Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2383 (11.10.1925)
- Date
- 1925-10-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Sonntag Wienev Mor«enäsl1ung Der zweite Aeiger-Prozetz. Bor de« Lemberg« Beschworene«. Montag 'den 12. d. steht Madislaw Steiger, geboren mn 11. Dezember 1900 zu Lemberg, absolvierter Hörer der Rechte, ledig, mosaischer Konfession, unter schwerer Anklage vor den Lemberger Geschwornen. Er wird beschuldigt, ein Attentat gegen den polnischen Staatspräsidenten Wojeiechowski verübt zu -haben, als dieser am 6. September IM Lemberg besuchte. An diesem Tage wurde 'Steiger unter dem Verdacht, der Attentäter zu sein, verhaftet und seit diesem Tage konzentriert sich das allgemeine Interesse auf Steiger und seinen Prozeß. Am 16. September IM war Steiger vor ein Kriegsgericht gestellt worden, das jedoch wegen mangelnder Einstimmigkeit unter den Richtern die Strafsache dem ordentlichen Gericht überwies. Gegen Steiger wurde nun vom Lemberger Gericht die Voruntersuchung wegen des Verbrechens des versuchten hinterlistigen Mordes an der Person des Präsidenten der Republik sowie wegen Uebertretnug der Sprengstoffverordnung geführt. Seit dem Tage seiner Verhaftung, also durch 13 M onate, befindet sich Steiger ununterbrochen in Untersuchungshaft. Gesuche um Freilassung gegen Kaution wurden abgelehnt. Steiger stellt beharrlich jede Schuld in Abrede. Im Laufe der Untersuchung trät ein ukrainischer Akademiker namens Mikitin mit der Aussage hervor, daß das Attentat auf den Präsidenten der polnischen Republik am 6. September IM nicht von Wladislaw Steiger verübt wurde, sondern daß der Attentäter ein Ukrainer namens Stepan Panczyszyn sei, der als Terrorist bekannt ist und sich wegen eines terroristischen Aktes zurzeit in .Haft befindet. Die Lämberger Polizeibehörden fanden, daß die gegen Panczyszyn erhobene Beschuldigung ungerechtfertigt sei, und glaubten Anhaltspunkt dafür zu haben, daß Mikitin zu seiner belastenden Aussage von dritter Seite a n g est i ft e t worden sei. 'Es wurde nun gegen eine Reihe angesehener jüdischer Bürger von Lemberg die Anklage schoben, daß sie gegen ein Honorar von 5000 Dollar den Mikitin. zur Beschuldigung gegen Panczyszyn gedungen Men, um dadurch Steiger zu entlasten. M i kitin selbst wurde wegen Verleumdung unter Anklage gestellt und auch zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt, die angeklagten Lemberger jüdischen Bürger jedoch freigesprochen, da die Beschuldigung gegen sie in keiner Weise ertvieftn werden konnte.. ’ , Dieses Vorspiel zu der Verhandlung gegen Steiger, welches vor allem die Atmosphäre in dem Sinne reinigte, daß die von der antisemitischen Propaganda aufgebauten Legenden von einer jüdischen Verschwörmtg, deren Exponent Steiger sei, zerstört wurden, fand im Juli d. I. statt. Nunmehr soll der Steigs-Prozeß selbst Licht in die Altentatssache bringen, welche in ein so' eigenartiges Dtmkel gehüllt ist. Denn die Anklage-ehördc hat Wohl auf Grund der Erhebungen und Zeugenaussagen in der Vor- Untersuchung Material zusammengestK, welches die Anschuldigungen gegen Steiger objektiv begründen kann, es ist jedoch nach der Seite der subjekti-pen Motive für eine solche Tat bisher nichts Positives feslgestellt worden, tvas für Steiger und nur für Steiger als Attentäter spräche. Steiger gehört keiner politischen Organisation an und für Motive, die sozusagen eine Einzclaktion begründen, sind keine Anhaltspunkte vorhanden. Nun soll durch die am'12. d. beginnende Verhandlung, deren Dauer mit drei Wochen ailgesetzt ist, das Geheimnis des Lemberger Attentats, welches seit mehr als einem Jahre die Oeffeutlichkeit Polens in Spannung hält, gelüftet werdiw. Ter Hergang der Ereignisse jenes verhängnisvollen 5. September 1924 lvar nach der eingehenden