Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2385 (13.10.1925)
- Date
- 1925-10-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981471--24334-3011868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ib. 8866 ~ Bfc», MMq S«c Best«» hltftf MMischm OrMisitio« Ist imm»Hk IPw|«w* Kiuf die hier erörterten Punkte wird sich die Böwei'Sfühvung im Prozeß gegen Steiger konzentrieren. Es wird ein interessanter Kamps um die Wahrheitwerden. Der Kampf wird schwer, aber der Mühe wert sein. Handelt eS sich doch um die AuMvung von Verhältnissen, die einer Gesundung bedürfen. Der Prozeß wird große SüubernngZarbeit im öffentlichen Interesse zu verrichten haben. * ProMegin«. Non unserem Lemberger H.-Korrefpondenten. Lemberg, 12. Oktober. „Sämtliche Eintrittskarten sum Steiger-Prozeß sind bereits verteilt." So stand bereits vor einigen Tagen an der Tür des Gerichtspräsidenten zu lesen, der mit Gesuchen um Eintrittskarten bestürmt worden war. Unzählige Ansuchen mußten abgewiesen werden, auch eine Anzahl von Pressevertretern wurde nicht berücksichtigt. Im Schwurgerichtssaal des imposanten Lemberger Gerichtsgebäudes, der lange vor Beginn der heutigen Bevhandlwg gefüllt war, sieht man im Zuhörerraum neben dem sorgfältig ausgewählten Publikum hauptsächlich Journalisten (mehr als 30 ausländische Blatter haben Vertreter). Vor dem Gerichtsgebäude, bei dem immer wieder Einlaßbegehrende sich sammeln, hält die Polizei die Ordnung aufrecht. Schon vor Beginn der Verhandlung sind drei interessante Nachrichten bekannt geworden, die auch im Publikum lebhaft erörtert werden: Zunächst verlautet, daß der ukrainische Student Mikitin, welcher bekanntlich den ukrainischen Terroristen Panezhszyn beschuld'gt hat, das Attentat vom 6. Septcmber 1924 verübt zu haben und deshalb wegen Verleumdung zu sechs Jahren Kerker v-rurteilt wurde, im Steiger-Prozeß als Zeug? vernommen werden wird. Der Name „Panezyszhn" noch immer in aller Munde, um sc mehr als knipp vor bem Steiger-Prozeß bekannt wurde, daß Panezhszyn wegen des im Vorjahre verübten terroristischen Attentats aus die Warschauer Zitadelle am 19. d., also eine Woche spater als Stöger, sich vor dem W a rschauerGerichrzu verantworten haben wird. Die dritte Tatsache, die lebhaft kommentiert wird, ist die Uebernahme der Verteidigung Steigers durch die Rechtsanwälte Dr. L ö w e n st e i n und Senator Dr. R i ng el. Dr. Löwenstein, seinerzeit Mitglied des österreichischen Reichsrates (daß ex sein Mandat in Drohobhcz im Jahre 1911 einem Gendarmerieangriff gegen die Wähler verdankt, bei dem eine Anzahl von Drohobhczer Juden getötet wurde, ist noch in allgemeiner Erinnerung), ist ein überzeugungstreuer Assimilant. Seit dem Jahve 1918 ist er als Verteidiger nicht mehr ausgetreten. Der völlige Zusammenbruch der jüdischen Assimilation in Polen hat ihn auch politisch in den Hintergrund gedrängt. Daß nun Dr. Löwenstein die Verteidigung Steigers übernommen hat, ist sozusagen als demonstrativer M des Assimilationsjuden anzusehen, welcher für die Unschuld Steigers in die Schranken tritt, jenes Steigers, den die Aniklage einer Tat bezichtigt, welche von der antisemi- ■ tischen Propaganda dann allen Juden Polens zur Last gelegt wurde. Die Ueberzeugung von der Unschuld Steigers und die Abwehr politisch-antisemitischer Ausbeutung des Falles hat Wohl auch Senator Dr. Ringel, den hervorragenden jüdischen Parlamentarier, bewogen, als Verteidiger zu fungieren. Punkt 10 Uhr betritt der Gerichtshof den Saal. Vorsitzender ist Oberlandesgerichtsrat Franke, Votanten sind die Räte Goettinger und Chlamtacz. Die Geschwornen nehmen ihre Plätze ein. Unter den zur Auslosung