Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2378 (6.10.1925)
- Date
- 1925-10-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie», Dienstag Wiener Mor-en-eitung 6. Oktober 1925 Nr. M8 I •J; I l .1?„ i 1 j l ■i r!; I! Re Vision des Hakenkreuzlers. Ar MM VvchftoS ftraftrri. - »Unnervllwirrungmit sechs gegen sechs Seschwornen« stimmen sestgeftellt. Ein Bursche, den sich eine mit dem Mord als Politisches Kampfmittel operierende Gruppe offenbar ausgesucht hat, ermordet einen Schriftsteller — wieder selbst in seiner Verantwortung angibt, nach langem Vorbedacht und reiflicher Uebcrlegung. Die Verhandlung vor dem Geschwornengericht ergibt diesen Tatbestand in unzweideutiger Weife und weist in der ungeschickten Verantwortung des läppischen Burschen, der sich mehrmals verplappert, unzweifelhaft auf Zusammenhänge mit unftraggebern, mit Parteibeschlüssen, auf Grund deren der Austritt des Mörders nicht lange vor der Tat eridcjic, hin. In der Verhandlung führt der Mordgeselle M!e schlecht eingelernte Komödie auf, erzählt Visionen in einem Atem mit der nüchternen Konstatierung, daß cs ihm,nach verübter Tat recht langweilig war. Der -lösch.nß einer solchen Verhandlung aber ist, daß der Otto Nothstock, den sein Verteidiger als idealistischen Fächer beleidigter deutscher „Geschlechtsehre" hingestellt bat, ftraffrei ausgeht und in eine Heilanstalt überführt wird, wo bereits ein anderer Hakentreuzrnövder, der „Femerichter" R o v o f a d, wohl weil damals noch ein Nest von Schamgefühl vorhanden war, tioch vor der Verhandlung in Sicherheit gebracht wurde. Der Fackelzug für Rothstock wird wohl erst bei der Ilebersührung in den Steinhof veranstaltet werden, da es gestern schon zu spät war. Es schafft die Hand der Gerechtigkeit uns dauernde .Heiterkeit — heißt es in einer alten Operette. Und Ansehen und Ehre in der Welt — durch die gestrige Verhandlung. Nach der Verlesung der A u t l -a g e, bk wir im gestrigen Mttagsbilatt mitgeteilt haben, begann das Verhör Rothstocks. Es P ein junger Bursche mit scharf geschnittenen» Gesicht, vorspringender Nase und fliehendem Kinn, ein Jüngling, wie sie hu Dutzenden bei den Fünifichrtees her,umstehen: Eleganter Sammeranzug, bunte Strümpfe unter der Bügelfalte, braune Shimmy-Schuhe. Er spricht leise, aber selbstsicher, mit hartem «tschechischem Mßent. Er ist am 10. April IM in Cenkau bei Horawitz in Böhmen geboren, wurde tschechisch erlogen und lernte erst m Wien deutsch. Anfangs 1924 trat er «in die nationalsozialistische Partei ein, im Midder 1934 wieder aus, als er dm Movdplan gefaßt halte. Der Borsitzonde fragt chn: Bekennen Sie sich schuldig? — A uge H.: Hoher Gerichtshof, vor zweitausend Jahren... — Vors.: Sagen Sie mir zunächst Ja oder Nein. — An ge kl.: 'Ich habe den Schriftsteller Hugo Bettauer ans dem Diesseits ins Jenseits gedrängt, getötet, wie'man das nennt. Jedoch, ich trage kein Verschulden. — Vors.: Also nicht schuldig? — An ge? 1: Hoher Gerichtshof, vor zweitausend Jahren — einigen Minuten göttlicher 'Zeit — kam , der Sohn Gottes auf diese Weit, um den Kampf zu siühren gegen diese jübischen Sch'riststeller und Gelehrten, weil sie sind die Söhne der Lüge und des Satans. Ich kam ans diese Welt, um diesen Kamps weitevzuifichren. Was ich getan habe, ist kein Meuchelmord. ES ist ein Alarmfchuß, nm auszuwette»» alle Mker rmd vor allem die deutsch« Nation, fortzusühren den Kampf, brutal und rücksichtslos, um sich zu schützen, bevor eS zu spät ist. Hugo Bettcmer verhöhnte alles, was deutsch ist. Ich häbe kenre Schuld. Der Vorsitzende befragt den Attgeklagten sodann über seine politische Betätigung. — A n g e«k'l.: Ich habe Bersa-ntanlungen besucht und Zeitungen verschiedener Parte irichtungen gelesen. — , Bors.: Sind Sie aber nicht doch eine