Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2390 (18.10.1925)
- Date
- 1925-10-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitüng 18. Oktober M5 Nr. AA» Reichsminister des Jnncreir und schnf die ReichSversassung, die in seinem Entwurf kühner undnoch besser ävar als in ihrer endgültigen Fern;. Trotz seiner leuchtenden Verdienste um die deutsche Republik ist Preuß nie wieder bei tziner späteren Ministexkombination in Fmge gekommen. Nicht einmal für den. Reichstag stellte diesen geborenen parlamemarischütr Führer seine eigene Partei auf. Er selbst hattedaS Gefühl. daß sein Judentum als zu schwere Belastung für die öffentliche Agitation angesehen tvevde. Dennoch — sein Name^ist unauslöschlich mit bev Geschichte Deutschlands verbunden. Er hat der Republik ihre Grundlage gegeben. Sein Werk überlebt ihn. AntifemMsch-faszistisckic Ausschreitungen. Der italienische Korrespondent der Wiener „Arbeiterzeitung" berichtet: ..Zu gleicher Zeit wie in Florenz (siehe Miener Morgenzeitung" vom 14. d.) law eS auch in anderen Orten der Umgebung zu Gewalttaten. In Siena ' und Lucca wurden ebenfalls Bureaus von Freimaurern angezündet und vor allem in Livorno wurden schovere Brandstiftungen vollzogen. Dort leben sehr Viele Juden, von denen die meisten alte Freimaurer sind. Hier hat die Bewegung etwas von dem Charakter des Antisemitismus angenommen, der sonst tot Italien so gut wie unbekannt ist. Eine ganze Reihe von Juden ist deshalb bereits aus Livorno geflohen und hält sich in Orten des Südens oder in Rom auf/bis sie wieder sicherer in Livorno wohnen Jörntem" Lrehftw' guter SM. Anatole France über Drehfus und seine Freunde. Im Musar ion-Berilag erscheinen demnächst „Gespräche mit Anatole France 1914—1824" von Marcell Le Gaff, den die folgenden Zeilen entnommen sind: Eines Abends sprach France —- erzählt Le Goss — in der Stille des kleinen Gemachs beim sanften Berdämmern des Tageslichtes zum ersten Male von der Dreyfus-Affäre: „Das war eine schöne, große Krise des öffentlichen Gewissens, eigentlich das letzte Ereignis, das unser Land in seinem Innersten aufwühlte. Das Vertrauen Bernhard Lazares war ebenso erhaben wie die brüderliche Hingabe des Mathieu Drehfus. Leider war der Major Drehfus eine äußerst unsympathische Persönlichkeit. Von ihm vernahm man lein Wort der Ermunterung, keine Beteuerung seiner Unschuld, keinen Ausbruch des Unwillens. Man merkte nur zu sehr, daß er sich vor allem als Soldat fühle, daß er die zu seinen Gunsten unternommenen Schritte mißbilligte, weil die Armee dadurch Schaden leiden könne. Das befürchtete er mehb als alles andere." Bei diesen Worten vermochte ich (Le Goss) meine Ueberraschung nicht zu verbergen. France bemerkte es und beteuerte: „Gewiß, so verhielt es sich. .Wollen . Sie ganz genau wissen, wie ich darüber denke? Man merkte, daß Drehfus — hätte es sich nicht um seine eigene Sache gehandelt — selbst emer der wütendsten Drehfus-Gegner gewesen wäre. Eines Tages sagte er mir: „Mich hat selbst in den schlimmsten Zeiten meines Lebens der Umstand gerettet, daß ich stets ausgezeichnet schlafen konnte." Wir aber, seine Verteidiger, haben häufig genug schlaflose Nächte verbracht, denn die zu fassenden Beschlüsse, die Frage, welche Haltung wir einnehmen sollten, raubten uns den Schlummer. Er hingegen, die Hauptperson, konnte ruhig schlafen! So hat er auch in der Nacht vor seiner Ausstoßung aus dem Heere, in der Nacht vor dem Prozeß zu Rennes geschlafen. Finden Sie das nicht unerhört? Von großem Interesse waren auch die Zusammenkünfte der engsten Freunde des Majors, die der