Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2385 (13.10.1925)
- Date
- 1925-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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•b. 2S83 Wen, Mensiag Wiener Momenzettuna 18. Oktober 19S5 Eeie » Irr Streik bei der Minen. Ein Vermittlungsvorschlag -er Regierung. Gestern nachmittags wurden im Ministerium für soziale Verwaltung die Verhandlungen znrZeilegung des Streiks in den Betrieben der Alpinen Montangesellschaft wieder ausgenommen. Die Verhandlungen fanden unter Vorsitz des Ministers für soziale Verwaltung, Dr. R es ch, statt. An derselben nahmen teil: Handelsmimster Doktor S ch ü r f f, Generaldirektor Dr. A p p o l d, die Ministerialräte W l c e k und Dr. K l a n b e r, Abg. D o m e s und die Gemeinderäte S t e i n und W a l d s a m. Die Grundlage der Besprechung bildete der Gegenvorschlag der Alpinen Montangesellschaft. In fast zweistündiger Beratung konnte auch gestern keine Einigung erzielt werden. Minister Dr. Resch machte seinerseits einen Vermittlungsvorschlag und lud Generaldirektor Dr. Appold ein, diesen zunächst im internen Kreise seiner Direktion zu beraten und die Stellungnahme der Alpinen Montangesellschast zu diesem Vorschlag ihm ehebaldigst bekanntzugeben. Wie die Korrespondenz Herwei erfährt, geht der Vermittlungsantrag des Ministers Dr. Resch dahin, daß Arbeitern mit Löhnen bis 120 Schilling 10 Prozent, bis 175 Schilling 5 Prozent Erhöhung sofort bewilligt werde. Bei Löhnen bis 200 Schilling soll die fünfprozentige Erhöhung erst nach Besserung der Wirtschaftslage gewährt werden. Arbeiter mit mehr als 200 Schilling Lohn erhalten keine Erhöhung. Die Generaldirektion der Alpinen Montangesellschaft wird ihre Entschlüsse über diese Vorschläge dem Bnndcsminister heute Mitteilen. In Kreisen der Arbeiterschaft wird die Lage als s e h r? r n st bezeichnet. Arndernng des Fürforgrabgabegeseher. Ter Wiener Gemeinderat als Landtag wird in seiner Sitzung am Freitag eine Aenderung des Gesetzes über die Einhebung der Fürsorgeabgabe beschließet:. Es soll nämlich die Fürsorgeabgabe von Unternehmungen, die ihren Sitz in Wien haben, bei Arbeiten, die außerhalb Wiens geleistet werde::, nur für solche Angestellte geleistet werden, die ihren o r d e n t l i ch e n W o h nsitz in Wien haben. Werden von einen: fürsorgeflohn)- abgabepflichtigen Unternehmer, der den Standort seines Unternehmens in einem Lande außerhalb Wiens hat, A r b e i t e n j n Wi e n verrichtet, so daß sich hier nur die bloße Arbeitsstätte befindet, so fließt die Fürsorgeabgabe nur von den Bezügen jener Dienstnehmer, deren Wohnsitz in W i e n oder in einem anderen Lande als dem des Standortes des Unternehmens gelegen ist, der Gemeinde Wien zu. Von den Bezügen eines P r o v i s i o n sagenten stießt die Abgabe der Gemeinde Wien dann zu, wenn sein Wohnsitz, von dem aus er seine Vermittlungstätigkeit entfaltet, in Wien gelegen ist. Dieses Gesetz tritt am 1. Jänner 1926 in Kraft. Ferner soll das Gesetz über die Einhebung der W a fserkraftabgabe dahingehend äbgeändert werden, daß JV Av W iS ** L» von der Abgäbepflicht der Strom, der zum Betrieb von Eisenbahnen und Kleinbahnen dient, äbgabesrei ist. Handelt es sich um den Verbrauch selbsterzeugten Stromes oder selbsterzeugten Gases, so ist ztvischen dem Erzeuger oder Abgeber des Gases oder elektrischen Stromes und dem Magistrat über den der Abgabebemessung zugrunde zu legenden Betrag der Selbstkosten ein U e b e r e i n k o mmen abzuschließen. Kommt ein solches UebereiNkommen