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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-16 · Heft 2388 (16.10.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2388 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitgg wandte sich gegen diesen Antrag des Staatsanwaltes. Nach einer längeren Diskussion beschloh das Gericht, die Beschlußfassung über die Anträge später durchzufi'chren mtb zunächst die Zeugin P a st e r n a k zu vernehmen Unter allgemeiner Aufmerksamkeit tritt Maria Pasternak an die Zeugenbarre. Eine Dreißigerin mit verlebten Zügen, nervös fahrigen Bewegungen und exaltierter Ausdrucks- Weise. lieber ihre Generalien befragt, teilt sie mit, daß sie römisch-katholisch sei (sie entstammt einer jüdischen Familie und ist später zum Katholizismus übergetreten) und beim Ballett des städtischen Theaters in Lemberg beschäftigt sei. Die Zeugin wird vereidigt und schildert dann in z u s a m m enhängcnd < r, fließender Rede ihre Wahrnehmungen. Sie erklärt \ mit voller Entschiedenheit, daß Steiger der! Attentäter sei. In ihrer Schilderung kommen Details! vor, die durch ihre Genauigkeit geradezu überraschen, da es sich um Wahrnehmungen handelt, die bereits mehr als ein Jahr zurückliegen. Die Aussagen der Zeugin klingen diesmal noch bestimmtem als während der Untersuchung und vor dem Standgericht. Ihre detaillierten Schilderungen sind genau, daß sie wie Romanschilderungen klingen. Es dauert attch nicht lange, und das mit so viel Tetailarbeit ausgeführte Gebäude dieser Aussage wird schwer erschüttert; denn schon bei den ersten Fragen der Verteidigung verwickelt sich die Kronzeugin in Widersprüche, die sie trotz wiederholter eindringlicher Befragung u i ch t a u s z u k l ä r e n v e r m a g. Die Sensation des Tages bildet die Konfrontation der Pasternak mit Steiger. Wieder ergeben sich Widersprüche gegenüber der früheren, zusammenhängenden Aussage der Zeugin, und nun hilft sic sich über die schwierige Situation mit einem pathetischen Ausruf hinweg, der lebhaft an die Bühne erinnert: „Bis zu meinem Lebensende werde und kann ich mit voller Aeberzeugung beschwören: Steiger hat die Bombe gew o x f c Mit dieser dramanschen Szene war die Vernehmung der Zeugin Pasternak beendet. Sodann wurde Gerichtsapplikant Dr. Felix Lewitzki cinvernommen. Er sagte aus, daß er zur Zeit des Atlenrats in der Nähe des Geschäftes Beyer stand und bemerkte, daß jemand aus der Gruppe von Menschen, die vor dem Geschäfte Beyer stand, gegen den vorbeifahrenden Wagen des Staatspräsidenten ein Paket in Form einer Walze schleuderte. Als der Zeuge den Rauch bemerkte, wandte er seine Aufmerksamkeit der- Stelle zu, von der aus das Paket geworfen worden war, und sah, daß ein großer Mann in einem Hellen, grünlichen Gummimantel, mit grauem Hut und schwarzer Brille, dessen Gesicht unnatürlich blaß war, aus der Gruppe h e r a u s l i e f. Er vermutete, daß dies der Attentäter sei, und lief ihm nach. Dieser Mann sei nun derselbe gewesen, den die Pasternak verfolgte. Zeuge Lewitzki und die Pasternak verlangten, als sie des Mannes, der aus dem Haus, Legionenstraße 1, herauskam, ansichtig wurden,. seine Verhaftung. Die Verhandlung wurde dann auf morgen vertagt. 