Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2374 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■"“* -a-•-^•Jn.'LL.jiL.Vi:'-j»*7figw-.;■•/.j. . 'jLI'-gH W# nWrin uhiitri „tSKSli .Seite 4 Wien, Freitag Mener Morsen-eitung Sie Morde in den Wäldern von Szatmar. Der Prored der galob Reinitz Vor demReruiungsgericht. Aus Bukarest wird uns berichtet: Am 89. September begann vor dem Oberlandesgericht in Oradea Na r e (Großwardein) die Berufungsverhandlung gegen >en jüdischen Kaufmann Jakob Reinitz aus Szatmar, >er des neunfachen Raubmordes angeklagt ist rnd twegen eines dieser Verbrechen bereits vom Gericht in Latul Mare zu zwölf Jahren Kerker verurteilt wurde. Reinitz wird zur Last gelegt, in den Wäldern von Szatmar, km Grenzgebiet dreier Staaten (Rumänien, Tschechoslowakei, Ungarn) eine Anzahl von jüdischen Kauf- Leuten, die im Laufe der letzten Jahre spurlos aus der legend verschwunden sind, ermordet zu 'haben, um sich in bell Besitz ihrer Geldmittel zu setzen. Di« Anklage nimmt an, daß Reinitz feine Opfer unter der Vorspiegeluikg von Geschäften, die angesichts der im Grenzgebiet üblichen Schmuggeltätigkeit heimlich abgemacht werden mußten, an einsame Stellen in den Wäldern lockte und dort umbra chte. Von den neun Personen, die verschwunden sind und als die Opfer Reinitz' gelten, konnte nur der Leichnam des Szatmarer Kaufmannes Grosz lmfgchmden tverden, der, wie durch gerichtsärztlichen Befund festgestellt wurde, durch Beil hiebe getötet und dann verscharrt worden war. Reinitz leugnet von allem Anfang hartnäckig jode Schuld. Im ersten Prozeß wurde er aus Grund schwerwiegender Indizien verurteilt. Die Berufungsverhandlung, tvelche nunmehr in Oradea Mare begonnen hat, bildet die Sensation der ganzen Gegend. Das Gericht hat nur h u n d e r t E i n t r! t t Skarten für Zuhörer bewilligt und wochenlang vorher wurde in der Stadt bereits mit diesen Karten lebhafter Handel getrieben. Reinitz selbst, der aus dem Gefängnis von Szatmar nach dem Gerichtsort gebracht wurde, macht den Eindruck, daß ihn: die ganze Angelegenheit nichts angehe und daß es sich um einen Zufall handle, der mit seiner Person in gar keinem Zusammenhang steht. Kurz vor Beginn des Prozesses hatte ein Presseberichtevstatter Gelegenheit, Reinitz mit Bewilligung der Gerichtsbehörden zu sprechen. Es entwickelte sich folgendes Gespräch: ,/Herr Reinitz, ich bin nicht bloß aus Neugierde gekommen, um Sie zu sehen, wie andere Leute, die an dem AMicke eines Unglücklichen ihre Neugierde befriedigen wollen. Aber eine Frage mochte ich an Sie stellen: Warum sind es gerade Ihre Glaubensgenossen, die Ihre gefährlichsten Gegner sind und auf Ihre endgültige Aburteilung wie ihr eigenes Glück warten? Nur Juden waren es, die g^en Sie belastende Zeugenaussagen abgelegt haben." ,/Gonz einfach," antwortete Reinitz mit etwas gedämpfter Stimme. „Die Frau des Grosz, eine Jüdin ans Galizien, ist von .Haus zu Haus gegangen, hat gejammert u nd geweint, fo lange, bis die Leute ihr alles geglaubt haben. Diese Frau hatte ein großes Interesse daran, daß ich verurteilt werde. Sie verlangt nämlich 1,200.000 Lei als Schadenersatz und eine lebenslängliche Rente von monatlich 5000 Lei. Sie hofft dadurch, daß ihr von meinem Vermögen, das ich für meine Frau und sieben Kinder durch mühevolle Arbeit mein Leben lang erworben habe, der größere Teil zufallen wird." ,M sprechen über gegen Sie Beweise, aus welchen man