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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-04 · Heft 2376 (4.10.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2376 (4.10.1925)
Date
1925-10-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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' .chs» ft Men, Sonntag Wiener Morgertzeituna Der Mite Steiger-Prozeß. Ae Vorgeschichte der Lemberger SensationrWre. (Etzendienst der „Wiener Morgenzeitnng".) Lemberg, anfangs Oktober. Bor dem Lemberger Schwurgericht ist für den 12. d. der Prozeß gegen Stanislaus Steiger, den angeblichen Attentäter auf das Leben des polnischen Staatspräsidenten Wvjciechowski, auberauint worden. Es wird einer der sensationellsten, -vielleicht , der sensationellste Prozeß -werden, der sich im Laufe der siebenjährigen Unabhängigkeit Polens vor einem polnischen Gerichtshof abgespielt hat. Darum erklärt sich das große Interesse, die unbeschreibliche Spannung, mit der die öffentliche Meinung des Landes dem Prozesse entgegensisht. Aber auch die Aufmerksamkeit des Auslandes wendet sich diesem trüben Juftizfalle zu, der nunmehr seine Anfklävung rastlos finden soll. Wir wollen daher nachstehend eine, übersichtliche Borgeschichte des Prozesses folgen lassen. * Es war im Herbst 1926. Anläßlich der Eröffnung der Lemberger Qftmesse besuchte der damalige Staatspräsident Pilsudski die Stadt, und während er das Dheatergsbäude nach einer Festvorstellung verließ, wurde gegen ihn und den damaligen Woiwoden von Lemberg Grabowski ejn Attentat verübt. Der Täter wurde bald in der Person des ukrainischen Hochschülers Fedak, des Sohnes eines in der ukrainischen Gesellschaft sehr angesehenen und in der ukrainischen Politik tätigen Lemberger Advokaten eruiert. Der Verhaftete bekannte sich zur Tat und erklärte, er «habe so lhandeln -müssen, um auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Welt aus das große Unrecht zu lenken, welches der ukrainischen Nation durch die Besitzergreifung Ostgaliziens durch Polen zugesührt worden sei. Im folgenden Jahre unterblieb der offizielle Besuch des Staatspräsidenten. Anläßlich der feierlichen Eröffnung der Lemberger Ostmesse im. Jahre 1924 bemühten sich die Veranstalter wieder, an der zuständigen Stelle den Besuch des nunmehrigen Staatspräsidenten WojeiechowÄi zu erwicken. Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß diesmal sowohl Warschauer Regierungskreise als auch die Lemberger Behörden mit Rücksicht auf den Vorfall vom Jahre 1962 von einem Besuche abrieteu, -da sie eine Wiederholung der ukrainischen Demonstration befürchteten und selbstveüständlich keine Gewähr -haben, konnten, daß. auch diesmal ein eventuelles' Attentat. glimpflich verlausen würde. Es wird dem p ersonli chen Wunsche des Staatspräsidenten Wojciechowski,. der öfters Repräsentationsreisen unternimmt, zugeschriebett, haß die Reise nach Lemberg doch stattgefunden hat. Bevor 'der Staatspräsident in Lemberg eintraf, mchrten sich die Anzeichen von Unruhe. Zunächst erhielt der ukrainische Mckropottt ein anonymes Schreiben, -in welchem er - von. einer ukrainischen -militärischen Organisation gewarnt wurde, an den Festlichkeiten anläßlich der Anwesenheit des Staatspräsidenten teilzunehmen, d a e i n Attentat geplant fei uud an ^geführt werden wird. An das Polizeikommando in Przemhsl gelangte, eine anonyme Anzeige von dem bevorstehenden