Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2391 (19.10.1925)
- Date
- 1925-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir haben-in unserem Sonn tagsblatt berichtet, 'daß sich in der Angelegenheit des am 5. September 1924 verübten Attentats ans den .polnischen Staatspräsidenten W>ojciechowski eine Spur ergaben hat, die das Motiv der Tat, deren der jüdische Student Stanislaus Steiger beschuldigt wird, in ein neues Licht stellt. Es. hat sich ergeben, 'daß drei Wochen nach dem Anschlag ein Ukrainer namens Thoophifl Olszänski in Beuchen von den deutschen Grenzbchörden wegen unbefugten Grenzübertrittes angehalten wurde. Er erklärte sich als Politischer Verbrecher und gestand ein, das Attentat verübt zu haben. Das deutsche Außenministerium ließ die polnischen Behörden verständigen, gab alter den Auftrag, Olszänski in Freiheit zu setzen und ihm die Einreise zu gestatten. Alle Beteiligten schwiegen ein volles Jahr. In den Kreisen der in Berlin als Politische Emigranten lebenden Ukrainer aus Ostgalizien wurde schon längst kein Hehl daraus genracht, daß das Attentat gegen den Präsidenten der' polnischen Republik im Auftrag des ukrainischen Mlitärkomitees' organisiert worden >war und daß der eigentliche Attentäter,, ein Mitglied oben dieses Militärkomitees,.in Berlin Mt. Bekanntlich hat das ukrainische Militärkomitee in 'Lemberg, das eine unterirdische Existenz führt und den Kampf gegen die' polnische Macht in Ostgalizieu leitet, unmittelbar mach dem Attentat ' in Briefen an die Lemberger Tageszeitung „Chwila" .-dargetan, daß idas Attentat im Auftmg und von einem Mitglied des Komitees ausgesührt worden war. Ueper Theophil Olszanskis Verhaftung teilt die I. T. A. aus Berlin die folgenden Einzelheiten mit: Olszänski hatte bei seiner am 2. Oktober 1924 erfolgten Anhaltung in Beuchen eine große Geldsumme bei sich und gab an, zu einem Freunde nach Berlin zu reisen, der in einem deutschnationalen, antipolnischen Propagandabureau beschäftigt war. Die Polizei in Beuchen fragte telegraphisch bei diesem Freunde an, und nach Erhalt einer b e st ä L igen den Antwort ließ sie Olszänski nach Berlin Weiterreisen. Ein diesbezüglicher Bericht des Kattowitzer Grenzpostens gelangte seinerzeit amtlich nach Warschau und wird das Lemberger Gericht wohl noch beschäftigen. : Olszänski ist seit dem 16. Oktober 1924 als in Berlin wohnhaft gemeldet und gilt als politischer Flüchtling. Wegen unbefugten Grenzüberschrittes soll er zu einer Geldstrafe verurteilt worden sein und seit jener Zeitunbehelligt in Berlin gelebt haben, bis er sich. am 2. September 1925 nach Marien bürg abmelden ließ./ Präsident Wojciechowski und der Prozeß Steiger. ' T. A.) HLte'-LvMn'dek^ I Jtft.i,z'nli n t ft erbeim Präsidenten - der.'-Republik. W.ojoiechow ski und erstattete Bericht Mer den Verlaufsbe§ Prozesses Steige r. , , Zer außerordentliche Ielegiertenlag der österreichischen Zionisten. In der gestrigen Vormittags-, Nachmittags- und A'bendsitznng hat der außerordentliche österreichische Zio-. rustentag fruchtbare Arbeit geleistet und eine neue Leitung gewählt. Sie besteht aus einem Direktorium, welchem Herr Dr. Desider F ri e d ma n n als der designierte Präsident, ferner die Herren Dr. Leo Goldha m m e r und Kommerzialrat Alax Markus angehören. Das Direktorium hat sich der Mitarbeit des ab tretenden Landeskomitees versichert, dem die Anerkennung für mühevolle Arbeit unter den schwierigsten Verhältnisse n und für die Vorbereitung des Wiener Zioniftenkongresses einstimmig ausgesprochen wurde. Das gewählte Direktorium wurde mit dem Rechte