Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2390 (18.10.1925)
- Date
- 1925-10-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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J. % Wien. Sonnwg Wiener Moegenzeitung 16. Oktober Mö.Nr. «V Lyoner Seidenhaus mm* k^GMAst iwi., I »Kohlmesserg. 7 gegenüber Hotel Metropole) Welthaus fttr leldenscha s (itttlteftlcttr)elg. Erauinji Besichtigen Sie in ihrem Intcre se meint SchaufensterI VTICUB NHU Die Sehenswürdigkeit meine besonde s reduilerten Pretoe Deta 1 verkauf zu Qi iginaUEngrosprcisen Sech ßoeorno We Anftuchme Deutschlands in den Völkerbund. London, 17. Oktober. hHavas.) Die Blätter melden, 'bafe am 15. Dezember eine außerordentliche BoVerbundder- ItoMitaß zußi'imuentreteu werde, um die Aufnahme Dontschilands in den Völkevvund vorzunchimn. Die Verträge. Locarno, 17. Oktober. Ter diplomatische Mitarbeiter ber Agencc Havos teilt über die in Locarno getrosstneu MmachuMN.mit: In dem aus' zehn Artikeln beste he,Mn R heinPakt bringen die Signatarmächte den Wunsch zum Ausdruck, die Sicherheit der Nalione u, die in den Krieg v«rmicfellt waren, sowie die A ch t u u g v o r d e m Frieden mittels ergänzender Garantien im Nahmen der Mischen ihnen in Kraft stel^niden Verträge sowie des Völkerbundpaktes zu gewährleisten. Die Zignatare garantieren den territorialen Status g uo, die Unverletzlichkeit der Grenzen )wis che n Deutschland, Frankreich und Belgien sowie die Beibehaltung der e n t m i l i t a r i s i e rtenZone. Die genannten Nationen verpslichten sich, keinesfalls zu den Waffen zu greifen. Die einzigen Ausnahmen Mfccit die rechtmäßige Verteidigung im Falle einer flagranten Verletzung der vovstahenden Verpflichtungen und die Mion, die gegen einen Angreiferistaat au.f Grund eines Beschlusses des Völkerbundes oder der Artikel 15 und lg des Paktes eingeleitet wird, durch deren Amvendnug die Garantie zur Wirksamkeit gebracht «werden kann,' die Frankreich, Polen und die Tschechoslowakei sich gegenseitig für den Fall einer Verletzung ihren Grenzen gewähren. Alle j u r i st i s ch e n Konflikte «werden dem Haager Schiedsgericht, alle äveiteren- Meinungsverschiedeniheiten einem Schlich tu ngskom ite e unterbreitet. Der Pakt «wird weder dem Vertrag von V e r s a i l l e s, noch dem ErgänFungsabtommen, noch den Rechte,: und Verpflichtungen der Parteien, swveit sie Mit-, glieder des Völkerbundes sind, Abbruch tun. Er wird mit den vier angeglioderten «Schiedsgerichtsverträgen heim BL Herb und hinterlegt werden, hie britischen Dominions nicht verpflichten und erst nach dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund in Kraft treten. Frankreich und Großbritannien unterzeichnen weiters eine Erklärung, wodurch die Interpretation deS Artikels 16 des Völlkerbundpaktes dem Völkerbund überlassen wird und worin anerkannt wird, daß die von den Bölkerbundmii^liedSstaaten im Falle eines Angriffes oder einer AngriMdvohung verlangte Beteiligung in de«n Mitteln ihre Greiqe siniden muß. Schließlich unterzeichnen Frankreich, die Tschechoslowakei und Polen gegenseitige .Garantievertr.äg« und verpflichten sich, wechselseitig auf seiten derjenigen Macht zu intervenieren, die angegriffen werden würde. Diese Konventionen werden dem Schlußprotokoll nicht angeschlossen» doch wird ihrer darin Erwähnung getan. Ach diese Weise, ivenn auch nicht umnittelbar, wird Deutschland von diesen Mmachu-ngen. die dem Völkerbund e i n g e r e i ch t «werden, offiziell Kenntnis besitzen. Benesch über die Ergebnisse von Locarno. Prag, 17. Oktober. Ministerpräsident Dr. Benesch äußerte sich ach eine Frage des Korrespondenten des Tschechoslowakischen Preßbnreaus betreffend die Bedeutmig der Vereinbarungen von Locarno, die D i e n s t a g veröffentlicht werden