schließen kann, daß Sie e i' n e r der gefährlichste n V e r b r e ch e r sind, die es je gegeben hat." Reinitz antwortete mit etwas erhobener Stimme: „Beweise? Wie kann man von Beweisen reden? Gei Gericht wurden nur meine persönlichen Feinde einveruommen. Die Zeugen, die ich angab, wurden nicht einmal gehört." „Aber auch di« Aussagen der Sie entlastenden Zeugen konnten niemand von Ihrer Unschuld überzeugen!" ,ßaB Gericht schenkte den mir günstigen Aussagen kei neu Glauben. Dagegen hielt das Gericht die Aussagen meiner Gegner für vollkommen glaubwürdig." „Nun sprechen aber gegen Sie die Corpora delicti. Man fand ja bekanntlich an dem Orte, 'wo der Mord begangen wurde, einen Kragen mit dem Anfangsbuchstaben C. R. Sie selbst haben eingestanden, daß dieser Kragen Ihnen gehört." ,/Jch habe nichts eingestanden. Ich habe nur gesagt, es sei möglich, daß dioser Kragen mir gehört. Die Jmtialien entsprechen nicht meinem Namen. Denn ich heiße Jakob Reinitz und nicht C. Reinitz." „Mer d a s G e s e tz hat festgestellt, daß Sie der Mörder sind." „Das Gesetz? Auch ich kenne das Gesetz. I ch b i n. Talmudist und sehr "belesen. Ich wollte meine Vertedigung selbst führen, wurde aber daran gehindert." „Und jetzt?" „Ich warte zu. Ich bete halbe Tage hindurch." ..Werden Sie hier gut 'behandelt?" Aeinitz antwortete zögernd: „jaaaa". „Und was erhoffen Sie jetzt?" „Ich habe meine Hoffnung auf die Güte Gottes und auf die Gerechtigkeit der Menschen gesetzt. Ich fühle mich ganz unschuldig und hoffe, daß mich äott nicht verlassen wird." Reinitz 'hat sich für seine Verhandlung sehr sorgfältig vorbereitet. Er hat eine vollständige Verteidigungsschrift selbst ausgearbeitet, in welcher er alle ihm vorgeworfenen Verbrechen zu widerlogen sucht. Durch Zufall gelang eS einem Journalisten, in die Verteidigungsschrift welche den Titel: ,Me oft hat D e m j a n >o v i e sgelogen?" trägt, Einblick zu nehmen. Demjanovics ist e i n Lü g n e r," das ist der Grundton dieser interessanten Verteidigungsschrift, aber nicht nur das, „er ist e i n abgefeimter Raubmörder, der sich durch seine angeblichen Geständnisse Lorbeeren erringen will. Wenn Demjanovics ein ehrlicher Bürger und braver Arbeiter lvar, warum geht er dann morden, wenn ihm Bodnar (der Mann, mit welchem Reinitz seine ersten Verbrechen begangen haben soll) sagt, daß er dies müsse, sonst werde er mit seiner Familie zugründe gehen? Wir sind ja nicht in einer Einöde oder im Walde, wir sind ja ln Kaschaul Was wird da ein guter Bürger tun? Wird er in den Wald morden gehen oder lieber zur Polizei laufen und bie ganze Sache zur Anzeige bringen? Wenn Demjanovics sagt, er habe nur zitternd zugeschaut, wie ich die Opfer umbrachte, so muß ich ihm antworten: wenn ich ihn schon mitgenommen habe, damit er morde, warum soll ich denn selber meine Hände mit Blut besudeln? Habe ich ihn vielleicht nur deshalb mitgenommen, um einen Zeugen zu haben, der mich dann bei der Polizei anzeigt? Demjanci.vics sagt, ich habe meinem Opfer mit einem Hammer den Schädel zertrümmert. Glaubt ntan denn, ich, Jakob Reinitz, der jüdische Kaufmann mit Vollbart, werde von Kalmar mit einem -Hammer in die Tschechoslowakei fahren, um dort einen Mörder zu suchen? Kann ich denn keinen Hammer in der Tschechoslowakei kaufen? Wäre der Grenzpolizei, die mich doch sicherlich untersucht hätte, nicht ausgefallen, was ein Jude mit einem Hammer in der Tschechoslowakei will? . Daß Demjanovics