Untersuchung der Vorkommnisse durch die Behörden folgender: Am 5. September 1924 kam der Präsident der Republik, Stanislaw Wojeiechowski zum ersten Male seit seiner Wahl zum Staatsoberhaupt in amtlichem Charakter nach Lemberg, um die mit dem Kreuze .Iirtnti militari" ausgezeichnete Stadt zu besuchen und der Eröffnung der 4. L e m b e.r g e r O st m e s s e hetzuwohnen. Der Präsident wurde überall herzlich und mit Ovationen begrüßt. Als er gegen 3 Uhr nachmittags von der Eröffnung der Ostmesse und dem Besuch de? städtischen Waisenhauses sowie des zweiten TechnikerheiiUes über die KvpernikuSgasse und den Marienplatz in das Gebäude der Woiwodschaft (Statthalterei) zurückkehrte, Mrde, als der Wagen des Präsidenten von der Bieguirg der Kopemikusgasse in die Richtung gegen den Marienplatz fuhr, aus der Mitte der versammelten Zuschauer an. der We der Kopernikusgasse und Legionenstraße gegen den Wagen ein Paket geschleudert, in dem sich, wie sich später herausstellte, eine mit Explosivstoffen gefüllte Petarde befand. Die Petarde flog am Kopf des Präsidenten vorbei, berichrte bei ihrem Flug ben rechten Flügel des Wagens und fiel auseinander, als sie vom Hufeisen des Pferdes des Rittmeisters Wisluk, eines EhreiwMiers des Präsidenten, berührt wurde, ohne jedoch zu explodiere n.-Stur, das Papier, in dem die Petarde eingepackt war, sowie ein Teil des in der Petarde-und am Boden verstreuten Explosivstoffes verbrämten. Am Matze selbst blieben die unversehrte Petarde, die 10 Zentimeter lang war und einen Durchmesser von 4 Zentimeter hatte, sowie die in M.’ Oktober 192b föv. 2Sbc>-, durch Dr. Honbauers Entfettungs-Tabletten Dieselben sind von bester Wirkung, angenehmem Oe* schmack, vollständig untchldlich, stellen e‘nes ltlanke, graziöse Figur her, ohne Diätzwang oder Aenderung der Lebensweise. Prompte Gewichtsabnahme. Vom Volksgesundheitsamt bewilligt Nr. Ull Kein Abführmittel. Keine Schilddrüse. Depot: Apotheke „Zum Römisohen Kalier“, Wien, 1., Wollzelle 13/4. ihrer Nähe zerstreuten Ileberreste der nicht verbrannten Materialien liegen. Die ch e in i s ch e. Unters u ch u n g des übriggebliebenen Inhaltes durch Sachverständige ergab, bafe die Petarde mit drei Arten von Explosivstoffen gestillt lvar, und zwar mit Dynamon, Sprenggelatine und Ekrafit. Das weist, nach Ansicht 'der Sachverständigen, darauf hin, daß der Attentäter die Herstellung der Bombe mit großem Raffinement besorgt hatte,-damit, wenn einer der erlvähnten Explosivstoffe versagen tvüvde, die anderen den angestrebten Zloeck verwirklichen. Denn jeder der erlvähnten Explosivstoffe konnte allein eine Explosion Hervorrufen. Der Attentäter hat überdies, um eine stärkere Explosion hervorzuvufen, in der Petarde vier Zündkapseln, die mit Quecksilber gefüllt waren, angebracht. In der Petarde befand sich auch eine Dynamitkapsel, die mit einer Lunte nach außen verbunden lvar. An der Petarde war ferner ein Bleiklumpcn im Gelvicht von 48 Gramm angebracht, der ebenfalls zur Verstärkung der Explosionsfolgen dienen sollte. Der Gesamtinhalt der Petarde wog 15 Dekagrammihre Explosionskraft hatte i ln Falle des Gelingens des geplanten Attentats allesimUmkreisvon 8 bis 10 Meter, irn gegebenen Falle den Wagen und die Pferde Vernicht e n, somit alle im genannten Umkreis befindlichen Personen töten, zumindest aber schwer verwunden können. Die Explosion der fachmännisch hergestellten Petarde ist nur deshalb nicht erfolgt, weil die Petarde im Augenblick ihres Falles an einen Gegenstand stieß, was den VerbrennuWsprc^eß der in ihr befindlichen Eplosivstoffe verhinderte. Als der Tat verdächtig wurde auf dem Tatort Wladislaw Steiger verhaftet. In der Untersuchung wurdoll fogende' Zengemmssagen abgegeben: Ataria Pa st e r n a!k, Mitglied des Ballets des Lcmberger Stadtkheaters, die