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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-14 · Heft 2386 (14.10.1925) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2386 (14.10.1925)
Date
1925-10-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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[Polen; 20 groszyj Wien: Zum Abholen Inder Expedition, 11., Taborstr. 1-3, oder in einet Verschleisstelle (Trafik) monatl. 6 Schilling Strassenverkaul in Wien durch die Kolporteure der Firma G o I d sch mied, 1.. Wollzelle 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling T sch echo-Slowakei: Mon, K 22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. Polen: Mon. 4 Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Bel gl en: Mon. Frcs. 18 Nachsahlaagen bet P r e i «- crhAbatittcn Vorbehalten Rr. 2386 Wien. Mittwoch. 14. Strobel 1925 Engl a n d: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Rumänien: Mon. 170Lei. Bulgarien MonJOOLewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II, Taborstr. 1 Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (D.uckere! lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Sn tunen' Mutigen der Hukeulteurler gegen den Rektor der Hochschule skr Wellbnndel. Das Wiener Hakenkreuzblatt „Deutsche Arbeiterpresse" kündigt neue Hochschulkrawalle an. Diesmal soll nach dem Willen der Hetzer an der Hochschule für Welthandel begonnen werden. Diese Hochschule besuchen zahlreiche jüdische Hörer, die täglich und stündlich den frechsten Beleidigungen ausgesetzt waren. An den Anschlagstafeln der Schule prangten beständig Hakenkreuzplakate und Aufrufe, die in der schmutzigsten und blutrünstigsten Form die Ehre der Juden begeiferten. Nach einer ungebührlich langen Duldung dieses Unfugs seitens der Unterrichtsbehörden hat sich der neue Rektor Hofrat G r u n tz e l entschlossen, den Anschlag beschimpfender und verletzender Ansruse zu verbieten. Diesen Anlaß nimmt das Hakenkreuzblatt wahr, um den Rektor als „Judenknecht" und das Anstaltskuratorium als „jüdische Verbrecherbande" zu kennzeichnen, and die Studenten offen aufzufordern, den Rektor zu verjagen und den Betrieb der Hochschule unmöglich zu machen. Wir greifen ans der Fülle einige Wendungen heraus: „Ein Notschrei der deutschblütigen Jugend gellt an unser Ohr: „Hilfe! Verrat von allen Seiten!" Airrgeblich „deutsche" Professoren ivolleN die deutsche Jugend geistig erdrosseln, wollen ihr die Freiheit: des Wortes - rauben .In den Umsturzjahren war die Hochschule für Welthandel die „Edelzuchtanstalt ' der Börsengauner und der Ballltcnverbrecher!" . Der Abschaum der Menschheit, der scheußlichste Aus Wurf der Wüste trieb sich dort herum. Da kam die Wellet der Frontstudenten und reinigte das deutsche Haus vor dieser Menschenpest mit einem eisernen Besen! .. . Herrlich war der Geist der deutschen Jugend dieser Hochschule, kernig und echt deutsch die Gesinnung, kampfessreudig und lebensfroh die Arbeit! Um die'geistige Judenseuche zu überwinden, führten die Führer im deutschen Haus, am' deutschen.Ort das freie deutsche Wort ein! Ein mu st ergülti gausgebautes A n s ch l a g w e s e n, durch welches die deutsche Jugend über alles aufgeklärt wurde, was die jüdische Pest unterdrückt, was die „Iudenknechte" nicht hören wollen... Abseits, standen die Menschen, die vom deutsche n Staate 'bezahlt werden, um vor allem die deutsche Jugend im. d e u t s ch e n Sinne heranznbilden! Es fanden sich sogenannte d e u t sch e Männer, die sich.gegen diese Jugend stellten, die gegen sie von Haß erfüllt waren und die sie vernichten wollten! An der Spitze dieser schändlichen Menscher: steht ein „H o fr a t" G r u n tz e l. . . Sein teuflischer Plan ist gelungen, die deutsche Jugend ist mundtot gemacht! Jeder. .Anschlag ist verboten!. Der hungrige Student kann nicht erfahren, wo. er essen kann, wo er eine Unterstütz:: n g erhalten kann: Kein Sterbenswörtchen zu erfahren — keine Mitteilung gestattet. ... Die deutsche Studentenschaft der Hochschule für Welthandel ist derzeit von der Umwelt äbgeschnitten. Das ist Verrat, das ist Verbrechen an der' deutschen Jugend, das ist S a d i s m u s! Wer dieses System der geistigen Versklavung der deutschblütigen Jugend unterstützt, ■ ist ein Landesverrätern und Mörder des Freiheitsgeistes! Dieses