sollen, unter anderem so'gendemioßen: Es müden unterfertigt einerseits der Rhe i „Pakt, andererseits vier Arbilrageverträge Frankreichs, Belgiens, der Tschechoslolvakei und Polens mit Deuts chland sowie der Garantievertrag der Tschechoslowakei und Polens mit F r a n k r e i ch. Der Rhernpakt kann als eines der wichtigsten diplomatischen Dokument« der modernen Zeit angesehen iverdeu. Bier Großmächte Europas verpflichten sich, in W e st- und dadurch auch in Ost cur o Pa keinen Krieg zuznl asse n. Der Völkerbund «wird durch den Eintritt Deutschlands neue Bedeutung erlangen. Rußland und die Vereinigten Staaten werden dies sicherlich in Erlväginntz ziehen, toenn auch nicht sogleich, so doch nach einer gewissen Zeit. Die Politische Lage hat sich dadurch mchreitig tvesentlich geändert. Der Krieg wird, ivenn er auch nicht beseitigt wird, w e n i g e r l e i ch t gemacht. Mag auch ein Unterschied zwischen dem Rhein- Pakt und den Ostverträgen bestehen, so ist doch aus den gesamten Verhandlungen klar ersichtlich, daß sämtliche Doku,mente der Ausdruck der Einheitlichkeit der Lage und der Ungete-iltheit der BechaMungen sind, daß ihre wechselseitige Erfüllung enge zusamineirhängt, daß der West Pakt indirekt auch Europa garantiert, daß er der tschechoslowakischen Republik integral alle ihre ursprünglichen Garantien wahrt Md denselben eine Reihe anderer hinzustigt, daß unser neuer Arbitragevertwg mit Deutschland als Bestandteil der Vereinbarungen von Locarno die moralische Garant i e aller übrigen beteiligten Staaten besitzt, gleichwie es auch von Bedeutung ist, daß England, Italien und Beldurch Off. HeMeein Entfettung-Tabletten Dfessibefl sind von bostvr Wirkung, ufeoefc»« Ge» sUHuwk, roiistladig mckUftÄ, steüsn daes hlaake, grsiitH fifur her, ohne Dtttmng oder Aenderanf der Ubenstnlse. Prompte Oewichtsehashme. Von VoaögesmdheiuMiat btviiligt Nr. 011 Heb Abtlhnntttd, KeüieSchllddrüie. Depott Apotheke „Zun Römischen Kaiser1, Wies,!., Wellzelle 13/4. gien die Garantie Frankreichs im RheiuPokt Unterzeichneten. Die Abreise der Delegationen. Locarno, 17. Oktober. Nachdem noch heute zu Ehren der Konserenzdelegievten ein AbschiedSbaukett vom Bürgermeister von Locarno veranstaltet worden war, bei dom Dr. Luther und Chamberla in sprachen, hat heute die Abreise der Delegierten begonnen. Die deutsche DBegation ist nachmittags aibgereist. Der polnische Außenminister Skrzynski trat ebenfalls nachmittags über Berlin die Heimreise an. Chamberlain und B r i a n d reisen erst morgen abends ab. Menbahnkatastrophe bei Pavia. Aus Rom wird gemeldet: In den heutigen Frühstunden ereignete sich bei Pavia zwischen den Stationen B re s c i a und O t t a r o n e ein schweres Eisenbahnunglück infolge Zusammenstoßes eines Güterzuges mit e inem Personenzug. Mn zählt z w ö l f T o t e und zwanzig B e r w u n bete. Nach weiteren Meldungen erfolgte der Zusammenstoß um Mitternacht in der Station B r e s s a u a, zehn Kilooueter von Pavia. Ein beschleunigter Personenzug. abends von Mailand nach Genua aibgchj und in der genannten Station zehn Minuten Aufenthalt nahm, wurde von einem ihm folgenden Lastzug überfahren, dessen Führer das Signal übersehen «hatte? Führer und Heize r des Lastzuges sprangen im letzten Augenblick ab und entflohen, so daß der Zug in voller Fahrt in den Personenzug hineinfuhr, dessen letzter Wagen vollständig zertrümmert wurde. Die in diesem Waggon befindlichen zwei Reisenden wurden schwer v e r l e»tz t. Am schwersten beschädigt wurden die beiden ersten Waggons, zwei Wagen dritter Klasse, die von Reisenden voll besetzt warm. ZwölsPersonen waren soforttot, 30 mehr oder minder schwerverletzt. Nach anderen Meldungen ist die Zahl der Toten bereits auf 14 g e st i e g e n. Die Toten und Verwundeten sind größtenteils