Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2378 (6.10.1925)
- Date
- 1925-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V Nr. 3378 _. Wen, Dienstag Schreiben würdegesagt, daßdiejenigen, die den - Paktver-, trag unterzeichnen wollten, nicht lebenden ihr Reiseziel gelangen würden. Diese Drohbriefe hätten-auch zu Besprechungen zwischen dem Berliner Polizeipräsidium geehrt und es seien alle Maßrrahmen getroffen worden, um etwaige Attentatspläne zu vereiteln. Der ,/Vorwärts" fügt -hinzu, es handle sich hier nicht um Drohbriefe, wie sie bei solchen Gelegenheiten einzulaufen pflegten, sondern noch um andere Dinge. Aus diesem Grunde seien auch die Bahnhöfe, auf denen der Zug der deutschen Delegation Hielt, polizeilich abgcsperrt worden. Die deutsche Delegation sei von mehreren Kriminalbeamten begleitet. Ae Fememörder. Berlin, 3. Oktober. Zu dem kürMch aufgodeckl-en F-e ine mord aus -bcm Jahre 1933 meldet die „Vossische Zeitung": Die Mörder gchöreu der Acaschiueugewohr- .t-bleiluug des N e i ch s w e h r r e g i m e n t s v. S -e n d e n an. Der ermordete Schütze Panier hatte sich angeblich „verdächtig" gemacht und wurde eines Abends von feinen Kameraden iiverfalleu, -mißhandclt uitb schließlich durch zwei Revolverschüsse getötet. Auch ein Feldwebel namens Büsching wurde verhaftet, der bei verschiedenen Morden beu Opfern.den Fangschuß in den Hiuterkops gegeben Txibeit soll. Die Bernehmuugeu sind zum Abschluß golaugt, die Berhasteten sind dem Nulersuchungsrichter vorgeführt morden. Neues von Hitler. Berlin, 5. Okw-ber. Hilter hat die Klage gegen das „Berliner Tageblatt", -das seine Partei der Annahme f ra n z ös i scheu Gel -d e s beschuldigt hatte, u-cdingnngslos zitrückgezogen. Wie die Blätter nEen, heiratet Hitler in den nächsten Tagen eine junge Dame, deren Mutter eine Jüdin ist und deren Vater der Münchener Israelitischen Kultusgeinemde den Grund für einen Lynagogenbau verlauf, hat. Ser „Srozot" erscheint wieder. Budapest, 5. Oktober. (Tel.-Lkomp.) Der „Z zoza t", bas Organ -der Rassenschützler, wird in den nächsten Tagen wieder als Morgenblati erscheinet. Die Zeitung hatte bekanntlich vor kurzem wegen finan-zieller Schwierigkeiten ihr Erscheinenam Morgen eingestellt und nur ein Abendblatt herausgegeben. Segen die MenbahniiberWe auf Wische Reisende in Rumänien. Aus Bukarest berichtet I. T. A.: Im Hinblick auf die andauernden Ueb-ersälle auf jüdische Reisende auf -den rumäuffchen Eisenbahnen hat die Gcneraldirektion der Eisenbahnen angeordnet, daß die Stationsvorstände mit aller Energie, Belästigungen des reifenden Publikums zu verhindern haben. Laut der offiziösen Agentur Rodor hat sich die Gsn-eraldirektiön der Eisenbahnen deswegen zu dieser Airordnung entschlossen, -weil fvstgestellt wurde, daß die Eisenbah'norgane bei Ueberfällen auf jüdische Reifende vollste Passivität an >den Tag legen, ja -daß untere Organe sogar an den antisemitischen Ausschreitungen teilneh-men. Wiener Moegenzeitung die gran di o se Wir k ung des 9 PI ANA 9 V?ranzbranntwcin? Jeder Gesunde und jeder Kranke wird es Ihnen bestätigen, dass die denkbar beste Wirkung durch DIANA Franzbranntwein mit Menthol erzielt wird Ueberall erhältlich Ditina-Frcrnzbrannicaein - Produktion-Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Eng rlhitrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 6uja beschwichtigt seine Etuienten. Programmwechsel des antisemitischen SLudentenführers? Bukarest, 5. Oktober. (I. T. A.) Die Zeitung „Lupta" meldet, sie habe ans Enz-istffchen Kveisen genaue In-sor-mattuncu darüber