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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-18 · Heft 2390 (18.10.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2390 (18.10.1925)
Date
1925-10-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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.TMr, GonMig ' ' (WchvMdeMchrr Seleaiettetitag der WerrelchMn zioniftr«. '' Unter Teilnahme^ von 61. Delegierten aus Wien und den kperreichischen Provinzorten.wurde gestern abends 'der außerordentlich« Delegierten tag der österreichischen Zionisten im Male des Ingenieur- und Architektenvereins eröffnet. In seiner Eröffnungsrede wies der Präsident der Zionistischen Organisation für Oesterreich, Herr Dr. Jakob Ehrliche darauf hin, daß 'btöfer Tagung eine gründliche Aussprache -er Vertrauensmänner vorangegangen sei und daß sie sich vorzüglich mit der Lösung des o r g a n i s a t o r i s ch e n Problems zu befassen haben werde. Zum'Präsidenten der Dagurvg wurde Herr Dr. Desider Friedmann gewählt. jDem Präsidium gehören ferner die Herren Gold schmied-t, jSchmied, Piskati (Liniz) und Frau Sophie Löweniherz an. . Der Vizepräsident des Zionistischen Landeslkamitees, Ar. Leo Goldhammer, erstattete den Tätiglkeitsbericht, der pon Dr. N. M. Gelber durch einen Bericht Wer die 2fr» jtigjkeit des Ke r e n- H ajessod ergänzt wurde. - Aus diese Berichte werden wir noch zurücktommen. Der Vizepräsident ,der Israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Joses Löwenherz, legte einen eingehenden Bericht über die Arbeiten des ans elf Mitgliedern bestehenden zionistischen Klubs in der jüdischen Gemeinde vor. Der Initiative des Klulbs und dem .reifen Verständnis des gesamten Kultusvorstandes ist die würdige Kundgebung aus Anlaß der Eröffnung der hebräischen Universität, die ernstliche Förderung der Chaluzbewegung, die Förderung der Palästina-, sonds, die Gründung einer Geschäftsstelle für Inge nldan ge le.genh eit eu, insbesondere für Jugend- Leratung, sowie die ernstliche Förderung des hebräischen Schulwerikes zu danken. Die EröfjnungGtzung wurde in vorgerückter Stunde geschlossen. Die zweite Sitzung findet heute um halb 10 Uhr vormittags statt. * Amtsdirettoren bei der Wiener Kultusgemeinde. Der Vorstand der JsraelitWeu Kultusgvmeinde hat in seiner letzten Sitzung' beschlossen, in Anbetracht der Entwicklung, welche die Verwaltung der Kultusgemeinde seit der vor drei Jahrzehnten erfolgten Systenrisieruug der Aemier und Dienstposten genommen'hat, das Sekretariat der Zentrale in „Amtsdirektion" umtzubenennen und den ersten Sekretären Dr. Emil Adler und .Guido Fuchsgelb den Titel „AmtZdirektor" zu verleihen. * Aenderungeu im Autobusverkehr. Bon Dienstag an wird die Linie Schwedenplatz—Olper bis Mr Stadtbahn station Karls platz verlängert. Im Nacht- Verkehr gelten von Dienstag an auf allen Linien folgende TeilstreckengreWsn: Stchhansplatz, Ring oder. Kai, Gürtel, WinkelMannstraße (Linie Hietzing). Der Fahrpreis für eine Teilstrecke beträgt für einen im Wagen gelösten Fahrschein Lg G r o s ch e n und für VorverkausSsahrsHeme 18 G r o s ch e n. Gleichzeitig wjrd auch die Autobus-NachLinie Stephansplatz— Hernals bis zur Wattgaste verlängert und die Linie Praierstern >-Südlbahnhof über die Favovitenstraße Mihrt. Was man auch immer spricht nnschreibt» Zigaretten-papisr „OLLESCHAU“ bleibt Wiener Morgenzeitnng_ Vom Werüreur. Gin, Mßtrnnensantrag gegen Minister SevevMg. Berlin, 16. Oktober. (I. T. A.) Die Fraktionen der Deutschnationalen und DeutsHvölkischen im preußischen Landtag haben ein Mißtrauensvotum gegen den' Minister des Innern, Severing, eingebracht. In der Landtags'sitzung am Mittwoch den 14. d., abends, begründete der deutschnationale