Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2377 (5.10.1925)
- Date
- 1925-10-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wta, Montag_Wiener Morgerizeltunfl_ Probleme der zionisttschen Bewegung. Zionismus und ßanöcsöolitif. Von Dr. Mayer-Ebner (Czernowitz). I« Men vollzieht sich ein Ereignis, welches für die 'Juden im Golus von einschneidender Bedeutung sein kann. Die gleiche Strömung zeigt sich nämlich in säst allen osteuropäischen Ländern, wo Üt Zionisten auch die Betätigung in der Landespolitik in ihr Programm ausgenommen hatten. Auch bei uns in der Bukowina, dem Stamm- und Musterlande jüdischer Realpolitik, zeigt sich dieselbe Strömung In Men gehen mehrere führende Zionisten daran, eine „Freie zionistische Vereinigung" zu gründen, die, aus dem Boden der Zionistischen Weltorganisation stehend, die Landespolitik aus ihrem Programm ausschaltet und es jedem Zionisten frei läßt, wie er seine Bürgerpflichten erfüllen soll, d. h. er kann seine politische Parteizugehörigkeit frei wählen und auch bei politischen Wahlen dort stehen, wo es ihm gefällt. Auf sein zionistisches Bekenntnis und auf seine zionistischen Kampfgenossen braucht er keine Rücksicht zu nehmen. Auch bei uns rumort es seit Jahr und Tag, auch bei uns wird die Trennung des Zionismus von der Landespolitik verlangt, jedoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen unseren Auffassungen und denen der Freien zionistischen Vereinigung in Wien. Dort wird die politische Betätigung der Zionisten als solcher ausgeschaltet. Hier fordern die Perfechter des Trennungsgedanlens die Gründung einer politischen Sonderorganisation, der anzugchören die Pflicht jedes Zionisten wäre. Der Unterschied springt in die Augen. Die freie Vereinigung in Wien akzeptiert den Zionismus der englischen, französischen, italienischen und amerikanischen Zionisten, die aus ganz verständlichen Gründen nationalbewußte jüdische Politik nicht machen. Die Wiener Zionisten der freien Vereinigung werden fortab in verschiedenen Parteilagern stehen und einander auch gelegentlich bekämpfen. Sie geben das Streben nach einer bewußt jüdischen Vertretung im Nationalrat auf und sie werden streiten im Lager der Sozialdemokraten an der Seite der Austerlitze, oder im Lager der Großdeutschen oder in dem der Christlichsozialen — sofern man sich die politische Beihilfe von Juden gefallen läßt. Welch ein Fonds gut jüdischer Gesinnung dabei zugrunde gehen wird, davon machen sich die Gründer der freien Vereinigung in Wien keine Vorstellung. Dieser Gedanke zerstört, was wir in Jahrzehnten mühselig geschaffen haben: das ist eine volksbewußte jüdische Mentalität, ein national-jüdisches Leben und eine scharfe.und enge Zusammenfassung aller national selbstbewußten Elemente. Diesem Nationaljudentum verdanken wir das Aufblühen des jüdischen Turner-, Sport- und Gesangswesens sowie die starke Betonung des nach Befreiung und Gleichstellung ringenden jüdischen Volkstums. Früher war die Jndividuallösung der Judenfrage in Mode, die Lösung durch die Taufe. Heute ist sie seltener geworden und es ist das ganze Volk als solches welches um feine Rechte ringt, wie z. B. in Polen, wo das national bewußte Judentum ein politischer Faktor von höchster Bedeutung geworden ist. Die Gründung der Freien zionistischen Vereinigung in Wien ist ein unglücklicher Gedanke. Er wird zur Verflachung des jüdischen Lebens führen. Der Durchschnittszionip wird glauben, daß er mit der Zahlung seiner Beiträge seine zionistischen Pflichten erfüllt hat, daß er im übrigen aber in jedem politischen Lager stehen dürfe. So wird die widerlichste Assimilation, die wir schon überwunden zu haben glaubten, unsere eigenen Reihen korrumpieren. Wenn das Beispiel Wiens Nacheiferung fände in der ganzen Welt, namentlich in Ost- und Mitteleuropa, dann würde der Zionistenkongreß nicht mehr das Pcn ment eines national fühlenden Volkes sein, welches nach nationaler Souveränität auf eigener Scholle strebt, sondern er würde zum Kongreß jüdischer Philanthropen werden, denen die K r i m und Uganda soviel bedeuten wie Palästina. Bei