erhalten, daß Cu.za sich .mit dem Gedanken trage, sein p o l i t i s che s P r o g r a -m m einer durchgreifenden Revision zu mttc-rzichen. Cuza bereiter angeblich ein Manifest an -die studierende Jugend vor, -welche die Studenten aufforden, ihren, Studium in diesem Jahre eifrig nll-d in Ruhe und Ordnung zu obliegen, da die stän digcn U n r u h e n eine S ch ä d i g u n g d e r r u -m ä n i s ch c n I n t c l. l i g e u z bedeuten. Gleichzeitig beabsichtigt C-uza, ju erklären, daß die I nde nfrage in Rum än je n in ein neues Stadium getreten sei. Er fei nämlich der Meinung, daß alle Juden, die vor dem Jahre 1914 i-m Lande gewohnt haben, vollberechtigte Staatsbürger seien. Alle übrigen Juden aber, -die nach dieser ,Zeit ins Land eingewandert sind, insbesondere aber die russischen Juden, sollen mit der ganzen Strenge des Gesetzes ver-- folgt und zum baldigsten Berlasfeu des Landes gezwungen werden. Letzte Kurie. * New-Bork, 5. Oktober. (Tel.-Komp) Berlin 23.80, London Kabel 4.841/«, London Scheck 4.807ai Amsterdaut 40.21, Paris 4.63, Brüssel 4.48. Rom - 4.03, Madrid 14.24. Zürich 19.36, Stockholm 26.87. Oslo 19 60. Kopenhagen 24.03 Wien 141/*, Budapest 14V4, Prag 29674, Belgrad 177% Athen 1.413/t. Buenos Aires 40*/«, Rio de Jcuieiro 1420 Bukarest 47V- New-Bork, 5 Oktober. iTel.-Komp.- Weizen rot Winter 150. Weizen hart Winter 163%■ Mais 928/4. Hafer 451/*, Roggen 86. Ehikago. 5. Oktober. (Tel.-Konw.) Weizen per Dezember 136Vr,-Mat 137%, Juli —; Mais per D^jember 8i3/4, Mai —Juli—.—; Hafer per Dezember 437/s, Mai —, Ju i; Roggen per De,ember 87. Mai - Juli —. 6. Oktober 1925 Seite L r« Wische KW bei Srabsli. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Watschm, 5. Oktober. Die in >der letzten Sitzung de» jüdischen Sejmktubs beschlossene Vorsprache einer Dele. gatron beim Ministerpräsidenten Grabski ist erfolgt Der Ministerpräsident hatte mit der aus den Deputierter Dr. R-osmarin und Farbftein sowie Senator Trusker bestehenden Deputation eine längere Unterredung, in welcher Sie jüdischen Vertreter dem Premier eine Reih« von W ü n s ch e n u n d B e s ch w e r d e n im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Lage der Juden ir Polen vorbrachte. Der Ministerpräsident anerkannte i-m allgemeinen die Berechtigung der vorgebrachten Forderung er und erklärte, daß er die nötigen Schritte zu ihrer Realisierung emleiten -werde. Er lud das Präsi-- din-m des jüdischen Klubs für den 5. d. zu sich um die Unterredu ng fo rtzusetz e n und den jüdischen Klub über die Verordnungen, welche dai Ministerpräsi-diu-m erlassen werde, zu in s or-mi-e r-e n Demgemäß sprach die Abordnung des jüdischen Schnklubs honte beim Ministerpräsidenten vor. Dieser erklärll auf die vorgebrachte Beschwerde wegen des Numerus elaus -u s, daß die polnisch-en Hochs ch u l e n bol I> kommen autono-m sind und daß er darum nichh in der Lage sei, Einfluß auf die Zahl der anfzunehmenden jüdischen Studenten zu nehmen. In Sacher des S t e u e r d r u ck e s gegen die jüdischen Kaufleute versprach Grabski, mit seinen Mimsterkollegeil Rücksprache zu pflegen uttb nach Maßgabe der Möglichkeit A>öhilfe zu schaffen. Der jüdische Sej-mklilb -wird in der morgigen Sitzunr cin-e entsprechende Resolution -fassen und-über sein-' weitere Haltung zur polnffchen Regierung beschließen. Die Etaatssubventione» für die Wischen Gemeinde» in Amben. Teilweise Abänderung der Beschlüsse des Harlptansschnsses Sxdiit, 5. Oktober. (I. T. A.) Der -i-in Hauptmlsschus des preußischeil Landtages -mit Len Stimmen der Demokraten, der SoziatbomoLraten, des