Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2386 (14.10.1925)
- Date
- 1925-10-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerte ’i Wen, Mittwoch Richard Kauffmann über den Aufbau der Siedlungen in krez Israel. Der Kranz der Gartenstädte um Jerusalem. — Das zukünftige Haifa. — Die landwirtschaftlichen Äodlungen. — Moderne Industriezentren. Das Zionistische Landeskomitee und das österreichische Präsidium des Keren Hajessod benützten die Anwesenheit des Leiters der städtebaulichen Institute des Zionistischen Exekutive in Palästina, des bekannten Architekten Richard K a u f s m a Nn, zu einem Presseempfang. um über die architektonische Entwicklung, über den planmäßigen Aufbau der Städtesiedlungen und der landwirtschaftlichen Siedlungen Aufklärungen zu geben. Architekt Kausfmann arbeitete nach dem Weltkrieg in Norwegen, wo ihm bedeutsame städtebauliche Aufgaben überantwortet wurden. Er entschloß sich dann, seine wertvolle Kraft dem Aufbau des jüdischen Palästina zu widmen und übersiedelte nach Jerusalem. Kausfmann hat jetzt eine längere Studienreise unternommen, die ihn insbesondere nach England und Deutschland führte. Zweck dieser Reise war die Sammlung von Erfahrungen und Einholung von Gutachten über die zweckmäßigste Anlage von Industriezentren, wie sie in Haifa unin der Emekstadt zu errichten sind. Generalsekretär Dr. N. M. Gelber begrüßte die erschienenen Vertreter der Presse, schilderte in kurzen Worten die bisherigen ganz hervorragenden Leistungen des Architekten Kausfmann in Palästina und hob hervor, daß es in der gegenwärtigen Periode des großen Aufschwungs der jüdischen Arbeit aus palästinensischer Scholle besonders notwendig sei, die breite Oessentlichkeit über die Gestaltung der neuen jüdischen Heimstätte auszuklären. An der Hand von Skizzen und Lichtbildern referierte sodann Architekt Kausfmann über die städtebauliche Entwicklung des jüdischen Palästina in den letzten Jahren. Er erläuterte zunächst die geographische Struktur Palästinas, welcher der Ausbau der Siedlungen anzupassen ist, und führte als markantes Beispiel die Siedlung Talpioth vor, die sich in den Kranz der jüdischen Gartenvorstädte aus den Anhohen rund um Jerusalem fügt. Er zeigte an diesem Beispiel, wie man bei der Anlage dieser Siedlungen eine Steigerung der Naturschönheiten bei Beobachtung des Zweckmäßigkeitsprinzilps herdorzurusen bemüht ist. Aus dem höchsten. Punkt, als Krönung der Siedlung, sind die kulturellen Bauten gedacht. Daran schmiegen sich Straßen in Terrasienform und Parkanlagen. Aus dem Modell von Talpio-th ist zu ersehen, daß jedes Haus freie Aussicht behält, wie eine große Menne, die nicht als Geschäftsstraße gedacht ist, daß Rückgrat der Siedlung bildet und wie die Erdsalten für Parkanlagen benützt werden. Die Siedlung bietet Platz für 860 Häuser, die Gipfelpartie ist von monumentaler Schönheit und wohltuend wirkt der Rhythmus der Häuser und Treppenanlagen aus dem hügeligen Terrain. Am weitesten gediehen ist Beth Hakerew, die Gartenvorstadt für Lehrer und Beamte. Es hat sich bei dieser Siedlung gezeigt, daß das Verständnis der Siedler für ein schönes und zweckmäßiges Stadtviertel und ihr Gemeinschaftsgefühl für den richtigen Ausbau einer solchen Siedlung e n 1 s ch e i d e n d ist. In einer Steinwüste unter den größten Schwierigkeiten gebaut, wird Beth Hakerem in wenigen Jahren eine wundervolle, blühende Oase sein. Der Marktplatz liegt im Schnittpunkt aller Straßen, in die Wadis ist ein Grüngürtel gebettet und ein herrlich gelegener Sportplatz schließt sich an die Gartenstadt. An Teilansichten zeigte Kausfmann, wie durch Verwendung der hier gedeihenden Wanzenarten und durch das Spiel von Licht und Fache eine ideale Gartenarchitektonik zu erzielen ist. An den Modellen der Gartenstadt auf dem Karmel, der Arbeitersiedlung Bath Galim am Strande von Haifa und der Jndustriestedlung am Golf von Mo zu beiden Seiten der