Attentat.Mch die Polizeibehörden in Stanislau sollten davon Kunde gehabt.haben. Die Vorbereitungen zu 'dem Besuch des Präsidenten waren aber -schon zu weit vorgeschritten und daher wurde an dem Plane nichts geändert, insbesondere da di« Lemberger Polizei alle Kräfte Mobilisierte, auswärtige polizeiliche Hilfe -in großem Maße heranzog und so glaubte, mit diesen Aufgebot an Vorsichtsmaßregeln die Garantie für Sicherheit und Ordnung übernehmen zu können. So kam es, daß am 5. September 1924 'der Staatspräsident Wojeiechow 8 kials Gast der Stadt Lemberg ' und der Messeleitung hier eintvaf. Zu seiner Begrüßung wurden feierliche Gottesdienste in den Gotteshäusern aller Konfessionen veranstaltet. Der Empfang in der ukra iNischen Kirche war äußerst offiziell, kein Publikum zugegen. Es wurde nur das notwendige Zeremoniell von der Geistlichkeit absolviert. Hingegen fiel die Begrüßung durch die Mische Bevölkerung im israelitischen Tempel imposant aus. Es war, wie auch chrMiche Augenzeugen -bestätigen, eine starke Manifestation von Bürgersinn, welche entgegen den antisemitischen Anschuldigungen zum Ausdruck bringen sollte, daß die jüdische Bevölkerung im Rühmen der polnischen Staatlichkeit nur die Respektierung ihrer Lebensinteressen bezweckt. Ms nun im Verlaufe des weiteren Programms der Präsident im feierlichen Zuge sich auf dem Wege zur Ostmesse befand, wurde plötzlich aus einer Ecke, an der dicht gedrängt das Publikum wartete, gegen den Wagen - des Präsidenten eine Bombe geschleudert, die zum Gluck nicht, explodierte. In der allgameinen Verwirrung, die natürlicherweise entstand, wurde einige Minuten nach dem Attentat ein junger Mischer Hochschüler, Mitglied der zionistischen Studentenverbindung Makkabäa, S t a n i sl a u s Steiger, verha-stet. Die Verhaftung erfolgte auf Grund einer Angabe der Lemberger Ballettänzerin Pasternak, die, wie Augenzeugen bestätigen, aüsgerusen haben soll: „Mir scheint, der. ist eS!" Im ersten Moment -Mrde dieser Verhaftung keine größere A-ufmetösantteit geschenkt. Mit Rücksicht ans dis im Neueste Modeltet Eigene Entwflrfel Qd*litfit|erb*iU ‘?4|. 26*9-30 Beetee BMterfai? Billige Preise! . Ed gtot—endetail! SfoitzeiMind Handarbeiten auf Damen-, Bett- und Tischwäiche, Vorhängen, Braut- und Babyaul- 8tattur>j£afcr Blusen usw. Guido Bretter Kommanditgesellschaft 903 Wien, VIII« Josefstüdierstrasse 9, Hi». 9 4. Oktober 4926 Rr. 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In diesem Sinne äußerten sich hohe politische Beamte den jüdischen Abgeordneten gegenüber 'wahrend des am Abend desselben Tages zu Ehren des Staatspräsidenten stattgeftrndenen Balles. Bald nahm aber die ganze Angelegenheit einen anderen Verlaus. Die Untersuchung wurde der Kriminalpolizei übertragen, -welche der Affäre die gegenwärtige Wendung gab. Die Polizei stützte sich auf die allgemeine Aussage . der Ballettänzerin Pasternak, welche im Verlause des Verhörs die anfsüngliche Unsicherheit der Aussage aufgab und mit aller Bestimmtheit Steiger als den Attentäter bezeichnete. Sie sei, erklärte sie, vor Hm gestanden; in dem Moment» als sie die Bombe vor dem Wagen des Präsidenten erblickte, -wendete sie sich rasch um, da sie hinter sich die Handbewegung eines Mannes bemerkt«, der dann gleich davoMef. Dieser Mann sei Stanislaus Steiger gewesen. Dieser Aussage standen andere Zeugenaussagen gegenüber, welche verschiedene Verdachtsmomente