Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2378 (6.10.1925)
- Date
- 1925-10-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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M. M6_ Wien, DienSlag haben Mo in' einem solchen Malle gelogen und sind dcher nach Hm eigenen ^WMssung - ' auch ein Schn des Satans. Verteidiger Dr. Riehl; Welche Bücher Bettauers haben Me gelesen? — Angekl.: ,/Die SM ohne Juden", „Das mtfeMe Wien" und „Die sveudlose Gasse" sowie schr viele Wochenschriften. — Dr. Riehl: Welche- Buch halt Sie am mistenempört? — Angekl.: Alle. Es war hauptsächlich die -BeschrMuing des LichßSlabens. — Dr. Riehl: Was hat Sie veranlaßt, diese Tat zu vpWchen? War damchr eine innere stimme oder haben Sie gleichsam ein Zeichen bekommen? — Angekl. (in- Leere ischapepd): Ich habe eine Vision MyWs. M ich eiWs Tages spWKM ging, Mßtz ich plötzlich stchen bleiben, denn ich fühlte im Herzen ein Brennen, und da fühlte ich, als ch ich mich in ebne andere Gestalt verwandeln würde. Ich stach Var einem grahm FtzWKick,. auf dem ein Haufen.Bücher sag. M diese .Mcher habe ich betrachtet und eines nach dem anderen hinter dpn FefSblyck geworfen. Schließlich blieb ein g r o h e s rotes Buch übx-bg, das habe ich a-ufgeWagm und darin'gelesen. Es enWlt lauter Kinostücke, W ich das Buch Wgwarf, -am ich wieder zu mir und da tauchte Wtzschnell -er Gedanke in mir Mf, du Müßt etwas tun, lind so bin ich zu einer anderen ÄckenSayschauung gchommen. Im Kino habe ich geschen, daß, Wenn man Wd hat, NM einen Herrn spielen sann, wenn man aber Seines hat, tonn ist man «in Nichts. Ich wollte auch den großen Herrn spjchy und trachtete, um jeden Preis zu Geld zukommen; woher ich das Geld bekomme, das war mir egal. Ich wollte nur gut leben. Bors.: Aus welche Weise wollten Sie sich Geld verschaffen? Vielleicht auch auf unredliche Weise? — Angekl.: Gewiß, ans unrMche Weise. — Bors,: HM; Sie einm bestimmten Plan gehabt? — Angekl.: Ja, ich habe einen bestimmten Man -gehabt: Ich wollte einen Einbruch verüben. -7- Bors. Das war am Tage vor Ihrer Tak. — Angefl.-: Ja, da stand ich am MaMretöflgüM vor einer Kchlechanblnng und dacht« darüber nach, wie ich zu Geld kommen könnte. Vors.: Wo Sie einbrechen sollten, haben Sie also nachgedacht? — Angeßl.: Ja. Wer da ganz plötzlich empfand ich ein Brennen in der Herzgegend und jetzt hatte ich eine Erscheinung von oben, eine Bisioy. — Bors.: Hub aus dieser angeblichen Vision ist Ihnen angeblich die Berufung erflyssw, einen Mord zu verüben, — Angekl.: Nicht einen Mock, nur einen Schreckschuß wollte ich abgeben, unr die Behörden zu mahnen. Uivmittelbar mch der Vision kam ich ncknlich zur Ueberzeugüng,wie schlecht ich gewesen bin, wie schlecht noch einige Mifä)en vorher. Junge Mstschm, dif nicht schlechter sind als ich, werden zu Wochen und zu Monaten verurteilt, weil sie durch Kino und durch schlechte Literatur verführt sind. Mein l Schreckschuß sollte die Welt aufmerksam machen^ Kino und sblche Literatur, die die Jugend verdirbt, zu verbieten. — Bors.: Ja, aber warum waren gerade Sie gu dieser Mission auSevsehen? — Angekl.: Weil ich.immer ein Idealist gewesen bin. — B o.r s.: So. Sie scheinen aber nicht zu wissen, daß Idealisten Gewalttaten vermeiden und einen Mord nicht begehen. Sk. sind der erste Idealist, der durch einen Mord die in - sich zusammen; die anderen von