Gischonmündung ist das Antlitz der zukünftigen Hafenindustriestadt Haifa zu erkennen. Die einzelnen Teile sind so angelegt, daß die Rauchentwicklung der Jndustriebetrie'be nach der der Gartenstadt entgegengesetzten Richtung abgeweht wird. Herr .Kausfmann führte dann noch die gartenstädtischen Siedlungen am Tiberiassee vor und wendete sich dann dem überaus wichtigen Problem der landwirtschaftlichen Siedlung zu. Als klassisches Beispiel einer Siedlung, die aus dem Prinzip der E i n z e l w i r t s ch a s t beruht, zeigte er die Pläne von Nahalal. Auf einem Hügel errichtet, weist diese Siedlung konzentrische Kreise auf. Im Mittelpunkt die Gemeinschaftsgebände, insbesondere dos Beth Haam, das VoUshaus, weiterhin in geeigneten Abständen die Wohngebäude, die Wirtschaftsgebäude, der Landstreisen für intensive Gartenkullur, die Felder. Kausfmann erinnerte an den ersten unvergeßlichen Eindruck, den er bei seinen Vorstudien zum Aufbau von Nahalal empsing. Die Siedler hausten noch in Zelten. Im Zelt des Elieser Joffe, des ,/Vaters von Nahalal", fand er einen Stoß wertvoller philosophischer Büches welche dieser Pionier am Sabbat nach der unsäglich anstrengenden Arbeit der Woche studierte. Wo solches Menschenmaterial lebt und schafft, habe der Architekt k o ngeniale Mitarbeiter. Sowohl in den Siedlungen mit Einzelwirtschaft (Moschaw Owdim) als auch in denen mit Gemeinwirtschast (Kwuzoch) lege er seine Siedlungs- Wme bis ins kleinste Detail vor und von den Chaluzim _ Wiener Morgenzeitunn __ Letzte Nachrichten Las Königreich Hedschas. Eine Wahlkonferenz in Kairo? London, 13. Oktober. (Tel.-Komp.) Wie aus Kairo gemeldet wird, hat nach dem Berichte der von König Fuad von Aegypten nach dem Hedschas entsandten Untersuchungskommission die Stadt Mekka, die noch vor kurzem 200.000 Einwohner zählte, heute nur noch 60.000 Bewohner. Die Bevölkerung der Stadt D j e d d a ist von 80.000 auf 15.000 zurückgegangen. Sultan Jbn Saud hat erklärt, er werde Djedda nicht angreifen, und sei bereit, Hedschas sofort zu räumen, wenn das Land von den Hasch imiten (der Dynastie des früheren Königs Hussein) befreit sei. König Fuad beabsichtigt, entsprechend einem Vorschläge Jbn Sauds, die Häupter der muselmännischen Länder zu einer Besprechung nach Kairo einzuladen. Aus dieser Besprechung soll der Termin eines Kongresses festgesetzt werden, der die Wahl eines neuen nicht haschimitischen Königs von Hedschas vorzunehmen hätte. werde Produktive Kritik geübt. Redner legte dies sehr anschaulich an dem Modell für eine Kwuzah dar, die natürlich nach anderen Prinzipien zu bauen ist als eine Siedlung mit Einzelwirtschaft, wie etwa Nahalal. Auch die neueste Schöpfung, die Stadt im Emek, welche man bei Afuleh in der Ebene Jesreel anzulegen vor wenigen Monaten begonnen hat, zeigte Herr Kausfmann an anschaulichen Bildern und Detailplänen. Sie wird sich am Schnittpunkt der wichtigsten Verkehrslinien und im Mittelpunkt des fruchtbaren Hinterlandes erheben. Er hob hervor, daß insbesondere die Anlage von Industriegebieten sich nicht aus Vorbilder zu stützen vermag. Es sind durchaus neuartige Schöpfungen und daher von allgemeiner Bedeutung. Schließlich besprach Herr Kausfmann, dessen lebensvolle und prägnante Ausführungen dem größten Jnteresie begegneten, die Stellung der Z i o n i st i s ch e n E x ek u t i v e und der ihr angeschlossenen Körperschaften zu den Fragen des Aufbaues der Städte und landwirtschaftlichen Siedlungen. Er stellt fest, daß die Zionistische Organisation aus Grund der Arbeiten des englischen Architekten Godoß die Notwendigkeit des städtebaulichen Ausbaues jüdischer Siedlungen in Palästina erkannt und Kausfmann mit der Durchführung dieser Spezialaufgabe Betraut habe. * Von größter Bedeutung sei es, daß der. Jüdische National svnds in die Lage versetzt werde, den nötigen Boden als Gemeingut des Volkes beizustellen, und daß das wichtigste Finanzinstrument des A ufbau es, der Keren Haj esso d, die erforderlichen gewaltigen materiellen Mittel unter der Judenheit der Zerstreuung aufbringe. __ Wiener Petroleumtanks. Eine neue Anlage der Shcll-A.