Zeit lang Mitglied einer bestimmten Partei gewesen? — An geil.: Der nationalsozialistische»» deutschen Avberterpartei zirka ein Jahr lang. — Bors.: Sie find dort im Oktober 4934, also ziemlich lange vor dieser Tat, ausgetreten. Und tvarnn» find Sie ausgetreten? — An ge kl.: Ich habe gesehen, daß man scheinbar zu nrir nicht Bert rauen hat in der Ortsgruppe. — Bors.: Sie haben auch noch einen anderen Umstand dafür angeführt, daß Sie ausgetreten sintz. — Angekl. (leise): Das kann ich nicht sagen, das möchte ich gerne verschtveigen. Bors.: Es tvar ein Grund, der imt Zusammenhang mit dem steht, was uns heute beschäftigt. Beim Untersuchungsrichter haben Die es gesagt. — Angekl.: Ich wäre trotz alledem weiter Mitglied geblieben, aber nachdem ich schon die Absicht Chatte, einmal vor ein Gericht zu Kimmen, bin ich aus der Partei ausgetreten, weil die jüdische Presse sofort wieder geschrieben hätte: Die Arbeitermörder. — Bors.: Bor ein Gericht zu konmren, war ja nicht Ihre erste Absicht. Sie meinen, Sie haben sich mit dem Gedanken. getragen, etwas zu machen, und dadurch vor ein Gericht zu kommen. Und da trollten Die vermeiden, daß es dann aus die Partei gewälzt wird. Sie wollten allein die Verantwortung dafür traget!. Also sind Die ans dieser Partei ausgetreten. Der Angeklagte sagt darauf,'er habe bei vielen beobachtet, wie diese Schriften sie zu Bösem und Schlechtem beeinflußt haben, woraus er zur Uoberzeuguug kam, daß etwas Durchgreifendes geschehen müsse. — Bors.: Waren es nur die Schriften Bettauers? — Angekl.: Nein, aber sie waren darunter. Er fährt dann fort: Er habe «beschlossen, den Schriftsteller Hugo Bettauer ins Jenseits zu schicken, damit man endlich einmal lerne, für das Wohl junger Menschen zu sorgen. — Vors.: Haben Sie nicht versucht, in anderer Richtung Abhilfe zu schaffen? — Angekl.: Ich habe immer gelesen, daß dagegen angekämpst wird, aber nie, daß «was untemomnren wurde. Vors.: Dem Untechuchungsrichter haben Sie aber gesagt, daß Sie die Msicht hatten, sich an die Behörden zu wenden. — Angekl.: Ja, das wollte ich. — Vors.: Hatteck Zum Schutze gegen Ansteckungen. Bestes Schutz* und Desinfektionsmittel für Frauen. Beseitigt alle üblen Oerfiche. nach ihr, ließ bei den Nachbarinnen nach ihr suchen, und als sie nirgends auffindbar 'war, meldete die Rebbezin bestürzt den Fall ihrem Mann. Zu ihrem großen Erstaunen nahm der R-ebbe ihre Mitteilung von der Unatlffind-arkeit Mindls ruhig, ohne Zeichen der Uebervaschung auf. „Mes hat seine Wege!" sagte er, mit dem iZeigesinger nach oben 'weisend. „iUtrt MM brauchst «du dir keine Sorge machen!" Die Rebbezin antwortete nichts, zog sich scheu aus 'dem Studierzimmer ihres Mannes, zurück und empfand Gewissensbisse darüber, daß sie -den Rebbe, dessen großer Geist sich offenbar in -höheren Sphären bewegte, in diesem 'heiligen Verkehr gestört habe. Noch niemals hatte M bei der Arbeit so viel Eifer an den Tag gelegt als an jenem- Erew-SuKosMachmittag. Als -wären unsichtbare Zauberhände mit am Werke, ging alles pfeilschnell vonstatten. Ms die Nacht herandämmerte, warf sie noch einen raschen Blick in Küche und Kammer, besichtigte die Srckkah, ob alles bereichesiellt sei, und verschwand unbemerkt durchs Haustor. Sie ging hinten herum durch die Wiesen und Gärten bis zur großen Brücke, und es war schon recht dunkel, Äs sie .bei der tauben Rachel, einer Xante und Quartiergeberin 'des David Ruß, eintrat. Hier >war das Hauptquartier der Selbstwehr. Im Hof stand eine hell beleuchtete Sukkah,!