nicht zustande, so wird der der Bemessung der Abgabe zugrunde zu legende Betrag vom Magistrat allenfalls nach Anhörung von Sachverständigen festgesetzt. Der Abgabepflichtige kann die Zuziehung von Sachverständigen verlangen, wenn er für deren Kosten aufkommt. In der darauffolgenden Sitzung des Wiener Gemeinderates wird die Erhöhung des Straßenbahntarifs beschlossen werden. Ae Mietengefetznovelle. Die Regierung beabsichtigte ursprünglich sofort nach Eröffnung der Herbsttagung des Nationalrates die Mietengesetzvorlage zu überreichen. Wie es jetzt heißt, denkt aber die Regierung derzeit nicht an eine baldige Einbringung des Entwurfes. Sie kann zuwarten, weil bekanntlich den Sozialdemokraten die Verlängerung des am 31. Dezember außer Kraft tretenden Wohnungsanfordernngsgesetzes weit mehr am Herzen liegt. Von christlichsozialer Seite wird ein Junktim zwischen beiden Gesetzen angeregt und Nationalrat P a r t i k gab auch am Sonntag in der Hausherreuversarnmlung im Rathause das Versprechen, daß es keine Verlängerung des Anforderungsgesetzes ohne eine Aenderung des Mietengesetzes geben werde. Es ist also zu erwarten, daß die Mietengesetznovelle erst gegen Jahresschluß aktuell werden wird. Preirftnrz im TevvWaus Lrendi. E Das Teppichhaus Oreichj hat sämtliche Preise um 20 Prozent herabgesetzt. Teppiche, Decken, Borhättge ufw., die Villen reduzierten Okkasionspveis haben, sind rot markiert. Auch von dieseir Okkasionspveisen erfolgt ein Nachlaß vo,l 20 Prorzent. 1. Bez., Rotenturmstraße!20 und Fleifchmarkt. 1. Ser Schekel. Die Zionistische Korrespondenz schreibt: Ir: rimgen Blättern wurde irrtümlich die Nachricht verbreitet, daß vom 'letzten Kongreß der Beschluß gefaßt worden sei, den Schekel- 'preis für -alle Länder mit 1 Schilling festzufetzen. . Demgegenüber wird seitens der Exekutive der 'Z i -o n i st i s ch e n O r g a u i f et t i o n feistgestellt, daß der Beschluß des Kongresses wie folgt lautet: „Der Preis des Schekels wird von der Exekutive tfest gesetzt. Er darf nicht weniger als einen englischen Schilling, bezw. dessen Gegenwert betragen und für keinen 'LandesschekÄverband unter die für das Jahr 5685 festgesetzte Höhe herabgesetzt werden. Das Mtionskkom'itee ist berechtigt, den Schekelpreis für Palästina, Rußland und Jemen unter der ^erwähnten Muimalhöhe zu bestimmen." Ser außerordentliche zionistische Delegierten. tag. Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich teilt mit: Zn dem am 17. und 18. d. im Ingenieur- und Architektenverein, 1. Bez., Eschenbachgaffe 9, stattsindenden außerordentlichen zionistischen Delegiertentag sind Gastkarten im Zionistischen Landesikomitee, 1. Bez., Kärntnerstraße 26, zu erhalten. Die zionistischen BezivkssMionen, Ortsgruppen und SondervereiUlgungen werden darauf aufmerksam genracht, daß das letzte Zirkular des Landeskonütees bezüglich der Gastkarten zum Delegiertentag nicht mehr zu Recht 'besteht. Parteirat der dolnische» Zionisten. Aus Warschau wird uns berichtet: Dieser Tage fand eine Plenarsitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Organisation in Polen stat, auf der eine Reihe aktueller Fragen zur Behandlung gelangte. Eine rege Diskussion befaßte sich mit der Frage der Aktionskomiteesitzung, auf der die neue Exekutive zu wählen ist, und der Stellung der polnischen Mitglieder des Aktionskomitees zu dieser Frage, lieber die von diesen einzusch tagende Taktik wurde vollkommene Einhelligkeit erzielt. Als Vertreter Polens dürsten an der Aktionskomiteesitzung die Herren