Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2374 (2.10.1925)
- Date
- 1925-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Mor-enzeituns L Oktober MS $eife | * """ .'' . .. ii - »-»» — > «~in.liii.ii.il 4t»«» ui in——««———' Ter Alkanmord m den Seschtvornen. Memia ßarnikiu zu 8 gahrm taklmMd Laadesvllweisung vttllkteMr im Sinne des Gesetzes nicht nur Aufregung zu verstehen ist, Der ge-strigen Verhandlung wohnte Mencia Carnieiu, deren Gesundheitszustand sich vvvWmmert hat, auf einer T r a g b a h r e liegend bei. Die Zeugeneinvernchmd, die gestern fortgesetzt wurde, gestattete sich, da die meisten bulgarischen Zeugen die deutsche Sprache nicht gut beherrschen, sehr schleppend. Die politischen Motive ider Tat wurden auch gestern nur gestreift, da ihre Erörterung nach österreichischem Gesetz für die Schuldfragc belanglos ist; aus diesem Grunde hat auch, wie der Vorsitzende gestern verkündete, das Gericht die Beweisanträge der Verteidigung, welche sozusagen auf Politische Gutachten gingen, ab gelohnt. Als orfter Zeuge wurde gestern Boris Bumbarow, gewesener Sekretär im bulgarischen Eisenbahnministerium, der Mann der Freundin der Angeklagten, der Jsmierlieva, einvernonrmen. Er sagte aus, er habe Kenntnis davon gehabt, daß die Carnieiu bei der Durchführung von Valutengeschäften ihres Vaters behilflich war. Alts einem Briefe des Geliebten der Carnieiu erfuhr er, daß die Angeklagte sich mit S chm ugg e l beschäftigt hatte.. Die Frage des Staatsanwaltes, ob zwischen dem ermordeten Panizza und der Stambuliisky-Regierung Beziehungen Wanden, verneint der Zeuge. Auf die Frage des Vertreters der Witwe Panizzas, Dr. Maril, wieso es kam, daß Panizza mit einem serbischen Patz reiste, erklärt der Zeuge, Freunde hätten Pamzza den Paß besorgt, er habe sich nicht darum gekümmert. Ueber die Vermögensverhältnisse der Angeklagten sagt Bum'barow aus, daß die Berrnögenslage der Carnieiu nicht günstig war. Es kommen sodann auf die politische Tätigkeit des Panizza bezügliche Details zur Sprache, womit das Verhör des Zeugen Bumbarow beendet ist. Er bleibt jedoch an der Barriere stehen und spricht bulgarisch weiter. — Vors.r Sie haben nichts mehr zu sagen. — Der Zeuge macht noch eine höhnische B emerkungzurAngeklagten, woraufder Vorsitzende sagt: Sie verlassen den Saal, denn sie scheinen nicht zu wissen, wie man sich hier als Zeuge zu benchmen hat. Nach der hierauf erfolgten Vernehmung der Gattin Bumbarows wird unter großer Spannung die Witwe des ermordeten Panizza, Ecaterina Panizza, in den Saal geleitet. Frau Panizza ist noch leidend und wird von einer Pflegerin begleitet. In einen schwarzen Mantel gehüllt, mit schwarzem Kopftuch, das Gesicht noch woget: der heilenden Narben bandagiert, tritt sie vor die Zeugenbarre. Die Angeklagte Carnieiu wendet den Mick von ihr. Nach der Verlesung des Zcugenprotokolls gibt Frau Panizza noch einige Details über den Hergang des Mordes an. Ihre Aussage bringt aber nichts wesentlich Neues. Es folgt dann die Vernehmung Jane Bogatinows, 'des Freundes nnd ständigen Begleiters Pamzzas. Er sagt über die politischen Morde des Panizza aus, die dieser vor mehreren Jahren im Aufträge einer mazedonischen Geheimorganisation vollzogen hat; sie waren im Jahre 1014 amnestiert worden. Als letzte Zeugin wird die Quartiergeberin der Carnieiu, Therese Welkhammer, einvernommen. Dann folgt die Verlesung der von der Polizeidirektion in Sofia eingetroffenen Leumunds-Note 'der Carnieiu, in der sie unter anderem als eine große Patriotin und als ein sanfter Charakter bezeichnet wird. Das Gutachten des Gerichtsarztes Professor Dr. Hövel, das zusammen fassend hervorhebt, die Carnieiu, sei eine intelligente, im Empfinden vielleicht etwas überschwänAiche, aber nicht geisteskrante