>ie Wände geschmückt mit David-Schildern und einem Bi-ld der um ihre in alle Welt verstreuten Kinder trauernder» Erzmutter Rachel. MM «war gerade dazu gekommen, Äs der i,Memralstab" mit -lautem Gesang das Abendgekstt verrichtete. Sie schlich in die Kammer, wo verabredungsgemäß die Feldwebslunisorm Davids für sie bereit «lag. Auch die Pistole, die David Ruß bei -seinen Fußwanderungen als Ochfentrerber sonst immer bei sich zu tragen pflegte. Wenige Minuten später stand Mindl FMweibel int Kreist per Männer der Se-lbsiwchr in der SMch, wie wenn sie niemals andere als Soldatenkleider getragen hätte. Auch hier erklang im Chor der Spruch: „Gelobt feiest du Ewiger, unser Gott, der uns leben 'icst d.'v erhalten hat und uns erreichen ließ diese hier klang dieser 'Segensspruch wie ein stolzer 2 int&zt. wie die dankbare Freude dieser jungen Inden darüber, daß sie den Tag erlebten, an dem sie ihr Löben für die Ehre diests Volkes in die Schanze schlagen tonnten. 7. Etwa 300 Schritte lveit vom Hause der tauben -Rachel -war das Dreistraßeneck, das einzig mögliche Einjallstor der antisemitischen Horden. Von der Stadt her drohte keine Gefahr, dort hielt die, wenn auch unzulängliche Stadtpolitzei die Ruhe aufrecht. Von außen her, aus den umliegenden kleinen Dörfern und den Spelunken vor den Toren der Stadt, sollte der Einbruch unternommen werden. Mindl Feldwebel postierte sich neben David an diesem gefährlichsten Standort. Vom Wirtshaus ,$m letzten Pfennig", ivo Franz Wart seine Leute gesammelt hatte, drang wirres, heiseres Johlen herüber. Die Pogromhelden wurden präpariert. Nun bmnte die Entscheidung nicht mehr lange aus sich 'warten lassen. MM schmiegte sich »enger an David und spähte mit ihren scharfen Augen in die Richtung, woher der Sturm kommen sollte. Da gewahrte sie nahende Gestalten. Die jüdische Haupttvache machte ihre Waffen schußbereit. Mindl wollte mit vorgestreckter Pistole der gegnerischen Vorhut allein entgegentreten, aber David befahl ihr, zu bleiben und erinnerte sie an ihr Versprechen, zu gehorchen. Es tvar gut so, denn die sich da näherten, waren der entsendete jüdische Parlamentär und eine Abordnung der Antisemiten, die mit ihrem Führer Franz Wart gekommen lvar, um mit David Ruß zu verhandeln. Mit Wart warSandor Hegyi, ein ivegen Unterschlagung einer von einem Juden entrichteten Gebühr entlassener städtischer Schreiber, und Stephan Fogas gekommen, der sein ganzes väterliche Erbe vertrunken 'hatte und dafür die Juden verantwortlich machte. David Ruß bestimmte Dolfi Kutscher und Hersihel Kazew, einen ausgedienten Dragoner, als seine Begleiter für die Verhandlungen, die int Extrazimmer des jüdischen Gasthauses vor sich gehen sollten. David übergab Mndl das Kommando der Hanptwache und die Verhaudluugökoutmission ging ins Gasthaus. Bevor man sich an den Beratungstisch setzte, forderte David Ruß die AMvestnden auf, jveitvillig We etwaigen Sie spezielle Fälle im Äuge? — Angekl.: Nein, mt allge meine. — Vors.: Also diesen Schritt halben Sie nicht getan Warum nicht? — Angekl.: Ich -hatte die U-eberzeuguilg, das eS aussichtslos sti und mein Schreiben in den Papierkovb ge worfen würde. Vors.: Was hat Sie verackaßt, speziell gegen Betiauei vor.z»lgchen? — Angekl.: Seim Schriften wurden vor allm auf den Straßen vertäust. — B o r s.: Sie haben also beschlossen, ihn, tvie Sie sagen, i n i Jenseits zn drängen. Halten Ne die Msicht, ihn $ töten? — A ngekl. Ich hatte die Absicht, ihn aus dieser Web in eim andere zn dräitgm. — Bors.: Welcher Unterschied brsicht da nach ihrer Auffassumig? — Angekl.: Man kam keinem Menschen das Leiben nchnven, weil er nach den Tode weiter!e«bt. Bors.: Sie sagten, Sie hvollten die jungen Leutschützen. Haben Sie fick) auch Klacheii darüber vörschafft, Ä Sie dazu berechtigt sind? — Angekl.: Ich sage, daß ich dar Recht dazu gejhabt habe, das Recht gibt mir Gott und mein Gewissen. — Bors.: Da scheinen Sie sich mit der Religion, auf dii Sie sich berufen, tticht gerade viel besaßt zu haben. Dem: dai erste und oberste Gcibot