Erörterung der durchzuführenden Maßregeln gewidmet waren. Bei diesen waren Mathieu Drehfus, Clemenceau, Jaures, Presfense, Briand und ich anwesend. Rasch vergingen die Stunden. Jaures ging auf und ab und hielt eine Rede, die am nächsten Tage als Leitartikel wiederkehren sollte. Presfense unterbrach ihn mit seinen Darlegungen, auf die Jaures nicht weniger ausführlich erwiderte. Clemenceau drechselte Phrasen und erzählte uns Geschichten über die Generale; Mathieu Drehfus mahnte uns endlich an die vorgerückte Stunde und bat um unsere Beschlüsse. Wir aber wußten wahrlich nicht mehr, wo wir hielten. Da griff Briand ein. Er stellte den Gegenstand der Beratungen mit einigen kurzen, schlichten Worten, denen alle Anwesenden gerne Gehör schenkten, völlig klar, und schlug eine Lösung vor, die sich aus seinen Ausführungen mit unvergleichlicher Logik zu ergeben schien. Er blies uns die von ihm gewünschte Entscheidung ein; dann aber waren wir es, die ihn nach einigen Augenblicken baten, diesem Antrag beizupflichien Mach etlichen Einwänden nahm er an. Im Verlauf dieser Besprechungen wurden niemals Krachten Sie unser Preisausschreiben t« der heutige» Sportruvrikl am Ji Sttaber 1925 * E3 Beachten Sie unser Preisausschreiben in der heutigen Sportrubril! andere als die von Briand angeregten Beschlüffe gefaßt; hatten sie aber keinen Erfolg/lag die Schuld an uns, nicht an ihm. „Habe ich es Ihnen nicht vorausg e s a g t?" lautete dann stets seine Antwort." Au die Mische BebAke-ung! Der Jüdische Hochlchulausschuß, die Exekutive des Gesamt« Verbandes jüdischer Hochschüler Oesterreichs .^Jndäa" dem die Aufgabe der Linderung der großen Not der jüdischen Studenten zufällt, ist ohne Geldmittel. - Da es. sich um oaS Schicksal einiger tausend jüdischer Studemen handelt, muß der Jüdische Hoch^chujaftsschuß. im Bewußtsein seiner Verantwortung, an die breite indische Oeifentlichku mit der Bitte hrvanrreien, den kmähcdetrn Institutionen der jüdischen Studentenschaft zu Hilfe zu eilen. Für das laufende Wünersim^.r wurde eine neuerliche Erhöhung sämtlicher Studiengabühreii vusügt De: 'irdische Student dessen Lage durch oie ökonomische Krisis und den Mangel jeder Vevdienflmöglichkmt ctite lehr •'.aurt.ie geworden ist, wird durch diele Verfügung besonders hart betroffen. Hunderten von Studenten dicht die GesM. daß l'e ihr Studium knapp vor der Absolvierung werden uu'fg-ehm müssen und so um die Frilchle ihrer Arbeit gebracht werden. Auch die lebenswichtigen Institutionen der jüdischen Stuben tenschast, wie KrankeMrsorge, Mensafreirische, Lehrbchslseaiktion ufw., stchen wegen des Geldmangels vor dem Zusammenbruch. Der Jüdische Hochschu laus-schuß ficht sich . deshalb gezwungen. die gesamte jüdische OoffetEHkeit aus den Ernst Her Lage aus-merksam zu machen utti> zur raschen und ausgiebigen Hilfe aufzuvusen. um den Zusammenbruch aller lchenswichtigen und unter, großen Opfern geschaffenen Institutionen der jüoifchen Studentenschaft zu verhindern. - Es handelt sich um die Zukunft des jüdischen Nachwuchses, der von den Quellen der Bildung nicht abgeschnürt werden darf. Oberrrabbiner Pros. Dr. H. P. Chajrs, Univ.-Pros. Dr. S. Ehrmann, Univ.-Pros. Dr. A. Pick, Präsident der Israel. Kultusgemeiade, Dr. Artur Kuranda, Präsident der Israelitischen Allianz, L. Hausknecht für den Jüdischen Hochschulausschuß. Dr. Richard Beer-Hoffmann; Prof. Dr. Ludwig Braun; Rabbiner Dr. David Feuchtwang; Hoi rar Pros Dr. S. Frankfurter, Dir. der Univ.-BNiothek a. D.; Dr. Desider Friedmann, Rechtsanwalt; Hofrat Dr. Siegfried Gerstmann; Ignaz Gl"ck, Börsenrat; Heinrich Glücksmann, Dra-matura des Deutschen Bolkscheaters; Univ.