Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2376 (4.10.1925)
- Date
- 1925-10-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. M6 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitimg %. mcfot 1925 Sei te 8 Pasternak, towk Steiger unter Anklage tzes versuchten Meuchelmordes vor das Standgericht geistellt. Deur Standgericht komte jedoch die einzige Aussage-, der Paistevnak trotz ihrer bestimmten Fassung nicht genügen. Die Verteidigung wies daraus hin, daß abgesehen vom Ghamkter der Zeugin, deren unbedingte Vertrauenswürdigkeit aus mannigfachen iGvünden angezweifelt werden könnte, sin einfacher psychologischer oder gar optischer. Irrtum vorliegen konnte. Cs erschien der Verteidigung zweifelhaft, ob ein Zeuge überhaupt unter den ganz besonders gearteten Obsewationsvechältnissen, die bei einer großen in gespannter Erwartung stehenden Menge von einander unbekannten Personen Vorlagen, seine Angaben mit aller Bestimmtheit ohne Lliusschlnß Heden ZwerfM machen kann. Mangels der zur Verurteilung notwendigen Gmstiminigkeit überwies das Standgericht den Fall Steiger dem ordentlichen Verfahren. Auf Grund dieses Beschlusses wurde die Untersuchung fortgesetzt und nach Verlauf von mehr als einem Kahre, seit jenem Moment, tvo sich Steiger vor dem Standgericht zu verantworten hatte, wurde die Angelegenheit erst jetzt reif zur Verhandlung vor dem ordendlichen Gericht. •S* @ttt Verlause dieser Zeit sind jedoch eigenartige Umstände eingetreten, die auf den ganzen Fall ein besonderes Kicht Wersen. Es wäre verfrüht, heute schon in Einzelheiten ttnzugehen, die erst bei .der Verhandlung allseitige Beleuchtung finden werden. Im Verlause des bevorstehenden Projesses wird sich die Gelegenheit ergeben, darauf zurückzukommen. Hier sei nur das Wichtigste kurz angedeutet. Einige Wochen nach der Verhandlung vor dem Standgericht meldete sich ein Zeuge namens Mykiethn, der angäb, daß er, als einstiges Mitglied der ukrainischen kommunistischen Organisation wisse, daß Steiger nicht der Täter sei und daß er den wahren Täter angeben könne. Half Grund dieser Aussage veranlaßten die jüdischen Abreordneten die Warschauer Regierungskreise zu einer Untersuchung des Falles durch die zentralen Organe der politischen Polizei. Diese Recherchen zeitigten sensationelle Re- Maie, Es wurde ein gewisser Panezhszyn Ermittelt, um den sich die Lemberger Kriminallpolizei nicht Mmmert hatte. .Es wurde bald festgestellt, daß er als Mitglied einer kommunistischen Organisation mehrere Was mau auch immer spricht mrd schreibt, yigaretteu-psplvr „0LLErc«LU" bleibt Terrorakte ausgeführt hatte. Hartnäckig leugnet er nur den Anteil an dem Attentat gegen den Staatspräsidenten in Lewberg und konnte allein dieser Dat wegen nicht direkt überführt werden. Mer es zeigte sich, daß die Lemberger Kriminalpolizei, deren Aufmerksamkeit durch eine Anzeige gleich nach dem Attentat gegen Panezhszyn gelenkt worden war, diese Spur bagatellisierte. Der Kommandant dieser Polizei, Herr Lukomski, wies diese Anzeige, welche sich dann in vielen Punkten bewahrheitet hat, zurück und bozeichnete sie ÄS MM Intrige. Mit der weiteren Erforschung der Angelegenheit Wurde nunmehr auch die politische Warschauer Polizei betraut und es kam so zu einem KonkmrenMmps ßvischen der Lemberger Krimmal- und der Warschauer politischen Polizei. Zum Teil wurde dieser Kampf >in dem vor kurzer Zeit beendeten Prozeß gegen einige Mische Bürger ausgetragen, die beschuldigt waren, Mykiethn zu unwahren Angaben bewogen zu haben. Me angeklagten jüdischen Personen wurden ' froigcsprochen, wodurch das Gericht, wenn auch in unklarer Form, jedoch ziemlich deutlich ausgesprochen hat, daß die Taktik der Lemberger Polizei in der ganzen Sache verfehlt war. Dazu kommt noch eine neue Entdeckung der politischen Polizei, die bereits nach dem erwähnten Prozesse gewacht worden ivar. Die politische Polizei ist nämlich vor kurzem auf die Spur einer „ukrainischen militärischen Organisation" gekommen und hat einige Mitglieder derselben verhaftet, die vor zirka einem Fahre' einen Postwagen mit Geldsendungen bei HMchtem Tage im Hauptpostgebäude in Lemberg beraubt hatten. Die Lemberger Kriminalpolizei hatte einfach nach einer Diebsbande gesucht und so jede Spur verfehlt. Die politische Polizei vermutete einen Ueberfall seitens