Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2373 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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8fr. M6 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung 1. Oktober 19S5 Sette 3 mch D ] ch e b el A ja b am iin-fcn Ufer des Ujser t, >während sie im Zentrum gegen A m m u s ch vorrückten. Der Feind zieht sich nach Norden zurück. Die.sranzösische Kavallerie ist im Begrilff, ihre Konzentrierung zu beenden. . _ ßaillaur' Schulüenverhandluogen. Washington, 30. September. (Havas.) Finanzmimster Eaillaux und Schatzisekretär Mellon halben beschlossen, die für heute angosagte Vollversammlung der Delegierten entfallen zu lassen. Nach der Konferenz, die zwischen Caillaux, Mellon und beit Sachverständigen abgehalten worden ist, wurde offiziell erklärt, daß ein großer Fortschritt erzielt worden sei. Vielleicht wird -Präsident Eoolidge eine E n ts ch e idung herbeiführen, die die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluß bringt. Augenblicklich ist die Lage so, daß Caillaux fein Angebot auf 100 Millionen Dollar erhöht hat, ivährend die Amerikaner ans 150 Millionen herabgegangen sind, die Frankreich zahlen könne. Nach den letzten Mldnngen soll die aineriianische Kommission die vorgeschlagenen Jahreszahlungen von 150 auf 130 Millionen Dollar herabgesetzt haben. Ein lveiterer Vorschlag sieht für den Fall einer ungünstigen Lage des Devisenmarktes eine Stundung der fälligen Zahlungen vor. Die Sachverständigen setzen ihre Arbeit zur endgültigen Feststellmlg der Ziffer fort, die tvahrscheinlich zwischeir der amerikanischen Forderung und dem französischen Angebot für. die durchschnittlichen Jahreszahlungen die Mitte halte n wird. Mutrichter MarM. Ein mißglückter Verlcumduugsprozetz des Bombenwerfers. Budapest, 30. September. Bor Gericht wurde heute die Berleurndungsklage verhandelt, die der wegen des Bombenattentats gegen den Elisabethstädter Klub und anderer Verbrechen zum Tode verurteilte Josef Marffy gegen z w e i I o u r n a l i st e n angestrengt hat, die seinerzeit bchauptet hatten, daß Marffy an dem Selbstmord des Bankbeamten Zoltan Betö schuld trage, da er Bekö unter Berufung auf einen Beschluß des B l u t g e r i ch t e s habe zwingen wollen, an dem Bombenanschlag werktätig tellzuuehmen. Die beiden Journalisten wurden freigefprochen. _ Sie nette griechische Bersassoug sanktioniert. Athen, 30. September. (Agenee d'Athenes..) Gestern nachmittags hat der Präsident der Republik, Kundu- 1' riotiS, in Gegenwart sämtlicher Minister das Dekret betreffend die Sanktionierung der ne'nen Verfassungsurkunde unterzeichnet. Das Parlament aufgelöst. Athen, 30.'September. (HavaS.) Die Regierung hat unvermutet die Auflo suug der Kammer beschlossen, wobei sie fich darauf berust, daß die Kammer nicht mchr die.Nation repräsentiere, da sie deren Vertrauen verloren -habe. _ * Eine neue Palästinazeitschrist. Am 1. LAtober evscheim m Warschau unter dem Diitel „Nasza Palesthna" eine HalbmowatAschvist, die ausschließlich palMnensische Probleme ^behandeln wird. Die Zeitschrift stcht unter der redaktiotvellen Zeitung von Dr. Heinrich Forst er. Adresse der Redakliw: Warschau, Sw. Jerska 28-4. Ratifizierung der Senker Resolntio«. Güstern gelangte der Bericht der Regierung über die letzten Genfer BerhaMuugen zur Verteilung. Er ist als Bovlage alt den Nationalrat gedacht, mit der die Regierung die Zustimmung dieser gesetzgebenden Körperschaft zur Möglichkeit der W i e d e r e i n f ü h r u n g d e r K o ntrolle in -den nächsten zehn Jahren und der B e r l ä ngerung des Mandats des Nationalbankberaters um.weitere drei Jahre einhoilt. Die Regierilngsvorlage schließt mit dem Anträge: „Der Nationalrat nimmt den Bericht des Bundeskanzlers über das Ergebnis der in Genf abgeführten Verhandlungen und die Resolution vom 10. September 1W5 einschließlich der Ratschläge des Völkerbundrates zur Kenntnis, und zlvar unter der Voraussetzung, .daß der Abbau, der Kontrolle gemäß den oben genannten Voraussetzungen innerhalb der dort a n gege b e n e u zeitlichen Termine erfolgt. Diese ^Ratschläge betreffen einerseits das Verbleiben des Berater's der 9!ationalbank durch drei Jahre nach -Aushebung der Kontrolle, andererseits die Möglichkeit der Wiedereinführung der Kontrolle innerhalb einer Frist von zehn Jahren, wenn unerwartet der im Genfer Protokoll erwähnte Fall eintreten sollte, daß die Erträgnisse der Pfänder nicht hinreicheNtzsollten, den Zinsendimst der Anleihe zu decken oder das Gleichgewicht des «Staatsvomnschlages ernistslich gefährdet würde. Der Nationalrat fordert -die Regierung aus, -einen Gesetzentwurf betreffend das Verbleiben des Beraters bei der Nationalbank durch weitere -drei Jahre nach Aufhebung der Kontrolle vorzulegen." Diese in der Form ziemlich ungewöhnliche Bovlage wird -heute i>m Nationallrat zur Beratung kommen. " Mletengesetz und Seamteneuüohmmg. Im Budgetausschuß, wo die GeneraMchatte über den Voranschlag für 1036 gestern beendet wurde, gab es sine sehr lebhaft geführte Debatte über die Möglichkeit des Abbaues des Mieterschutzes. Der Chvistl-ichsoziale Dr. Odehnal meinte, eine Lockerung des Mieterschutzes würde für die Beamten auch eine Erleichterung, bedeuten, da der Staat genötigt wäre, ihnen in diesem Falle Quartiergelb zu geben. Der Gvoßdmtsche Clessin regte an, aus einer Erhöhung der Getränkesteuer die Mittel für eine Regulierung der BeMNtenbezüge zu schaffen und noch vor Weihnachten den Bundesangestellten eine Remuneration zu gewähren. Es hieße eine Vogel-Strauß-Politik betreiben, wenn man sich der Meinung hingeben wollte, daß man dem Mietenproblem aus längere Zeit aus dem Wege gehen könne. Die private Bautätigkeit könne durch die Letzte Kurse. New-Bork, 30. September. (Tel.-Komp.) Berlin 33.80, London Kabel 4.84%, Loiüron Scheck 4.80%, Amsterdam 40.22, Parts 4.72%, Brüssel 4.43, Rom 4.07. Madrid 14.36. Zürich 19.80. Stockholm 26.86. Oslo 20.12. Kopenhagen 24.18. Wien 14%, Budapest 14%, Prag 296%. Belgrad 177%. Athen 1.44%. Buenos Aires 40%. Rio de Janeiro 14.—. Bukarest 48% New-Aork» 36. September. sTel.-Komv.) Weizen rot Winter 149%. Weizen hart Winter 149%. Mais 94%. Hafer 45%. Roggen 87%. Chikago.30. September. (Tel.°Komp.) Petzen per September. 136%. Dezember 137'/., Mai 150%; Mais per September 78, Dezember 78%, Mai 83; Hafer per September 36%, Dezember 39%, Mai 44% - Roggen per September 76, Dezember 80%, Mat 86%. ÄViv/V.v Kochet Backet Bratet nur mit dem altbekannten KUNEROL Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und wird unter streng ritueller Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn OberrabbinersS. B. Ehrenfcld, Mattersburg, hergestellt. Es sollte in keinem Haushalte fehlen! KUNEROLWERKE A.-G., WIEN öffentliche nicht suppl-iert werden. Nicht einmal die Gemeinde Wien sei in der Lage, durch ihre Bautätigkeit das furchtbare Wohnungselend in Wien zu lindern. Pflicht des Staates wäre es, durch Gewährung eines Quartiergeldes an die Beamten, die Möglichkeit einer stas f elw ei s c u Erhöhung des Mietzins es zu schaffen. Abgeordneter B auer glaubte der Rede Dr. Odchnals entnehmen zu können, daß die Mittel . für die Erhöhung der Beaintengehalte da seien. Man soll sie also den Beamten geben Md nicht erst abwarten, bis der Mieterschutz abgabaut ist, was keine leichte Operation sein werde. Erst bis das Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Beamten