ausgestattet, Beisitzer zu kooptieren,-jedoch erst nach erfolgter Genehmigung der Kooptierung durch -den Parteirat. Der Obmann des Pernranenzausschnsses, Herr Dok-! tor Max B e r n h a r d t, brachte eine Reihe wichtiger Resolutionen vor, welche zum Beschluß erhoben wurden. In einer Kundgebung des Delegiertentages wurden die in der Bildung der Freien Zionistischen Vereinigung gelegenen Sonderbcstrebungen schärfstem mißbilligt nnb die Londoner Exekutive zum Einschreiten gegen diese, dem Organisativnsstatut und der Parteidisziplin widersprechende Gruppevbildung ausgeforder-t. Der -P r oviuzverband erklärt durch seinen Redner Karl, Sch w a r z,' daß er aus dem Standpunkt .der - Einheit der Zionistischen'Landesorganisation stehe und jede Verdi n d u n g mit Gruppen able'hne, welche sich außer-: halb der Zioniftrschen Landesorganisation stellen. Die Berichte der Ressortleiter Dr. A be l es, Dr. Blauer, Dr. Gelber und Dr. Tartakower wurden zur' Kenntnis genommen und ihnen sowie den ihnen unterstellten Beamten für ihre Tätigkeit- Dank und Anerkenn ung ausgesprochen.' ' Herr Dr. Desider Friedmänn betonte in seiner.' Antrittsrede, daß für ihn und - seine, neuen zwei. Mitarbeiter das V-erantwortungsgesühl - als Zionisten dafür maßgebend war, das schwere Amt, zu übernehmen. Unter. Zurückstellung aller- Differenzen sei.-es. notwendig, die zionistische Arbeit mit. größter Energie aüfzunehmen. . Hervorzuheben ist noch die einstimmige Annahme folgender Resolution: „Der Delegierten tag stel l t sich auf den Boden der Beschlüsse. des 14. Zionistenkongresses und spricht den Präsidenten Weizmann und Sokolow das volle Vertrauen aus." - Ueber den Verlauf der Tagung und ihre Ergebnisse werden wir noch eingehender berichten. Bor der Session der Mandatskommission. Die Araber bei Lord Plumer. — Eine katholische Sonntagsvredigt in Haifa. Jerusalem, 14. «Oktober. (I. T. A.) Der Öberkommissär für Palästina, .Feldmarschall Lord Plumer, empfing am 13. d. eine aus 40 Arabern bestehende Abordnung, die sich ihm als die Repräsentanz der Palast! n ensich-arab i scheu Exekutive vorstellte. Aus Pie Frage Lord Plu me rs, welchen Volksteil die Abordnung vertrete, erwiderte der Führer der Abordnung, Musa Kazim Pascha, der Vorsitzende der arabischen Exekutive: ,Mr vertreten -das ganze Volk Palästinas." '. Musa 'Kazim Pascha berichtete dem Oberkommisfär, die arabische Exekutive hätte die verschiedenen arabischen Organisationen und Parteien eingeladen und mit ihnen über die Zusammensetzung einer Delegation, die die gesamte arabische Bevölkerung vertreten solle, verhandelt. Er unterbreite dem Oberkommisfär ein ausführlich^. Me'm.o x.a n dum, in welchem, in sehr' heftigem Tone über die „prozionistische Politik der Regierung" Klage geführt wird. Die verstärkte jüdische Einwanderung, heißt es in dem Memorandum, ist die Ursache der Arbeitslosigkeit, die jüdischen Einwanderer importieren; den Bolschewismus in Palästina. Die Geltung der h e b r ä i s ch e n S «pi: a ch e als eine/der -Hiziellen Sprachen sei unberechtigt Md ' außerdem'eine schwere Bürde für die Finanzen, da alle Dokumente ins Hebräische übersetzt werden müssen, Wozu tein großes Personal erforderlich ist. Weiter heißt , es im - Memorandum, die Juden hätten die Regierungsämter; okkupiert, der Justizsekretär und Oberstaatsanwalt Wr. N o r man B e n t w i ch sei ein zionistischer Führer und arbeite -die Gesetze ohne Rücksicht auf die Gesühl-e und Traditionen der Araber aus. Lord Plumer erwiderte der Abordnung, er werde ihre Forderungen prüfen und sie den Lond oner Stelle n übermitteln. Aus Haifa