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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-14 · Heft 2386 (14.10.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2386 (14.10.1925)
Date
1925-10-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 2386 Men, Mittwoch Wiener Morgenzeitung 14. Oktober 1925 Seite 8 Radau im Parlament. Re öozialdemolraten verlange» den RAM Matajas. — SchimMenen «ad Tumult. Gestern gab-es im Parlament einen argen Skandal, dessen Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Die Sozialdemokraten ließen der: Abgeordneten L e u t h n e r gegen den Außenminister Dr. Mataja los und Leuthner nahm sich kein Blatt vor den Mund. Vor allem denunzierte er Mataja bei den Großdeutschen als A n s ch l u tz f e i n d und unterschob ihm allerlei dunkle Pläne, die darauf berechnet seien, Deutschland gegen Oesterreich aufzubringen. Die Antwort des Ministers entfesselte dann einen Sturm der Entrüstung bei den Sozialdemokraten, die es offenbar auf den S t u r z M a t a j a s abgesehen haben. Die Sitzung mußte unterbrochen werden, und da die Sozialdemokraten eine Desavouierung Matajas durch den Bundeskanzler verlangen, sieht die Situation sehr kritisch aus. Der Nationalrat sollte gestern die zweite Lesung der von der Regierung vorgeschlagenen Resolution über die letzten Genfer Verhandlungen abführen. Abg. Leuthn e r, der als erster Redner zum Worte laich sprach fast zwei Stunden. Er machte es den Großdeutschen zum Vorwurf, daß sie einen Außenminister dulden/ der in ganz Europa als der Ausdruck der Gegnerschaft für den Anschluß will len gilt. Nur wegen zweier schäbiger Ministevsitze, die sie hat, lasse sich diese Partei einen solchen Menschen als Wortführer ihrer auswärtigen Politik gefallen, auf den als einen Diener des französischen Imperialismus, jedenfalls.als ein Werkzeug der französischen Gesandtschaft hingewiesen wird. Dr. Mataja sei der ärgste Wühler gegen den Anschluß und der schlimmste Feind, dm Deutschland in diesem Lande habe. Minister Dr. Mataja fragte die Opposition, ob sie nicht selbst finde, daß Leuthner überjedes zu lässige Maß und Ziel hinausgeschofsen habe. Ohne den Schatten eines Beweises hat er mich schimpflicher Handlungen und Gesinnungen geziehen, denn Unterwürfigkeit unter fremdes Diktat, Sewilität unter fremden Willen ist zweifellos der Vorwurf schimpflicher Handlungsweise. Ich will Ihnen jetzt nur persönlich den Eindruck sagen, dm ich von diesen Darlegungen bekommen habe. Mir war so, als ob in meiner Nähe etwas Unappetitliches, Unsauberes, aufgewühlt wird. Nun ließen die Sozialdemokraten den Minister nicht mehr weiter sprechen. Auf den Bänken der Linken erhob sich ungeheurer Tumult. Mg. Leuthner eilte zum Tisch des Ministers und rief: „Frecher Lausbub, nimm' dein Wort zur ü ck!" Zugleich ergriff er ein vor dem Minister liegendes Menbündel und schwang es drohend gegen den Minister. Die Abgeordneten Allina und Schiegl eilten herbei und rissen Leuthner zurück. Der Lärm auf den sozialdemokratischen Bänken wurde immer ärger. Ueber Dr. Mataja ergoß sich ein ganzer Hagel von Beschimpfungen. Unterdessen lief Leuchner um die Ministerbank herum, um so von der anderen Seite an Dr. Mataja heranzukommen, der ruhig dastand und eine Zeitung las. Bundeskanzler Dr. Ramek warf sich dazwischen und von dm christlichsozialen Bänken eilten die Wgeordneten Heinl, Binder, Gürtler und Dostal herbei, um die Ministerbank zu schützen. Abg. Sever rief Dr. Mataja zu: „Sie sind ein Lausbub, Sie sind ärger als der Minister Glanz!" In dem allgemeinen Lärm