-Pros. Dr. Max Hajek; Dr. Siegmund Hirsekorn für . den Wellverband der Jüdischen Studenten: Rabbiner Dr. A. Kaminka; Paul Karpeles, Großindustrieller; Lazar Krestin, Akad. Maler; Dr. Josvs Löwenherz, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinbe; Univ.-Pros. Dr. Heinrich Neumann; Dr. I. Ornstein, Büevräsideut der Israelitischen Kultusge-me-inde; Dr. Leopole Plaschkes, Gemeindevat der Stadt Wien: Felix Salten; Oberbaurat Ing. Robert- Stricker; Hofrat Dr. Ludwig Werner, Zenträlinkpelktor der - Oesterr. Bundesbahnen i. R.; Julius Wolffohn. Adressen für Geldsendungen: Jüdischer Hochschulaiusübuß, 9. Bez., Zimmermannplah 8. Postsparkassenkonto „Gesamtverband Jüdischer Hochschüler yesterre-ichs Judäa" Nr. 68.768; Wechsckstulbe Mserstraße der Anglo-Oesterreichi-schen * Bank, Konto ,/Mischer Hochschulausschuß". »»««O««O««OOO«»»»O«««O«»«OOGOO»OOGGGG«,VOGOG«OO0»GGO«SOV»O«SSV»O«GGO»GOHOSGGO< j ““ “ " “ das feste Kölnisch-Wasser 537 In Stangenform Die neueste Errungenschaft der kosmetischen Chemie ist überall erhältlich mwmiiMiiwMwwwwwwwwHmwwMwi Las Werk eines Mischen „Prlvatgelehrlen". Zum 10. Todestag Karl Eugen Reumanns. ‘ Am 18. Oktober 1915, an seinem 60. Geburtslage, starb in seiner Heimatstadt Wien Karl Eugen Neumann, der geniale deutsche Uebersetzer des buddhistischen Schriften kan onS. In verhält-' nisntäßlg kurzer Zeit hat -Neumann, der einer jüdischen Familie entstammte — er war der Sohn des bekannten Theaterdirektors Angelo Neumann, der, w:e so vtele Juden,, für das Werk Richard- Wagners eintrat —>, eine Lebensarbeit geschaffen, welche nicht nur der deutsche« Wissenschaft einen ungeheuren Dienst erwies, sondern auch in der deutschen Literatur einen hervorragenden Platz einnimmt. Karl Eugen Neumann, der durch den geistigen Einfluß Schopenhauers auf die Beschäftigung mit der indischeu Sprache und Literatur hingewiesen wurde, gab, siebenundzwanzigjährig, im Jahre 1892 eine buddhistische Anthologie heraus, welche.bisher noch nie übertragene Texte aus dem buddhistischen Kanon in deutscher Auswahl brachte. Zwei Jahre später machte Neumann, der alles, was au indischer Sprachwissenschaft zu erlernen war, bei den besten Lehrern seiner Zeit sich angeeignet hatte, eine Jndienreise, um die historischen Stätten des Buddhisntus aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Uebcr diese indische Reise, die ihn auch.nach Ceylon führte, wo er mit buddhistischen Mönchen gemeinsam an der Interpretation der überlieferten heiligen Texte des Buddhismus arbeitete, fand sich in Neumanns Nachlaß ein wertvolles Tagebuch, daS der Münchener Verlag R. Piper u. Ce. zur Edition übernommen hat. Zur selben Zeit, da Neumann in Indien weilte, ließ der König von Siam die erste Gesamtausgabe des buddhistischen Schriftenkanons von indischen Gelehrten herausgeben. Neumann schuf nun die deutsche Uebertragung der buddhistischen Schriften Der erste Band seiner Uebersetzung der Reden Buddhas entstand in London, wo Neumann. nach seiner Rückkehr von Indien tm Britischen Museum arbeitete. Die drei Bände der Buddha-Reden aus der mittleren Sammlung erschienen in Lieferungen in den Jahren 1896 bis 1902, zwischendurch die Lieder der Mönche und Nonnen Buddhas im Jahre 1899, während die Reden Buddhas aus der großen Sammlung in den Jahren 1907 bis 1912 Herauskimen. Das Uebersetzungswerk Neumanns fand damals nirgends Interesse. Die Fachgelehrten sahen darauf herab, da diese Uebersetzung ein Kunstwerk und kerne Voko.belsammlung war. Im Leserptlblrkum war Buddhismus noch nicht in Mode. So blieb die große Arbeit Reumanns fast gänzlich unbeachtet, wurde nicht einmal von den fo. genannten Fachleuten für voll gmommen, da Nenmann keinen akademischen Lehrstuhl rnnehatt?, also nicht zur Zunft gehörte. Und doch Hai Neumann in sinnen Uebertragungen des buddhistischen Schristenkanons ein dichterijchls Werk geschaffen, durch das dtese Schriften aus einer rein sprachwissenschaftlrchen Angelegenheit zu einem Kulturgut wurden Für das Vevständn's der Bnddbe.