüdischer Verlag, Berlin, 1925) daraus hin, daß nur die regulären Einkünfte einer rentablen Landwirtschaft eine sichere Grundlage für eine Anleihe abgeben würden. Die Hebung der Privatwirtschaftlichen Ergiebigkeit kann jedoch, unserer Minung noch, erst nach Schaffung eines großen Bodenreservoirs vor sich gehen. Doch wollen wir beim rein formalen agrarischen Rahmenprogrammen nicht stehen bleiben und auch auf die Wichtigkeit des Ausbaues des Keren Hajessod Hinweisen, insbesondere scheint uns R u p P i n s und Böhms Forderung nach Schaffung eines Bodenamtes von größter Bedeutung, welches Kolonisationsinstitut als Zentrale des landwirtschaftlichen Kreditwesens im Lande fungieren sollte. Besitz-, Betriebs- und; Mliorationskvedite sollten jedoch auch der Privatwirisch a f t zugute kommen und dafür Sorge tragen, daß die Kolonisation nicht einseitig werde. Wir müssen sogar in unserernationalen Bodenpolitik weiter gehen 'und auch den beginnenden privaten Mischen Aufkauf autarker Wirtschaftskomplexe — unter Kontrolle des nationalen *) Auch die vom legten Kongreß be'chlosstue politische Resolution hat sich teilweise dien Forderungen zu eigen gemacht und verlangt, daß >,die Schaffung geschlossener Mischer Siedlungen auf staatlichen und brachliegenden Ländereien * gefördert wird". (Resolution 1.) **) Auch der letzte Liverpools Parteitag der L a b o u r Party beschloß u. a., für die Nationalisierung des Land- ' besitzes einzutreteu. 19. Oktober 1935 Nr. *88* Bodenamtes — fördern, insbesondere möge sich daS M errichtende Bodenamt den Verkauf jüdischen Grundbesitzes in der Galuth und den Ankauf dieser Besitze in Evez Israel angelegen sein lassen. Doch dürfen die neuen Eigentümer dieser kommenden Alijah nicht -dem AbsentiSnms frönen, ondern ihr Domizil nach Evez Israel verlegen und werkätig mitarbeitend der jüdischen beschäftigungslosen Lohn* arheiterschichte den Ausstieg zu freien Bauern den Weg bahnen. Die Unentbehrlichkeit eines gewissen landwirtschaftlichen Großbetriebes (nicht Besitzes!) im Rahmen der Bollswirtschaft, die Arbeitsintensität gepaart mit der Kapitalsintensität und das Wachsen der industriellen Pro* duktions-kraft werden mit dazu beitragen, unsere nationalsoziale Frage zu lösen und befruchtend aus die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes zu wirken. Wenn auch Damaschke, der Borkänipser und Führer deutscher Bodenreform, in einer seiner letzten Schriften die zionistische Bodenpolitik, die u. a. auch den „unverdienten Wertzuwachs" der Gesamtheit zuführt, verherrlicht, so werden wir unsere Bodenpolitik erst dann aushcküen können, wenn wir im Lande, wie gesagt, über einen' entsprechenden Bodenbesitz verfügen' werden. Wir werden dam in unserer Bodenpolitik dort anknüpfen müssen, wo es unserer Art am besten entspricht — an der alten Bodenreform Israels, deren erster neuer Grundpfeiler der im Jahre IM auf Anregung des verstorbenen Heidelberger Universttätsprofeffors Dr. H. Schapira gegründeten Jüdischen Notionalfonds wurde. Der Weg zur Formidee der Nomrmur. Bon Dr. Leopold Jnsth, München. Die Agencybeschlüsse des 14. Kongreffes sind der Ausdruck der Selbstverständlichkeit, daß die Zionistische Organisation das jüdische Volk darstellt, es aber noch nicht ist, und daß sie sich nur als dessen handelnder Vortrupp zu erkennen hat. Dieser Anschauungsweise liegen zwei Erkenntnisse zugrunde, und von zwei Gesichtspunkten aus ist sie demzusolge