unterbrach Präsident Elderfch die Sitzung. Die Sozialdemokraten setzen aber ihr Schimpfkonzert fort. Als die Abgeordneten der Mehrheit vermitteln wollten, erklärte Dr. Bauer: Es gibt keine Sitzung, wenn sich nicht Dr. Mataja b e i L e u t h n e r e nt schuldigt. Mg. Dr. D o st a l schrie nun: „Wir verlangen Redefreiheit, nicht nur für Leuthner, sondern auch für uns!" Abg. S chi egl rief Dostal zu: „Wos wüll der Böhm da!" Abg. Dr. D o st a l repliziert: „Das ist Terro r!" Mg. S ch ö n st e i n e r sekundierte chm mit dm Worten: „Wer das gesagt hat, ist ein Lausbub!" Dr. Seipel rief Dr. Ramek, den Präsidenten Mit las und den Abgeordneten Fink zu sich und verhandelte dann mit dm Führern der Sozialdemokraten. Schließlich verkündete Präsident Miklas die Unterbrechung -er Sitzung zur Abhaltung einer Obmännerkonferenz. In der Obmännerkonfexenz erklärten die Sozialdemokraten, daß zur Beilegung des Zwischenfalles zunächst die Regierung zwei Fragen beantworten müsse. Bundeskanzler Dr. Ramek erbat sich die schriftliche Formulierung dieser Fragen. Nach Schluß der Hauptsitzung übermittelte Bürgermeister Seitz dem Kanzler folgende Fragen: Identifiziert sich die Negierung mit dm unflätigen Beschimpfungen, die der Minister Mataja heute gegen dm Abgeordneten Leuthner ausgestoßen hat? 2. Ist die Regierung bereit, dem Verband der sozialdemokratischen Abgeordneten für diese Boschimpfungen Genugtuung zu geben? Die Obmännerkonserenz ging ergebnislos auseinander. Es trat eine P a r t e i f ü h'r e r b e s p r e ch u n g zusammen, die bis in die spaten Abendstunden währte. Inzwischen wurde die Nationalratssitzung ausgenommen, abermals unterbrochen und die Fortsetzung für heute, nachmittags 3 Utzr,. anberaumt.. Die Sozialdemokraten - haben die Antwort auf ihre Anfragen bis heute vormittags befristet. In den ersten Vormittagsstunden findet ein Ministerrai statt, der die Antwort feststellm wird. Um 11 Uhr tritt der sozialdemokratische Klub zusammen. Wie d-er Konflikt gelöst werden wird, ist noch nicht Aar. Sicher ist jedenfalls, daß die Regierungsparteien nicht daran denken, Dr. Mataja den Sozialdemokraten zu opfern. Der geistige Rückgang Sesterreichs. Eine Rede des Professors Tandler. Wie seinerzeit berichtet wurde, hat Universitätsprofessor Dr. Julius Tandler ein Gesuch an das Unterrichtsministerium gerichtet, ihn von seiner Tätigkeit als Anätomielehrer für die Dauer eines Jahres zu beurlauben. Gestern fand nach einjähriger Pause die erste Vorlesung statt, in der Prof. Julius Tandler vom Auditorium lebhaft begrüßt wurde. Prof. Tandler kam auf sein Gesuch um Beurlaubung zu sprechen und führte dabei ans, daß ihm Feindseligkeiten und verschiedene andere Umstände die Freude am Unterricht vergällt hätten. Pros. Tandler ging dann zur Besprechung einiger allgemeiner Fragen über und berührte dann auch die angeblich sehr schlechten Prüfungsergebnisse. Er sagte, daß bei ihm dreiundreißig Prozent der Rigorosanten durchfallen, also eine Zahl, die nicht höher sei, als bei den meisten anderen Lehrkanzeln. Er erwähnte auch die zahlreichen umlaufenden Anekdoten und die Gerüchte über Schikanen seinerseits gegenüber den Rigorosanten und Rigorosantrnnen und erklärte, daß diese alle nicht den Tatsachen entsprechen, sondern 'daß das schlechte Prüfungsergebnis vielmehr auf die mangelhafte Vorbereitung der Kandidaten zurückzuführen sei.' Ein strenger Hirtenbrief. Das Linzer bischöfliche Ordinariat gegen die moderne, heidnische Körperpflege. Das bischöfliche Ordinariat Linz hat zur Frage des Frauen- und Mädchenturnens soeben