in dem Momente, wo der Wagen des Präsidenten mn die Ecke der Koperuikusyasse bog, in der letzten Reihe der versammelten Menge au der Ecke der Kopernikns- und Äegiontznstraße, ungefähr gegenüber der Einganigstür -,urn Geschäfte der Firma Beyer, drei Das Schiff als Kaffeehaus und der Mensch als Rennpferd. „Fliehende" Grenzen. Vvn Egon Dietrichstem. Dian kennt die dementen Scherzspiele und Scherzfragen, die das Vakuum der Langeweile und der Zeitwüsten, die Offiziersmessen, Tanzkvanzchen, Vereinsabende zu beschleichen Pflogen, nichtssagend ausfüllen. Man kann bei solchen Gelehrtheiten die neckischen Fragen hören: ,Mer lacht über Italien?" — ,Me, Sie wissen das nicht, meine Herren? — ein blauer Himmel." (Heiterkeit.) Oder: „Was ist der Unterschied zwischen einem Bleistift und einem Elefanten?" —- ,-Sehen Sie sich doch einmal einen Bleistift und einen Elefanten an — dann werden Sie den -Unterschied schon merken." (Heiterkeit.) Mr kennen die Scherze. Und werden die Frage, «wodurch sich ein Schfff von einem Kafseehaus unterscheidet, unbeantwortet lassen: wir sind nicht gelaunt, uns mit Narreteien zu befassen, und, soferne wir nicht Juristen sind, auch nicht verpflichtet, darüber naWgrübeln. Mr haben noch nie ein Kaffeehaus für ein Schiff vder ein Schiff für ein Kaffeehaus gehalten, trotz einiger, wie die Ereignisse nun bestätigen, frappanter Familienähnlichkeiten, die ein Schiff mit einem Haus verbrüdern. Kürzlich härter: wir, daß ein Schiff in dem Augenblick ein Haus wird, da es eine ausreichende Begründung Mr Mietzins, und Haussteuerpflicht bietet. In China werden die Flüsse allerdings von schwimmenden Häusern übervölkert, aber in unseren Breiten, und ganz besonders in der Donau, schwammen . bisher nur Schiffe, Fische, Wasserleichen. Aber Häuser? Jawohl, nicht nur Häuser, sondern auch Kaffeehäuser, von denen man jedoch annchmen und vermuten kann, daß sie vielleicht doch nur Schiffe sind. Jedenfalls wird erst der Ausgang eines langwierigen Prozesses Ausklärung bringen, ob der Dampfer, der bei Preßburg, also an der tschechoslowakischen Küste, mit ausdrücklicher Bewilligung der Preßburger Stadtgemeinde ankerte, in die behördliche Zuständigkeit der Schiffs- oder Kaffeehausämter einzutvagen ist. Der Dampfer gehört einem enMchen und tschechoslowakischen Staatsbürger zu gleichen Teilen, mit der Küste aber verbindet ihn, da die Donau von einer internationalen, als „Kommission" anzusprechenden Behörde reguliert-wird, nicht das tschechoslowakische Recht, sondern eine schmäle Notbrücke. Der Damtzjer Me also mit seinen Gasten ein freies, vor allem ein steuerfreies Leben führen können, wie etwa die Einwohner der eheMls vaterlandslosen Donauinsel Ada-Kalch, wenn er nicht den Ehrgeiz gehabt hätte, sich — vor den Augen der staunendenden Behörde — in ein Kaffeehaus zu verwandeln: aus dem Schornstein stieg der heimatliche Rauch lieblichen Kaffeeduftes, auf Deck Mrde eine Tanzbar eingerichtet, die Kajüten dem. Champagner erschlossen, im Maschinenraum konzertierte die Zigeunerkapelle, ein beneidenswert zahlreiches.Publikum zog über die schmale Brücke, alltäglich, allabendlich, allnächtlich in die schwimmende Tanz-, Musik- und Cafebar ... Alles freut sich, alles lacht. Nur die Juristen versamntelten sich zur Beratung, mit welchem Rechtsobjekt man es hier zu tun hätte. Der Zweck de? zweideutigen Gebildes schien mehr den ersten als den Zweiten Teil eines „Bergnügungsdampsers" zu berücksichtigen, eher in der Tanzbär als in der Beförderung zu liegen, die Anziehungskraft auf das Publikum schien eine Lüstbarkeitssteuer, die Schwerkraft, mit.der das Schfff an der Küste hing — die Anhänglichkeit ist Wohl allzu begreiflich —, eine seßhafte Haus- und Mietzinssteuer zu rechtfertigen, die Donau, die aber schließlich doch nicht mit