Levite, Dr. Hindes, Tr. Rosenblatt und H e s t m a n n teilnchmen. Zugleich wurde beschlossen, den Parteirat der polnischen Zionisten für den 1. November einzuberufen. Gleichzeitig mit dem Parteirat soll auch eine Konferenz aller in Polen bestehenden Hachscharah- K w u z o t h stattsinden. Leo» Reich bei Brandeie. - New-Hork, 8. Oktober. (I. T. A.) Der in Washington ' als Teilnehmer an dem Interparlamentarischen Kongreß anwesende Präsident des jüdische Klubs in Posen, Doktor Leon Reich, besuchte den Oberrichter Louis Brandeis. , Russische Bauern jüdischen Glaubens im Kaukasus. Das große Dorf P v i w o i n o j c im Äaulkasns, nahe der persischen Grenze, wurde vor fast 150 Jährer: von mss'schen Bauern gegründet. Danrlals, in der Regiorungszeit Katihan-inas der Zweiten waren — aus welcher: Gründen, ist unbekannt — in einem der zentralen großrussischen Gouvernements die Bauern einiger Dörfer gleichzeitig zum Judentum übergetreten und halten sichsogar der Zeremonie der BeschneWung unterzogen. Die Behörden, die davon eivsuhren, versuchten mit den gransamisten Mitteln, die Banvvn von ihrem Entschluß aibizübringou, als dies jedoch nichts half, wurden die Uebergetretenen mit Weib lLnd Kind in >den für die damal'ge Zc'it furchtbaren Kaukasus verschickt. 'Unter schlvcren Kämpfen gegen die Wildnis und .die umlietzan'de Mtochthonie Bevölkerung -vermochten die Ve,üba>nttten eMich ein Stück Landes in der mllgani'schen Steppe urbar zu machen, und begründeten Hort das Dorf Priwolnoje. Dieser La-ndstrich käin sspäter zu Persien und wurde e<rst in den letzten Jahren bei einer GrentzreMlierulig wieder Rußkrnd zngeschlagen. In diese eutlegene Wohnstätte voll Gerillt kam jüngst der lIchriststeller M. Du ch o w i t sch itmb schilde«vt nun i:tt einem amevikauifchell. Blatt 'das Leben dieser Bauern, die das Judewtmin angenommen haben: ,-Ne.ugiev'g hielt ich nach allen Seiten Umschau", schreibt Duchowlisch, „uüd suchte jüdische Gesichter, doch ich fand ikeine. Alls Schritt und Tritt begegneten mir echt russische Bauvvngesichter mit großen, ihäufig rote!»: Bärten. fMlig und stvupp'g wie Besen; Kinder nuit flachsiveißem Haa,v und KavtoMnafen spiellten auf den Straßen, Frauen, die .so geKÄdet Mrer:, wie alle großrussischen Bä'llerinnenj, pllauderten mit ihren Nachbarinnen in echt gwßruffischem Dialekt. Ich glaubte, n\ eint Dorf im GoiuvMnenlvnt Wnsa rlder Katuga verschlagen Wochen Mn stämmiger Bauer m'1 roten: Bart reitet vorüber, c-'n Hut schief aus den: Kopf, 'die Pfeife in: Mund. In 1 nt der nächstön Häuser Hfntt. sich e'in Fenster, ein Kops ftcctft sich hervor UM schreit: znm Fettster und ankwortvt: „Nein, JÄkob ist ums Heu gefahren, ich reite zun: Schmied, nicinen GneNo besästagm lasse'n. Er hü kt ein tvcllig." Ich blei'be -neben de>n roten „Ehajin:" stchen und frage ihn, wo ich' für einen Tag Unterkunst bekomMN könnte. Er antwortet mir sehr fveultMich und lädt mich ein, .fein Gast zu sein. Mir z,u Ehren verschiebt er den Ritt zum Schmieid und geleitet mich in sein Haus. Wir kommen zi: einen: gelwöhnllichen russischen BautzvnlMs, etwas besser gebaut als üblich, und betreten eimn Hof, der von Pferdemtd Biehställan unld einer großen, gut angelegten Scheune umrahmt ist. Im Hintergründe des Hofes ist ein kleiner Brunnen und ein ziemlich ausgedehnter Garten. Wir betreten das Wohnhaus. Eine Bäuerin in mittleren Jahren verneigt sich nach beka'nuter russischer Dorifsittr tief vor mir. „Das ist meine Fva.n MaWe", stellt Chajiin vor. Wir fprochell Wstverständl-ich russisch, denn kein