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Wiener Morgenzeitung · 1925-10-03 · Heft 2375 (3.10.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2375 (3.10.1925)
Date
1925-10-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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daß ihre Arbeit nur der Sicherung der Wohlfahrt Europas und der Völker gewidmet sein fall. Aber diese Versicherungen maskieren nicht einmal mehr notdürftig das Mißtrauen, das jeder gegen seinen Nachbarn, und alle zusammen gegeneinander haben und das sie daheim nicht bekämpfen. Es ist keinem Staat möglich, gegen die nationalistische Phrase aufzukommen, weil hinter chr die .Nacht der Kriegshyänen steht, deren Propaganda für die heiligsten Güter des Vaterlandes und der -Zivilisation täglich von tausenden bezahlter Agenten und Zeitungen in die Massen getragen wird. Die Frage der Abrüstung und des obligatorischen Schiedsgerichtes ist, seit sie vor einem Jahr in Genf zum ersten Male in die .Form einer Konvention gegossen wurde, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und verwirrt worden. Die neuerliche Konferenz soll der Sicherheit dienen. Aber alle Mächte kommen mit tausend Wenn und Aber zur Konferenz, mit Verklausulierungen und Vorbehalten, die -alle nur den einen Zweck haben, den Mangel an gutem Willen zu verschleiern und das Mittel des Angriffskrieges nicht aus der Hand zu geben. Es wird natürlich immer nur von der Verteidigung gesprochen-, aber im gegebenen Fall ist es nicht so schwer, die Stimmung des Volkes in die gewünschte patriotische Richtung zu leiten. . Aber selbst wenn das Wunder einträte und man sich in Locarno aufeiner gemeinsamen Linie finden könnte, so würde sich am Ende doch ergeben,- daß alles nur Stückwerk ist. Die beiden größten Staatskonzerne, Amerika und Rußland, bleiben den VerhaMungen fern. Amerika begründet sein Desinteressement noch immer damit, daß es nicht in europäische Streitigkeiten hineingezogen werden will. In Wirklichkeit steht die Sache so, daß keine europäische Verwicklung imstande wäre, Amerika in den Krieg zu ziehen, tvenn Amerika dies nicht will. Aber die Weigerung Washingtons entspringt nur seinem Hochmut gegenüber dem verelendeten alten Kontinent und dem Bestreben,, den Schuldthron nur recht fest auf-der Arbeit der europäischen Sklaven zu begründen. . Das Fernbleiben Rußlands hat andere Gründe. Die Sowjetdiktatur - kann aus ihrer .eigenen Kraft die Weltrevolutionnichts anzünden. -Aber ihr. hisst die Blindheit der europäischen Regierungen, die das'Geld, das die Sanierung des gesamten kontinen-, talen Wirtschaftslebens in der kürzesten Frist herbeiführen'kannte, lieber in Kanonen und Schlachtschiffen festrenn'en.'So lange sie dabei.verharren, sind alle Konferenzen nutzlos, sinkt der Kontinent immer tiefer in den Tribut und wich um so wehrloser gegen die russische Infektion.. __ Wir genommen. Madrid, 2. Oktober. (Tel.-Komp.) Ein offiziöses Com- Muuique teilt mit, daß die Spanier heute um 11 Uhr - 30 Min. vormittags Ajdir, die Residenz Abd el Krims, eingenommen haben. In Madrid herrscht Sieges st immun §. Die Stadt ist reich beflaggt. König Alfons zeigte sich um die Mittagsstunde auf dem Balkon des königlichen Schlosses vor der begeisterten Menge. Ter König und das Direktorium haben an General Primo de Rivera .Glückwunschtelegramme gesandt. Tschitscherin bei Sttesernann. Berlin, 2. Oktober. (Tel.