«G. In Gegenwart der Herren Minister Dr. Schürsf und B u ch i n g e r sowie des Präsidenten der Handelskammer Kommerzialrat Quidenus, des Generaldirektors der Bundesbahnen Dr. Machat, des Stadtbaudirektors Ing. Musil und vieler anderer geladener Gäste wurde gestern die feierliche Eröffnung der Tankanlage der Shell Petroleum- A.-G vovgenommen. Zweck der im Jnundationsgelbiet in der Nähe des Winterhafens gelegenen Anlage ist der Umschlag bim Mineralölprodukten, die entweder auf Schiffen einlangen und per Bahn weiterbefördert oder die vom Landweg auf den Wasserweg weiter geleitet werden sollen. Die Anlage, di e aus einer 1.40 Meter hohen Anschüttung mit einem Kostenaufwand von 16 Milliarden Kronen erbaut wurde, besteht aus fünf haushohen, feuersicheren Metallbehältern mit einem Fassungsraum von je 1600 Tonnen. Die Flüssigkeiten werden mittels elektrischer, Pumpen in die Behälter geleitet und auf demselben Wege durch ein großangelegtes Rohrnetz wieder abgeleitet. Neben den großen Lagertanks wurden noch kleinere Klärtanks und ein Gasbehälter errichtet. Die ganze Anlage ist gegen Feuer und Explosionsgefahr gesichert. Der Vizepräsident der Mell Petroleum-A.-G., Hofrat Dr. Wolny, begrüßte die Anwesenden und übernahm die Führung. Bundesminister Dr. Schürsf drückte in selber Ansprache den Wunsch aus, daß diese neue, einzigartige Anlage mit dazu beitragen möge, die Bedeutung Mens als Handelszentrum zu erhöhen. Furchtbarer Autounglück bei Klosterneuburg. Zwei Todesopfer. Der Chauffeur Minder Kunz aus Wien, der erst vor kurzem seine Chauffeurpvüsung abgelegt hat, hatte gestern nachmittags gemeinsam mit seiner Braut, der Schneidermeisterstochter Marie Bumba, und dem Autotaxichaufseur Fritz Kretschy m dessen Auto eine Fahrt von Wien über Weidling am Bach nach Klosterneuburg-Weidling unternommen. Kunz lenkte den Kraftwagen, weil er sich einfahren wollte. Aus der Weidlingerstraße wurde der.Wagen Plötzlich , nach links, im nächsten Augenblick aber nach rechts gerissen und führ über einen Schotterhausen, worauf er in die zweieinhalb Meter tiefe Böschung hi nab stürzte und sich zweimal üb e r sch lug,-uw sckließlich wieder aus. den Rädern in einem Feld stehen zu bleiben. Die Insassen wurden aus dem Wagen geschbendert. Marie Bumba und der Chauffeur i 14, Oktober 1925 _Nr. 2386 Fntz Kretschy blieben tot, lvährend Kunz anscheinend feine Verletzungen auftvies und nur betäubt war. Die beiden Verunglückten waren bei dem Ueberschlagen des Wagens buchstäblich erdrückt worden. Kunz gab an, lwß er angeblich infolge Versagens der Bremse nach links - in den Graben geraten sei. Die beiden Leichen' wurden nach Klosterneuburg überführt. Betrügereien an der Deutschen Reichsbank Der Täter ein Reichsbankdirektor. Aus Berlin wird berichtet: Der Direktor der Girokasse Charlottenbuvg der Deutschen , Reichsbank , Arnold wurde verhaftet, da er durch Mmatischc Fälschungen die Reichsbank um 500.000 Mark geschädigt hat. Arnolds Betrügereien wurden dadurch entdeckt,. daß vor einiger Zeit bei der Breslauer Filiale der ReichSbank ein Reichsbankf ch e ck, lautend auf 6 0 0.0 0 0 Mark, Präsentiert wurde. Obwohl der Scheck von zwei Direktoren der Reichsbank unterschrieben war, wandte sich der Direktor der Meslauer Reichsbank dennoch an die Zentrale der Reichsbank in Berlin mit der Anfrage, ob der Scheck in Ordnung gehe. Boi der ReichSbank wurde geantwortet, daß von einem 600.000-Mark-Scheck nichts bekannt sei und daß der Scheck demnach gefälscht sein müsse. Es stellte sich heraus, daß auf dem Scheck Arnold neben seiner echten Unterschrift die gefälschte eines Midirektors gesetzt hatte. Der Fall erregt in Berlin großes Aussehen und wird vermutlich zu. W e i t e r u n g « n führen, da Arnold bei der Girvkasse der Stadt Berlin, wo er die von chm unterschlagenenen Reichsbankgelder einzulegen Pflegte, Mitwisser haben soll. Nach einer spateren Mitteilung der Reichsbank läßt sich die Höhe der von dem verhafteten Reichsbantdirektor Arnold begangenen Veruntreuungen noch nicht annähernd übersehen, doch ist zu befürchten, daß die bisher angenommene Summe von einer halben M i I l i o n Mark noch überschritten wird. Da Arnold diese enormen Veruntreuungen nicht allein begangen haben kann, hat die Kriminalpolizei Nach- ■ sorschungen nach seinen Mitschuldigen eingeleitet. 