einer politischen Terrorbande und kam so auf den richtigen Weg. Dieses Ereignis ist von Bedeutung ,ür den Prozeß Steiger, weil nach/ der AonzeWonMer' politischen Polizei, eines großen Teiles der polnischen 12effenÜichkeit — nicht zu sprechen von der Ueberzougung der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit — die moralischen Urheber des Attentats sowie der Täter selbst eben in diesen politischen Kreisen zu suchen waren, während die Lemberger Polizei konsequent die Untersuchung einseitig in die Richtung. Steiger gedrängt hatte und die Existenz einer solchen militärischen ukrainischen Organiätion leugnete. Der Bestand! einer solchen Vereinigung erscheint nunmehr auf der festgestellten Grundlage als erwiesen. « Der für den 12. d. anberaumte Steiger-Prozeß, welcher in so vielen Beziehungen Aufklärung bringen soll, wird von der ganzen öffentlichen Meinung Polens in wchsterSpannung erwartet. Die Lemberger Kriminalpolizei wird ihren großen Kampf für ihr eigenes Prestige zu Ende zu führen versuchen. Sie wird bemüht sein darzutun, daß sie an jenem unglückseligen Tage auf der Höhe gestanden sei und den wahren Täter ausfindig gemacht habe. Die Freisprechung Steigers — nach mehr als einem Jahre Untersuchungshaft —• würde die Besiegelung der Unfähigkeit der leitenden Kreise der Lemberger Polizei bedeuten, welche trotz Aufgebotes aller Kräfte an jenem Attentatstage nicht nur den Täter nicht ausfindig machten, sondern die Untersuchung auf falsche Wege leiteten und sich so vielleicht für immer der Möglichkeit, die Wahrheit zu erforschen, begeben haben. Die Tendenzen der Lemberger Polizei in diesem Prozeß erscheinen daher vollkommen klar und unzweideutig. Hoffentlich aber wird der gesunde Sinn der Volksrichter, von solchen Nebentendenzen unbeirrt, den Weg zur Wahrheit finden. Dies ist um so notwendiger, um so mehr geboten, als die Untersuchung gegen Stanislaus Steiger Dimensionen angenommen hat, die weit über die Bedeutung eines Einzelfalles hinauswachsen. Man versuchte Verdachtsmomente zusammenzuhäufen, um die Existenz eines weit gesponnenen Netzes einer jüdischen Konspiration zu beweisen. Schon wahrend des Prozesses gegen Mykiethn und die jüdischen Bürger, von dem vorher die Rede war, ist aber dieses - ganze feine Gewebe als pures Lügengewebe enthüllt worden, und die in dieser Richtung geführte Untersuchung ist vollkommen zusammengebrochen. Trotzdem aber-wurde auf diese Weise dem Steiger-Prozeß der Stempel eines jüdischen Prozesses gegeben und die Frage des Urteiles in dem Prozeß ist zur Schicksalsfrage in der Verleumdungskampagne gegen döe jüdische Bevölke-rung geworden. Der Prozeß wurde in der Oeffentlichkeit mit dem. Namen ,-Dreysus-Affäre" bezeichnet. Es gibt viele Aehnlichkeiten. Doch greifen wir nicht dem Verfahren! und dem Urteil voraus. __ MAMMA iu der Mark der «erechtiskit. Ein neuer Fememord. Berlin, 3. Oktober. (Tel.-Komp.) Nach langwierigen Bemühungen ist es der Berliner Kriminalpolizei gelungen, ein schweres, bereits im Jahre 1923 auf dem Truppenübungsplatz Döberitz verübtes Verbrechen, einen Fememord, dem dev Schütze Panier zum Opfer gesellen ist, restlos aujzuklären und sämtliche Täter zu verhaften. Das'Sonderdezernat der politischen Polizei zur Aufdeckung der Fememorde beschäftigte sich, wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, seit längerer Zeit mit dem rätselhaften Verschwinden eines jungen Mannes, der bei einer „schwarzen" Organisation in Döberitz Dienst machte. Jetzt ist es gelungen, das geheimnisvolle Verschwinden aufzuklären und die Leiche des Gesuchten, der von seinen Kameraden in bestialischer Weise ermordet wurde, zu finden. Nach den Erhebungen der Polizei wurde im Jahre 1923 der Schütze Panier auf Befehl der Führer der „schwarzen" Organisation, der Panier angehörte, durch mehrere Kameraden in der Nähe des Lagers „Elfengrund" erschlagen und die Leiche zunächst in einem Birkenwäldchen in geringer Tiefe verscharrt. Erst später erschien es den Führern ratsam, die Leiche an einer anderen Stelle zu vergraben, um vor einer Entdeckung des Verbrechens sicher zu sein. Sie grüben daher in einem von dem Tatort ziemlich entfernt gelegenen Uebungsfchützengraben eine neue Grube aus, wo die Leiche in einer Tiefe von zweieinhalb Meter vergraben wurde. Als die Kriminalpolizei die Leiche