einziger von ide,n mehr als 5000 Gerrm, Ne das Dorf bewohnet!, versteht ein Misches Wort. Ich sehe mich um: Ein großer rnssiischer Ofell nimmt ein Drittel des Raumes ein; ein eilrfacher, iweißer Tisch mit ka'ltgen, Weißen Bänken an -den Wällden und Mi Hvlzlbetten sind!das ganze .Mobilär von Ehajims Wohnung; ant dar Ostwand hängt ein M i s r a ch ltnd thx Bild des Gao n v o n Wilna, be'ödjes Mter Glas, dos voll von Fliegen>fchmutz ist, und in altem, schwarzem Rahmen. Ghajiii: böwillkomrnte micl) herzlich mtd .bat mich, beim Tisch Platz z>: nehnl>2ll, den Mätke hasii-g mit der Schürze a-bgewifcht -lt'Ud mit einem Tischtuch bedeckt hatte. Bald trug -Malke eine Schüssel gekochter Kartoffel und . einen Teller saure Guvkeu ans. Chajim zog ans einem Winkel eine kleine Masche Blranntwein und zwei Be.chvr hervor. Wir tranken Lechajim und kallun -:ns Geispräch. Chaj'lMs FamilieuMmen ist Ma,twejew. Me Ge-rim des Doofes rufen einander mHit den jüdöschei: Namen, doch die Familiennamen sind von den Urgroßvätern her erhalten tU'bliebm: Popow, WMow. Gacharwschkiu u. dgl. Das Leben der Gerim von Priwolnoxe ist im allgem-einen nicht schlecht. Sie halben genug Boden, der sie ausveichend nährt, und es gibt auch recht wohlhabende, gn'tgeistellte Leute unter ihnen. In den Jahren, wenn die Heuschrecken nicht die Felder kahl fressen, kommt reichlich Getreide, vornehmlich Weizen, in die Scheunen. Der Krieg gegen die Heuschrecken wird von den Gerim mit aller Wdacht geführt und oft zun: Siege. Mit den Tataren, ihren nächsten Nachbarn, leben sie in Frieden, es gibt selten Streit. Im Doos gibt es eine SyMgoge und ein en-Rabbi, eiinen Juden aus Litauen^ der zugleich Schochet und Berbe ter ist. Die Gerim von Priwolnoje wollen eine Mite Shnagoige erbauen, -denn in dev einen, die sie haben, ist es zu eng; die Gemeinde ist fromm, am Sabbat und an Feiertagen ist ’Me Synagoge gesteckt voll. Es gibt zahlreiche Che dar im, wo Lchrer aus Litauen -die Jugend unterrichten. Weiter, als über das Lesen oder einen Abschnitt der Bibel kommt -ntan freilich nicht. Sobald der Junge die Gebete leisen -kann, Ms allerdings für ihr: und den Ro'bbi ein havt-es Stück Arbeit 'st, mm-mt ihn der Bawr zur 'Wdarbeit-. Die Mädchen lernen gar nichts. Die Geriln von Pviüwolinoje halten so-rgjfältig Sabbat und die Mievtage sowie die Scheidung von Milch und Fleisch, sonst aber haben sie schr wenig dom jüdischel: Wesen altgmommell. Es haben sich bei ihnen zahlreiche Gebräuche ihrer Ururgwßväter erhalltert, die besoildjers bei der: Hochzeiten zNtage treten. Einen „echten" Inden betrachten sie voll Ehrfurcht und sind glücklich, wenn er sich m'vt ihnen näher besaßt. Min Gastgeber klagte mir, daß Ibite Juden mit feinen Leuten sich nicht ve,vWvügern wollen, -weshalb keine Möjglichls't gegeben sei, daß die „Juden^ von Priwoilnoje durch Zufuhr jüdischen Mutes ihre bäuerliche DurnMeit ein wenig mildern. Ich verbrachte einer: Tag unter der: Gerim von Priwoilnoje, besuchte -hre Synagoge, einige Ghe'darim, wo viele Flachsköpschen sich über die Gebetbücher -beugten, spmch mit einer Reiche von ,MlGatim", aber den „Funken" des jüdischen Wesens fand ich nirgends und alle Phantasien md Träume, die mir die Steppe aüf dem Weg ins Ger'mdorf zugeweht hatte, verrannen in Dunst nn'd Luft... Ich begriff, warum das Jnden.'i'.un stets es verrrlisden hat, Proselytru zu machen. IL, SaliatRnite 17 B BSSI Sie Gerim von Priwolnoje. „Chajim, Ehajim! Fährst bu heut' auf die Steppe um das Heil's" Ter Mann urit den: roten Bart hält, wVUdet sich