uns in der Bukowina, namentlich in Czernowitz, will man nur eine organisatorische Scheidung vornehmen. Jeder Zionist soll zwei Organisationen angehören: der rein zionistischen, der Palästinaarbeit gewidmeten Organisation, und der politischen, der nationalen Arbeit gewidmeten Organisation. Man will den Zionismus von der politischen Arbeit und ihren unvermeidlichen Gefahren und Schwierigkeiten entlasten und man will Landespolitik machen ohne die Fahne Zions, von der man meint, daß sie dort nicht ihren Platz hat, wo rein golusmäßige Fragen zur Diskussion und zur Lösung gelangen. Ueber dieses Problem wird seit Jahren, seit der Auslosung des jüdischen Nationalvereines in Czernowitz diskutiert. Angesehene Mitglieder unserer Partei sind für die Trennung von Zionismus und Politik und für die Schaffung von zwei Organisationen. Ueber diese Frage läßt sich viel, sehr viel sagen. Denn so einfach ist die Sache nicht, wie die Verfechter dieses Gedankens sie sich vorstellen. Trennt man die beiden Programme, so sinkt die Zionistische Organisation zur öden, geistlosen Sammelst ell ehe rab, denn alles Ideelle, geistig Anregende geht auf die politische Organisation über, deren Bestand sehr leicht gefährdet werden kann, wenn sich in ihr die unvermeidlichen Menschlichkeiten und Rivalitäten regen. Jede politische Wahl wird zur schweren Krisis, die die Grundfesten erschüttert. Es frägt sich übrigens auch, ob die Trennung von Zionismus und Politik wirllich zur Folge haben wird, daß die politische Welt in Rumänien jüdische Politik und Zionismus nicht in einen Topf werfen wird. Denn, wenn die bekannten Zionisten auch Teil haben an der Führung der politischen Organisation — und zwei Garnituren führender Menschen haben wir nicht —, dann wird inan zwischen den zwei Namen und Stampiglien der beiden Organisationen nicht unterscheiden und man wird immer v o n d e n Z i o n i st c n als der politischen Partei sprechen. Gewiß lassen sich Argumente pro und kontra finden und vertreten. Ich war immer der Meinung, daß uns die Teilung in zwei Organisationen vorläufig nur chwächen muß, und ich habe diese Teilung zu verhindern gewußt — nicht zum Schaden des Zionismus und »es Judentums. Bis zum Regierungsantritte der Liberalen jaben wir als Zionisten Teil genommen an' dem politischen Leben des Landes, soweit eine solche Teilnahme überhaupt möglich war. Nachher, d. i. unter der Herrschaft der Liberalen, gab es nur eine Politik der fruchtlosen Demonstrationen und Petitionen, und sie haben wir redlich gemacht. Wir haben also nichts verloren, daß wir Zionisten nicht die Jahre bisher in zwei Lager geteilt gewesen waren oder, genauer gesagt, daß wir nicht unter zwei Flaggen gearbeitet haben. In der Politik gilt das „Panta rei" ganz besonders. „Alles fließt" und es kann sein, daß wir angesichts des erstehenden autonomen Lebens in den Gemeinden zu größerer politischer Aktivität kommen werden, und es :ann sein, daß wir die Trennung der Programme chweren Herzens werden vornehmen müssen. Aber immer wird es etwas ganz anderes sein als das, was unsere Freunde in Wien versuchen. Dort ist es etwas Grundlegendes, was versucht wird, aber dieses Grundlegende bedeutet, dem Zionismus den Grund und Boden abzugraben, auf dem er ruhte und gedieh. Bei uns kann es nur eine Frage der Taktik ein und es^gilt, gut zu überlegen, ob diese Taktik nicht verfrüht ist. Ich glaube, sie könnte überflüssig werden, wenn die Zeit für diese Taktik der Trennung gekommen sein wird. Bor dem Parteitag. Von M. Schreier, Vorstandsmitglied und Sekretär der zionistischen Sektion Wieden-Margareten. Wir stehen in Oesterreich vor dem Parteitag, einer Tagung also, auf der die abtretende Parteileitung einen Bericht über ihre Tätigkeit in der letzten Amtsperiode erstattet, welcher von den Delegierten, nicht immer im Verhältnis zu ihren eigenen Leistungen für den Zionismus, mehr oder minder kritisiert wird. Wenn es sich auch diesmal um einen außerordentlichen Delegier tentag Handelt, wird es doch nicht zu umgehen sein, daß das Landeskomitee einen kurzen Tätigkeitsbericht erstattet. Der