der jüdischen Selbstwchr blieben auch nicht müßig. Es war ein kurzer, aber furchtbarer Kamps um die Dreistraßeneäe, den Fndenriegel; Blut floß auf beiden Seiten, aber der Sturm wurde abgewchrt ..., . W Ujvari drinnen das Kriegsgafchrei seiner Leute ihöxte und sah, daß aus den Inden im Verhandlungswege nichts herauszuholen sei, wurde er anmaßend. Was sich im Extrazimmer des jüdischen Gasthauses in jener ersten' Sukkosnacht noch zutvug, hat keiner von den Beteiligten jemals verraten. Man weiß nur soviel, daß. etwa eine Viertelstunde/ nachdem dev erste Stein, ins Zunmer geflogen war, Ujvari und seine Genoffen hinkend und gedeckt von David Ruß.und seinen zwei Kameraden ans die Straße kamen und -daß Ujvari seinen Leuten die Mitteilung machte, daß er sich im Laufe der Verhandlungen überzeugt habe, daß er das . Opfer eines verhängnisvollen Irrtums war. Man möge ruhig auseinandevgehen und warten, bis sie «wieder , gemfen würden. Sie wurden me mehr gerufen .... 8. ■'/ Am ersten Tage Ehol-Hamold feierten MM Feldwebel und der jüdische Oberwächtmeister David Ruß ihre Verlobung. Zur Hochzeit war es nicht gekommen. David Ruß wurde, einige Wochen später unweit PreßbNrg, als er einige Ochsen vor sich hertrieb, von einem durch einen vorbeisaufenden Eisenbahnzug - wildgewordenen Ochsen aufgespießt, zu Boden geworfen und zu Tode getreten. Er liegt auf dem verlassenen Friedhof einet. kleinen Judensiedlung begMen. Aus einem bei David Ruß Vorgefundenen Brief erfuhr man den Namen und die Adresse. Wndls; sie war auch die einzige aus N., die ihtem Toten das letzte Geleite gab. Sein; Grab ist verfallen. Kein Stein, keine Tafel 'bezeichnei feine Ruhestätte. Mindl ist von -der Bestattung des David Ruß nichtmehr zurWekehrt. In R. kündet kein.Denkmal, keine Haskara das Andenken an den jüdischen. Oberwächtmeister, den Ochsentreiber David Ruß, der die Judenstadt vor der' Schande eines Pogroms - bewahrt hat und der von einem wild gewordenen Ochsen zu Tode getreten wurde. Mienex MprgMzeitung . *""**"**"* i.e» -J'i j »') ■ t •'>«<■'» j, ' 'fliijiiriHW.. " Welt verbessern wollte. ^-Angekl.: Es sollte ja kein Mord sein. Ein SchrechschußhfttL.mir genügt, > ein Alarmschuß. — Vors.: Mer der Alarmfchuß hat ein Menschenleben -gekostet. -- Ange kl.: Diese Schriften von Bettauer losten auch Men, vielleicht picht auf diese, aber auf andere Weise, .**■ Staatsanwalt: Sie konnten -och das gar.nicht-konstatieren. . : Bert.: Was haben Sieunmittelbar vor der Tat gemacht? 77 A -n g elf. r Ich habe Mir Gedanken darüber gemacht, ob es nicht doch unrichtig ist.waß ich tm wollte. Mer da waren Huitderte tzyn jungen Menschen, denen, man die Freiheit geraubt hat/weil sie schlecht sind. Und wie sind' sie schlecht'geworden? Upd da Ny ich so brutal geworden. ' ' Der Vorsitzende verliüst -i'e Aussage des Angeklagten vor dem Untersuchungsrichter unbemerkt, daß'hier nirgends von einer Bision oder Mission zur Ermordung Bettamrs die Rede ist. Es scheint also dem Angeklagten ' diese Erleuchtung erst später gekommen zu sein. -- Angeks.: O nein, ich habe -nur vorher mit Absicht darüber geschwiegen, ich wollte das erst vor Gericht vochringen. -- Vors.: Warum erzählten Sie nicht den Psychiatern davon? Angekl.: Ich habe mir gedacht, - ich komme ohnehin auf -ey Steinhof, uch da wollte ich die Botschaft von oben in mir begraben. Nach einer kurzen Pause wick . . 