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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-16 · Heft 2388 (16.10.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2388 (16.10.1925)
Date
1925-10-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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M. 2388 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung 16. Oktober 1925 Sette L Lukomski. Var Verhör mit Steiger beendet. — Die (Von unserem H. Lemberg, 16. Oktober. Der gestrige dritte Verhall d l u n g s t a g brachte den A b s ch l u j; d e s V e rhöres mitSteiger. Damit ist der erste Abschnitt des Steiger-Prozesses beendet; er ergibt drei Momente, die voll großer Bedeutung für den Ausgang des Prozesses sein können: Hergang des Attentates, die Anssagen der Kronzeugen und die Methoden der Untersuchung. Steiger schildert den Hergang des Attentates lvejentlich anders als die Anklage. Der Staatsallwalt nimmt auf Grund von verschiedelten Zeugenaussagen an, das; die Bombe, welche gegen ku Wagen des Staatspräsidenten aln 5. September 1921 geschleudert wurde, ihren Flug voll der Ecke der Lcgivnenstraße aus nahm, wo Steiger stand. Der Staatsanwalt hat auch an die Geschwornen einen Situationsplan verteitell lassen, in bcm — wogegell übrigens gleich zu Beginn der Verhandlung die Verteidigung protestierte — der Standort Steigers und der wichtigsten Zeugen sowie die Flugbahn der Bombe eingezeichnet ist. Steiger hat in seinem Verhör in der Untcrsuchnllg sowohl wie beim Prozeß erklärt, nach feinen eigenen Wahrnehmungen sei die Bombe aus einer andereli Nichtnllg, ncimlid) von der Ecke der Kopernikusgasst aus, geschleudert worden. Im Prozeßverhör schilderte er, er habe, als er inmitten einer dichten Menschenmenge stand, schräg rechts v o ll seinem Standorte hilitcr einem Iuvalidenkiosk ein Paket durch die Luft füegeu gesehen. Die Entscheidung der Frage, woher die Bombe geschleudert wurde, ist überaus wichtig für die Erforschung der Wahrheit in diesem Prozesse. Es besteht geniäß den Zeugenaussagen über die Höhe, in welcher die fliegende Bombe bemerkt wurde, unbedingt die Möglichkeit, daß diese Bombe vom e r st e n S t o Ü w e r k eines Hauses aus geworfen wurde. Die Aussagen der Zeugen sind überaus unbestimmt; es wird von einer ausgestreckten Hand, von einem fliegenden Paket gesprochen, jedoch läßt keine Aussage mit Sicherheit den Schluß zu, daß nur Steigers Standort und nur das Eck der Legionenstraße für den Ausgangspunkt des Bonlbenwurfes tu Betracht kommt. Um hier die Wahrheit zu finden, wäre vielleicht eine Netonst r u k t i o n der B o r g ä n g e mit allen Beteiligten vor den Geschwornen an Ort und Stelle zweckmäßig. Die Kronzeugin gegen Steiger ist die Balletteuse Pasternak. Steiger hat sie in seinem Prozeßverhör mit jener fatalen Frau Tschercbet'osf verglichen, welche in dem berühmten russischen Ritualmordprozeß als Kronzeugin gegen Mendel Beilis aufgetreten ist. Tie Aussagen der Pasternak belastell in ihrer Dezidiertheit Steiger aufs Schwerste. Und gerade diese Dezidiertheit nimmt diesen Aussagen viel von ihrer Glaubwürdigkeit. Nun hat Steiger int Prozeßverhör gesagt, die erste Aussage der Pasternak bei der Polizei habe gelautet, es scheine ihr, daß Steiger der Attentäter sei, denn der Mann, dessen ausgestreckten Arm sie in dem Momente gesehen habe, als die Bombe geschleudert wurde, habe einen ähnlichen Mantel getragen wie Steiger. Bor dem Untersuchungsrichter jedoch habe die Pasternak plötzlich ihre Aussage geändert und erklärt, sie könne mit Bestimmtheit Kronzeugin Pasternak im Kreuzverhör. Korrespondenten.) behaupten, daß Steiger der Attentäter sei. Als sie bei der Verhandlung v o r d e m S t a n d g e r i ch t einvernommen wurde, s ch w ä ch t e sie ihre Aussage wesentlich ab, das Resultat ihres Verhörs war, daß die Pasternak nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob Steiger es war, der die Bombe warf. Steiger sagte im Prozeßverhör, entweder sei die