das europäische Niveau erreicht haben Mrd, sei es Zeit, vom Abbau des Mieterschutzes zu reden. Abgeordneter Eid er sch knüpfte au die Aufforderung der Regierung an, das Budget möge rasch verabschiedet werden. Namens der sozialdemokratischen Partei verlangte er die Vorlage der Sozialversicherung, die Verabschiedung des Entwurfes einer Kassenorganisation und die Verlängerung des Woh nungs Anforderung sgesetzes. Die Arbeitsfreude seiner Partei im BuidgetauZschuß werde beeinflußt werden von dem Maße der Arbeitsfreude, die die Vertreter der Mehrheit in jenen Ausschüssen entwickeln, denen die genannten Gesetzentwürfe zugewiesen sind. * Neve Postkarten 1» der Schillingwährnng. Vom 1. d. angefangev werden neue Postkarten in der Schillingwährung ausgegeben. Bei diesem Anlässe werden wieder AuslaudSpostkarten für den Weltpostvereinsveickehr orgelest und besondere Auslandrpostkarten für den Verkehr nach Italien, Polen, Rumänien, Tschechoslowakei und Ungarn neu eingeführt. Zunächst werden folgende neue Postkarten ansgegeben r a) Einfache Postkarten zu 8 Groschen für den Verkehr nach dem Jnlande, Deutschland und Freie Stadt Danzig; b) einfache Postkarten zu 18 Groschen für den Verkehr nach Italien, Polen, Rumänien, Tschechoslowakei und Ungarn; c) einfache Postkarten zu 24 Groschen für den Verkehr nach devr übrigen Auslgstöe. Die gegenwärtig im Verkehr stehenden Postkarte» der Kronenwährung behalten noch bis 30. Juni 1926 ihre Geltung. Das Fest von Mn ßharav. Bon Minna Freund-Barji (Haifa). An Lenklaven Wüffern der Quelle von Am Ehavod stand Gideon und prüfte fein Heer. Mt 10.000 Ädann war er nach dem Gmek Jesreel gekommen, um gegen die Wlister gn kämpfen. Hier hielt er Räft, damit sein Heer einen Trunk tue aus der Quelle, ehe er weiterzog, um den Feinden Aug in Aug gegenübeMstehen. Und Gideon stand auf einem Felsblock und schaute prüfenden Auges zu, wie die Manwr ihren Durst stillten. Neuntausendsrebenhundert Mann kmeten nieder, bückten sich, sahen nicht nach rechts und nicht nach 'links, nichts lag ihnen im Sinne, als ihren eigenen Durift zu löschen, ihre eigenen Bedürfnisse zu beftiedigen. Sie sahen die Gefahren nicht, die sie von allen Seiten umlauerten und sie sahen die Schönheit des Eine? Jesreel nicht, deren Besitz ihnen winkte, tvenn ste die Feinde besiegten. Das Auge stumpf, taub das Ohr, nur den Mund tveit geöffnet in nie zu stillender Gier — so lagen sie da am lebensspendwden Quell und tranken,, tranken ... Und Gideons Herz kmmpfte sich zufarnmen, als er so viel grauen Mtag sah. Da sandte ihm der Herr den Engel zum Geleite/ deffen Ausgabe es ist, nur >das Gute zu sehen in allem Geschehen und der Engel lenkte sein Auge aus ^dreihundert Männer, die an der Quelle standen, mit scharf!auslugendein Blick die Gefa-hren erspähend, die ihnen drohten und in deren Augen doch ein frohes Leuchten von Zukunftshosfnnng stand. Mit hohlen Händen schöpften sie das - Wasser. und: tranken in tiefen Zügen —. aber nicht einer trank Iber feinen Durst. Und als sie Kraft geschöpft Ihatten aus her/Quelle, schulterten sie ihre Waffen und Istanden marschbereit, kampfbereit vor ihrem Führer. Wortlos stellte sich Gideon an ihre Spitze. Sie ließen 9700 Mann zurück und zogen, ein winziges Häuflein todesmutiger Helden, dein.nach vielen Tausenden zählenden Heer der Feinde entgegen. Und sie siegicn. Rach 2000 Jahren stand wieder ein Mhrer an der Quelle von Ain Charod und wählte und sichtete unter den Wkännern, die Besten eMvend, um den Gmek wieder zu erobern für das Volk Israel. 