trifft soeben die Mitteilung ein, daß der dortige katholische Bischof in seiner letzten Sonntagspvedigt Erklärt hätte, der Zionis» «ms hätte Bolschewismus und Gottlosigkeit in das La-B gebracht, '_ Rach Locarno. Die Räumung Kölns. — Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Paris, 19. Oktober. Heute nachmittags wird Minister Präsident Painleve eine Besprechung mit dem nach London durchreisenden Cham-berla.in haben, in der das Abkommen von Locarno erörtert werden wird. Die Aussprache -wird die Rä u m u n g K ö ln -s und die zukünftigen. Maßnahmen, betreffen. Mehrere B.'ätter «behaupten, daß die Engländer nach der Räumung Wlns 'das Rheinland nicht verlassen, sondern in Wiesb a den Quartier beziehen werden. In den pvl'ttischen Kreisen Londons, glaubt man, daß die für den 1. Dezember feistgesetzte Londoner Konferenz etwa eine Woche dauern wird. Es sollen die letzten Einzelheiten über die Räumung Kölns und die übri- . gen. den Deutschen gemachtem Konzessionen festgesetzt werden. Da es zweiselhalst ist, »b Deutschland bis zum 7. Dezember^ au ^welchem Tage; die 36. Se.s.sio n ' des . BM U x b u n d r a t e 's beginnt,' in offizieller Form sein ''Bettritt^ssuch äbgegeibeu haben wird, sei etz.'wahrscheinlich, daß über den etwaigen Antrag erst im Jänner-oder Februar beraten werden soll. In der Zwifschenzeit sei über die- Frage der Zurückziehung «der Besä tzu ng s tru P Pe n zu verhandeln. Nach einer Mitteilung des diplomatischen Mitarbeiters des „Daily Dckegraph" ergibt sich auch die Frage, öb der Eintritt Deutschlands eine Ae über ung des Völkerbund st atnis hinsichtlich des Artikels 16 (das Durchmarschrecht) «notwendig mache. Eine solche dürste einstimmig vom Völkerbund angenommen werden. Die Nachricht aus Amerika, daß dem Abkommen von Locarno in kurzer Zeit eine Ent«wasfnungskonserenz folgen «wird, ist verfrüht. Die jugoslawische Freizone i« Saloniki. Salontti, 19. Oktober. Gestern ist hier durch die grie» chische Regierung die Fre izone eröffnet worden, durch die Jugoslawien große Rechte echält. Der Präsident der griechischen Zonenkommission erklärte, daß Saloniki dazu ausersehen sei, ein großer Mittelmeerh a s e n zu werden. __ Sie irische« WafferkiMe. London, 19. Oktober. Der Premierminister des ick schen Freistaates erklärte in einer Rede in Watherford, er sei überzeugt, daß Irland vor einem großen wirtschaftlichen'Aufschwung siehe. Die Ausbeutung der WasseÄräste des Wusses Canuon sei dip Grundlage der Zukunft. Sie Wahlen in die Handelskammer. Zwei oppositionelle Kandidaten gewählt. Gestern fanden m der Zeit von 8 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags in Wien und Niederösterreich die Wahlen in die.Handelskammer statt. Der offiziellen Liste standen in der Haudelssektion eine, in der Gewerbesektion zwei oppositionelle Listen gegenüber. Die Beteiligung der Wähler war trotz des schlechten Wetters mit etwa 20 Prozent der Wahlberechtigung sehr rege. Im Hietzinger Wahlbezirk,^ dem auch der 15. und 16. Gemeindebezirk gehören, wählten gestern 1250 gegen nur 7 Wähler im Jahre 1920. Das Ergebnis konnte bis in die späten Nachtstunden nicht endgültig sestgestellt werden. Die offizielle Lifte hat jedenfalls eine überwältigende Majorität der abgegebenen Stimmen erhalten, doch gelang es, im dritten Wahlkörper der Gewerbesektion zwei Kandidaten der Opposition, der sogenannten unpolitischen Organisation, gewählt zu werden. Es sind dies der Schuhmacher P o k o r n y und der Schneidermeister R a t s ch k a. Ihre Partei besteht hauptsächlich aus Stückmeistern unkleinen tschechischen Gewerbetreibenden«