behauptet, ich habe ihm nach der Mordtat an Lebovics zwei Tausender gegeben, ist unmöglich. Bitte sich vorzustellen: Es ist Nacht, in einem dunklen Walde ermorden zwei gute Freunde einen Mann. Hätte Demjanovics vor mir Angst gehabt, wenn ich ihm nur 2000 Kronen gab, hätte er mich nicht selbst ermordet, um mir die vielen Dollars abzunehmen, welche ich angeblich.'bei Lebovies fand. Im Vorjahre wollte mich Demjanovics deshalb nicht erkennen, weil er mich nicht erkennen konnte. Seit der Zeit -hat man ihm aber eingeflüstert: i ,Menn du nur der Zeuge dieser scheußlichen Mordtaten warst, daun gestehe ruhig ein, denn Reinitz erhält die größere Strafe. Du wirst eh' für deine anderen Verbrechen abgeurteilt." Deshalb sagt er nun, er sei mir mir zitternd in den Wald gegangen und habe nur zugeschaüt." Das Verhalten des Angeklagten während der Untersuchung und auch während seines ersten Prozesses hat viel Leute an seine Unschuld glauben machen, um so mehr als Reinitz in seinem Heimatsorte Kalmar als achtbarer Bürger Amerika und die Amerikaner schildert der jetzt im Romanieii in Fortsetzungen erscheinende Roman Herr Fettwanst Eine amerikanische Autobiographie von Samuel Ornfiz broschiert 8 8,10, in Leinen 5 11.70 •Keule, Wanst und Lacke«, wie der Roman englisch heisst, hat in Amerika einen Riesenerfolg gehabt. Zuerst anonym erschienen hat es wie eine Autobiographie des jüdischen Einwanderers gewirkt Die Kritiker nannten das Buch ein Oegen" st fick zu Üpton Sinclair 8 „Jungle". Als solches gehört es der Weltliteratur an. Das soziale» gesellschaftliche, erotische Leben in Amerika und besonders im jüdischen Ohetto New-Yorks weiss der Autor eindringlich und humorvoll zu zeichnen, ln plastischen Bildern erstehen: der amerikanische Gerichtssaal mit seinen korrumpierten Richtern und Kllentenzutreibem, die Spelunken und Kabaretts der City und der Vorstadt mit ihren Stimmungssängern und verliebten, leidvolien Kokotten, die Gasse, erdröhnend vom Gejohle kämpfender Banden, Fabriken mit streikenden Arbeitern, Parlament, Politik und Business DerWerdegang eines Gauners im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Bin Sittenbild Ein Knliurdokument Zu beziehen durch d e Buchhandlung Rf Änr l »¥* (Vorsandabt,)Wien, , JLv/W £ 1 I.Plelschttlark'Nr.l ß. Oktober 1925 Rr. 2874 galt und besonders seine Frömmigkeit gerühmt wurde, dis er auch jetzt ostentativ zur Schau trägt. In dem oben, begonnenen Gerusungsprozeß wird wieder nur der Mord an Grosz behandelt. IN einem Antrag an das Oberlandesgericht Oradea Mare hat die tschechoslowakische Polizei verlangt, daß Reinitz für den Fall, als er bei der Berufungsverhandlung freigesprochen werden sollte, nach Kascha« ausgeliesert werde, um sich vor dem dortigen Gericht wegen sechs» anderer ihm zur Last gelegten Morde zu verantworten. Bei zwei Mordfällen, deren er verdächtigt wird, haben die Indizien zur Erhebung einer Anklage nicht ausgereicht. Der erste Berhandlungstag des Prozesses beim Gericht in Oradea Mare nahm, wie unser S«Korrespvndent berichtet, folgenden Verlaus: Schon die Ankunft des Angeklagten aus Szatmar gestaltete sich aufsehenerregend. Im Bahnhof war eine große Menschenmenge versammelt, als Jakob Reinitz von der Begleitmannschaft den hiesigen Gendarmen übergeben wurde. Schwarz gekleidet, ruhig und sicher betrat er entschlossenen Schrittes den Perron. Er wurde vom Bahnhof direkt in den Gerichtssaal geführt, wo die