der Religion sagt: Du sollst w i dr töten. — Angekl.: Das stimmt. Ich ha«be mich schon mi dem, was ich ansgeiführt habe, im Oktober IWl befaßt. — Bors.: Haben Sie jemand Mitteilnug hievon gc macht? — Angekl.: Keinem Mnschen. — Bors.: Warer Sie sich darüber schlüssig, wie Sie es ausisühren? — A ngekl. Ja, so wie ich es getan habe, so halbe ich es mir vorgostcllt Der Angeklagte erzählt hieraus den Hergang der Tat, tvbbei er bestreitet, daß er einen Meuchelmord begangen habe Die Mordabsicht gM er zu. Staatsanwalt: Sie habe» eine tschechische Volksschule besucht. Und wie haben Sie zr Hauise gesprochen? — Angekl.: Tschechisch, aber ich Haiti auch deutsche Stunden. — Staatsanwalt: Sie sagten daß Sie auch von Elßler (-dem Zahntechniker, bei dein de» Mörder beschäftigt war, und der ihm verboten hat, bei de» Arbeit das Hakenkreuz M tragen) ausgöbeutet wurden. — Angekl.: Ja. — Staatsanwalt: Warum sind Sit. dann bei ihm gMiöben? — Angekl.: Wo sollte ich de»»»» hmgehon. Ich war ja vocher auch schon bei einem Juden, der gut zu mir war. Mer Eißler ist ein Sohn der Lüge und des Satans Dr. Zörnleib: Welche Schriften BetitauerS haben Sie. eigentlich gelesen? — Angekl.: Die Schrift „Ich unt Du" vor der Beschlagnahme. — Dr. Zörnleib: Diese Zeitschrift hat mit Betdauer überhaupt nichts-zu tun gehabt. Den Revolver behaupten Sie, in einer kommunistischen Versammlung gekauft zu haben, Dann erklärte»! Sic. das für M-richtög. Wo haben Sie ihn also gekauft? — Ä ngekl.: Das will ich nicht sagm. — Dr. Zörnleib: Sic Gegen übermässige Schweissbildung. Als Zusatz zu Bädern. Angenehm riechend. Nur in edelgrünen Originalflaschen Waffen auf den Tisch zu legen, 'da mau sonst im geschlossenen Raume sich nicht frei und offen aussprechen könne. Wart maß seine jüdischen Gegenparts und gchorchte. Revolver, Messer, Hirschfänger, Memmerseu, Ziegelsteine mußten aus -den Taschen und Tornistern hervovgcholt werden. Dann setzte David mit schlichten Worten auseinander, welcher sträflichen Gewisstnlosrgkeit sich Hvaivi schuildig gemacht habe, als er ohne Grund urteilslose Menschen gegen ihre unschuldigen Mitbürger zu Bluttaten und Plünderungen aufreizte. Wenn er seine Leute nicht sofort abkom-mandiere, werde viel Blut fließen Md er würde sich überzeugen, daß N. kein Boden sur Judenpogrome sei... Wart begaM rmn eine seiner Brandreden, die er schon zu Dutzerwen gehalten hatte, und ließ durchblicken, daß er bereit wäre, gegen Bezahlung eines großen „Sühngeldes" von seinem Vorhaben abzulasstn. David Ruß wies die erniedrigende Zumutung zurück und erhob sich zum Zeichen, daß er unter so beleidigenden Bedingungen nicht weiter verhandeln wolle. In diesem AugeMick flog ein Mein durch das Fenster aus den Beratttngstifch. Aus dem wirren Geheul atsi der Straße drangen Ruse wie: ,Heraus mit David Ruß! Zündet die Judenhütten an! HÄtget die Blutsauger!" Die angeworbene Horde war an die Dreistraßenecke herangetorkelt und forderte die versprochene Raübfreiheit. Die Verhandlungen im Gasthaus dauerten ihnen zu lange, sie wollten 'das Haus sturmen Md sich des Mffchen Ober- Wachtmeisters bemächtigen. Mindl, die bisher ruhiges Mut bewährt hatte, warf sich jetzt, als sie sah,'daß die Wut der Menge sich gegeit David richte, rasch entschlossen dem größten Schreier entgegen. Sie übersah bald die Situation. Dort besinnungslose, zu allem entschlossene gedungene Mörder, hinter ihr um Ehre und Leben impfende, zu den äußersten Opstrn bereite Juden. Es standen etwa 50 auf Beute lüsterne, vont übermäßigen Moholgenuß angetriebene Kreaturen gegen 30 junge Menschen, die genau wußten, daß von ihrem Widerstand Leben und Zukunft einer ganzen Judengemeinde abhing. Unter den. wohlgezielten Hieben, die MM aatg* teilte, fielen die betrunkenen Mgro-mhelhW Me. jstM KW I