Verbot ist eine Kulturschande, eine Beleidigung der deutschen Bevölkerung Wiens! . Ein Grur:tzel aber,, der die Aushängnng von einem Aufrufe zur Teilnahme an der Kundgebung gegen den Schmachf.riedeu zu bewillige:: sich weigerte, ja, der ihn sogar-entfernen und beschlagnahmen ließ, hat den Anspruch verloren, „Deutscher" genannt zu werden! , Die Rektorenkonf.er.enz, die diesen Volks- Verräter in. ihren Reihen duldet, würde sich auf die 'gleiche Stufe stellen! . Der deutsche Student, der diesen „M e n s ch e n" bei .der .Amtseinführung still anhört, hat verlernt, wann ein Mensch aus der anständigen beut s ch e u e [c U [cäf) a f t .ausgestoßen, werden.. muß! Der so-. genannte Rektor Gruntzel ist kein deutscher Rektor! Er macht Zutreiberdienste für das Juden- und Tschechen tum, ist ein Förderer der Beitauer- Asiaten; ist ein hinterhältiger, haßerfüllter Feind. der deutschblütigen' Jugend, ist ein Lehrer, der auf seinen Gesundheitszustand geprüft werden soll, weil er ein unlösliches Rätsel darstellt. Deutsche Jugend! Laß dich nicht weiter verkaufen und verraten! Wahre das heilige Erbe deiner Väter: , Ehre, Freiheit, Vaterland, deutsche Art und deutsche Sitte! Wir stehen treu hinter dir in dem heißen, heiligen Kauchf um dein Recht, um Geistesfreiheit, Rasseureinheit, Volkeseinheit! Heute schossen wir bloß mit dem Revolver! Ist dieser Warnschuß umsonst, dann kommt die Flinte! Verkriecht sich der Rassenbvei und Wüstenauswurf noch immer nicht, dann gibt es Minen! Macht man den Wortbruch an dieser Kulturstätte nicht schleunigst gut, dam: fahren die Kanonen auf! Vergessen die d e n t s ch f Ü h l e n d e n Professoren noch, immer ihre Pflicht, dann komnit der Mörser!" . Die Ausführungen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig., An derselben Pummer werden die 'deutschen Studenten auch ausgefordert, ihre Anschristen" bekanntzugeben. Zu welchem Zwecke das'geschieht, kann man sich leicht vorstellen.' Jedenfalls ist es höchst interessant, daß die österreichischen Behörden, insbesondere aber die verehrliche Staatsanwaltschaft,, ruhig zusieht, wie wochenlang Vorbereitungen getroffen werden, um Rektoren und Professoren zu verjagen und Hochschulen zu stürmen? Wer die Gewohnheiten der österreichischen Hakenkreuzstudenten kennt, weiß, daß der Appell der „Arbeiterpresse" nicht ungehört verhallen wird. __ Ittjß, die Erwachenden und die Wiener Monarchisten. Eine Pogromistenkonferenz in Budapest. Budapest, 13. Oktober. Rumänische Blätter meldeten kürzlich auf Grund von Mitteilungen des rumänischen Universttätsprosessors C uza, daß in B u da p e st anfangs Oktober ein -luter national er Antisemitenkongreß statt'geisunden habe. Di'bor Eckhardt, der Präsident des Vereines der Erwachenden Ungarn, erklärt nun heute im „Eft: Kurier", daß tatsächlich private Besprechungen über Fragen des Antibolschewismus und des Antisemiti'smns hier stattgefunden hätten, an denen, auch ■ Pros. Cu za teilgenommen habe, wenngleich es übertrieben sei, von einem Kongreß zu sprechen. Das Rassensch'ützlevorgan „Szoszat" meldet in Ergänzung dieser .Mitteilung, 'daß' die aus l ä ndis ch e n und ungarischen T eilnehu: er an den Budaipester Besprechungen eine e n g e r e K o v P e r a t i o n beschlossen hätten. Der Verein der Erwachenden Ungarn habe in einer am 7. d. abgehaltenen Leitungssitzung ebenfalls beschlossen, die Zusammenarbeit mit den antisemitischen und antibolschewikischen GruPPen der beiden Nachbarländer unverzüglich aufzunchmen. (Aus dem „anderen" Nachbarstaat ivaren zu dieser Konferenz der P o g r o m i st e n, die in den Wiener Presseablegeru des Horthysmus als „antibolschewikische Konferenz" gemeldet war, der Wiener Monarchistenhäuptliug Sch a g e r und der arische Gurkenhändler und Staatsrat.a. D. Teufel aus Znaim anwesend. — Die Red.) .. Mae Imalds Arise. Besuch in Wien. . London, 13.. Oktober. (Wolfs.) Ramsay Mac Donald hat heute vormittags seine R e i s e n a ch d e m K o n t i n e n t angetretett^ die ihn nach Wien, Berlin, Prägt und B r ü s s e l führen wird.