Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2390 (18.10.1925)
- Date
- 1925-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*fe* Wen, 'Dom,tag Wiener.' Mvvqen-eitung 18. sicher IM Nr. 23M ALTRENOMMIERTES UHRENHAUS | FRANZ WATZL | INHABER: FELIX MICHLOÄVITZ f, XVIII., SCHULGASSE 5 (NÄCHST VOLKSOPER' \\ Attentäter nach seinen Wahrnehmungen - einen j \U\ gen Mann von untersetzter Gestalt bezeichnet. Zeuge ULam gab ferner an, er habe von seinem Platz aus dem BEon aus Steiger davoneilen gesehen, doch sei dies nicht besonders auffällig gewesen, da nach dem Bombenwurf eine ganze Anzahl von Personen die Flucht ergriff. Interessant sind die Angaben des Zeugen Ulam dar- Aber, wie seine Mitteilungen, die er sofort der Lemberger Polizei " übermittelte/ von dieser behandelt wurden. Ulam teilte seine Wahrnehmungen den, Polizeimspoktor L ukomski persönlich.mit, gab ihm auch den Namen der Frau Franzos an; doch habe LukomÄi sämtliche Mitteilungen Ulams ignoriert! Erst viel später sei Zeuge und auch Frau Franzos ernvernommen worden. Bemerkenswert ist auch die Angabe des Zeugen Ulam, daß er, als er bei der Polizei erschien, gerade dazu kam, wie der die Untersuchung führende Polizeikommissär Kajdan zu einer Frau, welche die Pasternak gckwesen sein dürfte, in drohendem Ton sagte, sie hatte nun schon dreimal ihre Aussagen geändert. Wie . sich, heute, heraussiellt, scheint sich die Uebevzeugung . der Zeugin . Pasternak, seither entschieden gefestigt zu haben. Nachdem noch das Dienstmädchen Marta Ma j st r u k als Zeugin vernommen worden war, deren Aussagen jedoch nichts wesentlich Neues brachten, wurde der fünfte Perhandlungstag geschlossen. Der heutige sechste Berhandkmgstag brachte in den, Prozeß, der eine Kette von Sensationen darstellt, bald nach Beginn die tägliche Ueberraschung. Der erste Zeuge des heutigen Tages war die Klara Marksamer. Diese hatte bei der polizeilichen Untersuchung angegeben, daß sie in dem Momente, als die Bombe f geschleudert wurde, einen Hellen A e r m e l bemerkte. Bei der Verhandlung vor dem Standgericht hatten sich ihre Wahrnehmungen bereits so weit verdichtet, daß sie damals mit Bestimmtheit erklärte,.Steiger sei mit demManne, de r d i e B o mbe w a rf, identisch! Heute gab sie eine Aussage ab, die in d i r e k t e m W i d e rspruch zu den Mitteilungen vor dem Standgericht steht und auch mit ihren AngaÄn bei der Polizei nicht übereinstimmt. Der Staatsanwalt erhob nun gegen die Zeugin, die unter Eid ausgesagt hatte, die Anklage wegen Meineides, und Klara Marffamer wurde im Gerichtssaale verhaftet. Diejer Borfall hat ungeheures Aufsehen errege Die Weite Sensation des heutigen Tages mar die zweistündige Rede des Verteidigers Dr. Landau, .»er über den Gang d e r U n l e r s u ch u n g in diesem Prozeß aufsehenerregende Mitteilungen rmachte. Dr. Landau wies darauf hin, daß während der langen 13 Monate, welche die Untersuchung gegen Steiger tvährte, alle Momente, welche ans einen anderen Kreis hinwiesen, in dem der Attentäter vom ö. September 1924 zu suchen wäre, ignoriert wurden. Alles, -was von außerhalb der Grenzen über das Attentat und den Attentäter gemeldet wurde, blieb unbeachtet. Es wurde mehrfach aus dem Auslände, besonders ans Deutschland, gemeldet, daß das Lemberger Attentat von einem Ukrainer ' verübt wurde. Diese Meldungen, welche durch eine Reihe .wichtiger