vor einigen Tagen nach wiederholten erfolglosen Nachgrabungen endlich durch- Beamte der politischen Polizei fand, war sie bereits stark in Verwesung übergegangen, doch ließen sich die seinerzeit dem Panier zugefügten Schädelverletzungen noch mit Bestimmtheit Nachweisen. Sie müssen mit außerordentlicher Roheit ausgeführt worden sein. Die an der Tat beteiligten Personen, Anstifter, Täter und Begünstiger, die in ganz Deutschland verstreut wohnten, wurden nach einer langwierigen Jagd sämtlich verhaftet und sind auch größtenteils geständig. Bon den acht Verhafteten ge- . Koclret Lacket vratet nur mit dem altbekannten K U N EROL Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und wird unter streng ritueller Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. B. Ehrenfeld, Mattersburg, hergestellt. Es sollte in keinem Haushalte fehlen! KUNEROLWERKE A.-0., WIEN Höven drei dem ehemaligen Offiziersstand an. Die Verhafteten, deren Namen die Polizei der Presse gegenüber verschweigt, werden in der nächsten Zeit abgeurteilt werden, Aus der Wiener Mimische« vesaudtschuft. Der italienische Gesandte Bordonaro, der vor^ einigen Tagen aus Genf nach Wien znrückgekehrt ist, 'hat! sich nunmehr nach Locarno begeben, um als Mitglieds der italienischen Delegation an der Ministsrkonfe-! renz über den Sicherheitspakt teitzunchmen. Während, seiner Abwesenheit führt Äegationsrat Auritss die Ge-! schäfte der Gesandtschaft. Die Urabstimmung der «uuderaugestellten. Gestern fand in den staatlichen Aemtern die bereits angekündigte U r a b st i m m u n g der Beamtenschaft über die Frage statt, ob zur Erreichung einer Bezugserhöhung gewerkschaftliche Kampfmittel (Streik) anzuwenden seien. In einzelnen Aemtern Wiens bejahten 95 Prozent der Angestellten diese Frage. Eine Gesamtübersicht über das Abstimmungsergebnis wird erst morgen möglich sein, doch versichern die Führer der Beamtenorgamsrtionen, daß die überwiegende Mehrheit der Bundesangestellten sich für die Anwendung gewerkschaftliches Kampfmittel entschieden hat. Aer Streit um die Rarseilbahn. Demission des LaupessaMatsrates. Bekanntlich hatte der LaMssanitätsvat von Nieder-^ Österreich ein Gutachten erstattet, aus dem zu entnehmen! war, daß durch die geplante Ra xseilbahn eine Berunreinigung der offenen Hochquellen, aus denen die Wiener Wasserleitung gespeist wird, zu befürchten wäre. Der Landessanitätsrat fühlte sich! nun >wegen der .Stellungnahme gewisser Zeitungen zu diesem «Gutachten gekränkt und beschloß, seinen Vorsitzenden Prof. Graßberger >mit noch zwei anderen Herren zum Landes-, .hauptmann Dr. Buresch zu entsenden, damit dieser die Erlaubnis zur Veröfsentli chung des Gutachtens in einer medizinischen Zeitung gebe. Der Sprecher der Abordnung Prof. Dr. Graßberger .schlug in her lUnterrednng mit dem Landeshauptmann Zeinen brüsken Ton an, worauf dieser unter Zurück- 'Weisung des ungehörigen TckNes die Erlaubnis zur Veröffentlichung des amtlichen Gutachtens verweigerte. Prof. Graßberger, der offenbar schon Mit der Absicht im Landhaus erschienen war, einen Kon» 'sslikt herbeizuführen, erklärte daraufhin, daß er und der gesamte Satritätsrat demissioniere. Der Landeshauptmann Dr. Buresch hat den Vorstand des Landessanitätsdepartements beauftragt, ihm unverzüglich geeignete Persönlichkeiten für die sofortige Neubildung des Landesfanitatsrates vorguschlagen. Bon den bisherigen Mitgliedern des Sanitätsrates 'wird .jedenfalls Prof. Graßbergerfürdie Neubildung dieser Körperschaft nicht mehr in Betracht kommen. ' Die niederösterreichische Landesregierung stellt fcft, daß durch ' >den Rücktritt des Landessanitätsrates ders lausende . Sanitätsdienst in Niederösterveich! keinerlei Unterbrechung erleidet. Durch dieseü Rücktritt tritt 'daher rücksichtlich dev Seuchenbekämpfung und anderer notwendiger sanitärer Maßmhmen keine/ Aenderung ein, da alle diese Angelegenheiten, wie bisher, durch das zuständige Landes amt, dem als leitende! Fachorgane der LandessaniÄtsreferent Regierrmgsrat! Dr. Viktor Schopf Und als sein Stellvertreter Regie-! rungsrat Dr. Franz Weinfurtner angchörew, und durch die Amtsärzte bei den politischen Behürdtzn! besorgt werden. Pelzmantel, Seal, Persianer, Murmel ’&roMHi Auswahl! Umänderungen kulanteit! Alle Preislagen* QRÄTZER PELZE I., ROTENTURMSTR. 22 .TELEPHON 71-4-30