4? tos Peweisversahren evWet. Der Vorsitzende tM -umW den Geschwomen mit, 'toß zwei Zuschriften an. sk angtzlrygt seien,, die er natuvgLmäß ihnen picht einhändigen Mne, da ja dk Peschwornen vor dem Verdikt mit niemandem Rücksprache zu nehmen haben . und selbstverständlich auch schrWche. Mlßevungen. picht entgegennehmen dürfen. Er bittet nur um die Zustimmung der Geschwovnen, den einen Brief, der geschlossen ist, autfzumachen, da der Brief möglicherweise für -k Verhandlung von Wichtigkeit wäre. > . . Der Vorsitzende konstatiert hierauf, daß sich der Vater, die Mutter und die Schwester des AnMagten der Aussage rntschlagen haben. Es folgt die Verlesung voy Zeugenprotokollen. Der Präsident ruft Mn die p-lizettiche Jugendfürsorgerin Marie Sachs vor, -ie angibt, daß unter ton eingelieferten unter Kontrolle stehenden Mädchen sich viele Leserinnen von ,MttaMrs Wochenschrift^ besun-den haben. DK Mvsorgerätiy Anna Lederer sagt in Ähnlicher' Weise aus. SchlKßlich konstatiert der BoHtzende, daß Keich- Mitz mit' dem seinerzeitigen Freispruch Bettauers der Verfall einzelner inkriminierter Nummern ausgesprochen wurde. — Staatsanwalt (put Angekl.): Sie hören also, einzelne Nummeri: wurden verboten. — Angekl.: Ja aber der Geist HM dechlbe. - - . . . . .. . ' " ' . ' , . . ' > ... " p (f'W u ujjtT ülUJifc». ■'« 1 u» .n-t, ... . . . Ab heute titglleh gespielt von im Horliihliferstrasse, Ecke NeiMtisse Telephon 35-5-19 916« Vorstellungen ab halb 5 Uhr nachmittags hi ApolIo-F21m-A.-G., Wien, VII. 6. Oktober IW . i Seite 5 ... v"..'1 , ".”'.'1 11 'u,v .i.. Verteidiger Dr. R i ehl beantragt dann die Verlesung einiger Briese über die Wirkung der Bettauerschen. Wochen schrjst, die zum Teil - an ihnzum Teil an Rpthstock nach toi Tat.gerichtet worden seien. Der Staatsanwalt und der Privat beteiligtenvertreter haben nichts d a g e g e y.. Als nächst Zeugin wird Fräulein Franziska Pehal, eine Angestellte pox „Böttamrs Wochenschrift^ über die Vorgänge bei dem Attentat einvernommen. Ucker Aufforderung Dr. ZöMeilbs erzählt di< Zeugin, daß sie wiederholt anonyme Drohbriefe he' kommen habe-und am 30. September d. I., also am Mittwocs der vorigen Woche, abends, beim Verlassen des Bureaus toj Hausflur von einem Manne medevgerannt worden fei. Zr Hause bemerkte, sie, daß ' ' ihre Kleider durchstochen waren. Die nächste Zeugin, gleichfalls eine Angchellte der WocheWrift, WlderjbHre Mndmcke während der MordtX ist Kescher Weise.. ' Der Vorsitzeche verliest pyn bas mit dem schwerverletzten BettMer ansgenomme». Protokoll, das im wesentlichen -er Darstellung dssr Anklage zugWche ge., segf wupde. Vestauer eMrte darin, -aß er keinerlei Er» ' sätzayspräche We., RoMock bestrjtt gewjsse EiUWM der Darstellnng Bettaners ' uyd eMrte schlWich: „Hst mW toraus einen WeychMyrmachen kann, Wssche ich picht!" Der Gerichtsgrzt.Professor Dr. Meißner, de^ hie. Leiche Bettauers MHrto-hat,..gch an, daß her ttzdliche Schuß in dkr Wge'ngegend Mgedruygen,. -k SpeiserHv? . . Verletzt upd bis hinter dst Mih gegangen Mx. Es trat dann LuygenentzünHüygi hinzu, chirurgisch konnte man Wen diesen Schuß gar nichts uNternchmen, er mußte wegen seiner allgemeinen Natur den Tod heHeiWren. Die anderen vier Schüsse wären vielleicht ohne dauernde Folge gewesen. Der Sachver-- ständige verminte hierauf eine Frage des Staatsanwalts, daß die