Pasternak das Opfer einer Selbsttäuschung oder ihre Aussagen in der Untersuchung seien in böser Absicht erfolgt. Wie immer dem sei, jedenfalls machen die Darlegungen Steigers es notwendig, das; die Aussagen der P a ft e r n a k im Lause des gegenwärtigen Prozeßverfahrens genau geprüft werden. Wie schon gestevu berichtet wurde, war der erschütterndste Augenblick im Verhör Steigers der Moment, da er unter Weinen und Schluchzen seine demütigenden Erlebnisse bei den ersten Polizeiverhören erzählte. Ter erste Polizeibeanlte, der Steiger empfing, war der Polizslkommissiir Lukomski; dieser schrie Steiger, als er aus eine Frage in längeren Ausführungell antworten wollte, brutal an: „Halt 's M aul, du jüdischer Bolschewik \“ Ter Leiter der Lemberger politischen Polizei, Kommissär Kajdan, empfing Steiger, der ihm vorgesührt wurde, mit einer Ohrfeige. So begann das Verhör. Und fortgesetzt wurde es, wie Steiger weiter Erlegte, mit einer R e i h e v o n P r o v o k a t i o n e m Als nian dem Steiger über sein Ersuchen die .Kost vom Hause brachte, war das erste Mittagessen, das ihm übergeben wurde, itt ein Papier eingepackt, aus dem ein Zettel siel. Daraus standen die Worte: „Ich bin frei. Witkowski." Steiger, dem der Name vollkommen unbekannt war, meldete die Sache denc Wärter und ging dann mit dem Zettel zum Polizeikommissär L u k o m s k i. Er wurde ang e s ch r i e n: „Das ist einer von der Bande, mit welcher Sie das Attentat verübt, haben. Ihr Leugnen und Ihre Hartnäckigkeit werden Ihnen nichts helfen; Sie sind der Attentate r." Bei den Verhören suchte Lukomski stets durch allerlei Fallen Steiger zu Aeußerungen zu bringen, die ihn des Kommunismus oder der Terrorismus überführen würden. In ähnlicher Weise ging, wie Steiger schilderte, bei der gerichtlichen Untersuchung ' der Schriftführer Piotrowski vor, gegen den, wie bereits berichtet, die D i s z i p l i n a runtersuchung cmgeleitet wurde. Die stärksten Vorwürfe erhob jedoch Steiger gegen die Methoden, die der Kommissär Lukomski beim Verhör anstettte. Es kam, wie er jetzt vor Gericht mitteilte, einmal. zu einem Verzweiflungsausbruch seinerseits; er schrie Lukomski an: „Herr Inspektor, Sie morden einen U n s ch u l d i g e n!" Die Antwort Lukomskis wurde mit kaltem Lächeln gegeben und lautete: „Ich rate Ihnen, Ihre Schuld 51t bekennen, sonst werden wir Sie so fest au die Wand drücken, daß Sie vor der Anklagebank zusammenbrechen." Diese Angaben Steigers rücken die Rolle der L'e m b e r g e r P 0 l i z e i in ein merkwürdiges Licht. Man darf nicht übersehen, daß durch da.s versuchte Attentat auf den Staatspräsidenten das Prestige der Lemberger Polizei sehr erschüttert war, und das; sie, koste es, was es wollte, einen Sch n l digenfind e ll nt ußte. Da nun schnell ein angeblich Verdächtiger gefaßt ivar, mußte dieser, unl des Allsehens der Lembev ger Polizei willen, unbedingt der wirklich Schuldige seil. Daher ist das System der seelischen Zermiirbuug zu erklären, welches gegen Steiger angewendet wurde, ebenso wie die Methode der Erpressung und Prov 0 k a t i 0 ll. In biefett Rahmen gehören vielleicht auch mittelbar die Handgranaten, die ill der Waschkücheukammer des Sleigerschen Hauses gesunden wurden. Steiger hat im Prozeßverhör dezidiert ailiut, er habe den Rauln, in welchem die Handgranaten gesulldell wurden, nie betreten, habe derartige Waffell ill seinem Leben nie gesehen und nie mit Bomben oder Explosivstoffell hantiert. Das Wichtigste in seiner Aussage ist jedoch die Angabe, daß ihm die in der Waschküchenkallllner gefundenen Handgranaten während der ganzen Untersuchung nie gezeigt wurden. Was nun für die polizeiliche Untersnchlilig sozusagen von suggestivem Einfluß gewesen fein mag, die Prestigefrage, fällt vor dem unbeeinflußten und unbeeinflußbaren Gericht weg, das nur die Wahrheit zu finden hat und Suggestionen nicht erliegeil darf. Die Kronzeugin Pasternak. Zu Beginn des heutigen vier 1 e u Berhandlungstages stellte die Verteidigung