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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-06 · Heft 2378 (6.10.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2378 (6.10.1925)
Date
1925-10-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Dienstag ' Seite 2 jüdischen Schriftsteller und Gelehrten zu bekämpfen, weil sie die Söhne der Lüge und des Satans sind. Das ist ganz der Ausdrucksweise dieser Pogrompresse entnommen, deren Tätigkeit der ewige Ritualmord ist. Er hat diese Artikel so lange gelesen, bis er in eine Vision verfällt. Er sieht einen Berg von Büchern, das oberste ist ein Kinostück. Und da will er Geld; viel Geld, um sich Wein, Weib und Genuß zu schaffen. Er will einen Tag vor dem Mord! — einen Einbruch begehen. Aber dann kommt ihm die Erinnerung an diese Welt,' die so schlecht ist, und an die Menschen, die sie so.schlecht machen. Und er schießt fünfmal hinter versperrter Türe auf den Bettauer, den jüdischen Schriftsteller, dessen; Namen er so oft gehört hat. Man weiß nicht recht, was echt ist an diesem Burschen, ob er ein Simulant oder ein Paranoiker ist. Aber für unsere Zeit ist seine Tat und seine Verantwortung von unheimlicher Echtheit. Sie sind, wie der Staatsanwalt sagte, Flammenzeichen im Sumpf. Dieser Rothstock wurde gestern freigesprochen. Re Konferenz von Lorarno eröffnet. Die Beratungen über -en Rheinpakt. Locarno, 5. Oktober. (Schweiz. Dep.-Ag.) Bor dem vrit Fahnen und Blumen reich geschmückten Justizgebäude -harrte heute vormittags eine gewaltige Menschenmenge der Eröffnung der Konferenz. Um 11 Uhr fuhren die einzelnen Delegationen in Automobilen vor, als erste die englische Delegation »mit Chamberlain; dann folgten die italienischen Delegierten Seialoja und Gran di, später Briand mit seiner Begleitung; die belgische Delegation von Vandervelde geführt, ' kam zu Fuß; als letzte.fuhr die d e u t s ch e Delegation vor. Im Saale haben etwa 20 Personen Platz genommen, da jeder der Delegationsführer von einem oder zwei Experten begleitet ist. Nicht anwesend sind noch die tschechoslowakische und 'die polnische Delegation. Der Stadtpräsident von Locarno Rusca eröffnete die Konferenz mit einer Ansprache, in der ex die Delegierten namens der Stadt Locarno 'begrüßte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß die Arbeiten der Konferenz von Erfolg gekrönt sein und der Menschheit die erwartete Gerechtigkeit und den Frieden bringen mögen. Außenminister Chamberlain antwortete in wenigen Worten, indem er für den herzlichen Empfang dankte und sagte, es würde allen Delegierten zur Freude gereichen, wenn sie auf dem gastlichen Boden ter Schweiz den endgültigen Frieden hechelten könnten. Seine Rede schloß: „Ich wünsche, die Unterhaltungen einen so freien und wenig formalistischen ' Charakter wie möglich bewahren. Sobald die großen Linien des Vorgehens festgestellt und die Dispositionen für die Zusammenberufung der Zusammenkünfte getroffen sind, erlaube ich mir anzuvegen, daß wir auf die Förmlichkeit des Vorsitzes verzichten und uns aus dem Fiche völliger Gleichheit treffen." Die Delegierten der verschiedenen Nationen einigten sich dahin, sofort in die Diskussion des abzuschließenden Rheinpaktes einzutreten. Da verschiedene Artikel des von den Juristen vorbereiteten Paktes - der Aufklärung bedürfen, wurden die Experten 'beauftragt, sofort die Prüfung -derselben auszunehmen. Kurz nach halb 1 Uhr war die erste Sitzung der Konferenz zu Ende. Die nächste Sitzung der Konferenz wurde wegen einer leichtenIndispvsition des Ministers des Aeußern Dr. St re fe mann, die auf die Wirkung des Klimawechsels zurückzuführen ist und voraussichtlich morgen behoben sein wird, für morgennachmittags angefetzt. Der Arbeitsplan der Konferenz. Locarno, 6. Oktober. sTel.