Zentruurs, -der Leutschen Bolkspartc und der Wirtschaftspartei -airgeuomnrene Antrag, in der Stäatshauhalt zur geistlichen Versorgung leistungsunfähig ^r Synagogengemeind-en einen Betrag von 510.000 Mark -einzustellen, ist, wie alle anderen über die Etatsvorlage hinausgcherrden Bewilligungsboschlüss-c, an den Unterausschuß des.Hauptausschusses gegangen. Auf Anregung der S t a a t s r e g i e r u n g ist vom Unterausschuß der Beschlus dahin abgeändert worden, daß an Stelle der einen Position zwei Positionen in das Ordinarium neu eingestellt werden, und Mar: 1. Beihilfen an leistungsschwache ShnagogengEeinden behufs Erfüllung ihrer V-erpsiichtung zur Sorge Kr der> Religionsunterricht 250.000 Reichsmark. . 2. Widerrufliche Bedürfniszusch-üsse an Synagogen-gemeii'.- den zur Besoldung ihrer Rabbiner und zur Vevsorgunc ihrer Ruhestandsrübbmer und der HmterMche-nen ihrer Rabbiner 200.000 Reichsmark. Der Hauptausschuß, dem der Bericht des UnterauÄschusses vorgelegt wurde, ist >dem Abänderungsantrag ibeigetretcn. Die Angelegenheit geht nunmehr zur zweiten 'und dritten Äasuuc an das Plenum. Mindl Feldwebel. Eine Sukkosgeschichtc Bott JE Kraus;. (Schluß.-'-) 4. ' Es ist ein eigenartig Volk, diese Juden von N. Gläubig, aber nicht fanatisch, gutnÄtig nttd heiter, immer zu einem Scherz-geneigt, klug und arbeitsam, leiben diese Inden seit - .Jahrhunderten im besten Einvernehmen mit ihrer U-mg-chung, besser und einträchtiZ-er sogar alls untereinander. Die Slowaken waren unter der Herrschaft der Ungarn imtevdrückt und jeder Möglichkeit, ihre eigene Kultur zu entwickeln, beraubt. Die Juden hingegen profitier-, tcu von der geographischen Lage der Stadt, ihrer Nähe zu Wien, mit dem sie wirtschaistliche Beziehungen verbanden. So kam es, daß der slowakische Jwde unter dem Einfluß von vier vevschiedenen Sprachen und Kulturen stand und ans ihnen Nutzen zog: der ldeutschen, .der magyarischen, der slowakischen^ und der hebräischen. Daraus ergab sich euerseits eine Art Kosmopolitismus des flowaUschen Juden,E andererseits über -eine Oberflächlichkeit und Seichtheit des hebräischen Wissens der jüdischen Gelchrten und ganz örsonders der Talmudgelehrten.aus der Slowakei. Mit Ausnahme Ion Preßburghat die Slowakei keine uennenÄv-erlc Ieschlwah aüfzuweifen und die flü-wakischen Talmnd'isteu'zeichneil sich mehr durch ihren abgrundtiefen Haß gegen eine von der ihren abweichenden Gesinnung als durch gründliches Wissen aus. Das ist aber auch der Grund, weshalb es in keiner - zweiten J-udengemeinde so Vielen inneren.Zlpist gibt, als «'s in der Judeugemeiude von N-. zu allen Zeiten gegeben lhat. In N. gibt -es . zu viel gescheite. Juden, aber.-keinen einzigen, der gescheiter ivärr als. die ^übrigen. Das will aber keiner von ihnen glauben. So'-tobt seit Jahrzehnten unter ihnen der Kampf darüber, wer ^gescheiter, fei, ohne zu einer Entscheidung zu gelange,,. Kn diesem Kampf wurde die Teilung der Ge- -'0. Siche „Wiener MorgeWeitung" vc-m 1. Oktober, meinde herbeigeführt, eulstaudeu zwei Synagogen und zwei jüdische Friedhöfe — die letzteren sind mehr 'bevölkert als die ersteren —, und es ist eine wahre Freude, zu sehen, nrit -wieviel Mtz und Findigkeit sich diese Juden von N. das Leben gegenseitig zu verbittern verjftchen. An jenem Sukkosistste aber herrschte in der ganzen Iudengemeinde die Einmütigkeit der gemeinsamen Sorge u-m das künftige Schicksal. Jtlden, die, u-m nicht rückständig zu erscheinen, schon seit vielen Jahren keine eigene Sukkah gebaut hatten, ließen jetzt eine -fu-nkelnagelneue Laubflütte errichten, um sich