Tatsachen gestützt waren, wurden einfach nicht zur Kenntnis genonPren. Unter ungeheurer Bewegung aller ZuhörÄ berichtete sodann Dr. Landau über die (von uns eingangs wiedergegöbene — Die Red.) Berliner Meldung über den Ukrainer Olschanski und tellte mit, daß die Angäben über OWrnM bereAs vor einem Jahre den Lemberger Behörden zur Kenntnis gebracht wurden, ohne daß diese Erhebungen darüber eingeleitet ihätteen. OkschansA habe, wie Dr. Landau weiter ausführte, bei dem Attentat anscheinend einen Komplicen gehabt. Dieser Komplice der Ukrainer, Josef Bundera aus Strhj, befindet sich gegenwärtig in Wien. Er hat bei der Wiener Polizeidirektton das Geständnis abgelegt, daß er an dem Attentat von Lemberg persönlich beteiligt war. Auch diese Spur — führte Dr. Landau weiter aus — sei den Ämberger Polizeibehörden bekanntgegeben worden. Der Verteidiger stellte anschließend an diese Ausführungen eiste Reihe von Anträgen auf Erhebung der Polizeiipvotokolle Über die von ihm mitgeteilten Tatsachen. Der Staatsanwalt opponierte... Datz. Gericht, behielt sich bic Beschlußfassung vor. Die Darlegungen Dr. Landa-ns bilden das -Tagesgespräch von Lomberg. Sodann wurde die Einvernahme der Zeugen fortgesetzt. Es wurden die Zeugen Simon Epstein, Wojziech B i l (Wachmann .det Lemberger Ktaatspolizei), Alois Later und andere einvernMlNien. Ihre Aussagen bot^n nichts,wesentlicheNeues, sind zum Teil für Steiger entlastend, da keiner von den Zeugen in Steiger mit Bestimmtheit den Attentäter erkennen konnte. Die Verhandlung wurde sodann aus Montag vormittags vertagt. _ Kelzm»»» Reuttanbiim. -y. Wien. 18 Oktober Das Memorandum der Zionistischen Exekutive über die Entwicklung des jüdischen nationalen HeimS ist dem Genfer Generalsekretariat übergeben worden. Das Schriftstück mußte durch den Oberkommissär Palästinas übermittelt werden, gemäß den bezüglichen Satzungen des Völkerbundes, wonach Beschwerden, Wünsche und Eingaben in Mandats- und auch in Minoritätsfragen nur durch die betreffende Mandatsmacht oder Staatsregierung vorgelegt, werden können. Diese Bestinunung ist ein klarer Widerspruch gegen den Sinn und Zweck des Völkerbundes. S,e unterbindet den direkten.Verkehr. Abersie. besteht nun einmal. Die Zionistische' Exekutive iibt: ihre .Kritik ent diesem Zustand und verweist aus die nationale Konstruktion des jüdischen Volkes, das in allen Staaten der Welt lebt. Das muß zu einem Rechtskonflikt führen, und es ist zu begrüßen, daß Präsident Weizmann ün seinem Schreiben an Lord Plurner, 'dessen Vorlage an: die Mandatskommission er verlangt, auch in dieser Frage Klarheit durch die Ausstellung fester Regeln fordert. Das Memorandum, das; in sechs Abteilungen das. gesamte Gebiet der zionistischen Palästinaarbeit behandelt, wird seinen Eindruck nicht verfehlen können. Es hat Haltung und Würde. Die Zionistische Exekutive, die Leitung einer Weltorganisation polemisiert nicht. Sie greift niemanden an, nimmt keine Entkräftung von Beschuldigungen vor. Sie läßt die Tatsachen und die Ziffern aufrücken. In diesen Angaben einer sachlich-trockenen Darstellung rauscht das Blut einer Nation, alle guten Wünsche "klingen durch diese eindeutigen Sätze. Aber gerade durch das Unterlassen jedes Abgehens vom Thema wirkt das Memorandum. Hier spricht die Arbeit, die Leistung eines von Armu^Haß und Verfolgung geplagten Volkes, daß. alle geistigen und seelischen