Schüsse in tückischer Weise abgegeben worden feiern Sodann verlns der Vorsitzende zwei Griefe, dk Rochstock aus der UytersuchWgshast . an den Präsidenten des Nationalrates, Miklas, gerichtet hat. Darin steU Rochstock das Verlangen, ihn.int Nationalrat in Anwesenheit sämtlicher Volksvertreter sowie der gegeywßrtiyen Staatsfülhrer sprechen zu lassen. EntsprecheO her Aussage des Sachvevständigen modifHievte nun der Staatsanwalt die uvspmngllich auf Meuchelmord lautende AEage - aus gemeinen Mord. Es folgte'die' Verlesung des Fakultätßigutachtens, das namenMch das' Wechselnde Vechalten Roch-' stocks feststellt: Der Angsklagte nehme jetzt alles das, was vpn seinen Aingaben 'verwevdet worden ist, zurück, .und mgn wisse nicht, wen er täuschen wollte, ob die ersten Psychiater oder die neuen Gutachter der Fakultät. Ein logischer Beweis, wann und ob Rochstock die Wahrheit gesprochen hat, ist nicht möglich. Es. ist aber MMnchmey. daß seine letzte Hcckuntz eine Komödie ist, weil et Angst vor einer unbeftisteten Internierung hat. Jedenfalls ist er aus dem Holze geschnitzt, aus welchem verrückte paranoische Entwicklungen hervorgehen. Mer von einer Geisteskrankheit ist jedenfalls noch nicht zu sprechen. Otto Rochstock sicht an der Grenze der Geisteskrankheit, gegenwärtig ist er nur ein jugendlicher Wirrkopf mit abwegigen GedankepgLugen, von einer überwertigen Idee bcherrscht, die Mm Meptat .geführt hat. Den Geischwornen wecken Mer Schuldsragm Und eine Zusatzfvage gestellt, die erste Hauptfrage auf gemeinen Mord, die zweite'auf U-ebertretnng des Waffe npatentes. Die Zäfatzfvage lacket auf Unzyrechnnn^"- fähigkeit zur Zeit der Tat. ' Staatsauwalt Dr. Bytschek .ecklärte, die Tat Rothstocks sei ein Flamme-pzeichey, daß wir von den Jrvungen und Mrvupgen der Kriegsjahve noch immer nicht frei sind. Aber niemand, nicht die verworrenste Zeit und nicht die größte RechtlosiKeit können dem Menschen Rothstock das Recht geben, sich zum Richter und zum Scharfrichter über einen Mnfchen zu machen, --auch wenn dieser Mensch ein Bettauer war, der nach Ansicht des AnMagten die deutsche. Jugend i« dm Sumpf zu führen geeignet war. Er Kmne rmr dom FMMtsglUtachtsn beisttmmey, das den AngÄlagLm als nicht geisteskrank bezeichnet hat. Richtig sei, daß Rothstock sowohl wir dm Psychiatern als aych hier vor den Richtern etwas Lauerndes gezeigt und - gespielt habe, um sich der Strafe zu entziehen und für irrsinnig gchMm zu werden. Wem die Fakultät zu dem Schluffe kommt, daß der AngeAagte nicht geisteskrank ist, sondern 'nur ein jugendlicher Wirvkopf, dllM wird es dm Geschwornen.wchl mehr a.ls schwer fallm, über dieses-Gutachten hinwoKuk-mmen. Der Vertreter der Witwe des Ermordete», Dr. Zörnlaib, führte ans: Wir sind ' nicht dazu da, über dm SchMteller Bettäuev zu richten, wcht im Gutm und nicht im Bösen, svn- >dern Wer denjonigen^ der sich zum Richter über Toll n h L e b e n des Mnschen^ Bettauer cmf>geschwungm hat. Ich scheue mich nicht, schließt Dr. Zörülaib, es hier im Saale zu ' sagen, daß ich kachoibW und gläubig bin. Wp. aber, imstande ist, zu morden, ist wcker katholisch, noch, fromm. .Ich klage unsere heuttge. Jugend nicht an, weil sie. in sexuellm Dingen freier denkt,' ich klage unsere Jugend an, den Respekt vor dem Menschenleben verloren zu haben. Hier mögen , die Sittlichvoitsapostol einsetzen, 2419652422252916146