gelangenden 36 Geschwornen hatten sich auch acht Juden befunden. Der Staatsanwalt hat sämtliche ausgelosten Juden als Geschworne abgeleh nt. Steigers fünf Verteidiger: Dr. Gr ei, Dr. Landau, Dr. Rosenkranz, Senator Ringel und Doktor Lüwenstein, sind bereits auf ihren < Plätzen. Der Angeklagte wird vorgeführt. Sein schmalgeschnittenes Gesich ist bleich, die Untersuchungshaft hat zur Blässe der Erregung jene ungesunde Grundfarbe gegeben, welche lange Hast — es sind diesmal 13 Monate — erzeugt. Doch macht Steiger, der dunkel gekleidet ist, keinen Eindruck von Zermürbung und Niedergeschlagenheit; seine Gestalt ist gestrafft, man merkt, daß er ungeduldig die Entscheidung herbeiwünscht. Die Verlesung der Anklageschrift, welche 28 Maschinenschristseiten „ umfaßt, nimmt lange Zeit in Anspruch. Dann wird Steiger um seine Generalien beifratzt. Er gibt die nötigen Daten ruhig, mit klarer Stimme. Die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, verneint Steiger kurz und präzis. >' Hierauf ^bringt er über Aufforderung des Vorsitzenden seine Verantwortung vor, die den Lesern des Blattes bereits bekannt ist. Sodann tritt die Pause ein. 8i« getatterter BergiÄgungsüampfer. Eau Galliv (Florida), 12. Oktolber. (Reuter.) Ein B e rtznügun gsdampfer kenterte unweit der Küste, als er umAudrchvn versuchte. Bon den 25 Personen, die er an Bord hatte, ertranken 14, darunter mehrere Frauen und Kinder. Mehrere Personen werden vermißt. Der hohe Seegang erschwerte das Rettungswerk. Mehrere Schiffbrüchige, die von der Brandung gegen die Felsen geschleudert wurden, wurden schwer verletzt. 1 WSkwtt MorgettMuns m Oktober 1965 C*l Mitteilungen ott^ dem Publikum. Kultus- und Justiz-Talare sowie Barette in den mannigfaltigsten Ausführungen erhalten Sie vorrätig "" »wflhrfen “ odet auch nach Mass nur bei der altben Spezialfirma Rudolf Goldstern, Uniformierungsanstalt Gegründet 18C6 WIEN, II. TABORSTRASSE 84 Telephon 45-6-29 Lieferant vieler in- und ausländischer Kultusgemeinden. Zahlreiche belobende Anerkennungsschreiben. Verlangen Sie illustrierte Kataloge gratis! 135 vHausfrauen^i MMtlllllllllMUllltlllllllllimilllllllllllllllllllllllltllllllllllllllltlllllMIlllllllllllllllI» BRATET UND BACKET iiiiHiiiiiaiitiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiuiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiii.ti«!! OHNE BRATROHR II tiiiiiiiiiiini« i <r> tiiimiiiiiii.iMiimiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiüiimiiiiiiiimiifiiiifiiiiiii Vorführung! Restaurant Zentralkeller, II., Tabo« strasse 8, und Im Restaurant „Zum grünen Baum“, VH., Mariahilfer* strasse 86 von 9 bis 12 Uhr vormittags und 3 bis 6 Uhr nachmittags EINTRITT FREU KOSTPROBEN GRATIS. Die Kasserollen können gleich mitgenommen werden 39 Hmm GkÄett aibgemagert war, ist gestern früh gestorben. Er htttwr« läßt Frau und Kind. Dieser Abschluß nach dem Unlfall ist doch versöhnlich und gerecht. Denn Drvitbart wußte nicht mehr, daß ihm die Kraft seiner Füße genommen war. Der Eiftnkönig, der Schienen bog und Stahl zerbiß, -st nicht mehr. Ein Meiner, rostiger Nagel... AmuMem neue PoleMedMon. Aus Oslo wird berichtet: Der Vorsitzende des Lust» fahrtveremes teilte der Presse zur Vorbereitung der Amundsen-Polarexpedition mit, daß der Amerikaner Elsworth für die Expeditionszwecke unter! der Voraussetzung 1vO.