'Moses Montefiore ist es gewesen, der sein ganzes Leben «daran gearbeitet hat, P a l ä ft i n a der Besiedlung durch Wische Landwirte uüd Erwerbstätige zu erschließen. Zu einer Verwirklichung dieser Pläne im großen Stil Ovaren zu seiner Zeit die Umstände noch nicht reif. Von 1827, da er in Begleitung seiner Frau zum erstenmal die weite und damals so beschwerliche Reise nach dem heiligen Lande unternahm, bis zum Jahre 1874, als er/ein Neunzigjähriger schon, diese Reise zum siebenten Male gurücklegte, zu dem Zweck, dort die Lage seiner Brüder zu -verbessern, war Palästina stets in seinen Gedanken. Er war der erste Jude aus dem Abendland, der den Plan faßte, in Palästina große Landstrecken zu kaufen, mn darauf Juden als Landwirte anzusiedeln. Wie gesagt, waren die Umstände damals noch nicht reif dafür. Sowohl die Häupter der Juden in Palästina als auch die Paläsünaiommission der Londoner Board of Deputies (jüdischer Gemeindevorstand) verhielten sich seinen Plänen gegenüber ablehnend. Aber er stand schon an der Schwelle de's neuen Jahrhunderts seines Lebens, als er im Herbst 1884 von den in KattoWitz versammelten „Zionsfreunden", die die praktische Verwirklichung seiner Pläne in die Hand genommen hatten, ehrfurchtsvoll begrüßt wurde. Er antwortete mit folgenden Worten: „Ich Ibftr absolut sicher, daß euer Werk gelingen wird. Das war der Traum meines Lebens, und ich hoffe, daß er eines Tages verwirklicht wird, wenn ich längst nicht mehr auf der Erde weile." Am 27. Oktober 1884 war nach 'hebräischem Datum der hu n d e r t st e Geburtstag Moses Mvntesiores. Die geistige und körperliche Frische des Jubilars war bewundernswürdig. Der denkwürdige Tag wurde von der Judenheil der ganzen Welt gefeiert. Aber die höchsten Kreise der englischen Gesellschaft mit der Königin Viktoria an >dcr Spitze brachten dem Juibilar ihre Huldigungen -dar. Fast genau neun Monate darauf, am 29. Juli (10. Ab) 1885, schied Moses Montefiore ans dem irdischen Leben. Aber er war schon langst in -das Reich eingegangen, in dem die Helden feines Volkes ein ewiges Leben sichren... Sigma. Wiener Morgenzeituntt Ein Denkmal für Voltaire Soeben erschien in neuer künstlerischer Ausstattung: Voltaire von Josef Popper-Lynkeus Broschiert 12 Sv. Gebunden 15 S li. // Popper-Lynkeus, Voltaires kongenialer Nachfolger Im Kampfe für die Rechte der Unterdrückten, ist wie kein anderer geeignet, mit intuitivem Verständnis das Leben und Wirken Voltalreszu erfassen und zu einem Kunstwerk zu gestalten. Der leuchtendste und bedeutendste Gtist se.ner Epoche — Der Mensch, der Künstler, der Kulturkämpfer Voltaire ersteht lebendig vor uns. — Endlich ein Werk über Voltaire, das diesen meistumstrittenen, vielgeliebten und vielgehassten K u 11 u r h c 1 d e n in seiner ganzen Bedeutung für die menschliche Geistesentwicklung würdigt. — Endlich ein Werk über Voltaire, das turmhoch über allen rein biographischen uad literarhistorischen Büchern mit tiefstem kuljurhistorischen Verständnis das Zeitalter Voltaires schildert. R. Lüuit Verleg, Wien, I. Fleisdimorkt 1 Ne arisch-christliche ßinheitrsront. Die Pogrom-Internationale. Ueber die Antisemitenkonferenz vom 3. bis 7. Oktober erfährt man nunmehr aus Budapest einige Einzelheiten, die diese merkwürdige Veranstaltung in einem 'besonderen Licht zeigen. Das Arrangement lag in den .Händen des lieben Tibor Eckhardt, des oberstem Chefs der Erlvachenden. Die Einladung gab als Zweck eine „Beratung des Kampfes gegen Raubvögel" an. Mit dem Wort „Kongreß" ist dieser Palawer zu sehr geehrt. Es avaren unter der Führung des abgetakelten Pariamisten Wolf von Wolstnau die erprobtesten magyarischen Pogoomisten anwesend, Leute, denen sogar die ungarische Politik auf der Gasse im weiten Bogen ausweicht. Ans dem Ausland waren nur die Hakenkreuzler Oesterreichs, der Tschechoslowakei und Deutschlands sowie Rumänien vertreten. So aus Deutschland: die Hiklerianer Rosenberg und Boepple aus München, .Baron Manteufel aus 'Berlin und der Sohn des Hammer-Fritsch aus Dresden. Wien repräsentierten der völkische Gymnasialprosessor Dr. Jmmendörfer (Salzburg), Schager und Oskar Teufel für die monarchistische konservative Volkspartei, der Hakenkreuzprerdiger