Abgeordnete Milberg das Mißtrauensvotum seiner Fraktion und führte u. a. an, Minister Severing sei für die „hemmungslose Einwanderung aus dem Osten" verantwortlich. Minister Severing erwiderte in sehr energischer Form auf die Angriffe und sagte n. a.: Herr Milberg behauptet, daß hemmungslos die Einwanderung aus dem Osten zugelassen wird, und nennt dabei Bar mal und Kutisker. Barmat hat seine Geschäfte schon im kaiserlichen Deutschland begonnen. Hemmungslos sind Ausländer gerade in der Kriegszeit von der Heeresleitung, nach Deutschland gebracht worden, und hemmungslos worden in jedem Jahr Ausländer durch Kreise hereingelassen,- die den Herren auf der Rechten politisch nahestehen. Statt den deutschenLandarbeiter n menschenwürdige Lohne zu zahlen und deutsche Arbeiter anzusiedeln, bestreben sich die Herren vom Landbund, daß das Einwandevüngskontingent für polnische Landarbeiter, das aus 130.000 festgesetzt worden ist, erhöht wird. Severings Ausführungen machten starken Ein? druck. Dinter mit dev Reitpeitsche.v Weimar, 16. Oktober, Im thüringischen Landtag griff der völkische Buchschreiber Artur Dinter die Regierung auf das 'heftigste au, weil sie die Tagung der deutschen Sektion der Internationalen Frauenliga begrüßt hatte. Ms ist dies dieselbe Bereinigung, die in Innsbruck vor drei Monaten beschimpft worden war.) Dinier erklärte, daß „diese Weiber die Reitpeitsche verdienen". Der Verleumder Streicher. München, 16. Oktober. (I. T. A.) Das Amtsgericht Nürnberg verurteilte den berüchtigten Radauantisemiten, Landtagsabgoordneten und Stadtrat Julius Streicher zu zwei Monaten Gefängnis und zur Tragung der Prozeßkosten, weil er m seiner Zeitung ,/D e r Stürmer" schwere Borwurfe gegen die Nürnberger Rechtsanwälte Dr. Cohn und Dr. G a I l e u e r erhoben hat. Der von Streicher versuchte Wahrheitsbeweis mißlang vollständig. Bewährungsfrist wurde dem Verurteilten nicht zugebilligt. „Ehrlose Lüge und Verleumdung." Berlin, 16. Oktober. (WoW In der Sitzung des preußischen Landtages kam. es zu. MemuZwischenfall, als der nationalsozialistische Abgeordnete G i e s e l e r im Verlaufe seiner Rode erklärte, es sei ein unerhörter Vorfall, wenn der Minister Hirtsiefer schwer betrunken in zwe i felhafte rDamengesellschast a u f d e r M a r i a h i l s e r.st r a ß e i n W i e u angetroffen worden sei. -Auf der Linken und in der Mitte erhob sich daraufhin Lärm, der andauerto, so daß die weiteren Ausführungen des Redners, die sich hauptsächlich gegen -den _18. Oktober IW_Seite 8 Kennen Sie schon d i e g r an d i ose Wirk un g dtt 9 Dima o ♦fratizbranntwin. Jeder Gesunde und jeder Kranke wird es Ihnen, bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch DIANA Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird Ueberall erhältlich -Franzbranniuein - Produktion-Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Eng rthstrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Minister Severing richteten, zum Teil verloren-. gingen. Unter stürmischem Beifall der Linken und der Mitte und unter großem Lärm auf der Rechten erklärte Minister Hi rtsiefer, die Behauptung Gi.eselers sei eine ehrlose Lüge und Verleumdung. Der jüdische Innenminister Deutschlands. Bor wenigen'Tagen ist in Berlin, wie berichtet, Professor Dr. Hugo P r e u ß, derfrühere Reichsinnenmmister 'und Schöpfer der Verfassung der deutschen R e p u b. I »t k, gestorben. Die Berliner „W e l t a m M o nt a g" widmet diesem von den VMschen mit ihrem vollen Haß verfolgten Politiker folgenden Nachruf: ,^DieTragikdiesesbedeutenden Mannes war sein Judentum. Als Einjährigerhatte er eine so glänzende Stellung in seinem Regiment, daß seine Vorgesetzten ihn gerne zum Reserveoffizier eiwgegchen hätten. Aber — er war Jude! ,Können Sie diesen kleinen Uebelstand nicht abstellen?" ftagte ihn sein Rittmeister. „Nein!" antwortete Prcuß und war damit ausgeschlossen von dem schwindelnden Glück des Leutwntsdaseins. Als Privatdozent überschattete er alle seine Kollegen. Er war der beste Kenner des VerwältungsrochteL in ganz Deutschland. Aber ordentlicher Professor an der Berliner Universität konnte er nicht werden. Für diskrete Hinweise von Vorgesetzten, ob er sich nicht taufen lassen will, hatte er Mr ein Achselzucken. Dieser in religiösen Dingen ganz freidenkende Mann war zu stolz, sich das berühmte Heiiwsche „Entreebillett zur europäischen Kultur" durch einen Mt der Gesinnungslosigkeit zu erkaufen. Die Revolution väumte für ein paar Wochen mit den Religions- und Rassenvorurteilen auf. Preuß wurde kannst du verlangen, schrie er, daß ich das alles aufgeben soll vor deiner Parteiweisheit! Ich gehöre zu keiner Partei, oder doch mir'— schloß er lachend — zu meiner Partei." Im Laufe des Jahres schrieb er bekanntlich das Buch dennoch und brachte mir - triunchhierend das MaMskript mit den Worten: „Lies, und bleibe deiner Sinne Meister! Es ist außerordentlich!" Ich blieb meiner Sinne Meister und nannte das Buch leer und bloß ärgerlich. ,Aer?!" sagte er erstaunt. „Ja, leer und ärgerlich, weil es sich in bloßer Polemik herumtummelt und keine eigentlich Heinesche Welt aufrichtet. In der Mitte wenigstens, schloß ich, müßte ein Berg stehen Heinescher Weltanschauung, welcher die Börnesche Welt überragt." Zu dieser Kritik schwieg er verdrießlich und ging fort. Freundschaft. Aus einem Palästina-Tagebuch. Von Otto Mbeles. Mi Bruder meines Reisegefährten kehrte spät aus der Kriegsgchangenschast zurück und ging unverzüglich nach dem Emek. Er IM dort das vierte Jahr in der nämlichen Kwugah als Feldarbeiter, Bäcker, Kmscher. Jetzt begleitet er uns durch das Land und: ich genieße schon seit Wochen seine Gesellschaft. Er Hjat den schweren Schritt, die Einfachheit, die Ruhe des Bauern,- hört uns stmchenlang zu, wenn wir — oft recht leidenschaftlich — unsere Meinung austauschen. Sölten unterbricht er uns. Es ist eine kurze, prägnante RichtiAellung, eine sachliche Bemerkung, eine sanfte Belehrung. über Dinge, die er besser versteht. Er hat Freude an guten Sachen, an einem Glas Wein, wie ein LaNdmann,. der; gelegentlich in die Stadt kommt. Aber das Leiben in denHotels, Pensionen, Gastwirtschaften, verwirrt, bedrückt ihn. Und wo er die Möglichkeit hat, Arbeitsgenossen aufznfnchen, verschwindet er. Soweit es tunlich ist, ohne unser Reifeprogramm zu stören, denn er ist ein zarter, taktvoller'Mann. Wenn wir vom Nachmittagsschlaf erwachen, wenn stwir-uns'des Morgens zum Frühstück «setzen, komm er socken zurück. Er war bei seinen Leuten. Durch-die Beobachtung seiner- -brüderlichen Beziehungen zum'Menscheil des neuen Jischuw, wo immer sie in Erez Israel leiben und wirken, lernte ich den Pioniet kennen. Näher, eindringlicher, untrüglicher als durch das „Kiebitzen" in' den Gemeinschaistsbaracken, auf Baugründen, in Werkstätten, am Acker. » - - Daß Juden physisch stark uu>d mntiig, avbeitstüchtig und ackeüs'srch, genügsam und beischeiden, dabei geistig regsam und kultuchungrig sein können — dies alles «trotz einer grausamen Entwicklung, welche der Hochzüchtung und Bindung solcher Qualitäten seiMich war — habe ich in Europa häuifig außerhalb, seltener innerhalb des Großstadtsnidentum-s zu schen Gelegenheit gchÄbt. Daß aber der Einwand: ^Werden Sie sich dort Vertva-gen?" (oft hämisch und gedankenlos, ojft, weil man den billigen Einwurf fnst Wr Hand hat, selten, ganz seilten aus der Fülle der Lckenserfahvung geschöpft und aus ernstlicher Besorgnis vorgebracht) in allen Fällen inchr als ein