Landarbeiter aus der Umgebung. Pettaftttas der 3hMi8tn>$efctitauiffcn dePmeM». Die erste öffentliche Tagung des Verbandes der Zio niM-Wv-stoniften Oesterreichs ist für den 89. d. «anbevaumt.worden. Gegenstand der Referate wird, wie uns mitgeteilt wird, neben organisatorischen und programmatischen Fragen auch die Stellungnahme zu den Vorgängen ist der österreichischen Zionistischen' LandesoMnisattou bilden. DeilnahmSbevechtigt sind alle Zionsten und Vertreter von Gruppen, die für die DüiMtzung des revisionistischen Programms in der Zionistischen Organisation eintveten. Anmeldungen von Teilnehmern nach Güsten sind bis 24. d. an das Vevbandssekretariat, 9. Bez., -Liechtensteinstraße 11 (Amtsstunden Montag und Mittwoch von 4 bis 6 Uhr, Donnerstag von 8 bis 10 Uhr abends), zu richten. Heinrich Laube über Hei«. Im Welt-Verlag (Berlin) erscheint demnächst unter dem Titel Heinrich Heine, Gespräche", eine Saimmirng von Briefen, Tagebüchern, Berichten von Heines Zeitgenossen, die Dr. Hugo Bieber gesammelt und zu einem guten MvsackbÄd der Persöck-ichikeit des großen Dichters zusammengesetzt hat, das bester ÄS viele Biographien «den Menschen «Heim zeichnet. Dank dem .freundlichen Entgegenkommen des Verlages sind wir in der Lage, ^schon jetzt aus dom Buche die nachfolgende interessante Charakteristik Heines zu bringen, die der bekannte Diener' Burgtheater- 'direkter Heinrich Laube in einem Brief an Varnhagen entworfen hat. lieber seine bürgerliche Beziehung zu Juden- oder Christentum hat Heine nie zu mir gesprochen. Auch nicht in vertrautestem Gespräche. Er liebte dafür einen romantischen Schleier. So hat er mir nie erzählt, daß er sich in Langensalza habe taufen lassen. Und dabei sprach er doch hundertmal über Eigentümlichkeiten .der Juden und Christen. Das tat er immer wie ein Neutraler, als ob es ihn persönlich gar nicht anginge. Er pries plötzlich einen Vorzug des jüdischen Wesens,. und er verspottete ebenso plötzlich einen Fehler desselben. Ebenso lobte und verspottete er nach verschiedenen Seiten das Wesen, des Christentums. Man konnte allenfalls daraus entnehmen, daß er weder dem Judentum, noch dem Christentum air-gehören wollte. Dabei konnte man nicht einmal an seinen Jugenderinmrungen merken, daß sie jüdische wären und daß sie wärmer atmeten. Wir hattten seit meinem Eintritt in die Schr-iftstellerwelt, seit 1632, also seit sieben Jahren, miteinander Briese gewechselt und tvaren uns freundschaftlich nahegekommen. Ich hatte kaum daran gedacht, daß er vom Judentum abstammte, das war mir, wie gesagt, gleichgültig. Jetzt erst in Paris durch Meyerbeer und die Rachel wurde 'mir die Frage beachtenswert. Sein Aeußeres hatte gar nichts vom jüdischen Rationaltypus. Er war jetzt vierzig Jahre alt und stand in voller Kraft der Entwicklung, körperlich wie geistig. Ganz wie ein französischer Abbe imttete er uns au. Eine Mittelsigur, fleischig und von seiner, rüsig angehauchter .Haut. Schr wohl geschnirtenes Antlitz mit zierlicher Nase, mit nicht großen, schalkhaften Augen, mit graziösem, sehr aus-- drucksvolldm Munde and braunem Haar, welches er halblang trug. Gr sprach mfA, meist in kurzen, vielstich witzigen Wendungen, welche ein sarkastisches Lächeln, zuweilen auch ein kurzes, helles Lachen begleitete. Der Äimmton lvar Tenor, ein strst hoher Tenor, tvenn er in längeren Reden etwas beweisen oder verteidigen wollte, und dabei steigernd die Stimme anstrengte. Sie «wurde indes nie zu hoch, nie zu dünn, wenn auch in ärgerlichem Affekte etwas scharf. Gewöhnlich zwang er sie dann selbst mch der Tiefe, weil er auch in erhöhter Stimmung gern abtvnend mit einem unerwarteten Sarkasmus schloß. Seine schöne.Harch -- er war überhaupt sauber — spielte dabei immer mit, und gerade in seinen geselligen Manieren