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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-14 · Heft 2386 (14.10.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2386 (14.10.1925)
Date
1925-10-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener Morgenzeituns 14. OkwLer 1923 mmmäk IttüsWnds Sstgrenzen. Garantien für die Lftftaaten in Locarno. — Ahne Seutschiands Eintritt in den MIker< bund keine Sicherheit,patte. Locarno, 13. Oktober. Zwei Ereignisse standen heute ini Vordergrund des Interesses. Das eine ist die gestern abends erfolgte Reise des deutschen Delegation-- Mitgliedes Staatssekretär Dr. Kempner Nach Berlin. Kempner soll dem Reichspräsidenten Hindenburg und dem heute abends zusammentretenden ' Kabinettsrat in Berlin Informationen über den Stand der Konferenz Non Locarno geben. Seine Rückkehr nach Locarno wird Donnerstag oder Freitag erwartet. Diese Reise wird hier dahin gedeutet, daß die deutsche Delegation für die zu einem Positiven Konferenzergebnis notwendigen Konzessionen in der Frage des Eintrittes Deutschlands in den Völkerbund die nötige Rückendeckung sucht. Aus diesem Grunde ist auch dieser Punkt der Konferenzverhandlungen zurückgestellt worden. Das zweite Ereignis des heutigen Tages war der Besuch des polnischen Außenministers Skrzhnski bei Stresemann, dem ein kurzer Höflichkeitsbesuch Skrzynskis beim Reichskanzler Dr. Luther vorangegangen war. Diese Besprechung, welche über , eine Stunde dauerte, behandelte die O st f r a g e n, in erster Linie die Gestaltung des eventuell abzuschließenden deutsch-polnischen Schiedsvertrages, dem für den ganzen schwierigen Komplex der Ostproblcmc grundlegende Bedeutung zukommen würde. Aus diesem Grunde konzentrierte sich das gesamte Interesse auf diese Besprechung, über die von polnischer Seite erklärt wird, Polen beäbsichtige nicht, Schwierigkeiten zu machen; wenn auch Schwierigkeiten vorhanden seien, so bestehe doch die Möglichkeit, zu einer Lösung zu gelangen. Nach seiner Besprechung mit Stresemann hatte Skrzhnski eine Unterredung mit C h a mb e r l a i n, die ebenfalls die Ostfragen behandelte. Die Besprechungen zwischen den deutschen und den tschechoslowakischen Juristen über den deutsch-tschechoslowakischen Schiedsvertrag gingen weiter. Der tschechoslowakische Minister des Aeußern Dr. Benesch speiste zusammen mit dem deutschen Staatssekretär v. Schubert. Nach der Mahlzeit hatten beide eine längere Aussprache. Ueberdies fanden Besprechungen zwischen B e r t h e l o t und S ch u b e r t, sowie zwischen Briand und Scialoja, letztere bei einem gemeinsamen Ausflug, statt. Um 5 Uhr nachmittags nahm die heutige Vollsitzung öttesemana horcht «ach Berit«. der Konferenz ihren Anfang; sie dauerte bis kurz nach 6 Uhr abends. Nach Schluß der Sitzung wurde folgendes Communique auSgegeben: „Irr der Nachruittagssitzuug von: 13. d. wurde der Gesamtbericht der Juristen über den letzten Stand der Rcvisionsarbeiten cntgegengenommen, die ihnen zwecks Vorbereitung der endgültigen Redaktion des Sicherheitspaktes anvertraut waren. Es wurde hinsichtlich des größten Teiles des erörterten Textes eine Einigung erzielt, während nur wenige Punkte einer späteren Erörterung Vorbehalten bleiben. Die nächste Sitzung ist auf Mittwoch den 14. d., 5 Uhr nachmittags, angesetzt worden." Aus diesem Communique ergibt sich, daß noch nicht alle Schwierigkeiten behoben sind, und zwar dürfte dies bannt Zusammenhängen, daß wahrscheinlich im Verlaufe