Parteitag wählt auch die künftige Leitung und es werden auch schon die Konturen sichtbar, die aus die Arbeit im künftigen Jahre gewisse Rückschlüsse zulassen. Ueber die Leistungen des äbtretenden Landesksmitees in der ab gelaufenen Periode will ich mich hier nicht äußern, hierzu werden wir am Parteitag selbst genügend Gelegenheit haben. Um so dringender erscheint mir die Frage der künftigen Arbeit und der Zusammensetzung der künftigen Leitung. In diesem Punkte ist es notwendig, noch vor dem Delegiertentag, zumindest bis zu einem gewissen Grade, Klarheit zu schaffen, um die für die Beratungen am Parjeitag zur Verfügung stehende kurze Zeit nicht mit prinzipiellen, oft unüberbrückbar scheinenden Differenzen auszusüllen. In dieser Hinsicht haben schon die vom Landeskomitee eingeleiteten informativen Besprechungen ein großes Stück Arbeit geleistet. Es muß gesagt werden, daß der weitaus größte Teil der Wiener Zionisten wegen der von einzelnen Wiener Kongreßdelegierten vor und nach dem Kongreß in Wort — manchmal sehr laut — und Schrift gegen Weidmann geführten Kampagne stark erbittert war. Aus dieser Stimmung heraus wurden — meiner Meinung nach unrichtige — Ansichten hörbar, die es bezweifeln ließen, ob mit diesen Persönlichkeiten eine weitere Zusammenarbeit möglich sein wird. Aber zum Glück haben die erwähnten Besprechungen die Atmosphäre wesentlich gereinigt und es ist zu hoffen, daß mit denjenigen Zionisten, die der Weltorganisation und dem Landesverbände treu geblieben sind — ohne Separatgründungen zu vollsühren — ein gedeihliches Zusammenarbeiten möglich sein wird. GZ wird notwendig sein, Voraussetzungen zu schaffen, die bei voller Wahrung des Rechtes aus Propaganda für die kleine aber rührige Opposition es unmöglich erscheinen lassen, daß Aeußerungen und Ansichten einzelner Persönlichkeiten dieser Opposition aus das Konto der Wiener Zionistenschast, der Wiener Parteileitung — insbesondere im Ausland — gebucht werden. Wir müssen verlangen, daß Ansichten einzelner Funktionäre dieser Opposition — und waren es auch die bedeutendsten — als persönliche oder solche ihrer Fraktion gekennzeichnet erscheinen. Ich weiß, daß die Sache nicht leicht ist, aber ich bin davon überzeugt, daß zwischen dem künftigen Landeskomitee und den maßgebenden Männern dieser Gruppe ein diesbezügliches Einvernehmen wird hergestellt werden können. Anders liegen die Dinge bei Personen und Gruppen, die dem Landesverband nicht angehören wollen, die bisher im Hintergründe eine für den Aufbau und die Stärkung der österreichischen Organisation — und dadurch auch der Weltorganisation — nicht fahr segensreiche Tätigkeit ent- _6. Oktober IW %r> falteten und jetzt, allem Anscheine nach durch, die Gründung der sogenannten Freien zionistischeu- Vereinigung eine offene Spaltung in der Zionistischen Organisation -Oesterreichs herboisühren wollen. Auf der in einzelnen TageSblöttern jüngst verlautbarien Erklärung findet man Namen, die man bisher^nie oder nur höchst selten unter Zionistennamen gefunden hat, aber es muß zugegeben werden, daß darunter Namen von Personen vorhanden sind, die sich zionistisch schon betätigt haben und von denen man annchmcn muß, daß sie, wenn e§ gelingt, eine Einigung in irgend einer Form herbeizuführen, ausgezeichnete Mitarbeiter sein werden. Die Lage ist zu ernst, die Pflichten jedes einzelnen Zionisten zu groß, als daß ivir unsere . Zeit durch gegenseitiges Bekämpfen verlieren. Der Boden Erez Israels harrt der Erlösung, eine große Anzahl prachtvoller Chaluzim kann nur aus dem Grunde nicht ins ersehnte Land, weil unsere Wittel zu gering sind und wir in der Stadt, in welcher unser verewigter, aber in unserem Geiste noch lebender Führer gewirkt hat, sollten nichts anderes zu tuy haben, als persönliche Streitigkeiten auszutragen! Aus diesem Verantwortungsgosühl I>crau§ wurden in den mehrfach erwähnten, vom Landeskomitee veranstalteten c üprechungen Stimmen laut, die den maßgebenden Faktoren angeraten haben, auch mit denjenigen Herren, die seit einigen Jahren im Landesverband nicht mitgcarbeitet haben, in