hatte er etwas von einem französischen Weltgeistsichen, welcher sich mitten m der Lebhaftigkeit zurückhielt, innerlich aber zu lachen schien über seine Zurückhaltung. Sr war ganz Epikureer aus der ersten Kaiferze'ü Roms, den Stoizismus höhnend durch sehr menschliche ^Bemerkungen, und doch augenblicklich bereit, den schlimm lächelnden Dtund ernsthaft ftstzuhalien, sobald eine Weltfrage .berührt wurde, tvelche Poetisch aufgefaßt werden konnte. Augenblicklich war ^dann der jüdische Denker in ihm erweckt, und bei allem Epikureismus sprach er dann wie ein Geistlicher über die Geistesfreuden peinlicher- Enthaltsamkeit. Die Opferlust mit ihren geistigen Reizen erschien dann wie eine raffinierte Evweiterung epikureischer Grundsätze. Diese Opferlust hielt sich nur nicht lange auf in seiner Seele, -das lebenslustige Naturell vertrieb sie rasch. Beim Disputieren und beim Schreiben wußte er sie jedoch omzubringen als einen magischen Hintergrund. So steht er mir in der Erinnerung, halb Jude,' halb. Heide zur Zeit Casars, als keine Religion mehr Stich hielt und man sich doch sehnte nach dem geheimnisvollen Reiz irgend eines Kultus, stammte dieser auch von den wilden Parthern jenseits des Euphrat. Bei einem solchen Manne war durchaus irreführend, wenn man ihn nach politischen Grundsätzen beurteilte. In der Politik lag sein Schwerpunkt gar nicht. Wie sein Na- Poleonku'ltuS zeigt, welcher ganz unzeitgemäß war, hätte ihm wohl ein geniales Äaistrtuin a la Cäsar am best.'» zugesagt, unter welchem alle Tage ein Geniestreich ins Leben treten könnte, ohne von Kammern und Grundgesetzen behindert zu werden. Er fttmmte freilich denc herrschenden Liberalismus bei in allen' wesMichen Punkten, aber den Konsequenzen dieser Punkte entzog er sich Msach. Teils aus Schwäche, teils aus Stänke. Aus Schwäche, weil er eben ein Epikureer war, welcher sich vom Genüsse' nicht abhallen ließ durch ein Gesetz. Das Gesetz Hab' ich selbst gemacht, rief er dann lachend, ich kann's auch abändern oder, wie er im französischen Jargon zu sagen pflegte: ich kann's suspendieren, suspendieren! Aus StLÄr, weil er eine poetische Potenz war, welche über alle Schranken hiMUSdrängbe, um Eigenes, um Neues, um Unerhörtes zu veranlassen. Ich Mt es deshalb immer für ein Jrrefuhven, daß nmn stets Börne und Heine nebeneinander mnnte, als gehörten sie eng zu einander. DaS war gar nicht der Fall; sie waren grundverschiedene Leute. Für Börne war die Politik wirklich die Lebensfrage, das Ein und Alles, und der weiterfchweifende Heine mußte ihm bei näherer Bekanntschaft gründlich mißfallen. Das war denn auch eingetreten, nachdem sie eine Zeitlang nebeneinander gelebt hatten in Paris. Der redliche Parieimann Börne hatte sich entsetzt über den leich-tfliegenden Heine, und der poetisch trachtende Heine hatte sich gelangweilt und geärgert über den eng einherschreitmden Börne. Der Verkehr zwischen ihnen hatte völlig ausgehört, und mit Groll Über Heine tvar Börne gestorben. Jetzt, 1839, wollte nun Heine ein Buch schreiben über Börne. Davon sprach er mir. Ich fand das Wch und riet ihm dringend davon, ab. Der liberalen Sache konnte das nur schaden, und Heines Schilderung des BÜrneschen Wesens kam der Welt zurecht, wem sie in spateren Jahren erschien. Sie würde dann auch reifer und gerechter auftreten. Das war denn bald ein Gegenstand täglichen Streites zwischen uns. ' Heine war in solchem Streite niemals gröblich, ttte» mals unangenehm. Gr erfand immer große Gesichtspunkte, Riß man sie ihm nieder unter der Bemerkung, daß er ja selbst nicht an sie glaube, da lachte er wohl, beharrte aber doch zäh auf seiner Ansicht, auf seinem Willen. Er hatte sich das Thema einmal ausgebaut und an vielen Stellen geistreiche Wendungen hineingezrichnet, sogar gute Witze. Me