der Sitzung auch die Frage der französischen Ostgarantie angeschnitten r nrde. Von französischer Seite wird über den Stand'dieser Fragen dargclegt, daß die von den Juristen ausgearbeitcte Formel des Rhcinpaktes das Jnterventionsrecht Frankreichs zur Garantie der östlichen Schicdsgerichtsverträge enthalt ten wird; die in Aussicht genommene Fassung werde diese Garantie unzweideutig durch Bezugnahme auf die genannten östlichen Schiedsgerichtsverträge festsetzen, jedoch ohne daß sie als eine gegen Deutschland gerichtete Drohung ausgelegt werden könnte. Das Inkrafttreten dieser Garantie werde im Falle eines nicht herausgeforderten flagranten Angriffes einen automatischen Charakter bewahren. Andererseits würden die Schiedsgerichtsverträge zwischen Deutschland und Polen sowie zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei ein Verfahren zur Regelung von Konflikten enthalten, das mit jenem durch den Rheinpakt vorgesehenen ganz identisch sein wird. Sämtliche juristischen Fragen würden der Entscheidung von Richtern, zum Beispiel des Haager Schiedsgerichtshoses, unterbreitet werden, andere. Streitfragen politischer oder territorialer Art würden einem Einigungsausschuß und im Falle der Uneinigkeit dein Völkerbundrat überwiesen werden. Bezüglich der Zulassung Deutschlands zum Völkerbund sei nur mehr die endgültige Zustimmung der deutschen Delegation abzuwarten, die Nach der Rückkehr Kempners zu erwarten sei. Seite 2 Wien, Mittwoch ihrer Gegner zu kennen. Ist es aber möglich, auf den Konferenzen durch Nachgiebigkeit zu einer Einigung zu kommen, wozu muß man erst die Konferenz abhalten? Hält man sie aber ab, weshalb gibt es keine Regie, die wenigstens in der Zeit der Konferenz für etwas friedliche Stimmung sovgt? Kann sie dies aber'nicht, wozu die Schaumschlagerei vom allgemeinen Frieden, von der Abrüstung und dem Schiedsgericht? Wie kann in solcher Atmosphäre die Versöhnung gelingen? Sie Minderheitenkonferenr in Genf. Beginn am 15. Oktober. Genf, 13. Oktober. (Schweiz. Dep.-Ag.) Dounerötag beginnt der Kongreß der nationalen Minderheiten Europas. An der Tagung werden Delegierte von Mhr als dreißig nationalen Gruppen, die zwölf Völker mit insgesamt dreißig Millionen Seelen aus vierzehn verschiedenen Staaten vertreten, teÄnehmen. Nach den bisher vorliegenden Auimlbungen werden Vertreter der deutschen, polnischen, litauischen, dänischen, slowenischen, ukrainischen, ' russischen, iveißrussischen, karpathoruffischen, jüdischen, wendischen, ungarischen und schwedischen Nationalität zur Konferenz erscheinen. Zweck der Konferenz ist, die Führer aller Gruppen zu einem Gedankenaustausch über die Lösung des Nationalitätenproblems zn versammeln. Es wird sich darum handeln, gewisse gemeinsame Grundsätze zu formulieren, die den Minderheiten gestatten, m i k der Mehrheitim Einvernehmen zu leben. Von der Diskussion ausgeschlossen sind die Fragen über die Stellung einzelner Gruppen individuell genommen und damit zusammenhängende Proteste. Die Vertreter der Mischen Minderheiten. Warschau, 13. Oktober. Der jüdische Sejmklub hat den Senator Dr. Körner uwd den Abg. G r üu bau m als seine Vertreter zur Genfer MinoritätEnkonfeenz entsendet. Czernowitz, 13. Oktober. Ms Vertreter der jüdischen Minderheit in der Bukowina nimmt Dr. Mayer Ebner an der MinoritätenÄnferenz in Genf teil. Sie Konferenz der internationalen humani- Kren Srgaaisationea. Am 7. Oktober begann, wie bereits berichtet, in Genf eine vom