- Lord Arnold begleitet Mae Donald. Für die Reise sind drei f Wochen in Aussicht genonnnen. Mac Donald bestätigte . Berichterstattern gegenüdep, daß die. Reise keine poli- I tische Bedeutnn& Habe, 7; Jahrgang Das Idyll don Locarno. y. W i e n. 14 Oktober. In Locarno wird verhandelt. Täglich kommen neue Meldungen über die erzielten Fortschritte, über die ' in den Prunksalons unbelauscht durchgeführten Gepräche, die dem Zweck dienen, den steifen Formalismus auszuschallen. Rührende Dinge sind zu lesen. Wie Stresemann fast schon umgefallen wäre, hätte nicht Luther kräftig eingegriffen; wie bei der Kahnfahrt auf dem Lago Maggiore in Gegenwart und sozusagen unter dem Schutze von Lady Chamberlain die schwierige Rheinpaktsrage erledigt wurde, wie Briand die Herren Skrzynsky und Stresemann miteinander bekannt wachte. Und alles, was berichtet wird, stimmt in rosenrotem Optimismus überein. Der Himmel hängt voller Geigen. Der Frieden ist da, ja wir find schon mitten drin. Nur ein Weilchen noch und alles wird voll Wohlgefallen auf diese Vergangenheit zurückblicken. Nur ein wenig Geduld! Der Rheinpakt ist schon fertig und muß nur noch unterfertigt werden; Mussolini kommt eigens im Flugzeug zu dem feierlichen Akt. (Der Beuch ist schon abgesagt.) Vor der Unterfertigung ist nur noch der Ostpakt zu erledigen. Auch der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund kann als vollzogene Tatsache gellen. Der bezügliche Fragenkomplex, sagt die Schweizerische Depeschenagentur, ist bereits fast vollständig bereinigt, aber er wird noch zurückgestellt, um am Schlüsse der Konferenz im Gesamtrahmm der übrigen Probleme wieder ausgenommen' zu werden: Das stimmt traurig. Es paßt absolutmicht in das. Stilleben-Jdeal, das die so friedlichen ünd freundlichen Minister in der Idylle dieses Herbstes zusammengeführt hat. Es stellt sich heraus, daß bisher überhaupt kein Resultat erzielt wurde, daß-kein einziges Problem vom Fleck gekommen ist und daß die Teilnehmer an der Konferenz, einige gegenseitige angenehme Erinnerungen und ein paar Kisten - mit- Protokollen und Akten nach Hause führen werden. Immerhin wäre doch schon viel Gutes gestiftet, wenn sich in den Verhandlungen der Wille zeigen würde, das allgemeine Mißtrauen - abzubauen. Eine solche Möglichkeit wäre eine sehr starke FuMerung einer Einigung. Aber da gibt es Symptome, die kaum das Vorhandensein einer solchen Tendenz bekräftigen und die sich auch nicht auf den Bereich der in Locarno vertretenen Mächte lokalisieren. Aus den Zeitungen-sei wahllos einiges kurz zitiert: In der letzten Woche fanden 'große französische Manöver im besetzten deutschen Gebiet der Eifel statt; in Berlin enthüllte am Sonntag ein General im Auftrag Seiner Majestät des Kaisers und Königs ein Kriegerdenkmal, auf dessen Sockel in lateinischer Sprache als Friedensbotschaft die Worte stehen: „Aus unseren Gebeinen wird der Rächer erstehen." Reichspräsident Hindenburg war zugegen. Die Türkei schafft sich 600 Militärflugzeuge an, das Geld wird „aus freiwilligen Spenden" beschafft. (Um etwas auch sür-en Humor zu tun; ist ein TVcl der Mittel zur Anfertigung von Brillantenmedaillen für Mustafa Kemal und . seine Freunde verwendet worden.) Griechenland hat beschlossen, eine Luftverteidigung einzurichten, die ebenfalls auf „freiwilligen Spenden" basiert wird. In London wird unter großem Zulaus des Publikums der Film, von der Schlacht bei Wern vorgeführt, den Mannschaften der Armee gestellt haben. Der Vertreter Amerikas auf der vorjährigen Anti-Giftgas-Konfermz, Professor Shotwell, verlangt im „Journal de Geneve", das am Ort des Völkerbundes erscheint, den Schutz der chemischen Industrie gegen eine Unterbindung ihrer Produktion. In Belgien ist das Rekrutenkontmgent unter das erforderliche Ausmaß gesunken. Der erste Lord der englischen Admiralität Bridgeman fordert in einer Rede eine energische Marinepolitik. Im Kanton Basel sind die Manöver beendet worden. Französische Bombengeschwader sprengten Beduinenansammlungen auseinander, die neue'Offensive hat begonnen. In Marokko werfen amerikanische Flieger Bomben auf die Kabylen und erhalten von russischen Artilleristen Antwort.'Das ist alles an einem Tage mitgeteilt, alles zur Zeit von Locarno. Es sieht also nicht gut aus und die Kriegsindustrie muß keine Entwertung ihrer Aktien befürchten. Es entsteht aber doch die Fraoe, wozu eigentlich Konferenzen stattfinden, wenn ihr Gelingen nicht von Vorneherein gesichert ist? Die Diplomaten müssen doch nur die , Zeitungen aufmerksam lesen, gutdie Anschauungen

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