auch zu begrüßen. Es ist begreiflich, daß sich die Angehörigen der zionistischen Bewegung in ebenso begreiflicher Kampfstinumung gegen alles abzugrenzen suchen, was fremd und störend zu sein scheint; daß sie zwischen ihrem Zionismus und jener anderen Art, jüdisches Dasein zu retten, die wir Assimilation nennen, Unüberschreitbares sehen, eine Kluft fühlen, wie sie nur Blut- und Geistetzfeindschaft aufbrechen 'können. Es ist begreiflich, aber Irrtum, vom Gesichtspunkt geschichtlichen Erkennens; es ist Fehler und zu unterdrücken, vom Gesichtspunkt zionistischer Propaganda aus betrachtet^ vom Gesichtspunkt des Brückenschlages zwischen Vortrupp und Masse. Gehen wir von der Annahme aus, daß uns vorn. nichtzionisttschen jüdischen Nebenmenschen, vom „Affimilanten", Wesensfremdheit scheide, müssen wir die Möglichkeit des Einwirkens, des Bekehrens und Gewinnens leugnen, die Möglichkeit psychologisch erfolgreicher zionistischer Propaganda und Politik. Und gerade auf bem Boden der Propaganda und Politik können wir große und unleugbare Erfolge feststellen, das Wachsen der Organisation und deren beider Fonds und damit die Fortschritte der Arbeit in Palästina. Und deshalb ist die Annahme falsch, daß zwischen Zionisten und „Affimilanten" Schranken und Klüfte da sind. Zionismus verhält sich zur Assimilation wie die Erscheinungsform des heutigen zu dem gestrigen Dasein, wie Frucht zur Blüte. Und im Grunde sind tutt wir Zionisten schuld, daß es überhaupt noch „Affimilanten" gibt, daß wir sie nicht schon längst zu uns hcrübergeholt haben. Wie die Blüte selbstverständlich erst ihr Schicksal erleben muß, damit entstehen könne, was, obschon der Blüte ein- . geboren, geworden, der Blüte gegenüber ftemd und neu scheint: die Frucht, ebenso ist auch der Zionismus ohne die Befruchtung undenkbar, die ihre Kräfte in der Tiefe jüdischer Kulturfähigkeit schöpft. Wir wissen, Zionismus umschließe dem Gehalt nach mehr, als im Bereiche der Assimilation auch^nur als Keim nachzuweisen wäre. Es handelt sich aber hier nicht darum, Grenzen zu ziehen. Es handelt sich darum, im Dienst des Brückenschlages, der Zukunft des Zionismus, nach Verzahnungen zu tasten; den Feingehalt des Assimilatorischen herauszuarbeiten, das heißt, alles, was „prästabilierter Zionismus" ist, von dem auf den einfachsten Ausdruck gebrachten Rest loszulösen. Und dieser Rest ist falscher Schluß aus richtiger Voraussetzung. Ist dieser falsche Schluß durch den richtigen ersetzt, somit die Affimilationsneigung richtig zu Ende gedacht, ist die Schwelle überschritten, über die sich Herzl, der Sohn der Assimilation, zu sich selbst gefunden hat. Infolge des Zusammenhanges zwischen Assimilation und Zionismus, der nicht gekommen ist, das Gesetz oder die Propheten der Assimilation aufzulösen, sondern zu erfüllen, kann die zionistische Propaganda das assimilatorische Denken dorthin führen, wo diesem die eigene Mißtätigkeit klar wird und schon die Idee der Assimilation an sich den entscheidenden Schritt, den Schritt zur Formidee des Zionismus, fordert. Der „Assimilant" folgt einem natürlichen und daher berechtigten Hang zu Mimikry, wenn er sich zur individuellen Rettung seiner Person der Umgebung in Tracht, Sprache, Haltung und Gebärde gleichmacht. Der Grundirrtum des „Affimilanten", der falsche Schluß aus der richtigen Voraussetzung, dem „prästabilierten Zionismus",; daß nur Gleichheit über Verständnis und Frieden zu