150 solcher Männer siedelte dieser Führer, der Keren Kajemech llJsrael, vor vier Jahren in Ain Eharod an, versammelte hier 'eine Kwuzah von Helden, würdig chver Vorfahren im Heere Gideons. Sie kämpften im ersten .Jahve schwer gegen die Malaria. Des Emek Jesreel wird durch den Nahal Djalut, der in den Jordan mündet und . der von der Ain Ehavoder Quelle gespeist wird, und durch den Kischon, der in die Bucht von Haifa führt, mt ungenügend entwässert. In weiten SnmMächen lauert die Malaria aus ihre Opfer, tückisch, hinterMtig. Die Männer von Ain Eharod besiegten sie — nur ein verschwindend kleiner Teil des Kereu-Kajometh-Heeres ging in diesem Kampfe zugrunde, der wahre Quell stählte die Kraft der Chaluzim und die Kraft ihrer Frauen, -die hier gesunde und kräftige Kinder gebären. Dr. Hivschkowitz, der das Ain Eharoder ^Spital lleitet, in dem die Frauen aus 'den neuen Emekkolonien Geburtshilfe ffnden, gab mir Daten, die für sich selbst eine deutliche Sprache sprechen. Das Spital zählte im ersten Bestandjahre 1922-23 8 Geburten, 1923-24 50 und rnr eben abgelaufenen jüdischen Kalenderjahr 160 Geburten. . Die Zahl der Ain Eharoder Kwuzahmitglioder ist in dm vier Jahren auf 280 gestiegen und 60 zmn größten Teil in Ain Eharod geborene Kinder bevölkern die beiden Kinderhäuser, in denen die kleinsten, von Schwester Dhea, -der vortrefflichen Wuglingspflegerin ans Professor 'Molls Wiener staatlichem Säuglingsheim, und ihren Müttern betreut, dem Leben entgegentmumen. Jede freie Minute verbringen die Mütter' bei ihren Säuglingen — aber auch die Wter ^halten sich so viel als möglich hier aus, und die Großmütter sind gerne gesehene Gäste bei Schwester Thea. „Sie bringen' so' Viel Liebe und schuld mit," ’ sagte mir diese kluge Frau, „und wir sehen cs gerne, ' wenn sie den Säugling beMchtet, mit dem Kleinkind spielt und ihm so das für die gedeMche Entwickl-nng notwendige Fluidum der Familie Äerwittolt." Sind auch viele Mütter hier, die sich am Mend das Kindchen mit in ihre Stube nehmen. Jedes Ehepaar' hat in der Kwuzah fein eigenes Zimmer, während diß Unverheirateten zu Dritt oder zu Viert in je einem Zimmer der Burschen, respektive Müdchenbaracken wohnen. Die KwUzah von Am Eharod verfolgt die Tendenz^ das Familienleben zu fördern. ,Mr sind eine baalabatische Kwuzah", sagte mir eine Bachuva» die gerade davor fteht^ sich von einer der zchn Mn Eharoder Großumtter unter die Ehupe führen'M lassen. Sie heiraten hier zum allergrößten Dsile nach jüdischem Müls und daß sie jüdisch empftnden im Sinne Moses, muß jedem klar werden, der ihr BerhAtnis zu den Eltern sicht, die sich einzelne unter ihnen kommen ließen und die etwa 20 an der Zahl in der KwMh leben rn heiterer, soM-iger Muße, aber auch so weit es mr in ihren Kräften stcht, in gemeinsamer Arbeit mit den Jungen. Sie haben ihre eigene koschere Küche, ihren eigenen Speisesaal; aber er steht immer offen snr die Jungen, die so gerne hie und da bei Muttern eine LokschenkutzÄ, ein „heimisches Scholet" oder sonstige Spezialitäten altjüdischer Küche verkosten. Die jungem Chaluzoth lernen viel von den zehn Gwßmüttevn, die ihnen rn der Küche helfen, mit liebevollem Verständnis jene Arbeiten leisten, welche der jugeMichen Ungeduld am schwersten fallen, als da sind: Gemüse sorgfältig putzen, Hülsensrüchte koscher klauben, m der Nahstube altes Zeug flicken, in der Wirtschaftskammer -Zwiebel ansteihen und was dergleichen Wichtiges und ungemein LangiveÄtges einmal in einer Wirtschaft zu tun ist. Ich 'habe sie so lieb gewonnen, die Alten, Jungen und Jüngsten von Ain Charod, daß ich auf meiner Pmekreise dreimal Einkehr hielt in dieser schönen Siedlung. Ich kanr zuerst als Gast zu dem Fest -es vierjährigen Bestandes. Nahm Notizblock und Bleistift mit und wollte dieses FO beschreiben, dessen Anlaß dem Fenfftehenden geringftigig erscheinen mag. Aber Notizbuch und Bleistift versagten auf diesem Fest,