noch einige Nachtragssrageu all den Angeklagten Steiger, lvetche dazil dienen sollten, sein persönliches Verhältnis;u Religi0ll, zu politischen Angelegenheiten, zu seinell Angehörigen und zu g e s e l l s ch a f t l i ch e n Dingen klarznlegen. Die Antworten, welche Steiger auf diese Fragen gab, zeichnen das Charakterbild eines von tiefem religiösen Empsinven erfüllten Menschen, der an seinell Ettern unb Geschwistern sehr hängt, zumeist im Kreise seiner Angehörigen lebt, wenig in die Oeffentlichkeit kommt, wenn er auch bei Studien- und Berufskollegen wohl gelitten ist, an ben Ereignissen des öffentlichen Lebens nicht viel Anteil nimulL, der Politik wenig I nck e r e s s e entgegenbringt und radikalen politischen Strömungen vollkommen fern steht. Vor Beginn des Zengenverhörs enif^auu sich eine längere Polemik zwischen dem Staatsanwalt und der Verteidigung über die Reihenfolge der Zeugeneinvernahme. Der Staatsanwalt verlangte, daß vor allem der ukrainische Terrorist Panezyszyn, der bekanntlich im Verlaufe der Untersuchung gegen Stecger von einem Zeugen und späteren Angeklagten, km ukrainischen Studenten Mikiti n, d e s Attentats vom 5. September 1921 b e s ch n l di g t war, und am 19. d. wegen eines anderen terroristischen Attentates vor dem Warschauer Gerichte stehen wird, als Zeuge vernomlnen werde, damit er durch seine und seiner Angehörigen Aussagen -beweise, daß er als Täter vom 3. September 1924 nicht in Betracht konnne, wodurch der Kreis der Verdächtigte)! eingeengt und Steigers Schuld deutlicher werde. Die Verteidigung Sine moderne Montesiore- Momaphie. Es gibt Menschen, die das Gepräge ihrer Persönlichkeit ganzen Zeitaltern innerhalb ihrer Gemeinschaft ausdrücken. Der bescheidene Sohn des Dessaucr Thorarollenschreibers, Moses, der vor ungefähr 175 Jahren als 'vierzehnjähriger Knabe an die Tore Berlins pochte und nach Erlegung des Judenleibzolls in die Residenz eintveten durfte, um seinen Durst nach Wissen zu stillen, errang als Mendelssohn eine bahnbrechende, umwälzende Bedeutung nicht nur für die Judenhch Deutschlands, sondern ganz Europas, ja weit über die Grenzen unseres Weltteils hinaus. Die Wirkungen, die von seiner Persönlichkeit ausstrahlten, waren rein geistiger Natur, hatten aber weittragende politische und soziale Folgen; er steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters in der Geschichte der Judenheit, welches trotz aller Wandlungen den Stempel seines Ursprungs in unverwischbaren Spuren an sich trägt. Moses Mendelssohn war gewissermaßen das Symbol des achtzehnten Jahrhunderts im Judentmu. Auch das neunzehnte Jahrhundert war zum weitaus größten Teil ausgc'süllt von der Tätigkeit eines Moses, die, unmittelbar Politisch und sozial sich auswirkend, ihrerseits rein geistige Folgen 'mit sich brachte, die tief in das Seelenleben der Gesamtju-denheit eingrisfen und hiex unauslöschliche Spuren hinterließen. Wir meinen M 0 s e s M 0 n t e f i 0 r e. So sehr die beiden Moses in Schicksal, Stellung. Lebenslauf und Mittel ihrer Wirksamkeit von einander verschieden waren, eins war ihnen beiden gemeinsam; sie arbeiteten an der Erhebung und Befreiung ihres Volkes , ans tausendjähriger Erniedrigullg und' Knechtsthwft. Naber Moses Mendelssohn besitzen wir längst bedeutende Bücher; sein Leben und seine Werke sind vielfach geschildert und analysiert worden, sowohl in-streng wissenschaftlichen als in gemeinsaßlichen Darstellungen. Montesiore dagegen war so sehr zu einer volkStiimlichen, fast legendären Figur geworden, daß sein Leben zwar unzählige Male-für die Jugend und das Volk erzählt wurde, doch fehlte bisher eine Biographie von ihm, die' sowohl den Forderungen strenger Wissenschaftlichkeit und erschöpfender Sachlichkeit wie auch literarischer Anmut und Gemeinsaßlichkeit der Darstellung entsprach. Diese Lücke hat jetzt der Londoner Paul Goodman ansgefüllt durch fein Werk „L i f e st 0 r y 0 f S i r M 0 f e s M 0 n t efiore", weiches von dev Jewish Publication Society 0 s