Leo Hauben- 'ö e r g e r ('das ist der Mann, der vor zwei Jahren die falsche Liste der jüdischen UnivevsMsprofessoren heransgege'ben hat), die Kulturämtler Wimmcrspery und Körber sowie der Fabrikant Traun. Jerzabek hatte sich entschuldigt. Es irvaren ferner' russische gegenrevolutionäre Offiziere anwesend. Für Rumänien waren C u; a, S o m o l e a n u und der Student M o tz a erschienen. Dieser Kongreß beschloß die Gründung einer antisemitischen Internationale und wird zunächst an alle Hochschulen der Welt die Aufforderung richten, den Numerus clausus für die jüdischen Hörer allgemein 'durchzuführen. Nach einem aus Wiener Mordevkreisen lancierten Bericht befaßte sich der „Kongreß" nach Entgegennahme der Referate „über die Juden- und Bolschewikeugefahr" mit den: Hauptgegenstand, der Schaffung einer übernationalen arisch-christlichen Einheitsfront zur Bekämpfung der „immer drohender werdenden Juden- und Bolschewikengefahr". Das Ergebnis dieser Beratung waren die Annahme eines Arbeitsprog r a m m e s und einiger Beschlüsse, die richtunggebend für die antisemitische und antibolschewikische Bewegung in allen Ländern Europas sein werden. Die Delegierten Oesterreichs, Ungarns und Rumäniens erklärten sich bereit, sofort mit den notwendigen Arbeiten zur Schaffung einer engen Kooperation aller völkisch-antisemitischen Organisationen dieser Staaten zu beginnen. Es tvurde weiters betont, daß die Bolschewiken- und 'Juidengefahr in diesen drei aneinander grenzenden Staaten 'besonders groß ist und daher gemeinsame Abwehrmaßnahmen erfordert. Cuza wurde nach seiner Rückkehr von seinen Bukarester Freunden durch ein solennes Bankett gefeiert. In der feuchten Stimmung machte er einem Berichterstatter der ,/Luptq" gegenüber bei einein Glas Bordeaux einige nicht uninteressante Bemerkungen. „Die Ungarn", sagte er, „sind dumme Kerle. Sie sind ausUeberzeugung Antisemiten. Ich dagegen, habe immer die Anschauung vertreten, daß antisemitische Forderungen nur als Miti e! d e r p o l i {i [ eh c n Notweudi g feit dienen sollen." 16. Ofio'bcr 1925 Nr. 2088 Die ungarische Oefsentlichkeit ist wegen der Anwesenheit Cnzas in ziemlicher Ansregung. Der demokratische Abgeordnete Ja b ian interpelliert deslzalib die Regierung. ES entspricht ganz der magyarisch-jüdischen Assimilanrentaktik, daß Fabian, ein Jude, nicht gegen >das Prinzip der Beranstaltnng Stellung nimmt, sondern sich über die Teilnahme des Magyarenfeindes Cuza erbost. Er ist natürlich patriotisch und dies in weiterem Maße als .die Patrioten von der erwachenden Richtung. Das Judenprogramm der Hadsburg- Monarchistcrr. Die Schager-Teufel-Leute, deren Anschluß an die .hat'cukreuzler sogar von diesen abgelehnt wurde, veröffentlichen einen „Beschluß der Reichsparteileitung" vom 9. d., also nach bem Budapester Raubvogel-Kongreß. Der Beschluß, dem ein blödsinniges Gewäsch über die Schuld der Inden an allem vorangeht, lautet: J. Die Inden sind eine besondere Nation, die sich weder durch einen Uebertritt zu einer anderen Religion noch durch Erlangung der Bürgerrechte eines anderen Volkes asiimilieren läßt. Die Aberkennung der Bürgerrechte der ariochristlichen Staaten für die Inden ist daher eine unveruteidbare Folge dieser Feststellung. 2. Die Ausscheidung der Juden als Einzelpersonen and als Masse aus allen arischen Staaten ist die einzige vollkommene Lösung der Judenfragc. 3. Das jüdische Volk ist auf einem Gebiet anzujiedeln, das tncht von einem Kulturvolke bewohnt und groß genug ist. die gesamte Judenschaft aufzunehmen und ihr die Möglichkeit zu bieten, sich einen eigenen nationalen Staat zu errichten. Palästina kommt jedoch als jüdisches Ansiedlungsgebiet nicht in Betracht, weil es diesen Bedingungen nicht entspricht und weil die Achtung vor den heiligen Stätten die Ansiedlttng der Juden verbietet. 