Internationalen RotenKreuz einbevufene Konferenz der Humanitären Organisationen. Den Vorsitz führt Herr Gustav Ador (Schweiz). Vertreten sind die verschiedenen Regierungen, sowie die großen internationalen humanitären Organisationen. Ms Vertreter der jüdischen Welthilfskonlferenz nehmen, wie I. T. A. aus Genf berichtet, die Herren Leo Motzkin und Zwi Aberfon an der Konferenz teil. Einer der Hauptberatungspunkte der Konferenz' ist die Etablierung einer gegenseitigen Versicherung der Staaten und Völker gegen plötzliche Unglücksfälle und Katastrophen. Wie bekannt, bestreben sich Mische Politiker, daß auch die Schäden durch die Judenpogrom« in eine solche Versicherung ein« geschlossen werden. _ Rücktritt der amerikanischen Krlegssekretürr. Washington, 13. Oktober. (Havas.) Der Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, Knight Davis, ist an Stelle Weeks zum Kriegssekretär emannt wovden. (Weeks mußte infolge der Katastrophe der ,Dhenaudoah" zurücktreten. Die Red.) Panama von ll. 8. A.-rrappen besetzt. Wegen Streikumuhen. London, 13. Oktober. (Lel.-Komp.) Nach einer Meldung aus Panama haben amerikanischeTruppen die Stadt Panama auf Ersuchen der Regierung von Panama besetzt, weil dort ernste Streikunruhen ausgebvochen sind. Die amerikanische Regierung .hatte zuerst die Entsendung von Polizisten vorgeschlagen. Die Regierung von Panama hat jedoch dieses Angebot als ungenügend bHeichnet, weshalb Truppen aüsgeschifft wurden. Ne Parlamentswahlen in Lettland. Fünf jüdische Deputierte im neuen Sejm. Riga, 1L. Oktober. (I. T. A.) Im neuen lettländischen Sejm werden die Inden durch fünf Abgeordnete vertreten sein. (Im früheren Sejm zahlten die Juden sechs Abgeordnete; infolge der Stimmenzersplitterung ging diesmal das zweite R^aer Mandat verloren.) Gewählt wurden in Riga der Agudist Rabbiner Du>bin, in Kurland der M i s r a ch i st Rabbiner N u r o k, in Letgällen der Agud ist, Rabbiner Dubin, der Bundist Dr. Me ise l und -der Vertreter der Zeire-Zion-Hitachduth Dr. Laserson. Der Wiener leitländische Gesandte. Wie die Politische Korrespondenz erfährt, wurde das Agrement für die Ernennung des Herrn Martins N u k s a, der auch für Warschau akkreditiertist, zum lt t ländischen Gesandten in Wien erteilt. Der Tod auf der Geschwornenbank. Die zweite Sitzung im Steiger-Prozeß abgebrochen. (Von unserem Lembevger H-Korrespondente-n.) Lemberg, 13. Oktober. Die heutige Verhandlung im Steiger-Prozeß, welche um 10 Uhr begann, nahm sofort ein jähes Ende. Der Vorsitzende Oberlandesgerichtsrat Franke eroffnete die Verhandlung und teilte mit, daß knapp vor Beginn >der Geschworne Szulakiewiez, Direktor einer Erdölgesellschaft, im Gerichtsgebände einem Schlaganfall erlegen sei. Aus diesem Grunde beschloß das Gericht, die Verhandlung auf morgen vormittags zu vertagen. Der traurige Vorfall im Gerichtsgebäude hat die Erregung, welche dieser Prozeß schafft, noch gesteigert. Eine Reihe von Momenten hat dazu beigetragen, die ohnedies gespannte Stimmung noch mehr zu verschärfen. Wie noch gestern im Gerichtsgebände .bekannt wurde, war Steiger am Tag vor der Verhandlung, nachdem er vorher dem Simchas-Dhora-Oottesdienjst für die jüdischen Häftlinge beigewohnt hatte, von starkem Unwohlsein böfallen worden. Er klagte über heftige Schmerzen und konnte, erst nach Darreichung von Beruhigungsiuitteln schlafen. Am selben Tage versetzte eine zu Hetzzwecken erfundene Nachricht des Lemberger antisemitischen Blattes „Gazeta Codzienna" die