folgendermaßen Stellung genommen: Das Turnen muß n a ch G eschlech Lern getrennt geschehen. Der Turnunterricht muß von Lehrkräften des gleichen Geschlechtes erteilt werden. Badeanzug beim Turnen ist nicht zu dulden. Nacktübungen jeder Art sind zu verwerfen. Mädchenturnen soll nur in Hallen oder auf Plätzen veranstaltet werden, wo die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist. Schauturnen und Wettkämpfe der Mädchen sind abzulehnen. Sie erwecken zumeist ganz unweibliche Art. Diese Ablehnung gilt auch von Veranstaltungen innerhalb von Vereinen. Die öffentliche Meinung ist durch den Turnbetrieb, durch den Betrieb von Bädern, durch das gemischte Wandern leider schon vielfach irregeführt, der gute Geschmack vielfach verdorben, das sittliche Empfinden nicht bloß a b g e st u m p f t, sondern mitunter fast ertötet, so daß der sittlichen Verwahrlosung Tür und Tor geöffnet ist. Aber nicht bloß für Eltern, auch für den Klerus ist es notwendig, auf die große 'Gefahr der modernen, heidnischen Körperpflege hinzuweisen. 'Poftscheckverkelir Mechoilowokei-Sesterreich. Die österreichische Postsparkasse, welche bereits mit Deutschland, Ungarn und der Schweiz einen Postüberweisungsverkehr unterhält, wird morgen den 15. d. diesen Verkehr auch mit der Tschechoslowakei aufnehmen. Von morgen angefangen, können daher Uebcrweisungen von tschechoslowakischen Konten nach Wien aus Postscheckkonti und umgekehrt vorgenommen werden. Für die Ueberweisungen nach Prag berechnet die österreichische Postsparkasse außer den im inländischen Verkehr festgesetzten Gebühren eine Ueberweisungsgebühr von Vs Promille. * Men^Prag in zwei Stunden. Das erste österreichische Verkehrsflugzeug in Gbell gelandet. Prag, 13. Oktober. Heute ist nach zirka zweistündige m Flug das erste österreichische Verkehrsflugzeug auf dem Flugfeld Gbell gelandet. Man hofft, daß es in absehbarer Zeit gelingen werde, eine direkte Luftverkchrsverbittduug W i e n—P r a g—B e r!l i n einzurichten. Letzte Kurie. New-Aork, 13. Oktober. (Tei.-Komp.. Berlin 23.80, London Kabei 4.84%, London' Scheck 4.80%. Amsterdam 40.21, Laris 4.54, Brüssel 4.55%. Rom 3.95, Madrid 14.46. Zürich 19.29, Stockholm 2684. Oslo 20.23 Kopenhagen 24.52 Wien 14%, Budapest 14% Prag 296%. Belgrad 177%, Athen 1.39% Buenos Aires 41%. Rio de Janeiro 15.05. Butarest 48 Ntztv-Aork, 13. Oktober. (Tei.-Komp.) Weizen rot Winter , Weizen hart Winter —, Mais —. Hafer — Roggen Chikago, 13. Oktober. Del.-Komp.) Weizen per Dezember —, Mm —.—, Juli; Mais per Dezember — Mai —, Juli; Hafer per' Dezember —,Mai —, Juck —; Roggen per Dezember'—.—, Mai —Juli . LÖWEN FRANZBRANNTWEIN mit Menthol ist durch die Zusammenstellung unerreichbar. Die Wirkung in allen Fällen unschätzbar. Bei Gicht, Rheuma, Gliedert eissen, Kreuz-, Rücken-, Kopf- oder Zahnschmerzen und bei vielen anderen Unpässlichkeiten hilft er sofort. In Originalflaschen überall erhältlich Gesetzt gesch. Erzeuger: Alexander Kalmar, Wien,II. Nordbahnhof Schutzmarke Nie hebriiifche UniMit. Differenzen innerhalb der Leitung. Bei der letzten Sitzung des Universitätskomitees in München wu'rden mehrere Verfügungen getroffen, darunter die Bestellung eines Kanzler und eines Vizekanzlers in Palästina, welche anscheinend Differenzen im Kuratorium, der obersten VerwaÜungsbehörde der Universität, hervörgerwsen haben. Die seit langem umstrittene Frage, wohin die eigentliche Leitung zu verlegen sei, ist neuerlich aktuell geworden. Mährend ein Teil des Kuratoriums, darunter Präsident Weizmann, verlangt, daß die eigentliche Leitung in der Diaspora, das