oder geistesschivachc Person, die auch bei Verübung der Tat sich gatrz gewiß nicht im Zustande der Sinnesverwirrung befunden hat. Gewiß habe sie sich bei Verübung der Tat und auch vorher in einer gewissen Gemütsbewegung befunden, lvorin aber sondern auch Gefühle des Hasses und der Rache. Die Angeklagte fei geistig vollkommen gesund und für ihre Tat verantwortlich. Damit war das Boweisverfahren geschlossen. Der Gerichtshof beischloß, den Geschwornen zwei Hauptfragen, eine auf Meuchelmord nnd die zweite auf Uebertretung gegen die Sicherheit des Lebens sowie eine Nebensvage auf Uebertvetung des Waffenpatentes vorzulegen. Eine von der Verteidigung beantragte Zusatzfrage auf unwiderstehlichen Zwang wurde abgelehnt. Hieraus ergriff■ Erster Staatsanwalt Dr. S ch w a r tz das Wort zu seinem Plaidoyer. Eingangs führt er aus, daß man bemüht sei, die Carnieiu als Märtyrerin ihres Volkes hinzustellen und sie mit Charlotte Corday oder Jeanne Mre vergleiche. Charlotte Corday hat Mavat ermordet, weil er hunderttausende unschuldige Bürger köpfen ließ. Panizza hat nur zwei Bulgaren auf Befehl einer Geheimorganisation getötet und seine Tat durch große Verdienste um sein Vaterland ausgewogen. Mencia Carnieiu hat ihn meuchlings ermordet. Für die Beweggründe der Tat mag wohl auch bei der Carnieiu Liebe zu ihrem Volke ausschlaggebend gewesen sein. Die wahren Ursachen Doch kennen wir nicht und haben sie auch im Laufe dieses Prozesses nicht erfahren können. Soll es etwa der Tod jener zwei Bulgaren sein, die vor 15 Jahren von Pamzza ermordet wurden? Seither hat die Carnieiu den Panizza einmal schon als Nationalhelden verehrt. Oder soll es etwa Panizzas Bereicherung im Kriege gewesen sein? Sie selbst steht in dieser Beziehung nicht ganz makellos da. Aber etwas anderes könnte das Motiv der Tat gewesen sein! Vielleicht hat sie die Prämi e, die auf den Kopf Todor Panizzas gesetzt war, verlockt, oder vielleicht war es einstige Liebe, die jetzt in Haß umgeschlagen ist. Die CarnM sagt uns. es seien politische Beweggründe gewesen. Wir dürfen hier in Wien keine Balkansitten einreißen lassen, -vir dürfen nicht dulden, daß in Wien, wo in den letzten Jahren das Messer und der Revolver ohnehin schon locket' sitzen, noch der Balkan seine Händel austrägt. Nach dem Staatsanwalt sprach der Privat'betMSen« Vertreter Dr. Maril, der in einer längeren Rede die Verdienste des ermordeten Todor Panizza um das mazedonische Volk hervorho'b. Sodann ergriff Verteidiger Dr. Preßburger das Wort: Er wies darauf hin, daß die Tat der Meneia Carnieiu unter ihren Volksgenossen verherrlicht wurde und daher als eine Tat für ihr Volk zu werten sei. Bei dieser Gelegenheit zog Dr. Preßburger eine Parallele zwischen den Mazedoniern und dem Auslandsdeutschtum, Diese Parallele leitete dann feine Rede auf die Glorifizierung btt Tat als einer den nationalen Idealen dienenden hin. Ans diesen Gründen sei die Schuldstage auf Mord zu verneinen., Das Urteil. Nach eineinhalbstündiger Beratung beantworteten die Geschwornen die Hauptfrage aus Meuchelmord mit acht Stimmen Ja gegen vier Stimmen Nein, die zwei Fragen aus Uebertretung der Sicherheit des Lebens und Übertretung des Waffenpatentes mit zwölf Stimmen Ja. Nach einem Strafantrag des Staatsanwaltes, der. mit Rücksicht auf den leidenden Zustand der Angeklagten Kr Anwendung des außerordentlichen Milderungs- ' rechtes eintrat, verurteilte der Gerichtshof nach kurzer Beratung Mencia Carnieiu zu acht Jahre» schwere» Kerkers, verschärft durch Absperrung in dunkler Zelle an jedem Jahrestage der Tat.. UebeÄies wurde die Landesverweisung nach Verbüßung der Strafe ausgesprochen, Mencia Carnieiu hörte das Urteil auf Hier Tragbahre sitzend gefaßt an. Ihr Verteidiger Dr. Preßburger bat mit Rücksicht auf