Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2388 (16.10.1925)
- Date
- 1925-10-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2388 Wien, Freitag —-..—-------' --—- - ----- Reue AHrffe «egeu Nr. MaW Der 'Blkd-eÄüÄschuß setzte gestern Vie Spezialdebatte über das,, 'Kapitel ,>Bundes Kanzleramt" des BndgetenÜvurfes für 1926 fort. Die Sozin'idemvkr-aten wiedecholten ihre Angriffe g e g e n den A u ß e tt* nt inister Dr. Mataja, auf dessen Rücktritt' sie anscheinend 'beharren. Mg. A u st e rlitz erging sich in einer langen Polemik gegen die letzte Rede des Außenministers und behauptete, daß Dr. Ma ta ja schuld daran sei, daß das Verhältnis zu Deutschland absolut k ü h l und gleichgültig geworden ist. Er erinnerte an den Plan der italienischen Regierung, sich in Locarno die Brennergrewze garantieren zu' lassen. „Hätten wir einen Minister des Aeußern",«sagte er, ,^u dem die Deutschen Vertrauen haben könnten, so wäre nichts natürlicher gewesen, als daß er sich mit den deutschen Ministern berät, ehe sie nach Locarno gehen. Melcher deutsche Minister wird aber den Dr. Mataja über die letzten Ziele der deutschen Politik in Locarno informieren wollen, wenn er Gefahr läuft, daß morgen der französische Gesandte davon erfährt? Der auswärtigen Politik eines Ministers, mit dem die Opposition nicfyt zu verkehren, vermag, kann die Opposition nicht die gering'!e Konzession machen." Er warf dann Dr. Mataja vor, daß - er durch sein Verbleiben im Amt die internationale Position Oesterreichs außerordentlich erschwere, weil man im Ausland schon wisse, daß die Sozialdemokraten mit ihm den Verkehr abgebrochen haben. Dr. Eisler besprach den bevorstehe nden Friedensschluß bei der Alpinen, der durch eine Kohlenauflage ermöglicht werden soll, deren Ertrag zur Deckung der verminderten Zuschüsse der Alpinen zu den Brnderladen dienen soll. Diese Kohlenauflage solle pro Tonne S t e i n k o h I e 3 0 und p r ö Tonne Braunkohle 2V Groschen betragen, was bei einem Kilogramm Steinkohle 3 Heller und bei einem Kilogramm Braunkohle 2 Heller ausmachen werde. Bundeskanzler Dr. RameI wies die Vorwürfe gegen M a t a ja zurück und teilte mit, daß der. Minister des Aeußern bald im Ausschuß erscheinen und sich selbst zum' Gegenstand äußern werde. Bis zum Erscheinen Dr. Matajas wurde die Sitzung unterbrochen. Dr. Mataja, den die Sozialdemokraten wiederholt in Zwischenrufen aussovderten, zu demissionieren, meinte, zu einer derartigen Konsequenz sei weder für ihn noch für die Regierung ein Anlaß vorhanden. Tie Sozialdemokraten mögen erst ihre Vorwürfe konkretisieren und ihre Bchauptungen beweisen. „Das «wäre eine schöne Situation", meinte er, „wenn ein Minister deshalb gehen würde, weil er ungerecht angegriffen wird." Dann behauptete noch emmal Austerl i tz, daß Marajas Politik in Deutschland Argwohn erwecke und daß Man ihn dort als einen Feind Deutschlands ansehe.- Dr. Mataja ließ 'aber d'.-ese abermalige Anrempelung unbeantwortet. Bor dem Friedenschlnh bei der A p'nen. Heute finden in Donawitz Versammlungen der Arbeiterschaft der Alpinen Montangesellschast statt, in welchen die Streikenden die entscheidenden Beschlüsse über die Annahme oder'Ablehnung der Regierungsvorschläge fassen werden. Nationalr-at Domes und Gemeinderat Stein reiften heute nachts nach Donawitz, um in den morgigen Versammlungen der streikenden Arbeiterschaft über die Verhandlungen zu berichten. Nationalrat Domes hat in den gestrigen Verhandlungen erklärt, daß die Vermittlungsvorschläge der Regierung unzureichend sind. Die Arbeitewertreter halten sich aber zur Ablehnung dieser VermittlungsvorschlLge nicht für berechtigt und könnten auch die Verantwortung hiefür nicht übernehmen. Der Vermittlungsvorschlag