(M Dollar gestiftet habe, daß das : Unternehmen den Namen Amundsen-Elsworth- Expedition erhalte. Elsworth hat als weitere Bedin-; gung gestellt, daß der Flug unter norwegischer F l a g g e vor sich gehe und daß kein anderer als Amundsen und e r daran teilnehmen dürfen. Elsworth soll sich als Flugführer betätigen und zusammen mit einem Meteorologen die wissenschaftlichen Arbeiten leiten. Es sollen Mi Wachen eingerichtet werden mit L a r s e n und Nobila als Führer. Das Unternehmen wird im ganzen zirka 1,5 Millionen norwegische Kronen losten. Uebermorgen werden 26 Arbeiter Oslo verlassen, um in Spitzbergen zusammen mi.t den dort ansässigen Arbeitern das Äelett und -das Fundament für die Luftschiffhalle zu bauen. _„NOVOPIN“_ Flehten» und Klefernadelextrakt, Badekapseln herz-, muskel- und nervenstärkend ln allen Apotheken und Drogerien erhältlich 5114 Novopin-Fabrik, Wien, XVIII.Wäbringerstr. 157, 7.21-5-64 Wer sich fdr Jüdische Bücher Interessiert verlangt die kostenlose Zusendung des grossen Bficherkataloges Ein Vierteliahrhundert jüdischer Literatur 1900—1925 herausgegeben von der R. Löwlt Buchhandlung 1. Rotenturmstrasse 22 Wien I. Fleischmarkt 1 Der Katalog umfasst alle Zweige der jüdischen Literatur in dem ersten Viertel dieses Jahrhunderts. Dichtung und Wissenschaft, Bibel- und Talmudforschung* Geschichte und Philosophie, Schriften zur jüdischen Bewegung und die umfangreiche Palästinaliteratur (Geschichte, Geographie, Koionisationsprobleriie und Reisebücher). Durch übersichtliche Gliederung des umfangreichen Materials wird es auch dem Laien ermöglicht, sich über die Literatur auf allen Gebieten jüdischen Schaffens zu orientieren. Ein ausführliches Vorwort beleuchtet die Zusammenhänge zwischen jü- discher Bewegung und jüdischer Literatur Gratis / Bestellen Sie sofort Breitbarls Ende. Berlin, 12. Oktober. (Wolfs.) Wie die ,ß. Z. am Mittag" meldet, ist heute nachts in einer Pvivatstation der Univechitätsklinik der GisenSönig Siegmund Breitibart an den Folgen einer Blutvergiftung im Mer von 42 Jahren gestorben. * Das Ende dieses Richen ist die Tragik des Menschlichen. Der Uebevmensch, der Eisenschienen 'bog und Stahl zerbiß, endete Win und grausam lächerlich. Der Koloß, der mit der Faust schwere Nägel in Bretter trieb, wurde durch einen rostigen Nagel gefällt. Es ist mehr als Artistenfchichal, dem der Hüne erlag. Denn Breitbart war mchr als Individuum mit Urgewalten, er war Heros der Zeit. Der ,Msenikönig" war Symbol der Generation des „Stahlbades". In ihm sah die heutige Welt der Muskeln die höchste Verkörperung ihres Idols zwischen Arena und Manege. Breiibart, der Kraftmensch, stand über Krieg und Frieden, über Not und allen Problemen der Zeit, die jetzt dem Körperlichen huldigt. Sie feierte den jüdischen Schmiedeschn ans Lodz, wenn er, antiken Göttern gleich, in strahlender Gladiatorenpracht auf die Bretter sprang, die dann der jauchzenden Menge die Welt bedeuteten. Sie jubelten ihm zu, wenn er als moderner Simfon im Löivenschmz mit Mögen David dahinschritt und für Wien, die Stadt der starken Männer, die seinen WÄtruhm begründete, entstand lehrhafte Diskussion über die Rätsel seiner Kunst. Umerika, Prag, Berlin erhöhten dann seinen Triumph. Re- Tanietrommel und Varietetamtam störten nicht den Legendenikvanz, der sich um Siegnmnd Breitbart, das große Kind, wob. Zahllos sind die Geschichten von seiner lMfslbcreiten Güte und Wohltätigkeit. Bis — Ironie des Lebens — ein kleiner Anlaß den Giganten niederriß. In Lodz hatte er sich vor Wochen durch einen rostigen Nagel eine Blutvergiftung zngezogen. Sein Kontrakt zwc>'>; ihn, aufzutreten. Sein Zustand verschlimmerte sich und Samstag wurde ihm in der Berliner UniversitätsAinik ein Beiii amputiert. Es war zu spät. Der Richenmensch, der zuletzt znm Luigi Luzzatti. Scharfes Dementi der Meldung von seiner Taufe. Rom, 10. Oktober. Der römische Korrespondent der Jüdischen Delegvaphenagentur besuchte heute den Senator und früheren