in anderer Richtung angäben, unter anderem die Aussage einer Wienerin Krau FranzvS, welche zur Zeit zufällig in Lemberg tvellte und vom Fenster eines Kaffeehauses, das vis-a-vis dem Tatorte gellegen ist, den Vorfall beobachtete. Frau Franzos glaubte gesehen zu. haben,' daß die Bombe von einer anderen, Stelle als der von der Pasternak angegeibeu^n gewovfenj' .wurde und daß bald nachher zMi Männer 'sich eiligst entfernten. Mt diesem Material Me die LeEerger Kriminal-' Polizei zu operieren. Da sie eS unterließ, nach einem Politischen Hintergrund der Tat zu. fahnden, konnte es ihr gleichgüüig fein, daß bei der Tat Stanislaus Steigers W veMnstiges Mottv für die M 'angcheben wecken konnte- Ätz Polizei ging I von dem Standpunkt aus, daß wem ein Zeuge mit aller I Bestimmtheit die Person eirnd Täters bezeichnet, dies auch ohne Motiv der Tat als ein hmreichemder Beweis anzusehen sei. Das Motiv konnte möglicherweise verborgen bleiben. Do qndeverseiis die Zeugenaussagen, zwar in Vieler Hinsicht entlastend, aber bezüglich der Tat an sich i nicht so direkt und beistimmt waren wie die Aussagen der wird dein Wagen dort stehen müssen ..." und Janos wies auf den Winkel hin, wo die Aborte standen. Beifall im Publikum. „Das wird sich erst zeigen, aber wie dein Wagen hier stehen wird, wirst du sofort sehen" — gab jetzt Dolfi das Wort zurück. Mit einem Satz packte er zwei Räder der Karosse — ein Ruck, ein Knacks, die Deichsel war gebrochen und die Karosse lag aus dem Boden, mit den Rädern nach oben gekehrt. Jetzt hatte Dolfi die Lacher auf seiner Seite, und selbst der Schutzmann, der aus denLärm hevbeikam und „den Tatbestand aufnahm", konnte ein Lachen nicht unterdrücken ... 3. Der Wachdienst der jüdischen Selbstwehr funktionierte tadellos, streng militärisch. Die Synagoge, die Schule, der Hekdesch, das jüdische Spital, die Wohnungen der Rabbiner und des Vorstehers sowie die besonders exponierten Mischen Geschäftshäuser standen unter besonderem Schutz. Zwei Tage vor Sukkos hinterbrachte der Kundschasterdienst dem Oberwachtmeister David Ruß die Meldung, daß die Antisemiten -für die erste Sukkosnacht einen großen Ueberfall auf das Judenviertel planten. Es sollest sämtliche Sukkos in Brand gesteckt und in der hierdurch entstehenden Verwirrung eine allgemeine Plünderung veranstaltet wer, den. Der Finanzoberaufseher Franz Ujvari habe eine Rotte arbeitsscheuen Gesindels zusammengeworben und seinen Leuten Raubsreiheit zugesichert. Die Meldung an die Polizei sei Wohl erstattet worden, aber es sei zu befürchten, daß sich die Polizei zu schwach erweisen könnte. David Ruß 'berief seinen ,/^eneralstab" zu einem Kriegsrat ein, in welchem alle Maßnahmen besprochen wurden. Chaim Schulklopser wurde beauftragt, die Judenhäuser abzugehen und in jedem Haus zu verkünden, daß. jede Mische Familie, die bisher alljährlich ihre Sukkah hatte, es als ihre heilige Pflicht ansthen müsse, sie auch Heuer aufzubauen und das Sukkosfest streng einzuhalten. KM Wweichnng von her alten MpfhMheit wäre verhängnisvolle Feigheit. Die Mische Selbsß.vehr wecke ihre Pflicht erfülle«. Am Abend vor Erew Sukkos machte David Ruß mit seinem engeren Stab einen Rundgang in den Judengassen, um sestzustellen, in welchen Höfen Laubhütten errichtet wurden. Der Mische Oberwachtmeister, der Ochsentreiber, David mus wurde überall ' mit Ehrfurcht ausgenommen. Die Mütter von jungen Mädchen legten