auf diese Weise den Schutz der jüdischen 'Delbstwchr zu sichern, aber auch, weil ihre Söhne, die >der S-Äbstw-chr angchörten, es forderten, -mu vor den Kameradon nicht als feig zu gelten. Die Frommen schmückten diesmal ihre Sukkah mit dom teuersten Zierat, um auch auf diese Weise ihr unbedingtes Vertrauen in die Hilst Gottes und seines Werkzeuges, des Ochsentreibers David Ruß, zum- Ausdruck zu' bringen. Mer alle diese Vorbereitunge-n z-unr Empfang des Festes der Freude wurden unter nerve-nzerrüttendeu Aufregungen getroffen. Die Menschen waren nie so gesprächig, ulitteiffam und gegeneinander nachsichtig wie an jenem Tage. Man redete -lauter als sonst, um das Herzklopfen -und das Hämmern der Schläfe zu überschreien. M-enn's -nur schon Abend wäre, und man wäre über diese U-nsich-erheit — so oder so -- hiniweggekommen! Besonders AenMiche schickten eigene Kundschafter ans, um zu erfahren, ob die drohe,rde Gefahr lvirklich so groß sei, wie -sie die aufregenden Gerüchte darstellten und ob -der David Ruß auch alles vorkshre, um das Unglück von den Judengassen abzu-wehren. Auch die Bemfsnövgler waren nicht untätig. . „So etwas ist auch nur in N. möglich!" brummte Ignaz Fellner, der ewige Rofch-H-atöbol-Kandid'at, während er den Bau seiner Sukkah -üb-orwachte. „Hat man -das schon je erlebt?'Eiue -Gemeinde, wo, unberufen, so viele gescheite, intelligente Menschen sind, liefert sich mit Weib und Kind, mit Haut und Haar einem Ochsentreiber aus! David Ruß soll mein Behüter sein! Wir sind tief gesu-nken!" N-ichtsdestoweniger leuchreien' seine Augen auf, als die- Nachricht ka,n, David- Ruß habe alle Bo-rkchrungen getroffen und überdies dem Führer der Antisemiten, Finanz» oberanffoher Franz Ujvari, vor Eröffnung der Feindstligkeiten eine Unterredung angeboten. Ignaz Fellners Haus und Geschäft stand nicht -weit Von der Mündung der Landstraße in die Iudengasst, also aus dem gefährdetsten Posten... v. Das Fest der Freude hatte seinen Einzug gchalten. Die SuAoth in den Iudenhäusern erstrahlten in -weithin leuchtendem Glanze wie einzelne Jagerstuer und Lichtstgnale für -den Geist Gottes, der jetzt sicher schützend über den von ihn: anbesohlrnen Hütten schwebt, und für David Ruß und seine Mannen, denen der Schutz der Hütten und Geschästsla-den, der Mdchen und Frauen, Kinder und Greise anvertraut 'war. „Gelobt stickst du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der -dir uns geheiligt -und anbesohlen hast, in der Sukkah zu sitzen." ,M«t seiest du, der uns leben -Netz, der uns erhalten hat und erreichen ließ dstst Zeit..." Weithin «hörbar klang es durch die stille Nacht wie ein demütiger und doch trotziger Chor der Gedrückten und Stolzen, hörbar bis hinauf in die Oberstadt,!vo der Bischof, der Hüter der chrilstl-ichen Religion, thronte, bis hinab an das Dreiftraßeneck, wo die Landstraße, die Zigeunevgasse und die Iudengasse zusammenlausen und wo David Ruß mit seinem Stab auf die Rückkehr des an Franz Ujvari gesandten Parlamentärs -wartete. ,>Amen!" antwortetm hundert Familien auf die Segenssprüche chrer FamMenhäuPter, und wärm frch gewesen, )venn der Vater iveiter gesprochen, gefungen Wie, damit sie nicht die bittere, furchtbare Ironie heraushören, die aus diesen Segensspwchen in die unbarmherzige Wirklichkeit hineindvöhnt. Aber niemand wegte solche -Gefühle' laut werden zu lasten, unr sich nicht „zu Iersündigen" und dem Satan keinen Anlaß zur Durchkreuzung der Pläne!der Vorsehung zn bieten... - 6. Mindl -war, als es dunkel geworden, -lvar, aus der Wohnung des Rabbiners verschwunden. Die Rebbeziu ries