spitzfindigen Interpretationen als unwesentlich zu ignorieren oder wegzudisputieren war, dem „Dampfer" jedoch eine feste, wcwn auch wässerige Grundlage zu geben. Die Kapitäne und Schiffsherren, die sich im Hauptberuf als Cafetiers selbständig gemacht hatten, verteidigten ihre Wikinger- und Argormutenfteiheit, obgleich der Kaffeeausschank nicht durchaus zum Tüel und Charakter des Seehelden gehört, mutig gegen btf An- und 11 Übergriffe der Landbehörden. Mit Schrecken sähen sie, -baj} sie, auf freier Donau, dennoch an Rechtsbegriffen und Rechtsfolgen gestrandet und festgerannt waren. Die ffchechoslowakischeu Behörden bestritten — navigare necesse, aber eine schwimmende Tanzbar? — die Steuerfreiheit, der Englänger und der Tschechoslowake wendeten ein, das Schfff wäre selbst als Kaffeehaus ein internationales, der Donaukommiffiou untertäniges Kaffeehaus, und nicht an ein kontinentales Küstensteuergesetz zu verankern. Jedenfalls wird, noch viel Wassel iu die Donau fließen, bis der völkerrechtliche Streit, ab der Dampfer als Schiff oder als Kaffeehaus zu qualifizieren ist, sein Ende findet. Wenn man ihn jedoch zut Lustbarkeltssteuer verpflichtet, wird er die Donau überaus, eilig abwärts davon schwimmen. Ties scheint die wesentlichste und beneidenswerteste .Eigenschaft dieses singulären Kaffeehauses, die es auch -wesentlich .von anderen Lokaler gleicher Art und Güte unterscheidet. Man sieht also, daß die Grenzen zwffcheu einem Cafe und einem Haus wahrhaftig „fließend" sind. Würde mau nun vermuten, daß sich ein Mensch von einem Rennpferd, und zwar insbesondere ein Marienbader, höchst kurbedürftiger, kranker Schwergewichtler, von einem Rennpferd überhaupt nicht unterscheidet? In Manenbad wird die Saison alljährlich durch eine sportliche Veranstaltung, die sich ausdrücklich ,Mettgehen" -der Dicken nennt, gefeiert. Einer der Konkurrenten bewegte nun seine schwere Körperfülle im Lanffchritt vortvärts, und da die Geschichte vom Wettlauf des raschen Hasen mit dem langsamen Igel ein Märchen bleibt und daher auch in Marienbad der WetMlser früher ans Ziel kommt als der Geher, siegte, der Kurgast, der die Gesetze des Wettgehens so weit verkannte — und disqualifiziert wurde. Er wendete ein, er sei durch einen Mitkonkurventen, der gleichfalls mitlief, zum regelwidrigen Tempo animiert worden. Es stellte sich jedoch heraus, daß dieser beim besten Willen überhaupt nicht disqualifiziert werden könnte, weil er mit Rücksicht aus seinen ungenügend ausgiebigen Köcherumfang nicht zur Konkurrenz zngelassen worden und aus purer Lebensfreude, welche die Marienbader Kurverwaltung zu fördern geradezu die Pflicht hat, ohne gewinnsüchtige Absichten mitgelaufen sei. Was jedoch den Getäuschten von einem Konkurrenten, ja von einem Menschen überhaupt unterscheidet und ihn als Rennpferd erscheinen laßt, ist nicht etwa das verhängnisvolle Tempo seines Pyrrhussiegeslaufes, sondern der ziffernmäßige Nachweis, daß beim Totalffateur hohe Summen auf seinen Erfolg gewettet wurden und unter den Geschädigten zahlreiche Verwandte und Bekannte die Niederlage bc§. Favorits betrauerten, der das felsenfeste, hochbezahlte Zutrauen zu seinen Bemmuskeln vor allen: dadurch stärkte, daß er einen sehr üppigen Betrag auf sich selbst setzte. Die Wettlustigen verdienten am ,-Sieg" eines der dicksten Minner nicht einmal eine magere Quote: Auch das Rennpublikum fallierte. Was aber Anlaß zur Publikation dieser Angelegenheit gab, waren mehrere Prozesse. Der Enttäuschte beschuldigte einen Rennfunktionär, der Staatsanwalt eröffnet das Verfahren, stellte es, jedoch ein, schließlich erlitt der Wettläufer wegen Ehrenbeleidigung einen weiteren Verlust, diesmal in Form einer Geldstrafe. Vom Favorit zum Angeklagten, vom Mensch zum Rennpferd ijtt wie man sieht, nur em Laufschritt,