Kräfte in Bewegung setzen will, um sich eine neue Zukunft zu bauen. Die jüdische Einwanderung ist in dauernden gleichmäßigen Anstieg gekomnien, die Auswanderung kaum mehr nennenswert. Brachboden ist ausgeschlossen, die landwirtschaftliche Siedelung verstärkt worden. Sanitäre Fürsorge, Hypothekenwefen, Krankenkassen, industrielle Organisation — alles ist geordnet, vor'geführtl Prüft man diese Angaben an der Hand des britischen Weißbuches, so zeigt sich eine bis ins Detail gehende Uebereinstimmung. Dadurch erhalten die von der zionistischen Seite mitgeteilten Ziffern eine in diesem Augenblick und bei dieser Gelegenheit sehr erwünschte Bekräftigung. Sie bestätigen, daß die zionistische Bewegung alles nur auf die Kraft des Judentums stellt. Die Erklärungen, die Pendent Weizmann im Wege seines Briefes an Lord Pln^er sür die Adresse der Mandatskommission abs .sind von seinem Memorandum ennt. Sie vesassen sich sehr stark mit der politischen Seite der Acandalsfrage. Die ständige Kommission, die im Borjahre aus juristisch-formalistischen Gründen die Einsicht in die zionistischen Berichte unterließ, hat nicht davon Kenntnis nehmen können, tvas schon damals an Resultaten positiver Arbeit vorlag. Sie ist aber durch dieses Verhalten auch verhindert worden, ihre Aufgabe zu erfüllen, die in der Prüfung der Durchführung des Mandates liegt. Deshalb erinnert das Memorandum nachdrücklich daran, daß die im Artikel 6 des Mandates ganz klar aufgezählten Verpflichtungen nicht erfüllt sind, weder bezüglich der Staats¬ und Brachländereien noch bezüglich der Konsolidierung der jüdischen Siedlung. Am schärfsten zeigt sich dieser Mangel im Ausbau des Schulwesens, wo die aus öffentlichen Mitteln gespeisten arabischen Anstalten gegenüber den jüdischen den Vorzug erhalten. In dieser Kritik greift die Exekutive einerseits auf die in der ersten Zeit nach der Okkupation Palästinas von den damaligen Vertretem der national-wirtschaftlichen Aufbauarbeit vorgetragenen Vorschläge zurück, andererseits aber nimmt sie die Anregungen des letzten Kongresses auf. Seine Debatten waren doch nicht so unfruchtbar, wie dies so gerne und so oft gesagt wird, und die von der Opposition aufgestellten kritischen Forderungen erfahren hier ihre Beachtung. Wer dieses Memorandum und das britische Weißbuch liest, der erkennt aber auch den schamlosen Betrug, den die europäische demokratisch angestrichene Giftmischerei mit ihren Behauptungen von der Unterdrückung der Araber, von ihrer Expropriierung durch die Juden verübt.' Die Juden haben, wie angegeben wird, die riesige Summe von einer halben Million Pfund ins Land gebracht (eine Ziffer, die sicher viel zu niedrig gegriffen ist), sie schließen das Land auf/ihre, fliegenden Sanitä komm stionen rotten Trachom und' Malaria aus, ihre Arbeiter legen die Sümpfetrocken/, binden die Dünen und schaffen Wälder. Ans. ..dens Steuergeld der Juden erhn-n'n die indischen Schulen ' nicht einen Penny, dagegen leben die arabischen von den allgemeinen Fonds. Trotzdem wird überall in den Ländern, die ihre Minoritäten nur als Melkkuh gcljän lassen, das Lied von dem jüdischen Krieg 'gegen.die Araber gesungen. Trachom, Malaria, Kindersterben nlid Tuberkulose waren arabisches Rationaleigentunr, als das Land türkisch war und die europäische Pogroms Demagogie noch nicht ihr Herz dafür entdeckt hatte! Heute arbeitet der Zionismus. Was er leistet steht sicherlich im Gegensatz zu dem, was die cnropäischert . Staaten gegeneinander tun. Darum das große Geschrei. \ Und darum ist es gut, daß Weizmann nobles Memo- 'randum die Wahrheit',ansspricht und daß England sie : bestätigt.;_ Ser MinorMenlongreß beeMt. Das kulturelle De 1b stbeftimmungsr r cht. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Genf, 17. Oktober. Ter erste Kongreß der nationalen Minderheiten Europas «hat gestern seine Beratungen b cendet. In der: letzten Sitzungen «wurde die Frage des kulturellen SÄbistbestimmungsvechtes der Minoritäten behandelt. Der jüdische Abgeordnete im leitländischen Sejm Nurok (Riga) erklärte, der Vorwurf, die Minderheiten wollten als ein Staat int Staate betrachtet werden, sei ungerechtfertigt. Die Mindertheiten tvünschen nur, daß ihre kulturelle "Autonomie im Nahnten de's Staatsganzen anerkannt «werde, Wie es in Estland der Fall fei. Estland ihaibe ein Autonom leg esc tz für die Minderheiten angenommen, welches das Sekretariat des Völkerbundes. in seinen Veröffentlichungen bekannt-gegeben häbe. Der find is che Abgeordnete aus Litauen Dottor Robinsohn meint, daß das kulturelle Scilbst-' 'bestimmungsrecht die praktische Kvniseguenz des Prinzips der Toleranz sei. Es Ivevde nicht leicht sein, dieses neue Pritthip in den verschiedenen Staaten durchzufichrm. Vielfach werde man den Minderheiten antworten, so etwas sei noch niemals dagewesen. Aber eine derartige Staatenordnung, wie sie der Versailler Vertrag geschaffen ha'be, sei auch noch nie Lagewesen. Zu der Frage des kulturellen Selbstbestinimungsrechtes wurde folgende Resolution angenommen: „In den Staaten Europas, in deren Grenzen auch andere Volksgruppen leben, soll jede nationale Minderheit berechtigt sein, in eigenen öffentlich-rechMcheu Körperschaften, die den lbesonderen Berhälltnissen eines jeden Staates angepaßt sind, ihr Volkstum zu Pflegen und zu entwickeln. In diesem Recht der Selbstverwaltung erblicken die Delegierten den Weg, w. die loyale Zusammenarbeit aller Minder- und Mchr- 'heiten zu sichern und gleichzeitig die Beziehungen der Völker Europas untereinander zu bessern." Der Kongreß nahm ferner unter anderem folgende Entschließung an: „Da ein Friede in Europa nur unter der Voraus- .setzung des Willens zu einer wiMchen Verständigung zwischen den Nationalitäten möglich ist, wivd der Völkerbnnd aufgefordevt, entsprechend seiner klar formulierten Aufgabe und sin Sinne seiner Erklärung vom 21. Dezember IM sich besonders eingehend m i t der Lösung des Problems der Minderheiten zu befassen Änd die in den Resolutionen sovmuliertcn Rechte der Minderheiten zu sichern. Es ist der feste Wille der orgLnisterten nationalen Grnppen Europas, nach Möglichkeit ihrer Kräfte beizusteuern, daß der Völkerbund dieses Ziel erreichen kann." Sodann wurde der Kongreß geschlossen. Nächstes Jahr findet eine zweite Tagung statt, zu deren Vorbereitung Las gleiche Bureau beauftragt wurde wie Heuer. Das Komitee wurde überdies ermächtigt, sich durch Vertreter anderer Minoritäten ergänzen zu lassen. Sie ~ " in Der Tschechoslowakei. Am 18. November. Prag, 17. Oktober. (Tschecho-slow. Pveß-Bur.) Mch einer Kundmachung im Amtsblatte hat das Ministerium des Innern die Wahlen in die. beiden Häuser der .Nationalversammlung auf Sonntag den 18. Neve m be r angesetzt. 44 I1.,Lab-kftr>heM Mi 061219 64