1 Re Mat'Mllail-krvedktion. Wer hat Amerika entdeckt? Wir halben dieser Tage berichtet, daß die Nvvdpolexpedition des NvrdamerÄamS Kapitän Mae Millan auf der Heimreise in Halifax ^Kanada) eingetroffen . ist. Der Forscher erklärte in einem Interview, den Nachweis erbracht zu haben, daß die Normannen fünfhundert Jahre vor Kolumbus den amerikanischen Kontinent entdeckt -und be- ' siedelt hatten. Dies zu erforschen gehörte zu den Aufgaben der Expedition Mac Milans. Aus den kurzen Andeutungen,' die er dem Interviewer gab, geht gber noch lange nicht die große . Bedeutung der erfolgreichen Fovschungsreife hervor. Mac Millan ift nämlich identisch mit dem amerikanischen Rivalen Amundsens. Auch Mae Millan wollte mit Flugzeugen den Landweg Wer den Nordpol erkunden. Amundsen beeilte sich daher, ihm zuvorzukommen. Als der norwegiiche Forscher verschollen war, erhielt Mac Millan den Auftrag, die eigenen Pläne aufzugeben undAmundsenzu suchen. Inzwischen kam aber der Norweger wieder znm Barschem. Immerhin hatte das Abenteuer Amundsens scheinbar das- Ergebnis, daß Mae Millan den Versuch Unterließ, mit Flugzeugen ^den Nordpol zu überfliegen und sich lediglich dem restlichen wissenschaftlichen Programm widmete. . Das Ergebnis seiner Expedition' dürfte außerordentlich sein, denn er hat im Gegensätze zu Amunidfen über drei Monate in der Polargegend verbracht und mit allen modernen Hilfsmitteln, darunter auch Hydroplanen, die arktischen Gebiete durchforscht. Stützpunkt seiner Expedition, war Et ah auf Grönland, der nördlichste Punkt der Welt, der nur 16 Einwohner anfweist. Als Route , dürfte de-r legendäre Weg gedient halben, den vor 600 Jahren Leif, der Sohn des Novmannenkönigs Erichs des Roten, genommen halben soll. .Ausgerüstet wurde die Spedition von der Nöw-Uorker Geographischen Gesellschaft. Als Hmptbeftrelbung galt sestzusbellen, ob in der arktischen Zone noch Land ist. Ferner sollte die Erforschung eines der schönsten Seengebiete der Wellt vorgenommen, ein Weg durch die Eiszone gebahnt und farbige Photographien von Blumen und Fischen ausgenommen werden, die bisher das Auge , eines zivWarten Müschen noch nicht geschaut hat. Die Tausende von unerforschten Merlen Krischen Narrow «und dm Nordpol sollten nach Land abgefucht werden. Auf dem Luftwege sollte man die Gegend vom Eiskap auf Grönland erkunden, in das sagenumwobene Gebiet der Seen von, Bass in eindringen und die fast unbekannten Gebiete von Labrador erforschen. Bon Etah aus sollte nordwärts mit Hilfe der Hydroplane eine Karte der Insel' Ellesmere und der gewaltigen Halbinsel, Grantland ausgenommen werden. Nach Behauptungen der Eskimos sollte im Jnselgebiet .der 600.000 Quadratkilometer großen Insel Baiffin eine unbekannte Tier- und Pflanzenwelt zu finden sein . Man kann nunmehr mit großer Spannung den Bericht Mac Wllans äbwarten. Die N o r m a n n e n waren in offenen, schlecht ausgerüsteten Booten, die nur, durch Zufall dom EiSdruck entgingen, nach Labrador gelangt. Die Expedition Mae Millans hingegen besaß das moderne Speziaffchiff ,/Bowdoin". Ms Antrieb \ dienten Rohölmotoren. Die Ausrüstung war: drahtlose, Delephonie, Kartenisextanien, Chronometer und WohMoMpage, die jedwede Abweichung bis auf einen Zehntelpunkt genau angaben. Bequeme, elektrisch beleuchtete Kabinen ermöglichten Ruhe und Erlholnng. Auf dem Begleitschiff befände« sich dk