ihm besonders den Schutz ihrer Behausung ans Herz. David Ruß gab überall die entsprechenden Weisungen, und als er mit dem Rundgang ' fertig war, verabschiedete er sich von seinen Leuten und ging allein in das Haus des Rabbiners. Nachdem er ihm über alles, was er wußte, Bericht erstattet hatte, sagte er: ,/Rebbe, Sie wissen, wie es um mich und Ihr Hausmädchen, Mindl, steht. Am ersten Tag Chol-Hamoed wollen wir uns verloben und bald daraus heiraten. Ich weiß nicht, wie die Geschichte mit den Judenfeinden ansgehen wird, ob ich den Chol-Hamoed überhaupt evleben werde. Ich bitte den Rebbe, sich meiner Mindl anzunehmen. Hier — David Nuß überreichte/dem Rabbiner ein kleines Packet — sind meine kleinen Ersparnisse und mein Testament..." . Der Rabbiner nahm das Packet entgegen und sprach David Ruß Trost und Mut zu. David ging in die Küche zu Mndl. Mindl war nicht mehr jung. In der'Judengasse gilt man mit 25 Jahren schon als „alte Maid". Ge Ivar nicht häßlich. Groß, knochig, durch Arbeit gestählt, hafte sie ein von dichtem, braunem Haar umrahmtes, schön geformtes Gesicht, aus dem zwei blauschwarze Augen in ihre eintönige Welt blickten. Vor zehn Jahren war ihre Mutter gestorben,- seither lvar sie im .Hause des Rabbiners. Sie wardvapzig'Jahre alt, als siesich David Ruß, :ack Tage vor seiner Einrückung zum Militär versprochen hatte. Jetzt sollten sie Verlobung feiern, da kam die dumme G^chichto mit den Antisemiten dazwischen. Sie wußte zu welch hoher Mrde ihr David plötzlich emporgestw«. >oar,. daß das Wohl und Wehe der Juden der Stadt in seine Hand gelegt war, sie war auch stolz darauf, die Braut des Mischen Oberwachtmeisters zu werden, aber ihr bangte um sein Leben, um ihr Glück. WS David eintrat, empsing sie ihn mit den Worten: ,Mvid, ich habe eine große Bitte an dich. Ich will morgen abends und die nächsten Abende an deiner Seite Dienst -machen. Ich Müßte hier verrückt wecken in Sorge um dich. Ich wecke dich nicht stören und nicht hindern und werde dich auch nicht mutlos machen ... Da David nicht gleich antwortete, fuhr Mindl lachend fort: ,Mh mal her, David, diese Arme sind auch nicht ohne 'weiteres zu verwerfen, die Halunken sollen Mindl kennen lernen, wenn sie an der Seite ihres David MischeL - Leben beschützt..." „Schlag' dir die.se Dummheiten aus dem Kopf, mein Kind. Das ist kein Geschäft für Frauenzimmer. Ich halbe -das Herz auf dem rechten Weck. Was mich beunruhigt ist, daß-ich meinen Posten am Stadtende 'haben muß, um die Herrschaften beim Betreten des Judenviertels in Empfang zu nehmen, ivä-hrend du hier bist. Ich glaub' wohl, daß die Horde nicht so weit vordringen^ wird, aber .,." „Aber, nun siehst du, David, dieser Sorge wecke ich dich entheben. Ich bin bei dir und niemand wird wissen, daß ich ein Weib bin und wer ich überhaupt bin. Du leiW mir deine Soldatenunisorm, wir haben ja die gleiche Statur" — sie stellte sich neben ihn hin, um ihn zu über« zeugen, daß sie recht habe — „und du Mt sehen, wie tapfer und gehorsam ich sein werde." Nochzögerte David einige Sekunden, dann schlug er in die dargebot-ene Hand Mindls ein und besiegelte den Pakt mit einem herzhaften Kuß. . . Am Erew Suktos konnte man in den JudenhöfeN - eine geslissentliche Geschäftigkeit beobachten. Noch niemalj - wurde der Ausschmückung^ der Laubhütten so. viel Sorgfall gewidmet wie diesmal., .

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