heißt in Europa, verbleiben solle, trachtet der durch Felix Marburg und Dr. Majnes repräsentierte amerikanische Flügel dahin, die Leitung in Palästina zu konzentrieren. Der in München gefaßte Beschluß auf Einsetzung eines Kanzlers wird nun als ein Vorstoß in der Richtung der amerikanischen Bestrebungen anMsohen und tag Organ der Zionistischen Exekutive in London „The New Judäa" kritisiert die getroffene Verfügung wie folgt: „In den weiten zionistischen Kreisen ist in den letzten Jahren der W-unsch, den Sitz aller zionistischen Institutionen nach Palästina zu verlegen, immer drängender geworden. Es ist daher um so bezeichnender, daß der letzte ' Zionistenkongreß mit Bezug aus die Universität der Exekutive die Weisung gegeben hat, zu verhindern, daß die oberste Leitung der Universität nach Palästina verlegt werde. Das allgemeine Empfinden geht eiben dahin, daß die Leitung in der Diaspora bleiben muß, weil hier die Massen der Mischen JMelligenz verwurzelt sind. Das in München angenommene Schema scheint den Echordernissen dieser Situation zu entsprechen. Mer wir müssen Stellung nchmen gegen die voreilige und ungerechtfertigte Erteilung der Titel Kanzler und Vizekanzler an die Mitglieder der Palästinensisch ei: Exekutive des Kuratoriums. Wir wissen wirklich nicht, ob sich die hervorragenden Gelehrten, welche an der ANnchuer Sitzung teilgeuommen Haben, sich der Bedeutung und der Folgen einer solchen Titelverleihuug bewußt waren, ob sie die Bedeutung kennen, welche beispielsweise die Kanzllerposten an englischen Universitäten besitzen. Nach den Berichten scheint es zweifelhaft, ob die Funktionen eines Kanzlers und Vizekanzlers identisch sind mit den Funktionen, welche den Herren in Palästina tatsächlich zngedacht sind. Wenn.der gute Name der Universität vor dem Vorwurf der S e l b ft ü b e r h eb n n g und leerer Prunksucht — und dieser Vorwurf wurde von einigen der besten. Freunde der Universität in Anbetracht dieser Beschlüsse erhoben — bewährt worden soll, ist es notwendig, den Mißbrauch der Titel Kanzler und Vizekanzler sorgfältig zu vermeiden. Unserer Meinung nach sollten die aus irrtümlicher Beurteilung der Lage beruhenden Beschlüsse so rasch als möglich aufgehoben werden." Zur Klärung der Sachte sei 'tarne#, daß an englischen und amerikanischen Hochschulen der Kanzler und Vizekanzler tatsächlich die obersten Leiter sind. Nun gibt es jetzt zwei Präsidenten des Universitätsikuntorimns in Europa, Weizmann und Einstein, und einen Kanzler und einen Vizekanzler in Palästina/M a Y n e s und B e n t w -i ch. Die Funktionen dieser Würdenträger sind tatsächlich nicht, genau umschrieben, da es überhaupt noch keine genehmigte Konstitution gibt. Das muß zu Unklarheiten und, wie aus den obensichenden Aeußerungen hevvorgeht, zu Konflikten führen. Alls dem gewiß gut gemeinten, aber schlecht angebrachten Bestreben die Austragung von Disserenzen zwischen leitenden Personen möglichst hinauszufchiebeu, hat man bisher von der Schaffung eines definitiven Statuts für die Universität Abstand genommen und hat Unklarheiten bestehen lassen, die natürlich nur geeignet sind, die Differenzen zu verschärfen. Die einzige Möglichkeit, die Universität vor den üblen Folgen eines Konfliktes zwischen den wertvollsten Md nützlichsten Persönlichkeiten zu bewahren, besteht darin, daß dem Institut ungesäumt eine ordentliche Verfassung gegeben wiriü Eine länger andauernde Verstimmung in leitenden Kreisen kann der jungen Universität nur zu schwerem Schaden gereichen/

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