-Ko-mp.) In den. heute nachmittags abgehaltenen privaten Besprechungen der Außenminister wurde vereinbart, in der morgigen Plenarsitzung der Konferenz -die Frage des Ein- . 1 rittes Deutschlands in den Völkerbund in Angriff zu nehmen. In der heutigen Sitzung wurde beschlossen, diejenigen Fragen, die politisch am schwierigsten erschienen, zunächst einer Vorbehandlung durch die juristischen S a ch v e r stä ndigeu zuzu weisen, da .man hofft, -daß die juristischen Formulierungen eine politische Einigung erleichtern-werden. Zn diesen Fragen gehören die deutf ch e n Vorbehalte zu Artikel 16 -des Völkerbundpaktes und die Garantie für die östlichen Schie-dsoericht'sverträge. Das aus den französischen, britischen, deutschen und belgischen Experten zusammengesetzte Juristenkomitee, das schon in London zu-sammmgearbcitet hat, nahm nachmittags seine Tätigkeit auf. In bezug auf die Arbeitsweise der Konferenz stmrde eine Dreiteilung -der Wiener Morgenzettrma 6. Oktober 1925 Nr. 287g vmmvw itusi mv wuiu iwuupumiwuiml Sie polnische tzmigraüouswelle. — Sie vierte MM. — Ser Wiener Kioniftenkongreß. Der Präsident, der Zionistischen Exekutive, Herr Nahum So ko low, gewährte -während seines vor kurzem erfolgten Aufenthaltes in Zürich einem Vertreter des dort erscheinenden Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz" ein Interview über aktuelle Mische Fragen, lieber di.e Palästina Wanderung, insbesondre die Emigrationswelle aus Polen im Zusammenhang mit der dortigen Wirtschaftslage, führte Sokolow unter anderem aus: Die Beziehungen zwischen Polen und Juden haben sich in der letzten Zeit gebessert; dies ist jedoch wohl weniger e ine m Mm f chw ungin der öffentlichen Meinung als' dem Umstand zuzuschreiben, daß man.es einfach müde geworden ist, sich immer mit her leidigen Judenfrage herümzuschlagen. Als Ausfluß der Besserung in den gegenseitigen Beziehungen darf das jüngst abgeschlossene Uebereinko -in inen zwischen den Juden und den Regierungsparteien angesehen werden. Wenn dieses auch an und für sich-zweifellos.als begrüßenswert bezeichnet werden muß, so v e r l i e r t es doch infolge der das Land beherrschenden wirtschaftlichen Depression seine praktische Bedeutung. So wird zum Beispiel die Bestimmung des Uebereinkommens, die den Juden den Zutritt zu Be <amtenstellen gestattet, durch die Tatsache hinMi-g, daß gleichzeitig das Budget einen Abba^r -des Beamtenapparats Vorsicht. Die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen ist weiterhin eine schlechte deshalb, weil die LageinPo-len heute überhaupt eine schlechte ist. Unter der wirtschaftlichen Depression aber leiden die Juden deshalb am meisten, weil sie sich vor allem mit Industrie und Kleinindustrie beschäftigt haben und ihnen heute der Absatzmarkt, itlsbesondereRußland, fehlt. Auf die Frage, wie -hier Abhilfe geschaffen werden könne, erwiderte Sokolow: Sich selber können die Juden in Polen nicht helfen. Daher wollen sie alle aus -wa ndern, und zwar, da Amerika geschlossen ist, ausnahmslos nach Palästina. Während seines Aufenthaltes in Warschau sei er in feinem Hotel im wahren Änne des Wortes belagert worden, so lxrß