-Komp.) Die Unterredung, lö'ie gestern am späten Abend zwischen dem Reichsaußenminisier Dr. Stresemann und dem russischen Bolkskommissär Tschitscherin statisand, konnte nicht zum Abschluß gebracht werden und wird heute nachmittags fortgesetzt. lieber den Inhalt der Unterredung wich Stillschweigen bewahrt. Trotzdem weiß der „Lokalanzeiger" zu berichten, Tschitscherin halbe die russischen Bedenken gegen den Sicherheitspakt ausführlich zum Ausdruck gebracht. Ebenso habe Tschitscherin versichert, sein Besuch in Warschau sei keineswegs als antideutsche Aktion auszufasstm Wegen des Abschlusses des deutsch-russischen Handelsvertrages soll Tschitscherin noch nachts mit Moskau in Verbindung getreten sein und wird schon 'heute nachmittags - dem Außenminister Dr. Stesemann den Beschluß der Moskauer Regierung mitteilen. In Berliner, politischen Kreisen und bei der Berliner Sowjetbotschaft sei man der Ansicht, daß noch heute, die Unterzeichnung des.deutsch-russischen Handelsvertrages erfolgen werde. Das Reichskabinett hat die grundsätzliche Zustimmung zur Unterzeichnung bereits erteilt. Zur endgültigen Feststellung der Vertragstexte sowie zur Verständigung über einige noch offen gebliebene Punkte begibt sich, die engere deutsche Delegation unverzüglich nach Moskau zurück. Mit der Erledigung dieser Aufgabe sowie mit der Unterzeichnung ist in kürzester Frist zu Wiener Morgenzeitung rechnen. Wenn auch einige "Telle"-des gesamten -Vertrags'? iveOrs -üych keine auf die Dauer befriedigende Lösung der bestehenden Schwierigkeiten bringen, so stellt die auf breiter Rechtsgrundlage, geschaffkne umfassende Regelung der beiderseitigen Bez^hungen doch.gegenüber den bisherigen ungeregelten Zuständen -unverkennbare Fortschritte dar. Darüber hinaus kann der Vertragsentwurf als wertvoller Ausgangspunkt für -weitere wirtschaftliche Abmachungen betrachtet werden, sobald-genügenöe Erfahrungen über feine' Praktische Auswirkung vorliegen.' Die Tragweite des 'Ver-. tragswerkes ist um so größer, als Deutschland das erste Land ist, das eine so umfassende Regelung mit der Sowjetregierung trifft. Das Vertragswerk wird ein Mittel sein, die freundschaftlichen Beziehungen beider Länder auszugestalten und in gemeinschaftlicher Arbeit den beiderseitigen Wiederaushau zu fördern. Tschitscherin gegen England. Berlin. 2. Oktober. (Tel.-Komp.)' Das ,-VevliiwrLagei blatt" veröffentlicht eine Unterredung luit Tschitscher' n über die Politische Lage, in welcher der russische Volkskommissar für Aeutzeres unter anöevem--folgendes ausführte: ..... . „Die augenblickliche'Konstellation der großen Positik entspricht im lvesentlichen der englischen Feindschaft gegen die Sowjetunion. D'e Formen, in denen sich diese Politik Englands betätigt, sind die politische und wirtschaftliche Einkreisung, an welcher die englische Diplomatie in der ganzen Weilt mit Hochdruck arbeitet. Auch gewisse militär-sche Maßnahmen Englands lassen sich seststellen. Den politischen Kampf gegen England hat n'cht Rußland begonnen. Wir haben nicht einmal, sondern zu wiederholten Mallen England vorgeschlagen, unsere Streitfragen diplomatisch oder auf einer Konferenz durchzuprüfen. England hat dieses russische Angebot a b g e l e h n t. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die ganze Paktpolitik Englands als ein Bestandteil seiner grundsätzlich antisowjetistischen Tätigkeit. Deshalb sehen wir mit steigender Besorgnis, wie Deutschland immer mehr in das Fahrwasser der englischen Pläne einlenkt. Die Frage ist, ob es bei der Weiterentwicklung der Dinge England nicht gelingen könnte, seine antisowjetistifche Politik Deutschland aufzuzwingen, und ob Deutschland nach Abschluß des Sicherheitspaktes noch in der Lage sein wird, sich lange Zeit dem englischen Zwange zu widersetzen. Die wichtigsten Fragen bilden in diesem Zusammenhänge die Artikel 16 und 17 des VöNerbundpaktes. Sie sind das Mittel, mit dem Deutschland gegebenenfalls zur Teilnahme an einer Koalition gegen Rußland gezwungen wevden känn. 'ziverfle'MiA daß England sich keme Gelegenheit entgehen lassen wird, um aus diesen Artikeln das Maximum an Vorteilen für sich herauSzuholen und für seine antisowjetistifche Politik auszunützen. Dies ist die Ursache, weshalb die augenblickliche politische Konjunktur uns so gefahrdrohend erscheint." Zum Schluß der Unterredung erklärte Ttschitscherin, daß der Handelsvertrag mit Deutschland bis auf einige unhsdeuaende Punkte fertig fei und wohl in kurzer Frist '» Moskau unterzeichnet werden wird. Ne englische Arbeiterpartei. Liverpool, 2. Oktober. (Wolff.) Auf dem Kongreß der Arbeiter Partei erklärte der ehemalige Schatzkanzler Snowden, die Beschlagnahme des Kapitals stunde noch auf dem Programm der'Arbeiterpartei. Wenn die Arbeiterregievung noch im Amte wäre, so wären die Steuern aus Nahrungsmittel abgeschaffl und der Landbesitz würde kräftig besteuert sein. MMiirische Maßnahmen wegen der Mossnlstreite«. London, 2. Mob er. (Wolff.) Der diplomatisch e Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, die in der ätzten Woche gebrachte Nachricht, daß vier türkische. Divisionen nach dem Irak beordert worden feien, bestätige sich durch die Meldung, daß vier Jahresklassen dxr Reserve einberufen wurden. Ebenso interessant sei die Nachricht von der Zusammenziehung starker türkischer Streitkräste bei El Gesireh, einem der Zugänge zum Irak. Unter diesen Umständen sei es nicht überraschend, daß, verlautet, die britische M i t t e l m e e r f l o 11 e die Weisung erhalten habe, sich in den Gewässern des nahen Ostens zu sammeln. __ Zar Leichenbegängnis Leon Bourgois. Paris, 2. Oktober. (Tel.-Komp.) Am heutigen Leichenbegängnis für Leon Bourgois nahm das ganze Kabinett, mit Ausnahme der abwesenden Minister Briänd und Cäillaux, teil, strner Poi-ncare und zahlreiche hohe Beamte, und Politiker: Minssterprästdent Pä 1 nleve bezeichnet in seinem Nachruf Bourgois als Apostel des Friedens. Der Generalsekretär des Völkerbundes, Dr um mond, sprach namens der Mitarbeiter des Verstorbenen im Völkerbünde, ferner sprachen der kanadische Senator Dandureau, Paul Boncour, Ferdinand Bouffon u. a. 3. Oktober 1926 Nr. M« DtMMtSWW, Sic Mode der Mterschil! : In allen bs seren Oeschüften erhältlich! Der döuW WWH, dir Mode der liiWn! aaaH_aaHBHBaa In alien be seren Oeschüften erhältlich! Frieden mit Wim. London, 2. Oktober. Das Reutersche Bureau meldet: Die Mächte genehmigten die an die chinesische Regierung abzusendende K o l l c -k t i v n o t e, in der der Wunsch ausgesprochen wird,-den Streit über die Vorfälle in Schanghai, vom 30. Mai beizulegen. In der Note -wird ferner erklärt, daß alles nur Mögliche getan werden soll, um die Lage in Schanghai zu bessern. Alle Militär i s ch e n M a ß ir a h m e» sollen ausgehoben und die Marinedelachements zurückgezogen werden. 8itt Bnbapeftee Pogromblatt eingegausm. Budapest, 2. Oktober. (Tel.