- Rrligion und der Kultur Indiens haben d'r Uebersetzungen Neumanns mehr geleistet als lausend Textbearbeittnugen der Jndolgen. Neumann aber hatte größte Mühe, sein großes Uebersetzungswerk herauszugeben, und in bcu letzten. Jahres seines Abens litt er geradezu Not. Erst nach seinem Tode wurde der Wert seines Werkes erkannt. Ein großes Verdienst daran hat der bereits erwähnte Münchener Verlag R. Piper u. Co., der das Wagnis unternahm,' Neumanns Uebersetzungswerk nett herauszugeben. Das Wagnis gelang, Neumanns Werk wurde mit Begeisterung. ausgenommen. Heute ist Nctlmans Uebertragung der Reden Buddhas in fast einen: halben Hunderttausend verbreitet. Es hat lange gedauert, bis das Werk des jüdischen Privatgelehrten, das aus echtem Wiffen und schöpferischem Nachempfinden heraus entstanden ist, die Wertschätzung gefunden hat, die ihm zukommt. , . __ S. S An krfolg der medizinischen Sftemie. Von fachlicher Seite wird uns mttgoteill, daß es dem Leiter der Grazer zahnärztlichen Unwersitätsklinik, Herrn Prof. Dr. Franz Trauner, im Verein mit dem Chemiker der chMisch-pharmazeutrschen Landesanstalt in Graz, Herrn Dr. Wifcho, gelungen ist, ein Präparat heMstellen, welches die Bildung von Zahnstein zu verhindertt imstande ist, ohne hiebei die Zahnfubstanz (Zahnschmelz) anzugreisen. Es ist denr breiteren Publikum mr wenig bekattnt, daß die ZahnsteinbiVdimg. an welcher viele Menschen leiden, ein Zurückweichen des Zchnflelsches zur Folge hat und damit das Lockern der Zähne und ihr frühes Ausfallen noch vor den: eigentlichen Mevn des Menschen verursacht. Me bekannt, ist die Ursache für die Entstehung des Zahnsteines in der Zusammensetzung des Speichels und den Verhältnissen der Mundhöhle zu suchen und stellt sich als ein weißer Zahnbelag yMptsachlich an jenen Stellen dar, die vom Kauakt nicht betroffen werden, hervorgerufen durch Uebevschuß an unverbrauchten Kalbsalzen. Wie die erwähnten Forscher auf rein wissenschaftlicher Basis festgestellt haben, ist hievet die interessante Tatsache zutage gefördert worden, daß fast allen ähnlichen Präparaten eine zaynsteinlösende Wirkung überhaupt nicht zukommt und nicht zukomnien kann, da sie in der Regel Bestandteile enthalten, welche die Zahnsteinbildunig sogar fördern. DaS neue Praparat, welches unter dem Namen „Professor Dr. Trauners zahnsteinlösende Temi- Zahnvafta" seit kurzer Zeit dem Handel ^.geführt wurde, weicht m seiner Zusammetlsetzung von den blSyerigen Zahnputzmitteln vollständig ab tlnd hat infolgcdesien keine schämnende Wirkung, lvas bisher vom Publikum stets von einem Zahuputzmittet fälschlicherweise verlangt wurde. Sowohl die Wiener zahnärztliche Klinik als Mch einige ausländische Kliniken haben die unbedingt zchnsteinlösende Wirkung dieses Präparais anerkannt. Wir stehen somit hier vor einer aus wissenschaftlicher Forschung beruhenden Neuheit, die den österreichischen Vertretern der mödizinischen und chemischen Wissenschaist zur Ehre gereicht und ilhren Ruf zu vermehren geeignet ist. Literatur unt> Prospekte versendet ans Wunsch kostenlos Dr. Bari. Wien. 8. Bes^ ScklöMLalle Ü. 3^5451136047