er nicht auf die Straße habe gehen können und eine besondere Wache für ihn vor dem .Hanfe ausgestellt werden mußte. Aus die weitere Frage, ob er.diese neue Einwanderung aus Polen, die mehr in abstoßenden als in anziehenden Kräften seinen Grund habe, für wünschenswert vom ' nationalen Standpunkt aus erachte, antwortete Sokolow, er halte diese vierte AIijah für wünschenswert, ivermgleich zugegeben werden müsse, daß die PaläsünastMMUng, die heute in Polen herrsche, zum größten Teil darauf zurückzuführen sei, daß Amerika als Einwanderungsland w egfällt. Die ganze Frage der vierten Alijah sei in der jüdischen -Presse stark aufgebauscht worden. „Wenn wir in Palästina das Heft in den Händen behalten, so besteht keinerlei Gefahr für unsere nationale Position!" Auf jeden Fall könne man von keinem Einwanderer ein Diplom über seine zionistische Gesinnung verlangen.. Er seüberzeugt, daß sich die neuen Eintvauderer mit der Zeit in die nationale Struktur des Landes eingliedern werden. In diesem Zusammenhänge dürfe man nicht vergessen, daß ja auch die Ch aluz i m, die jüdischen Arbeiter, zu 60 Prozent aus Polen stammen und daß gerade sie das na. tional zuverlässigste Element in Päläst i n a darstellen, und daß sie. vor aslem Träger der h ebräischen Spräche und Kultur sind. Zum Schluß der Unterredung richtete der Interviewer an Sokolow die Frage, ob er -den letzten Z i o n i st e n k o ngreß für einen erfolgreichen halte und welche Aufgaben heute für den A ufbau Pa -Iästina s im Vordergründe stehen. Sokolow antwortete: Der letzte Zionisterrköngreß darf als erfolgreich angesprochen werden. Er unterscheidet sich von -den früheren dadurch, daß er eine Legislative darstellte und daher den Charakter eines reinen Geschäfts- und Arbeitskongresses trug. Bei der Würdigung der Ergebnisse müsse auch berücksichtigt werden, daß . dieser Kongreß eine besonders schwierige Situation vorgefunden habe. Die Aufgabe.aller.Juden, die am Pälästinawerk tätig mitzuwirkeu gewillt sind, sicht Sokolow in der gesteigerten Förderung der großen jüdischen Ausbaufonds, des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth.; .... '■ :r zionistische BeziMeklion VI.—VIII. Heüte Siettslaa Int Bereinrheim, VIII.. Benuoplnhte Bortras Sr.Slto Abeles: „Zel-Awiw und die Menschen im Cmek" stindrstcke und Begegnungen Probleme beschlossen, und zwar in der Weise, >bciß die Fragen, bezüglich deren Uetbereinstimmuug besteht, nicht erörtert werden. Eine zweite Gruppe umfaßt die Probleme, welche mit dem Sicherheitspakt zusammenhängen und noch einer Lösungbedürfen; di-e dritte Gruppe von Fragen hängt mit der Möglichkeit eines Ab s chllu sf e s des Ostpaktes zusammen. Chamberlain über die Bedeutung der Konferenz. Locarno, 5. Oktober. (Tel.-KomP.) Der heutige erste Tag der Ministerzusammenkunst in Locarno wurde durch eine bemerkenswerte Ansprache des engjlischm Außenministers Chamberlain eingeleitet, die er vor den nach Locarno entsandten Pressevertretern hielt. Der Minister betonte, die Konferenz von Locarno sei von ganz -besonderer Bedeutung, da sich seit langen Jahren . zum erstenmal hier die g l e i ch b e r e ch t i g t e u Vertreter' von fünf Rat tonen treffen, um gemeinsam über die Schaffung einer besseren und glücklicheren Zukunft zu beraten. Endlich werde man an einem Tisch gemeinsam -verhandeln, beseelt von dem beste n W illen zum Frieden. Eine große Reihe von Fragen sei in dem N ö t-eu- Wechsel zwischen den alliierten Regierungen