Bevölkerung in starke Erregung. Das Blatt behauptete, Steiger habe einen Fluchtversuch aus dem Gefängnis unternommen* sei jedoch im letzten Moment gehindert worden. An dieser Nachricht, .welche nur dazu in die Welt gesetzt wurde, um zu provozieren, ist natürlich kein wahres Wort. Der Verlauf de's ersten V erhandln ngs-- tages war, wie bereits berichtet, von den Formalitäten ausgefüllt. Steiger erzählte seinen Lebenslauf, aus dem hervorzuheben ist, daß, er «während des Krieges zwei Gymnasialklassen in Wie-n'absolviert hat und auch an der Wiener Exportäkademie studierte. Das eigentliche Verhör mit Steiger wird erst in der nächsten Gerichtssitzung beginnen und wahrscheinlich einige Tage in Anspruch nehmen. Heute ist ein interessantes Detail bekannt geworden, welches den Steiger-Prozeß mittelbar berührt: Der Untersuchungsrichter Rudka und sein Schriftführer P i o- -1 r o w s f i, über deren Methoden, Untersuchung zu iführrn und Protokolle abzufassen, in dem Vorspiel des Steiger- Prozesses, dem Prozeß Kornhaber, Mikitin und Genossen, viel die Rede war, wurden über Auftrag des Justizminrsters in Disziplinaruntersuchung gezogen. Rudka hat auch die Untersuchung gegen Steiger geführt, _ Set erstochene Wachtmeister Stemm«!. Revision des Prozesses gegen den Geflügelhändler Loebl. Budapest, 16. Oktober. Vor der königlichen Tafel fand heute die Appellationsvechandlung des Prozesses gegen den Geslügeilhändler Josef Loebl statt, der in erster Instanz wegen Ermordung des S o l d a t e n T r e m m a l zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Die königliche Tafel ordnete die Einvernahme mehrerer von der Verteidigung angemeldoter Zeugen an, die beweisen sollen, daß bei jener Schlägerei im Cafe Lazar, bei der Tremmal den Tod fand, seine Kameraden der an greifende Teil waren. Die Verhandlung wurde zu diesem Behuf« vertagt. Bei der Verhandlung kam es zu aufregenden Szenen. Der Angeklagte Josef Loebl bekam, während der Vorsitzende das erstrichterliche Urteil verlas, einen schweren epileptischen Anfall. Loebl stürzte, von Krämpfen geschüttelt, zusammen, tobte und schrie und mußte von mehreren Gefängniswärtern gebändigt werden. Die Anfvegnng im Ger'rchtssaal wurde noch dadurch verstärkt, daß die im Zuschauerraum anwesende Gattin des Josef Loebl, als sie ihren Mann sich auf dem Boden winden sch, ebenfalls Verzweiflungsschreie ausznstoßen begann und,nur schwer beruhigt werden konnte. Der Vorsitzende mußte die Sitzung auf eine längere Zeit untexbrechen, bis Josef LoM sich von dem epileptischen Anfall wieder erholt hatte. __ Sie FteimametvetsolgMg in Stallen. Nach Florenz ist nun auch Rom der Schauplatz von Ausschreitungen gegen die Logen der F r e i m a u r e r geworden. Diesmal richtete sich der faszistische Ueberfall gegen das Gebäude des schottischen Ritus auf der Piazza del Gesu. Einige Straßenbahnwagen wurden gestürmt und sollten als Bannerträger dienen. Die Faszisten hatten aber wohl nicht bedacht, daß der schottische Ritus als regierungsfreundlich gilt und daß die Regierung Wiederholungen der Ueberfälle zu vermeiden wünscht. Jedenfalls wurden den Faszisten die Fahnen von der Polizei entrissen. Neun Faszisten wurden verhaftet. Ein gleichzeitig eingesetzter Sturm gegen bag, Gebäude des Gros;ortents mißlang am Widerstand der Schutzpolizisten. Der Generalsekretär der Faszisten in Rom hat infolge dieser Zwischenfälle zu rück treten müssen.

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