Premier Italiens, Luigi Luzzatti, im Kurort Raveno (Lago Maggiore), wo er sich seit einiger Zeit zur Kur auWtt. Der greise PoMker zeigte sich sehr erstaunt über die Behauptung des polnischen Senators Buzek, die dieser m polnischen Zeitungen aufftellte, daß Luigi Luzzatti noch vor Jahren zum Ghristentum übergetveten wäre. Senator Luzzatti erUävte, daß m dieser Behauptung kein wahtes Wort sei. bin," sagte LuMtti, ,Zeit meines Lebens ein guter Jude gewesen, bin nie dem Glauben meiner Vater untreu geworden. Ich An stolz auf mein Judesein und habe immer, wo das Judentum angegriffen worden war, Partei für das Judentum und ,meine jüdischen Brüder ergriffen. Ich kann nur mit Verdmß und Verachtung von der Behauptung denken, ich hätte weine grauen Haare geschändet und hätte dem Juden- . tum nach einem Leben voll Kamps den Rücken gekehrt." Luzzatti betonte, er habe dey Senator Buzek niemals empfangen und nie ein Gespräch mit ihm geführt. _ Scho» Wieder ein Zudeulataster. Hakenkreuz-Schnüffrer. Von seiten einer HalkenkröWorgauislatMi wird ein Aas« ruf verbreitet, der wieder der Anlegung eines Judenkatasters gewidmet ist und die Schnüffelei Mch Juden in ' Aemtern in ein System bringen Will. Die Druchsovte richtet „an alle, die hier Mitarbeiten wollen und können, die eindringliche Aufforderung, eine genaue Standesliste über alle im österreichischen Bmndesheer fortlaufend aktiv dienenden Juden aller Schattierungen anzulegen, und zwar getrennt nach: A. Reinrassige Juden. 1. Jene, die im Heeres- Mttisterimn eingeteilt sind, mit Angabe von Einteilung und Tätigkeit. 2. Jene, die sich bei Heeresverwaltungsstellen, höheren Kormnandoistellen und sonstigen Avmtern, Schulen oder Kursen befinden. 3. Jene, die sich bei den Truppen oder deren Anstalten befinden. Unter 1 bis 3 sind alle, vom General bis zum jüngsten Soldaten, vom Mnistevialrat bis Mr Schreiber, auszunehmen. B. Jüdlinge. Hiezu gehören getaufte Juden und solche, die Mischer Aibstammmg sind, sowie jene, welche Jüdinnen gcheiraiet halben; auch Heeresangehörige, die ihren Namen geändert hciben, müssen überprüft werden. Die weitere Gliederung wie ojben: 1. Ministermm. 2. Höhere Stellen. 3. Truppen und Anstalten. Unter A und B, 1 bis 3, ist mch womöigllich anzugeben: Parteizugehöriglkeit, Angehörigkeit zur Schlaraffia, zu einer Freimaurerloge ufto. Dies alles erfordert gewissenhafte und grüMiche Kleinarbeit, aber sie muß einmal begonnen, gÄeistet und lfovtbauftnd mit Beharrlichkeit durchgchührt werden." Dieses gewissenhafte und gründliche Denunziantentum wird, wie wir hosftn wollen, auch die RejsMate witteilen. Vielleicht könnte man nuch einen Kataster der Mischen Kriegsopfer und der Mischen Steuerzahler anlegen. * Ein PalästinaireisestiPendmW der Berliner jüdischen Gemeinde. Aus Berlin berichtet I. T. A.: Die Reprasenita-ntenversannnlung der Berliner Mischen Gemeide hat über Antrag der Herren Dr. Klee, Professor Löwe,. Oberiveigierungsrat Goslar und Genossen e i n st im mi g beschlossen, den Gemeindevorstand zu ersuchen, daß im Interesse der Vertiefung des Mischen Unterrichts, insbesondere des 'Unterrichts in Mischer Geischichte, ein Reisestipendium von 4600 Mark geschchfen werde, das alljährlich einem der Herren Gemeinderabbiner oder RÄigionslehrer für eine Reise nach Palästina zur Vevfügunig gestellt wird. *Das Lektorat für raWnisches Schrifttum an der Breslauer Universität. Aus Breslau berichtet I. T. A.: Del Minister für Wissenschaft, Kunst und BolkAbildung hat du Stelle eines Lektors bei der Breslauer Universität für dii Sprache des rabbinischen Schrifttums dem Dozenten an Jüdisch-theologischen Seminar, Dr. Rabin, übertragen.