die akute Lebensgefahr, die die Haft für die Verurteilte bedeuten würde, um Sistierung des Straf- Vollzuges. Ueber Einbringung der Nlchttgkettsbeschwerdt, behielt er sich Bedenkzeit vor. .Gegen das Strafausmaß ist eine Berufung nicht Mäßig. ' Nr. 9074 Wien, Freitag r. '-----—— die BölkerbuMontrolle geht in Oesterreich ihrem Ende entgegen. Abg. Dr. Bauer polemisiert dann noch gegen Seipel, wofür ihn hie Abgeordneten Dr. Dostal n. a. mit den Zurufen „I ü d i f ch e F r e ch h e i t" ufw. regierten. Für den LandLund gab schließlich Dr. Schönbaucr die Erklärung ab! daß seine Partei gegen die Resolution stimmen werde. Damit war die erste Lesung beendet. Die Vorlage wurde dent Hauptausschuß zugewiesen, der über sie am Dienstag beraten wivd. Nächste Sitzung D r e n s t a g den 13. d., 3 Uhr nachmittags. *«e!» Seid ffir die »«unten. Auf Einladung des Bundeskanzlers erschien gestern stüh dev Vorsitzende des Fünfuirchzwanzigerausschuffes im Bundeskanzleramt. Bundeskanzler Dr. Ramel informierte sich neuerlich über die Stimmung der Beamtenschaft und den derzeitigen Stand der Bewegung und bemerkte dann, daß die Regierung derzeit absolut nicht in de« Lage fei, irgend welchen materiellen Forderungen der Beamtenschaft näherzutreten, weil sie aus Gründen der äußeren und inneren Politik an die Grenzen des Nownalbudgets gebunden fei. Unter dem Erckwuck des Berichtes, den der Borsitzende des Fünfundzwanzigerausschusses über die verzweifelte, aber auch entschlossene Stimmung der Beamtenschaft gab, hielt es der Bundeskanzler für zweckmäßig, wenn auch mit dom Finanz mini st er Fühlung genommen würde. tat Streik bei der Mine«. Heute wird ln Graz verhandelt. Gestern abends reisten die Funktionäre der Zentrale 'des MetallaMtevverbandes in Wien, Abg. Domes, Gemeinderat Stein und Sekretär Walz, sowie die Abgeordneten Tuliler und Zwanzger als Delegierte der Bergarbeiter nach Graz, wo heute unter dem Vorsitz -des Kandeshauptmannes Dr. Rintelen neuerliche Verhandlungen mit den Vertretern der Alpinen und den Vertretern der Streikenden und Ausgefperrten jstattfmden. Außerdem werden vom Meiallarbeitevverband in Graz Sekretär R ing und die Betriebsräte der Donawitzer Werke teilnchmen. Die Alpine wird durch Generaldirektor AP old und den Betriebszentraldirektor Zachlbruckner vertreten sein. Bisher konnte in den Berihandlinngen keine Annäherung erzielt werden, da lGeneraldirektor Apold erklärte, daß die Alpine keine Zugeständnisse Machen könne. Diesmal hofft man jedoch, daß es gelingen wird, eine Basts für positive Verhandlungen zu finden, um so mehr als Landeshauptmann Dr. Rintelen der Wpine in eindringlichster Weife nahelegte, irgend üvelche Vorschläge zu machen. MWzer Mckgang der Arbeitriosenzisier. Um etwa 1500 Personen. Der Stand der unterstützten Arbeitslosen ist in der ßwerten Halste des Monats Septem-ber um 1464 auf ß4.366 zurückgegangen. Dieser Rückgang beacht sich Lei einem unveränderten Stand der männlichen Arbeitslosen ausschließlich auf die weiblichen, deren Stand derzeit 24.131 ist. Die in diesem Stand nicht eingeschloffene Zahl der im Beztlge der außerordentlichen Beihilfe Stehenden ist um 203 auf 4403 ('darunter 1012 weibliche) gestiegen. Der Stand >der unteristützten Angestellten ijst bei im Wesen unverändert ungünstiger Lage des Arbeitsmarrtes um 107 auf 11M g estiegeu. __ Sessentliche Sitz««« des Nultusvorstmder. Gestern abends fand unter dem Vorsitze des Präsidenten Professor Dr. Pick eine öffeirtttche Plenarsitzung des Vorstandes der Kultusgemeinde statt. Nach der Berileisun-g des Emlaufes, aus dem ein Berichtdes Rechnungsamtes interessieren dürfte, wonach auläßlich des Ratsch Haschlanch untd Jom Kippur in den Gemeiindetempeln insgesamt 57.2o0 Schilling und in den temporären Bethäuf e