Verbindung zu treten, um sie zur Mitarbeit heranzuziehen. Es soll dadurch die Bildung einer Leitung ermöglicht werden, die aus allen Gruppen des Landes zusammengesetzt sein wird. Hoffen wir, daß der Weg der Verhandlungen beschvitten werden wird und daß es den Unterhändlern gelingen wird, das Ziel zu erreichen! Auf seiten der Herren des jetzigen Landeskomitees, also der Mehrheit, besteht gewiß der Wunsch nach Einigkeit, es ist auch an der Zeit, daß sich die anderen in letzter Stunde besinnen und sich, statt separate Bereinigungen $u gründen, zu friedlicher, gemeinsamer Arbeit verstehen. Sollte es aber nicht gelingen, «ine Zusammenarbeit. aller Gruppen heibeizusühren — was immerhin möglich, ist —, dann müssen wir mit doppelten und dreifachen Energien an die Arbeit schreiten, unbekümmert um die Böse-bleiben-Wollenden, um den österreichischen Zionisten denjenigen Platz unter den Zionisten der Welt zu verschaffen, der ihnen vermöge ihrer Kopfzahl, ihrer geistigen und finanziellen Kapazität gebührt. Leicht wird die Arbeit in einer solchen Atmosphäre nicht sein, wir müssen Ms dessen bewußt sein, daß sich uns manchmal da und dort Hindernisse in den Weg stellen werden, aber eiserne Energie und Ausdauer werden uns zum Erfolg verhelfen. Dann werden auch, ich zweifle nicht daran,, die bisher abseits Gebliebenen den Weg zu uns finden. Ber 14. WMenlongreß rmS te vMMche Hechaluz Hamisrachi. Bon Josef Engelmann, Wien. Seit mehr als zwei Jahren besteht der allweltliche Hechaluz HamiSrachi, eine Chaluzorganisation, die außer dem allgemeinen Chaluzprogramm das religiöse Programm des Misrachi in sich vereinigt. Trotz der kurzen Zeit seines Bestandes besitzt er bereits eine Mitgliedschaft, die nach Tausenden zählt. Die stärkste Gruppe ist die polnische, die 10.000 junge Leute zu einer Organisation zusammengetan hat, deren praktische und geistige, im Sinne der jüdischen Tradition geführte Hachscharah für Ercz Israel ein vollwertiges Element schassen wird. Die Hachscharah ist sowohl landwirtschaftlich als handwerklich orientiert. Heute gibt es fast kein Land, in dem nicht eine Ortsgruppe des allweltlichen Hechaluz Hamisrachi existierte. Trotz der starken Verbreitung des Hechaluz-Hamisrachi-Gcdankens, der allmählich immer weitere Kreise der palästinensisch - orientierten religiösen jüdischen Jugend, - die im Lande konstruktive Arbeit zu leisten gewillt ist, erfaßt, ist ihm dennoch von seiten der zionistischen Instanzen nicht nur nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt worden, sondern er wird sogar fallweise durch Aberkennung ihm zustehender Rechte in seiner Erez-Jsrael-Arbeit gehemmt. Es wollte scheinen, daß der auf dem 14. Kongreß gefaßte Beschluß, demzufolge. dem allweltlichen , Hechaluz Hamisrachi dieselben Rechte zuerkannt werden, wie sie der 13. Kongreß der allgemeinen Hechaluzorganisation eingeräumt hat, den Zustand der Rechtslosigkeit des Hechaluz Hamisrachi aus der Welt schaffen würde. Der Beschluß, der mit überwältigender Majorität angenommen worden ist, lautet: Der 14. Kongreß bestätigt den allweltlichen Hechaluz Hamisrachi (und noch einige Organisationen, die hier nicht genannt zu werden brauchen) als Chaluzorganisation für Hachscharah und Alijah und gibt ihm die gleichen Rechte, die der 13. Kongreß dem Weltverbande Hechaluz gegeben hat. Somit ist aus dem Papier die langentbehrte Gleich, stellung des Hechaluz Hamisrachi da. In der Praxis sieh! es aber anders aus. Die linken Gruppierungen scheinen bii von ihnen bisher geübte Alleinherrschaft nicht aujgeben zu wollen, so daß sie sich bemühen, den genannten Beschluj unwirksam zu machen. Dies beweist das Beispiel der Schwierigkeiten in Oesterreich, die Machlakath Awoda! aus Grund der Beschlüsse des 14. Kongresses neu zu kon stituieren. Vor drei Wochen, da man daran ging, die Kon stituierung vorzunehmen und gemäß dem Beschluß de, Kongresses, dem allweltlichen Hechaluz Hamisrachi Si» und Stimme, die ihm rechtmäßig zustehen, etnguxaumeii protestierten we linken Gruppierungen gegen die Parität — die Machlakath Awodah ist laut Beschluß des letzte,