und 'der deutschen Regierung bereits geregelt, und wenn auch für die Regelung der noch verbliebenen Fragen große Schwierigkeiten vorauszufehen seien, so. hoffe er doch, daß sie gelöst werden würden, -weil sie gelöst werden müßten. - Ferner erklärte Chamberlain, er hoffe, daß die Konferenz das Problem der O st g r e n z e n in Angriff, nehmen werde. Gemäß seiner Verfassung werde sich Großbritannien nicht in -irgend einem Pakt oder Mord o h u e Z u st i m m u u g der Dominions verpflichten. - Aus eine Frage erklärte sich Chamberlain befriedigt über die Erklärungen, die der deutsche Außenminister Dr. S t r e s e m a n n gestern vor den Vertretern -der Presse abgab und wonach die aeineimamen Verhandlungen in keiner Weise durch die Besprechungen mit dem russischen Außenminister Tschitscherin 'beeinflußt werden. Nach Locarno Genf? Berlin, «. Oktober.'.Wie die ,Hossische Zeitung" aus Locarno meldet, sprach'R-eichsäußenminister Dr. Stresemann? beim Preffeenrpsang in Beantwortung, einer Frage nach dom Charakter der Konferenz. von Locarrw von einer dritten Konferenz, aus der vielleicht.der Sicherheitspakt endgültig würde abgeschlossen werden können, -woraus man dm Schluß ziehen kann, daß -man sich aus -deutscher- Seite den Gang der Dinge etwa folgendermaßen vorstellt: 1. Konferenz von Locarno mit den Verhandlungen über dm westlichen Sicherhei-tspakt, die eventuell bi's zu einer weitgehenden Einigung über die Frage des Westpaktes führen soll. 2. Im Anschluß -daran Verhandlungen ebenfalls in Locarno über - die Frage ..der ö stli che-n Schiedsverträge, die vielleicht auch bereits in Locarno für ihre spätere Ratifizierung durch di-e Parlamente reif gemacht werden können. 3. Eine spätere Konferenz, aus -der nach Bespvechnngen mit dm Regierungen und Genehmigung durch die Parlamente das gange-System des Sicherheitspaktes nn-d der östlichen Schiedsveriräge zum Abschluß gebracht und unterzeichnet werden -würde. Dieses Programm scheint auch im Plane der" englischen Regierung zu liegen, wie aus den Aeußerungm Cha-mberlains zu schließen ist. Da der Abschluß des Sicherheitspaktes von den Alliierten an die Voraussetzung des Eintrittes Deutschlands in den Völkerbund geknüpft ist, ist es nicht ausgeschlossen, daß diese letzte Konferenz, wenn di-e Verhandlungen günstig verlaufen, in Genf gleichzeitig mit der Aufnahme Deutschlands in -den Völkerbund stattfinden wird. Z!r Rationalisten bedrohen Aresemann Ein Komplott. Berlin, 6. Oktober. (Tel.-Komp.) Nach einem 'Funkspruch des „Berliner Tageblattes" aus New-Aork sind dort Meldungen aus Locarno eingelangt, wonach in Locarno große Aufregung verursacht wurde durch beglaubigte Gerüchte,daß einKomPlottzurErmordungStres e m a n n s bestehe, den man eher ermorden wolle, als daß man ihm erlaube, mit dm Alliierten einen Pakt zur Sicherung Europas abzuschließen, der sich innerhalb'der BL-. stimmungen des Versailler Vertrages halte. ' Das Komplott sei durch die Berliner Polizei aufgedeckt worden. Im Zusammenhang damit wird daran erinnert, daß Stresemann und Dr. Luther in Bellinzona den Sonderzug der deutschen DelMtion verließen und erst nach Einbruch der Dunkelheit im Automobil nach' Locarno weiterfuhren. Dazu will das „Berliner Tageblatt"- nun erfahren, daß in der Tat schon seit längerer Zeit z a h l r e i ch t Drohbriefe sowohl dem Reichskanzler wie dem Außens mmister zugegangen seien, In kiejen* nsMW attMyKM

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