lauter: Die Arbeiter, deren Gesamtverdienst unter 120 Schilling beträgt, erhalten Lohn- Zulagen in der Höhe von 10s Prozent, die Arbeiter mit einem' Monatseinkommen von 120. bis 175 Schilling LchnerhöHungen Won 5 Prozent. Sobald die von der Regierung verlangten Maßnahmen eine weitere .Besserung in der Rohstoffindustrie herbejsi'chren, echalten die Arbeiter, die ein Monatseinkommen von 175 bis 2 0 0 SchilIing halben, eine äprozentige Lohnerhöhung. Es kaust mit ziemlicher Bestimmtheit, damit gerechnet werden,. daß die Streikenden den Bevmit-tlungsvorschlag annehmen und daß Montag die Arbeit wieder ausgenommen wird.. ' - Ler Brand in der f ruckerei ver „Wiener Wrgenzeilnng". Wie schon im gestrigen Morgenölatt berichtet, ist in der Nacht, auf. Donnerstag in der' Druckerei der Ignaz Sie inmann-A.-G., in «welcher die „Wiener Morgenzeitung" hevgestellt wird, in einem Kellevlokal ein Brand entstanden. Der Stadtschutzmann Brey sah um etwa einriertel 12 Uhr. Rauch aus dem Keller dringen und verständigte' die- F e u e r w e h r. In dem Abteil waren Papi e x.ahfwl'le aufbowahrt, und der Rauch, den die brennenden Abfälle entwickelten, war derart dicht, daß die Arbeitest der. Druckerei die Arbeitsräume zeitweilig verlassen mußten und daß die Feuerwehr nur m i t Ra nchmasben-in .den Keller dringen konnte. Sie arbeitete sieben' Viertelstunden an der Bekä-mpsmtg der Flammen, die einen. Schaden von etwa 700 Schilling angerichtet haben. '•'• ■■ : -; -Fm Keller -war am Mittwoch, -ein/Teil der P-apierabfälle wegge schafft worden; wahrscheinlich hat dabei jemand eine brennende Zigarette oder ein Zündholz achtlos weggoworsen. .... V Wiener Morgenzeituns 16. Oltober 1926 Sette» 8er Zensationsprozeß am 22. L (ober. Aus Iglau wird uns berichtet: Am 22. Oktober wird vor dein Schwurgericht in Ig.än der Prozeß Men die Trebitscher Massenmörder beginnen. Angeklagt sind: Josef Feit, Karl und Anna D,v o ra c e k, J?sef K u n st, Johann Fett jun. und seit., Thomas Masek -und Joses Km-ent. Ihre zu Beginn des heurigen Iah,res ausgedecki-en Mordtaten haben die Oeffentlichkeit lange beschäftigt. Die Genannten hattett in ihre Wohnungen in der Verlassenen K o h n s ch e n M ü h l e vermögende jüdische Flüchtlinge aus Galizien gelockt, sie in bestialischer Meise ermordet und. beraubt, worauf «sie die Leichen zerstückelten und die Teile in -den Fuß -warfen. Diese Tatsache ist durch G e ft ä n d n i f s e einiger Angeklagter bereis bestätigt. Karl^Tv-oracek gestand, daß n e u n Flüchtlinge auf diese Art ermordet worden seien. Der Bande fällt weiter die Ermordung der Brüder B a r t o l o m e j und des Matthias P o l i c k h zur Last, deren Leichen unweit der Müh e in einem vorher gegrabenen Loch unterhalb einer Turbine von den Mördern beerdigt wurden. Der Prozeß wird fünf Tage dauern. Die Anklage umfaßt 31 Seiten. Die An-'ekla-gten sind teils geständig, te.ls versuchen sie, die Angaben ihrer Komplicen a's pure Erfindungen hinzu stellen. Den Vorsitz wird Oberlandesgerichtsrat H a m m e r führen, die Auk'age Staatsanwalt Dr. Z n o j o m s k y vertreten. Bisher sind zwei V erleidiger namhaft gemacht worden. Ein dritter Reknitz-Pro-eß? Aus G r o ß w a r d e i n wird uns geschr'eben: Das Schicksal des vom Gerichtshof in Szatmar rmd der Tafel itt ,G r o ß wa r d e i n wegen ntehrfachen Mordes und Raubmordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Jakob Reinitz ist noch immer nicht hossnungslos. In der allernächsten Zeit soll er schon als Häftling in die gefürchteten rumänischen Salzbergwerke abgchen. Die Entscheidung des Obersten Kassationsgerichtshoses in Bukarest kann aber noch neue Ueberraschungen bringen. Die Verteidigung bereitet sich in diesem geheimnisvollen