r n der Kulttlsgemeinde 684 3 Schilling beim Thoraaufrnf gespendet wurden, erstattete Präsident P i ck deil Prästdialbericht. Diesem , ist zu entnchmen, daß während der SMmerferien die Renovierung der präsidialen Sitzungsräume Hiirchge,führt wurde,; bei dieser Gelegenheit hat VmstandKmitglieü Komnlerzialrat Buchwald für den Anttsraum des Präsidiums eine künstlerisch ausgearbeitete Schreibtischgaruitur geispende:. Während der Soinnlernronate hat das Vertreterkollegium, beziehungsweffe das Präsidium gemäß der ihm vom Vorstände erteilten Vollmachten eine Reihe tarnt Agenden erledigt, über welche erster Sekretär Fuchs gelb -rcherierte. Das Pttimm des Vorstandes erteilte für samMche" Verfügungen die nachträgliche Genchmigung. Die t c m p o raren B e t h a u s v e r a n st a ll t u n g e n während der. diesjährigen hohen Feiertage, über welche Btzepräsident Dr. Löwenherz referierte, haben sich, wie Referent ausfühvle, als gut ovgamsteirt erwiesen. Während der hohen Feiertage tvurdeit' diesmal in-77. Lokalen Gottesdienste abgchalten. Davon wareir 18 vom Kutt-usvorsband, beziehml'gMveise Blechausvorständei^ der Kultnsgemeinde, oö .von Bochausuit'b Humanitären Vereinen und 14 vor: Privat- »»ternehmeru verarrstaltet. Zusammen mit den 69 in Wien bestchendm ständigen Bethänlsern, die 18,900 Pcrsönen fassen, waten durch diese temporären Betlofale 4140V B e t s' tz e verfügbar. . Der Obmann der UnterrichtÄlMMttssion Dr. Jos>ef Ticho reisevierte über den Jngendgottesdienst im eben begonnenen Schuljahr, der für. VMs-, Bürger- und Mittelschüler gemeinsanr in , de:: BeMen 1, 2, 9, und 2v wöcholvkttch, in den -übrigen Bezirken vierzchntägig ab 17. Qk-, toiber. d. I. ftattsinöeu, wird. Nachdem Borstandsmitiglred Doktor Kl aber zu diesem Gegenstände gesprochen hatte, wurde das Referat mrd der damit verbmchene Kostenvovanschlag pro 6608 Schilling geneihrnigt. Als letzter Punkt der Tagesorduung gsla-tigten die vom Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein 4m Referat vorge- Ilögten Maßnahmen zugunsten der Angestellten zur Behandlung. Es wurde beschlossen: Gleichwie, bei, der Gemeinde Meio wird den am 1. August IM -in attiver Dienstleistung stehenden, in das GehaltAschema eingereihteü--'oder naH diesem GehaWschewa ntirt dem Ansprüche auf Klassen- und Sbufenvorrückungen entlchnten Angestellten, unter Wahrung ihres bisherigeir Raiirgstages, eine Stufenvorrücknn.g mit der Wirksa-nMt vmt 1. Augst 1925 zu,gelbilligt und rn-it 1. Jänner 1926 das Gehiattsschema, gleichwie bei der Gemeinde Wien albgeandert. ' Das Kolsteuerforderuis pro 1925 beträgt 22.30V Schilling.. N-ach Schluß der öffentlicheil Sitzung führte Kultusvorstand, Banrat K e m v l e r. das v'teiL^'önte Modell neuen Zeremonieichalle auf dem Zentralfriedhof vor. Der Entwurf stammt von Architekt Reifer (dem Erbauer des/ PaZmaMtentempÄS) und zeichnet sich durch smre zweckentsprechende Bauart und architektonische Schönheit ans. Drei große Zeremonienhalle, die einen FassuNigsvcmm von 400 Per-: sauen besitzt, ist in moderner SMart mit Spitzboge-nftnsteru und Kuppel ausgeführt. Die Kosten der BauWhruug dürften sich aus mchr als 2 Millionen SchMng belaufen. Mit der - Ausfühmng des Prcheiktes soll in der -allernächsten Zett be-! gönnen werden, _ tat Akierparasraph int Skidetband. Die Hauptversammlung des Oefterveichrschen Skis. Verbandes, die am Sonntag in Linz ftathfand,, lehnte den Antrag aus Aufhebung deS Ariers Paragraphen ab. Der Hauptvovstand wurde mch^ verlegt. Zum Vorstandsmitglied für Werbearbeit- und' Presse wurde Herr Hoffwann-Mo^anus ge- ^wählt. Dieser Herr ist Sekretär des Landesverbaudes für Fremdenverkehr in der Hofburg. Es wird' zu kontrollieren fein, ob er -bei feiner Werbearbeit den Arierpavagrapchen strikte evnhält.