Richter schon warteten. Der Vorsitzende Dr. I l l ie beginnt das .Verhör: ,Mnd Sie vorbestraft?" ,-Ja, wegen betrügerischer Krida und Betrug." Dann wird das Protokoll der Szatmarer Verhandlung vorgelesen. Stundenlang. Reinitz hört die furchtbaren Beschuldigungen und die Begründung des Urteiles ruhig an. Das Verhör mit ihm beginnt erst am Nachmittag. Sluf die Frage, ob er sich schuldig fühle, antwortet Reinitz mit einem entschiedenen Nein. „Am 10. Septeckber 1923," bemerkt der Vonsitzende, „als nwm Sie auf der Polizei zum ersten Male verhörte, haben Sie geleugnet, daß Sie mit Grosz zusammen gefahren sind." Reinitz: ,Hch habe geglaubt, daß Grosz irgendwo wegen Schmuggels evwischt-worden ist, und befürchtet, daß ich mit hineinverwickelt werde." ,Me haben es auch später geleugnet." ,-Jch Halle noch keine Kenntnis von seinem Verschwinden." V o r l: ,Me kommt es, daß Sie mit Grosz weggefahren sind, ohne den Zweck der Reife zu kennen? Das ist doch unter Geschäftsleuten nicht Mich!" Reinitz: „Grosz har nur von einem Primageschäft gesprochen und wollte mir auf der Bahn mehr sagen. Dort hat er mir auch wirklich mitgeteilt, daß er Gold kaufen und nach Ungarn schmuggeln will." Vor s.: ,Mieso hat Grosz nichts auf dem Wege mitgenommen? Sie haben doch beide gewußt, daß man lange wegbleiben wird?" ,Herr Präsident," erwidert Reinitz weinerlich, „das erklärt doch den ganzen Fall und beweist meine Unschuld. Wem ich das Geschäft gebracht hätte, Me sich Grosz doch vorbereitet!" Bors.: ,/Warum haben Sie sich mit Grosz unter falschem Namen als Grünberger ans RanaS ansgegeben." Angekl.: ,Herr Präsident, wenn ich sage, ich bin der Reinitz aus Szatmar,mach' ich mich gleich verdächtig." Reintz erzählt dann, er und Grosz seien im HM Jstvan in Naghbanha abgesttegen, wo Grosz ihn später verlassen habe, nachdem er von Reinitz 88.600 Lei übernommen Me. Bors.: ,Mher haben Sie so « Geld? Sw Mett doch als arm." — Angekl. Ich Me damals Dollar V e r k a u f t." — B o r s.: ,Mvon haben Sie bisher nichts erwähnt." — Reinitz bleibt bei seiner Behauptung, die auch durch Einsichtnahme in feine ersten Aussagen bestätigt wird. Bors.: ,ß\e haben bei verletzten Verhandlung erklärt, daß Grosz am 7. September in IKlausenburg war. Wo befand er sich As dahin?" — Re l n i tz: ,/DaS habe ich den Herrn Staatsanwalt auch gefragt, als er erklärte, daß ich am 6. September den Grosz aus dem Wege geräumt Me." — Bors.: sind im Verdacht, den letzten Brief, des Grosz Mt geschrieben zu haben." — Reinitz: „DaS ist eine Lüge. Der Stil beweist, daß ich ihn nicht geschrieben habe." — Bors.:,Darum haben Sie geleugnet, daß Sie den Grosz kennen?" — Reinitz: ,M Hab' das nie in Abrede gestellt Jedes Wort der Frau Grosz ist eine Lüge." Die Verhandlung wird hierauf auf den nächsten -Tag verschoben. ' MMvMMUngrkatastrolchrn. Fm Innern Japans. Aus Tokio wird gemeldet: Gin dreißigstün» diger Wolkenbruch hat im Innern Japans große Verwüstungen ««gerichtet. Der Eisenbahnverkehr ist fast überall zum Stillstand gekommen. In Tokio ist ein Teil des kaiserlichen Palastes unter Wasser gesetzt worden. Tausende von Käufern sind weggeschweMMt worden. i* In Mexiko. Mexiko City, 30. September. Die südamevikanischen, am Pazifischen Ozean gelegenen Staaten Jaliseo und Michoaean sind von einer großen Merschwemmung heimgesucht worden. 25.000 Hektar Land stehen unter Wasser, Hundert Dörfer sind' überschwemmt, tausende Farnilien MdKiMM-