1. In dem völkischen Kampfe gegen das Judentum ist eine Einheitsfront aller deutscharischen Volksangehöri- ' gen und darüber hinaus eine Einheitsfront aller christlicharischen Völker zu schaffen, damit dieser Kampf zur Erhaltung abendländischer Kultur siegreich durchgeführt werde. 5. Bis zur Erreichung dieses vollen Sieges der arisch-christlichen Idee ist der Kampf gegen das Judentum in der Weise zu führen, daß sein zersetzender, zur Macht strebender Einfluß wenigstens zurückgedämmt werde, daß Schule, Presse und staatliche Einrichtungen vom Judentum befreit und daß ihm innerhalb des österreichischen Staates nur jene Rechte eingeräumt werden, auf die es als fremdnationale Minderheit Anspruch erheben kann. Es ist unmöglich, diesen Unsinn ernst zu behandeln. Die Exkaiserin wird sich nach gescheiteren Agenten umschauen müssen. So macht man es nicht. Wie ein Antisemit sei« vemiffen beruhigt. Ermordung eines Inden durch einen antisemitischen Hetzer in Warschau. Ans Warschau wird uns berichtet: In dem geräumigen Zinshaus Grzybowska Lg, welches von jüdischen und christlichen Metern bewohnt ist, hat unter, den christlichen Mietern seit je der Tischler Solarski es daraus angelegt, den jüdischen Mitbewohnern des Hauses durch antisemitische Hetzreden das Leben zu vergällen. Bei jeder Gelegenheit stieß er Drohungen gegen die Juden aus und da er als Mitglied irgend einer bewaffneten Arbeite r f ch u tz o r g a n i s a 1 i -o n einen Rav obrer IbestH, spielte dieser in seinen rüden Drohungen stets eine große Rolle. Erst itt der letzten Woche, als sich im Hause «ein Streit ergab, erklärte Solarski, sein Gewissen könne keine Ruhe finden, so lange er nicht einen Juden e r s chieß c. Nun hat er sein Gewissen beruhigt, denn am letzten Sonntag ttnrg sich folgender furchtbare Vorfall im Hause zu: In eine Auseinandersetzung, die der Hausbewohner Isaak Blumberg mit dorn Hausmeister auf dem .Hof hatte, mischte sich ohne Anlaß Solarski ein, ergriff eiüe Eisenstange und schlug damit dem Blurnberg ein Loch in den Kopf. Blutüberströmt stürzte Blümberg zusammen und mußte von der Rettungsgefellschaft behandelt werden. Die Roheit des Tischlers brachte die Nachbarn in große Erregung und sie wollten sich auf ihn stürzen. Solarski flüchtete in seine Wdhnung und verschloß die Dir, emitze Nachbarn, darunter der Hauseinwohner Jeremias Kupperberg, drängten ihm nach; plötzlich öffnete Solarsti die Dur und gab auf die Nachdrängenden einige Schüsse ab. Eine Kugel traf den Kupperberg in den Kopf und er fiel tot nieder. Ohne sich um das Vorgefallene weiter zu kümmern, schloß sich Solarski wieder in feine Wohnung ein. Als die Hausbewohner die Tür erbrechen wollten, gab er wieder einige Schüsse a!b, die jedoch zum Glück niemanden träfen. Das Opfer des Solarski, >der ermordete Kupperberg, hinterläßt eine Witwe und Mi kleine Kinder. Solarski iwurde in Untersuchungshaft genommen. Äer Poligeibericht sucht den Vorfall so daMstellen, als hätte Solarski in Notwehr gehandelt. Ser Jüdische Rationalsonds. 19.701 Pfund im August. Jerusalem, 12. Oktober. Die Eingänge für den Kere« Kajemeth l'Urael im' August erreichten 19.791 Pfund und bamit für 11 Monate einen Gesamtbetrag von 225.666 Pfund gegenüber 138.696 Pfund im vergangenen Jahre. In diesem Monat steuerte Amerika mit 5505 Pfund den höchsten Betrag bei. Dann folgten Südafrika mit 3904 Pfund, Polen (Warschau und Lemberg) mit 3697 Pfund, während andere Länder unter 1009 Pfund brachten, was sicherlich mit den Vorbereitungen für den Kongreß im Angnst zusammenhing.

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