Prozeß zu einer allerletzten Offensive vor und der Großwardeiner Advokat Dr. Georg Simonca wird schon in den nächsten Tagen dem Kassattonsgerichtshos eine Beschwerde einreichen, die «nicht weniger als h n n ö e r t S e i t e n umfaßt und mit der eine Wiederaufnahme des Verfahrens «betzweckt werden soll. s 'Dr. Simonca selbst schildert den Inhalt soiwer Beschwerde folgendermaßen: Ich bin unerschütterlich davon überzeugt, daß der Kassationsgerichtshof das erste und dazweitinstanzliche Urteil des -Gerichtshofes und der Tafel außer 5brast fetzt und die Einleitung einerne.uen' Verhandlung verlangen wird. Ich gründe diese meine Ueberzeugung nicht auf die Tatsache,, daß nach der Urteilsverkündigttng «durch die Tafel neue Zeu-genau s s a g e n «bekannt geworden sind, die das gange Pvozeßmaterial in ei-n neues Licht setzen, sondern auf den Umstand, daß sowohl der Untersuchungsrichter als auch der Gerichtshof und «die,. Tafel derartige Formfehler begangen haben, die notgedrungen' die Kassation des ganzen Verfahrens nach sich ziehen müssen. So hat znm Beispiel der Untersuchungsrichter -unter Eid' auch solche Personen verhört, die in der Angelegenheit unter dem Verdacht der Mittäterschaft standen. So war znm Beispiel Karl Riffel vom 27. September 1923 bis Anfang März 1925 Angeklagter, nichtsdestoweniger wurdx er am 14. Jänner 1924 unter Eid verhört, trotzdem im gauzett Prozeß dieser Nistel der wichtigste Zeuge ist. Dieser eine Umstand allein motiviert bereits die .Kassation des ganzen Verfahrens. Außerdem können noch zahlreiche Unregelmäßigkeiten fest-gestellt werden. So wurde zum Protokollführer der Hauptverhandlung vom Gerichtshof Bela Ba las delegiert, von «dem der Angeklagte den Nachweis erbringen wollte, daß er ihn folgendermaßen bedroht hatte: „Du wirst von hier nicht loskommen, stinkender Jude!" Baias habe auch eitlen anderen Teilnehmer des Prozesses anaereinPÄt, weil dieser Reinitz die Hand gegeben hatte.. Ein Teilnehmer «der Untersuchung nahm an Banketten teil, deren Kosten von «dem A nkläge r bestritten wurden. All diese Umstä-nd-e beweisen die Vore-ingenommenheit gegen detl Angeklagten. So wurde zum Beispiel auch das Verhör des D e m j a n o v i c über die angeblichen Morde in Kaschau und das «Gestätt-dnis «des Zeugen als lvahr angenommen, trotzdem be-i diesem Verhör der Verteidiger nicht anwesend war. Die Brüder Z a y t i, die angeklagt waren, an den «Morden des -Reinitz teilgeuommen zu haben, sind bereits freigefprochen worden, was «ebenfalls ein Beweis für die Unschuld des Reinitz ist. In der nächsten Session des Kaschauer Geschwornengerichtes komnrt «der Fall Franz D e m j a n o v i c «und Franz-Bod nar, «welche bekanntlich dem Reinitz bei seinen Mordtaten geholfen haben sollen, zur Verhandlung. Es ist möglich, daß zu dieser Verhandlung Reinitz als Zeuge vovgeladen werden wird. Die Ankla>g«e vertritt Oberstaatsanwalt Dr. «Martinek> m Sie elektrifizierte Stadtbahn. Der Fahrplan. ‘ Wie bereits mitgeteilt, wird der Verkehr auf al«len Stadtbahn!inien, die elektrifiziert worden sind, am 20. d. ausgenommen, nachdem am 19. d. die feierliche Eröffnung stattfindet. Auf dett wichtigsten Strecken werden die Züge in einem Intervall von vier Minuten verkehren. Von Hütteld'orf gehen alle acht Minutert Züge über Meidltng-.Haup1straße—«.Hauptzollamt tlach Heiligenstadt. Von Hietzing ab gehen ebenfalls alle acht Minuten (so daß die Jntervallzeit von Hietzing ab nur vier Minuten beträgt) Züge über Meidling-Hauptstraße— Hauptzollamt—Brigittäbrücke—Nußdorferstraße nach Meid-« ling-Hauptstraße, von Meidling-Hauptstraße gehen die Züge in umgekehrter Richtung über die Gürtellinie, Donautanallinie, WientaUinie nach Hietzing und von Heiligenstadt gehen