A m e r i c a, Philadelphia, herausgegeben wurde. Diese Gesellschaft, deren Veröffentlichungen sich bereits einen sehr hohen Rang in der jüdischen Literatur erworben haben, gibt eine Reihe von Monographien über hervorragende Persöulichkeiten im Judentum heraus, von Maimonides bis Eliah Gaon unter dem gemeinsamen Titel: „The Jewish worthies series." Der neueste Band dieser Reihe ist eben über Moses Moutefiore. Ter Autor schildert das Leben seines Helden aus dein breiten Hintergrund der ganzen Zeitgeschichte und läßt es zugleich mit minutiöser Genauigkeit in allen Einzelheiten hervortreten. Dev Verfasser beginnt mit einer Geschichte der aus Italien stammenden Familie Montesiore, zeichnet das Leben ihres großell Sohnes ill London, seine frühe Tätigkeit in der Gemeinde der Sephardim, seine Politischen Betätigungen, seine Besuche in Palästina, stille Mitwirkung in der Damaskusaffäre, seine ersten Anstrengungen in Rußland, sein Eingreifen in die Mortara-Affäre, er beschreibt seine Bemühungen um die Erschließung des heiligen Landes für die Inden, seine Reisen nach Persien, Marokko, Rumänien; wie ein liMcher, hell und mild glänzender Stern begleitet ihn durch sein halbes Leben die Gestalt seiner Frau, Lady Jndiih Montesiore. ' In seinem persönlichen Denken und Handeln verwirklichte Moses Montostore einen spezifisch jüdischen Westnszüg, der darin besteht, unerschütterliche Treue zur angestammten jüdischen Gemeinschaft mir der standhaftesten Ergebenheit zu dem Heimatland zu verbinden. Er liebte -sein England nicht nur mit Herz und Seele, sondern war seinem Souverän — genauer, seiner Sonveräuin, der Königin Viktoria mit wahrhafter Ehrfurcht ergeben. Diese 'beiden Elemente waren im. Wesen Monlefioves so dickt und innia miteinander verwoben, 'das; sein enaiiicker Patriotismus sich nie aus Kosten seines Judentums auslebte. Alle feine Betätigung war in religiöser Beziehung kernhaft jüdisch, in politischer und patriotischer Beziehung ebenso englisch. Kein Mißton störte diese Harmonie. Eine seine psychologische Analyst bietet Goodman von Montesiores Frömmigkeit, die in ihrem Wesen urjüdisch war. Er lebte ein jüdisches Leben, das an die patriarchalische Gestalt des Erzvaters Abraham erinnert, und verwirklichte das gemeinjüdische Ideal der A r 3> c i r, die auf Wohlfahrt und Wohltun gerichtet ist. Er nahill einen hervorragenden Anteil an den Kämpfen mir die Emanzipation der Juden Englands (die erst in den Sechzigerjahren voll verwirklicht worden ist). Aber der Anspruch Montesiores auf Größe beruht aus seinen Anstrengungen, die Glaübensbrüder in allen Ländern ans dev Knechtschaft zu befreien. Im .Jahre 1840 -griff, er in Gemeinschaft mit dem Franzosen AdolphKC.reinienx und dem Deutschen S a l 0 m 0 u M n ll k in die Da-lnaskllsassäre ein, und das war ein Markstein. Moses Montesiore war der vollendete Typus des „Schtadlan" (Sachwalter, Fürsprecher), wie ihn das Jndentuin das ganze Mittelalter hindurch bis in die neue -Zeit hinein gekannt und verehrt hatte: des Mannes, der durch Persönliche Verwendung und Einfluß seine Brüder aus den höchsten Nöten rettete. Montesiore war der größte unter allen Schtadlanim, die in der jüdischen Geschichte ausgetreten sind. Unter seinen jüdischen Zeitgenossen war er weder der reichste noch der geistig hervorragendste. Aber in 'der Stellung, die er als Jude der nicht-jüdischen Welt gegenüber einnahm, zeigte sich der Triumph des Charakters. Sein Charakter war es, der ihm die Hochachtung und Anhänglichkeit der Königin von England gewann, ebenso wie des Kaisers der Franzosen, sein Charakter war es, der ihm die respektvolle -Aufnahme von seiten des Sultans und des Zaren sicherte. In Paris, in Petersburg, in Konstantinopel, Bukarest und Marokko wurde er als Repräsentant der Jüdell ausgenommen. Und die Inden ihrerseits umgaben stinen Namen-und seine Gestalt schon bei Lebzeiten mit einem Strahlenkranz von romantischen Legenden.

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