Körnchen Wahrheit enthält, ist zMgcken. Die Gejagten, Besudelten, durch Argwohn Irritierten, zornig Beobachteten können in solcher Beufassnng, in solcher Umgebung, in solcher Atmolsphäre nicht das Bild harmonischer Einheit bieten, nicht zur Gemeinschaft brüderlicher, duldsamer Genossen gedeihen. Nun — es läßt, sich nur in ein Meines, inhaltsschweres Wort schließen, das beglückende Erlebnis bei der Begegnung mit Menschen des neuen Jischuw in der Ebene Jesreel und in den galÄäischen Bergen, in En-Gamin und in den jungen Siedlungen auf denr Höhenkranz um Jerus'alöm: Sie sind einander verbunden. Bei rurseren Juden hierzulande und anderswo kennt man Affenliebe der Eltern zu den Kindern, Anhänglichkeit der Kinder an die Eltern, Mitleid mit Armen, Berantwortungsgösühl bei Katastrophen, die das Judeittnm wagen, und viel, schr viel Rührseligkeit bei allen freudigen und traurigen Anlässen. Bei. uns gilbt es bedingungslos, kritiklos Begeisterte und eiskalte, alles zersetzende Kritikaster; zynische Rechner und solche, die sich einer Zdee bis zur Selbstaufopstrunig hingebeu. Bei uns kennt man maßlose Bechimmelnng der einen und verächtliche Unterschätzung der anderen. Bei uns wohnt penetrante Rechchaberei neben uner>träglicher Ergebenheit. Und wo Gegensätze sichtbar werden, bilden sich Klüngel, denen der Kamipf Selbstzweck wird uud die gelegentlich mit der Vehemenz feindlicher Brüder aneinander geraten. Aber fast ausgeschaltet aus den vieilfAtigen Bezichllngen der jüdischen Menschen —- es soll den anderen Europäern nicht viel bester ergchen —7 ist, was sie, die dort hinkamsn üvd I Pionierdieust tun, über alle Gegensätze der Anschauungen, Veranlagungen, Triebe hinweg wundervoll vereinigt: Freundschaft. rir Ja, dieses Wort, idas anderAvo der Gvuß einer politischen Partei geworden (und als Parteigvuß entwertet ist) — der Chaluz dürfte den Chaluz also begrüßen und solcher Gruß wäre noch bezeichnender, wesentlicher als der Gvuß „Schalom!" Glaubt nicht, daß sie auch nur innechallb einer kleinen Siedlungsgemeinschast von zwanzig oder dreißig Köpfen eines Sinnes sind, daß sie alle gesells-chaifEich vevbunden bleiben. Räumlich oft von der nächsten Wischen Siedlung weit entfernt, auf sich selbst gestellt, zerfällt die Kwuzch (und die Sied-- lung der Einzelwirtschaster) in die kleineren und größeren Gruppen derer, die sich zusammenfinden. Und es gibt auch solche, die einschichtig bleiben. Aber diese natürlichen Absonderungen stören nicht die herzhaften Bezichungei aller zu allen. Du begreifst es, wenn du die bezwungene Namr sichst, welche die Pioniere im Gemeindrang und in Ge-stchren sur Lcken und Gesundheit sich dienstbar gemacht haben, die Steiuwälle, aus geführt aus den Blöcken, die man von den Feldem Wälzer: mußte, die Wastckläuse, unter Fickeranfällen aus todbringenden Sumpfen gewonnen; wenn du die Sovge um den Weinstock im Garten, das Rind im Stall wahrnimmst — Sovge,. die nicht bloß dem Erfolg, der Ergickigkeit des Werkes gilt, sondern im gleichen Maße aus Liebe zu Tier und Wanze erwuchs. — Die inbrünstige Arbeit an der GestaAung der Welt, die sie sich schufen, hat ihve Seelen entgiftet, hat ihrem Geist den Stachel der Bosheit genommen. Ein Netz von Freundschaft ist über die ganze Mffche Sicklung gespannt, verbindet die Arbeiter von Obergaliläa mit den Menschen des Emek, die Arbeiter im Jerusalemer Steinibruch mit den Er^bauern von Tel-Awiw und der Neustadt Haifa, hat den Jabloner Rebben von Nachlath Jaakob ebenso ein'bezogen wie den radikalsten Marxisten von Del-Jostef. Ich glaube daran, daß Evez Israel jüdisches Neuland ist, weil ich dieses edelste menschliche Gefühl so reich und stark wirken sah. 4

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