-Komp.) Das gewesene völkische Organ „A N e p", das' vor einigen Monaten von einem regierungsfreundlichen Konsortium unter Führung -des Christlichsozialen Stephan Haller übernommen worden war, hat heute sein Erscheinen eingestellt, da -das neue Konsortium, ebenso wenig wie das frühere rassenschützlerische, in der Lage war, die seit mehereren Wochen ausgelaufenen Druckereirechnungen bei der Stadium-Druckerei zu begleichen. Mehrere Abgeordnete der Regierungspartei suchten gestern abends den Ministerpräsidenten Grafen Bethlen auf und baten ihn um eine Unterstützung für das der Regierung ergebene Blatt. Ter Ministerpräsident lehnte jedoch dieses Ansuchen ab. 8n Budapest wird weiter verhaftet. Budapest, 2. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Polizei hat heute wieder einen Kommunisten, den Schuhmacher Joses Oetvös, verhaftet, der gleichfalls die A g i t a t i o n s schule absolviert und der nächsten Umgebung des vormaligen Volkskommissärs Matthias Ra k o s i angehört hatte. Die..verhafteten Kommunisten wurden heute von der politischen Abteilung, der Oberstadthauptmannschaft der Kriminalabteilnng Übergaben. ZerAreil bei der Alpinen. Abermalige Unterbrechung der Einigungsverhandlungen. Gestern wurden in Graz unter dem Vorsitz' des Ministers für soziale Verivaltung Dr. Resch im Beisein des Landeshauptmannes Dr. Rin tele u, des Lande'srates Machold, der Fachreiserenten des Ministeriums für soziale Verwaltung und der steirischen Landesregierung die im Ministerium für soziale Verwaltung am 29. September «begonnenen Verhandlungen zwecks Beilegung des Arbeiterkonsliktes in Donawitz fortgesetzt. Minister Dr. Resch gab einen Ueberblick über den bisherigen Verlauf der VerhaMungen, präzisierte den Standpunkt der beiden- VerhandlungsteTe und richtete au sie den Appell, ihre Standpunkte einer gegenseitigen Ueberprüsung zu unterziehen. Die Arbeitervertreter machteii den Vorschlag, daß das Einkommen der Arbeiter, die bisher unter 200 Schilling im Monat ins Verdienen brachten, um 15 Prozent Md das Einkommen der Arbeiter mit durchschnittlicher Arb eitsverdiensisumme von mehr als 200 Schilling um 10 Prozent erhöh t werde. Auch verlangten sie, »daß' sofort Verhandlungen wegen allgemeiner Regulierung der Grund- und Akkordlöhne eingeleitet werden. Die Vertreter der Alpine Moutangefellschaft boten dagegen eine durchschnittlich 20prozentige Erhöhung der Grundlöhne an und erklärten sich bereit, das bestehende Mordsystem zu revidieren und übersichtlicher und' klarer zu fassen, lehnten jedoch eine Mehrbelastung aus der Revision der Mordlöhne ab. Um zunächst im kleineren Kreise eine gemeinsame BerhandlungAbasis zu »finden, vertagte Vunde'Aininister Dr. Resch um 4 Uhr nachmittags die Verhandlung und /behielt sich vor, mit nächster Woche die Besprechungen mit den Parteien wieder aufzunehmen. Nach dem- Bericht der chrMchsozialen Parteikorrefpondenz hätten die Vertreter der Arbeitergewerkschaften erklärt, daß die Vorschläge'der Alpinen keine Diskussionsgrundlage bilden können. Die Ver-!handlungen seien -ohne Ergebnis vertagt worden und sollen nächste Woche, .voraussichtlich Donnerstag, in Wien fortgesetzt werden. Dje Lage in Donawitz. Graz, 2. Oktober. Nach Meldungen aus Donawitz hat die Streiklage dort trotz des Be-kanntwerden's des Abbruches der VerhaMungen keine . Aenderung erfahren. Nach der gegenwärtigen Situation ist es möglich, daß die Verhandlungen vielleicht schon vor Donnerstag nächster Woche wieder ausgenommen werden.

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