ebenfalls in Intervallen von acht Minntett direkte Stadtbchnzüge über Gumpen- - dorserstraße und die Linie 18 und 118 der Straßen'bähn zum Süd- und Ostbahnhof. ■ Die Linienbezeichnung wird folgende sein: .Hauptzollamt—Heiligenstadt über Wientallinie, Donankanal-linie WD. Hietziug^Hauptzollamt—-Meidling-Hattptstraße DG. .Meidling-Hauptstraße—Nußdorferstraße—^Doitaukanallinie—Hietzing GD. .Heiligenstadt—Südttttb Ostbahnhof 18 G. Es bedeutet: G Gürtellinie, W Wientalltnie, D Donaukanalltttie und 18 die «Strecke zu«m «Süd- und Ostbahnhof ab Gllmpendorferstraßc. Die Fahrzeit wird, von Hütteldorf über Hauptzvllantt nach Heiligenstadt 43 Minuten, das ist um sechs Minüten weniger als beim früheren Stadtbahnverkehr, betragen. In den Zeiten stärkster Freqttenz werden^ Füufwagenzüge, bei schwächerer Frequenz Dreiwagenzüge verkehren. Dieser Fährplatt bezieht sich naturgemäß imt auf die Wochentage, da der Verkehr am Sonntag bedeutend verstärkt «wird. Neuerungen im Autobusvertehr. Mit 20. d. wird die A u t o b u s l i n i e, die bisher vomSchwedenplatz bis jur Oper in Betrieb ist, bis zur Stadtbahnstatiou ,Karlsplatz geführt worden, so daß ein direkter Verkehr zivischeit der Dvnankanalttttd der Wieutallinic der «Ltadtbatzn' hcrgestellh und vom StePbanSplatz aus beide «Stadtbahnlinien mit dem Antodtrs « erreicht werden können. Mit dem gleichen Tage erfolgt ciii<e vollftändigö Neuregelung des Autobusverkehrs. Die bisher bestandene Abgrenzung der Linien in zwei Teilstrecken wird anfgelassen und es werdett in Zukunft drei Teilstrecken mit den Grenzen Ringstraße, Gürtel, Endstation, auf der Hietzinger Linie vier Teilstrecken durch Einfügung der Winckelmannstraße als Grenze erngeführt. Der Preis für eine Teilstrecke wird mit 20 Groschen (im Vorverkauf 18 Groschen) festgesetzt/ Zugleich werden im N a ch t v e r k e h r folgende Routenänderungen vorgenommen: Der Autobus zum Südbahnhof verkehrt anstatt über die Argentinierstraße nttnmehr über die Favoritenstraße, die Linie zur Silbergasse wird nicht mehr über die Liechtensteinstraße, sondern über «die Porzellangasie geführt uttd die Linie zum Elterleinplatz wird bis zur Wattgasse verlängert. Bon einem Stadtbähnzuge getötet. Eine Schreckenöfzene in der Station Burggasse. Auf grMche Weise'hat' gestern nachmittags eine Frau Mnt Abspringen von einem- >berei«ls fahrenden Stavt-bahnzug ihr Leben eingeibüßt. Gegen 4 Ulhr 35 Minuten nachmittags führ ein Stadtbaihnzug id-er GürtMinie in der Richtung Heiligenstadt in den Bahnhof Burggasse ein. Als einige Fahrgäste aus-, andere wieder eingestivgeu waren, gab der Zugsbagleiter das Zeichen zur Abfahrt. Als er sich jedoch itach rückwärts umwandte, während der Zug schon anführ, s«ah er, wie plötzlich a n s e i n e m W a g «g o tt ein K i n d h e r a u sgestoßen wurde. Sofort ließ er der: Zug anhalten und als man herbeieilte, sah man wohl, daß dem Kinde, einem zw e ijährigen K n a b e tt, «n i ch t s geschehen war, daß qber zwischett dem Rand des Perrons ttnd dem letzten Beiwagen eine zirka 55jährige Frau eingeklemmt und bewußtlos war. Die Rettungsgesellschaft fand sie mit gerochener Wivbelsäu'le bereits tu t vor. Wie durch Zeugen sestgestellt ist. wollte die Frau .im Augenblicke, als der Zug sich bereits in Bewegung gesetzt hatte, mit deni Kind den Perron erreichen. Sie hatte die Türe geöffnet, das Meijchrige Kin«d auf Veit Perron gestoßen, war bann nachges «pr n n ge tt, dürfte aber mit ihren Kleidern hangen geblieben und so zwischen Beiwagen und Perrottrand einMetmnt worden sein. Die Erhebungen ergabett, daß die Tote die 54jährige Seifensiedersgattin Panline Hresch ich ist, die ihren zweijährigen Enkel, Otto «FM, mit sich haue. Das Kitrd wurde seiner Mutier übergeben.